Umgang mit Druck, Prüfungsangst und Schulangst

Der Übertritt naht: "Hilfe, mein Kind kommt in die Oberstufe!"

Über die neuen Herausforderungen, denen Schüler/innen in der weiterführenden Schule begegnen - und wie Eltern sie begleiten können.

„Das ist ja ein wahnsinns Zeugnis, überall die Note „sehr gut“! Sie müssen sehr stolz auf sie sein, Frau Rietzler!“ Meine Mutter nickt pflichtbewusst und streicht mir liebevoll über den Arm.

Dass ich in Handarbeit und Werken „nur“ eine gut erhalten habe, scheint die Sekretärin mit den raspelkurzen grauen Haaren gar nicht bemerkt zu haben. Noch schnell ein paar Daten in den Computer getippt, dann gibt sie mir mit einem vergnüglichen Lächeln mein Zeugnis zurück. „Herzlich willkommen bei uns am Gymnasium. Wenn du so weitermachst, wirst du es hier weit bringen.“ Mein Herz macht einen kleinen Sprung.

Ich bin eines dieser Kinder, das sich bereits nach drei Wochen Sommerferien wieder auf die Schule freut und die Stifte im Mäppchen feinsäuberlich spitzt. Aber was mich im Gymnasium erwarten würde, das hätte ich mir kaum vorstellen können. Viele neue Gesichter, ein enges Klassenzimmer, über 30 Schüler/innen. Hier bin ich eine von vielen. Ganze drei Stefanies gehen in unsere Klasse. Der Deutschlehrer nummeriert uns durch: ich werde von nun an mit „Steffi 3“ aufgerufen. Ein bisschen fehlt mir Peter, der Klassenclown, Sheriff, der noch in der vierten Klasse kaum Deutsch konnte und Sabrina, die oft als letzte in die Pause kam, weil sie mit dem Abschreiben von der Tafel noch nicht fertig war.

Hier ist alles anders.

In der fünften Schulwoche behält mich der Deutschlehrer nach dem Unterricht kurz im Zimmer: „Stefanie, mir ist aufgefallen, dass du dich oft sofort meldest, wenn ich eine Frage stelle, warum?“ Ich bin verdattert: „also…halt…ähm…wenn ich die Antwort weiß, dann melde ich mich halt gerne – ist das schlimm?“, „Bitte fahre das in Zukunft zurück mit der Melderei. Nicht, dass du die anderen mit deiner Blüte erdrückst. Die sollen auch Zeit haben, zu überlegen.“ Ich verstehe nur Bahnhof und werde unsicher. Soll man sich nun melden oder nicht?!

In den folgenden Wochen zieht das Tempo an. Es gibt mehr Hausaufgaben, viele Prüfungen, der Druck steigt. In den Sprachen und Textlernfächern läuft es gut für mich, aber in Mathe und den Naturwissenschaften haben mich einige Mitschüler/innen schon nach kurzer Zeit weit überholt. Meine Noten machen in diesem Bereich erste Tauchgänge. Das bringt mich gehörig aus dem Konzept. In der Grundschule schien es noch leicht, obenauf zu schwimmen, hier auf dem Gymnasium wird die Luft ganz schön dünn. Zum Glück gibt es noch meine beste Freundin und Nachbarin, die in meine Klasse geht und mit der ich die großen Pausen verbringe. Aber die schlägt sich mehr schlecht als recht durch und „darf sich nur noch verabreden, wenn sie alle Hausaufgaben erledigt und gut gelernt hat“. Bei schlechten Noten brüten die Eltern stundenlang mit ihr über den Büchern –draußen spielen fällt dann aus.

Viele Eltern sehen dem Übertritt ihres Kindes auf die weiterführende Schule mit gemischten Gefühlen entgegen – ganz egal, ob es sich dabei um die Realschule, Hauptschule, das Gymnasium oder die Sek. handelt. Sehen wir uns genauer an, welche Herausforderungen diese Phase mit sich bringt und wie Eltern Kinder in dieser Phase begleiten können.

Kampf gegen den Biorhythmus

CanDer Übertritt in die Oberstufe ist für viele Schüler/innen mit einem weiteren Schulweg verbunden. Nun heißt es: früher aufstehen – und das in der Phase der Pubertät, in der sich der Biorhythmus im Zuge der Vorpubertät umstellt. Die Wachphase verschiebt sich bei Jugendlichen nach hinten, wodurch viele Oberstufenschüler/innen abends schlechter in den Schlaf finden und morgens kaum aus dem Bett kommen (Mayer, 2012). Viele von ihnen fühlen sich daher in den ersten beiden Schulstunden oder den ganzen Tag über müde. Der gut gemeinte Ratschlag „halt früher ins Bett zu gehen“, fruchtet in der Regel nicht, weil es kaum möglich ist, sich entgegen dem Biorhythmus zum Einschlafen zu zwingen.

Das Problem: Aus der Forschung wissen wir, dass Einschränkungen in der Schlafqualität die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen, Konzentrationsprobleme verstärken, Entscheidungsschwierigkeiten hervorrufen und sich negativ auf die Stimmung auswirken können.

Eine neue soziale Gruppe

Der Übertritt bedeutet zudem, sich in einer neu zusammengewürfelten Klasse zurechtzufinden. In solch unbekannten sozialen Situationen wird unser Bindungssystem aktiviert. Blitzschnell stellen wir uns eine Reihe von Fragen, viele davon unbewusst: „Bin ich hier sicher? Kann ich diesen Menschen vertrauen? Wer ist mir wohlgesonnen? Bei wem muss ich aufpassen? Wer gibt hier den Ton an? Was muss ich tun und was tunlichst unterlassen, um dazuzugehören? “ In den ersten Wochen sind die Jugendlichen daher vorwiegend damit beschäftigt, die anderen zu beschnuppern, die Klassendynamik einzuschätzen und ihre eigene Position kennenzulernen, z.B. „Kann ich im Unterricht gefahrlos Fragen stellen oder etwas beitragen? Oder riskiere ich, Gekicher oder blöde Sprüche der anderen zu kassieren?“

Jeder möchte Freunde finden, zu den Beliebten gehören – und sich keinesfalls blamieren. Dieser Gruppenbildungsprozess bringt Unruhe mit sich. So zeigt die Forschung (z.B. Hanewinkel & Knaack, 1997) dass die Anzahl der Mobbingfälle nach dem Übertritt zunimmt.

Ein gutes Klassenklima zu schaffen und den eigenen Platz in der Gruppe zu finden erfordert von Schüler/innen und Lehrpersonen eine Anpassungsleistung, die Energie kostet. Erst wenn wir uns sicher fühlen, können wir uns auf das Lernen einlassen.

Ein Sprung in neue Gewässer – der Fischteicheffekt

Mit dem Übertritt kommen die Schüler/innen in der Regel in eine Gruppe, die homogener ist als ihre Grundschulklasse. Dies wirkt sich – wie die Forschung zum sogenannten Fischteicheffekt zeigt – auf die Motivation und die schulische Leistungsfähigkeit der Schüler/innen aus: Viele Kinder, die in der Grundschule gute Leistungen erzielten, brechen nach dem Übertritt auf das Gymnasium ein: ihre Noten verschlechtern sich, das Selbstvertrauen leidet. Die Gründe liegen auf der Hand: Der Leistungsdruck nimmt zu, die Bewertungskriterien werden härter und die Konkurrenz wird größer.

Sehen wir uns ein einfaches Beispiel an, um diesen Effekt zu verdeutlichen. Angenommen, Sie sind eine begnadete Hobby-Sängerin. Im Chor Ihrer Heimatgemeinde ergattern Sie regelmäßig die Soli. Soweit so gut. Sie amüsieren sich, fühlen sich kompetent und können sich sicher sein, dass Sie zur Qualität Ihres Chors eine Menge beitragen können. Im übertragenen Sinne gehören Sie zu den „großen Fischen“ Ihres „Teichs“, also Ihrer aktuellen Vergleichsgruppe. Nun stellen Sie sich vor, Sie werden plötzlich in einen Chor voller professionell ausgebildeter Sänger/innen aufgenommen. Am Anfang sind Sie wahrscheinlich stolz und hochmotiviert, Teil einer solchen Gruppe sein zu dürfen. Aber schon nach kurzer Zeit merken Sie:

  • "Hier haben ja alle wunderschöne Stimmen – ich falle gar nicht positiv auf!"
  • "Die anderen haben eine bessere Technik und mehr Luft…"
  • "Die Konkurrenz ist riesig – wieso sollte man gerade mich für ein Solo auswählen?"
  • "Ich mag eine gute Sängerin sein, aber im Vergleich zu den anderen in diesem Chor bin ich bestenfalls Mittelmaß…"

Mit der Zeit werden Sie Ihre eigenen Fähigkeiten kritischer einschätzen und auch ihre gesangliche Leistung wird angesichts der harten Konkurrenz weniger Beachtung finden. Kurzum: Sie fühlen sich nun wie ein kleiner Fisch in einem großen Teich voller schillernder, kompetenter Sänger-Fische. Sie erleben den Fischteicheffekt.

Ähnliche Erfahrungen machen Kinder, die es auf das Gymnasium schaffen und nun vorwiegend von leistungsstarken und fleißigen Klassenkameraden umgeben sind. Sie bekommen tagtäglich vor Augen geführt, dass sie nicht mehr so leicht mithalten können – ihr Selbstvertrauen und die Lernfreude gehen in den Keller.

Auf der anderen Seite kann die Motivation steigen, wenn Schüler/innen erleben, dass sie den Klassenkameraden leistungsmäßig nicht mehr permanent unterlegen sind. Dies belegt eine aktuelle Studie der Humboldt-Universität Berlin unter der Leitung von Rainer Lehmann. Die Untersuchung zeigt, dass das Selbstwertgefühl von leistungsschwachen Schüler/innen einen Sprung macht, wenn sie von der Grundschule in die Hauptschule (Sek. C) oder eine Förderschule wechseln. Zudem lässt sich eine deutlichere Verbesserung der Grundfertigkeiten verzeichnen. Der Wechsel in eine Schulform, die den eigenen Fähigkeiten besser entspricht, kann demnach äußerst positive Auswirkungen haben – insbesondere für sehr schwache Schüler/innen.

Höhere Leistungsanforderungen

Mit dem Übertritt auf eine weiterführende Schule beginnt aber auch im Leistungsbereich eine Phase der Neuorientierung:

Für viele Kinder war die Klassenlehrkraft in der Grundschule eine wichtige Bezugsperson, die Beziehung zu ihr eng. Auf der weiterführenden Schule werden sie plötzlich von vielen wechselnden Fachlehrer/innen unterrichtet, zu denen sie in der Regel kein so vertrautes Verhältnis mehr haben. Dies bringt nicht selten die Frustration mit sich, dass „der Lehrer sich nur für sein Fach, aber gar nicht für sie“ interessiert. Flexibilität seitens der Kinder ist gefordert.

Zudem stehen die Schüler/innen nun vor höheren organisatorischen Anforderungen. Sie:

  • müssen das Klassenzimmer mehrmals pro Tag wechseln, daher rechtzeitig an die Materialien denken, die sie jeweils mitnehmen müssen.
  • haben mehr Unterrichtsfächer und damit einen wachsenden Stoffdruck, dem sie gerecht werden sollten.
  • schreiben Prüfungen über umfangreichere Stoffgebiete, weshalb sie früher mit dem Lernen beginnen und sich den Stoff besser einteilen müssen.
  • legen oft mehrere Tests in einer Woche ab, wodurch man leichter den Überblick verliert, unter Druck gerät und sich überfordert fühlt.
  • erhalten komplexere Projektaufträge wie Vorträge oder schriftliche Arbeiten, die sie über einen längeren Zeitraum hinweg selbst planen und strukturieren müssen.
  • werden mit höheren Erwartungen der Lehrer/innen in Punkto Selbstständigkeit konfrontiert, beispielsweise: „Von einem Siebtklässler erwarte ich einfach, dass er sich die Hausaufgaben und Prüfungstermine selbstständig einträgt“.

21 MitternachtsformelViele leistungsstarke Schüler/innen erfahren nach der ersten Prüfungsphase auf der weiterführenden Schule einen kleinen Schock und verstehen die Welt nicht mehr: Sie hatten sich an der Primarschule daran gewöhnt, gute Noten zu schreiben, indem sie im Unterricht aufmerksam zuhörten. Da ihnen "alles in den Schoß" zu fallen schien, haben viele dieser Kinder das Konzept entwickelt, dass man es „einfach kann“ und „es schafft, wenn man schlau genug ist“. Oft haben sie den Anspruch, alles auf Anhieb zu beherrschen und daher bislang nie gelernt, wie man lernt und sich bei Schwierigkeiten durchbeißt. Spätestens bei der ersten ungenügenden Note macht sich der Frust breit: Sie stehen nun vor der Herausforderung, sich einzugestehen, dass komplexe Fähigkeiten durch Training erworben werden müssen – und dass dies auch gilt, wenn man begabt ist. Sie müssen sich oft zum ersten Mal mit dem unangenehmen Gefühl konfrontieren, an ihre Leistungsgrenze zu gehen und sich weiter anzustrengen, auch wenn sie etwas nicht sofort verstehen. Möchten sie auch weiterhin Erfolg haben, müssen sie geeignete Lernstrategien entwickeln, die über das bloße Zuhören im Unterricht hinaus gehen.

Die veränderten Anforderungen im Zuge des Übertritts zeigen sich auch darin, dass die Stresssymptome bei Mädchen und Jungen in dieser Zeit zunehmen. Studien aus dem deutschsprachigen Raum (z.B. Lohaus et al., 2006) belegen, dass sich die Schüler/innen nach dem Übertritt häufiger nervös, unruhig, angespannt, ängstlich, aber auch ärgerlich, gereizt, zornig oder wütend fühlen und vermehrt unter Schlafproblemen, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Kopfweh, Bauchweh, Rückenschmerzen und Schwindel leiden.

Was Eltern tun können

Es ist hilfreich, wenn wir uns vor Augen führen, wie viele neue Anforderungen der Übertritt mit sich bringt. Als Eltern können Sie sich bewusst machen, dass solche Veränderungen immer auch mit kleinen Hürden verbunden sind, an denen die Kinder wachsen können. Wir können Verständnis zeigen, wenn das Kind darüber jammert, dass es einen Berg von Hausaufgaben erledigen muss oder in nächster Zeit viele Prüfungen bewältigen muss und Nachsicht üben, wenn das Kind in dieser Phase emotionaler reagiert als sonst.

Wir können uns bewusst machen, dass die Kinder in dieser Zeit langsam entdecken, dass sich ihre Rolle als Schüler/in nun ändert und sie mehr Eigenverantwortung übernehmen müssen. Dabei dürfen wir ihnen auch Misserfolge zugestehen, aus denen sie lernen können. Anstatt den Kindern mit Ermahnungen und Moralpredigten der „Ich habs dir ja gesagt, jetzt weht ein anderer Wind, du musst halt einfach…“-Art in den Ohren zu liegen, können wir ihnen unsere Hilfe beim Planen und Organisieren oder bei der Abfrage von Stoff vor Prüfungen anbieten – und akzeptieren, wenn sie es zunächst selbst probieren möchten.

Es ist zudem entlastend, wenn wir wissen, dass sich die Noten vieler Kinder mit dem Übertritt für eine Weile verändern. Lassen Sie sich dadurch nicht verunsichern, machen Sie kein Drama daraus. Sie können Ihr Kind trösten, wenn es enttäuscht ist, und mit ihm gemeinsam überlegen, was es beim nächsten Mal anders machen möchte: Früher mit der Vorbereitung beginnen? Sich bessere Infos darüber einholen, was geprüft wird? Mit einer Klassenkameradin zusammen lernen? Sich eine bessere Lernstrategie aneignen?

Zu guter Letzt empfinden wir es als wertvoll, das Wohlbefinden des Kindes im Auge zu behalten: Wie hoch ist sein Arbeitspensum? Hat das Kind insgesamt noch genügend Zeit, um sich mit Freunden zu verabreden und seinen Hobbies nachzugehen oder steckt es seine Nase nur noch in die Bücher? Schreiten Sie ein, wenn Sie merken, dass das Pensum Ihr Kind dauerhaft überfordert und regen Sie es auch in stressigen Prüfungsphasen dazu an, sich Pausen zu gönnen und seine Hobbies zu pflegen. In diesem Zusammenhang kann es nötig sein, sich als Elternteil kritisch mit den eigenen Sorgen auseinanderzusetzen (z.B. „Was ist, wenn mein Kind es nicht schafft?“). Hilfestellungen erhalten Sie in den Artikeln „Schafft mein Kind das Gymi?“ und „Wir machen keinen Druck, wir machen uns nur Sorgen“.

Ich selbst brauchte ein knappes Jahr, bis ich mich am Gymnasium gut eingelebt hatte. Ich bekam eine nette Lehrerin, fühlte mich in der neuen Klasse wohl und hatte mich mittlerweile daran gewöhnt, dass mir die Mathematik ein wenig schwerer fällt als anderen hier und es gilt, sich durchzubeißen.

Es ist uns ein großes Anliegen, dass Kinder und Jugendliche den Übertritt möglichst entspannt angehen können und ihre Lernfreude angesichts der wachsenden Anforderungen nicht verlieren. In unserem Ratgeber „Clever lernen“ für Jugendliche ab ca. 11 Jahren zeigen wir daher, wie man sich organisiert, mit wenig Aufwand viel erreicht, gute Lernstrategien für Mathe, Fremdsprachen & Co. entwickelt, Vorträge vorbereitet und mit Stress, Druck und Prüfungsängsten umgeht. Mehr zu unserem Buch erfahren Sie hier.

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Stefanie Rietzler Fabian Grolimund

 

 

 

 

 

 

 

Die beiden Psychologen leiten gemeinsam die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Sie sind Autoren folgender Bücher:

            

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