Umgang mit Druck, Prüfungsangst und Schulangst

„Wir machen keinen Druck, wir machen uns nur Sorgen...“

„Weißt du was, Dadi? Die Marlena* hat heute voll geheult, als wir die Matheprobe zurückbekommen haben.“ erzählte mir (Stefanie) mein Neffe vor einiger Zeit, als ich ihn von der Schule abholte. „Sie war enttäuscht wegen der Note?“ wollte ich wissen. „Ja… Weißt du, ihr Papa schimpft sie immer, wenn sie keinen Einser oder Zweier hat und ich glaub, manchmal haut er sie auch.“

Wir alle kennen sie, die Kinder, deren Eltern „Druck machen“. Mütter und Väter, die ihrem Nachwuchs eine Standpauke halten oder ihn anschreien, die Hausarrest erteilen, Hobbies streichen, oder sogar handgreiflich werden, wenn ihr Kind keine guten Leistungen erbringt. In der Generation unserer Eltern und Großeltern gehörten Szenen wie diese noch zum Alltag. Und auch die Lehrer griffen zum Rohrstock oder stellten die Schüler/innen in die Schamecke, wenn diese „nicht parierten“.

Glücklicherweise ist diese Form des Drucks heute äußerst selten geworden. Die meisten Kinder dürfen sich über Eltern freuen, die ihnen mit Wärme und Respekt begegnen und es ablehnen, ihre Erziehungsziele mithilfe von körperlicher oder psychischer Gewalt durchzusetzen.

Doch gerade in Familien, die ein sehr liebevolles Miteinander pflegen, die nur das Beste für ihre Kinder wollen, hat sich vielfach eine andere Form des Drucks breitgemacht. Er wirkt im Verborgenen und oftmals werden die negativen Auswirkungen erst spät sichtbar.

Ein diffuses Gefühl von Druck vernebelt Kindern und Eltern die Sicht

Sorgen Druck in der Schule Schulstress Immer wieder kommt es im Lerncoaching zu einer ähnlichen Situation. Mütter oder Väter wenden sich besorgt an uns oder unsere Berufskollegen und erzählen, dass ihr Kind sich „wahnsinnig unter Druck setzt“, deutlich mehr Zeit mit dem Lernen verbringt als andere, dass es perfektionistisch sei und alles besonders gut machen wolle, dass es vor Prüfungen häufig gestresst sei und enorm enttäuscht reagiere, wenn die Noten nicht so gut wie erwartet ausfallen. Sie berichten von gelegentlichen Kopfschmerzen und Bauchschmerzen, von Verspannungen und innerer Unruhe und davon, dass das Kind am Abend vor Prüfungen schlecht einschlafen könne. 

Sie fühlen mit ihrem Nachwuchs, möchten, dass dieser sich entspannen kann und einsieht, dass gute Noten nicht alles sind im Leben.

Wenn wir die Familien nun kennenlernen, wird meist deutlich, dass ein sehr unterstützendes und wohlwollendes Klima herrscht. Die Jugendlichen beschreiben, wie sie zu Hause lernen und welch große Ressource die Eltern dabei darstellen, die sie auf Wunsch manchmal abfragen und an die sie sich wenden können, wenn sie bei der Prüfungsvorbereitung nicht weiterkommen. In den meisten Fällen erzählen uns die Jugendlichen etwas der folgenden Art: „Meine Eltern wollen nur das Beste für mich. Sie unterstützen mich. Ich mach mir meinen Stress irgendwie selber, keine Ahnung warum… Also meine Eltern machen echt keinen Druck.“ Und auch die Eltern pflichten bei: „Also wegen uns muss er /sie nicht aufs Gymi. Hauptsache, er / sie kann später einen Beruf finden, der ihm / ihr Freude bereitet, und ist glücklich.“

In diesen Gesprächen schält sich rasch heraus, dass den Familien bewusst ist, wie schädlich Druck ist. Aus diesem Grund möchten sie ihn vom eigenen Kind fernhalten.

Aber: Entscheidend ist nicht nur, ob man als Eltern „Druck macht“, sondern vor allem auch, ob man unter Druck steht, ob dauernde Zukunftsängste einen plagen.

Sorgen sind Gift

Viele Eltern leben in permanenter Sorge um ihr Kind. Ihre Gedanken kreisen immer wieder darum, was einmal aus ihm werden wird, ob es „die richtigen Freunde“ hat, ob es ausreichend gefördert wird, ob es glücklich ist und ob es wohl später seinen Platz in der Gesellschaft finden kann?

In vielen Fällen empfinden Mütter und Väter diese Sorgen auch als Ausdruck ihrer Liebe und Fürsorge: „Schließlich kümmere ich mich um mein Kind. Es gibt genügend Eltern, denen ihre Kinder egal sind und sie einfach machen lassen.“

Das Kind nimmt die Sorgen der Eltern um seine Zukunft. wahr. Es registriert, dass sie ebenfalls angespannt sind, wenn eine Prüfung ansteht – und dass sie mindestens genauso erleichtert sind, wenn eine Note gut herausgegeben wird. Jedes Mal, wenn das Kind eine gute Leistung erbringt, fällt Stress und Druck von beiden Seiten ab, die Sorgen treten für einen Moment in den Hintergrund. Nicht selten findet beim Kind ein versteckter Lernprozess statt: Mit guten Noten kann ich für einen Moment der Entspannung sorgen.

In der Folge geben insbesondere sensible Kinder, die ein enges Verhältnis zu ihren Eltern haben, alles dafür, diese so gut wie möglich von ihren Sorgen und Ängsten zu befreien. Sie möchten unbedingt gut sein, um zeigen zu können: „Schau her, ich habe es im Griff, du musst dir keine Sorgen machen.“

Eltern, die viele Befürchtungen haben, senden häufig Doppelbotschaften

Erschwerend kommt hinzu, dass Sorgen und Ängste oft dazu führen, dass widersprüchliche Botschaften gesendet werden.

Das Kind kommt beispielsweise mit einer (vermeintlich) schlechten Note nach Hause und ist enttäuscht. Mutter oder Vater trösten das Kind, sagen ihm, dass das doch jedem einmal passieren kann, dass eine schlechte Note doch gar nicht so schlimm ist.

Gleichzeitig sind die Eltern im Inneren selbst ein wenig enttäuscht oder verunsichert: Sie fragen sich, wie es zu dieser Bewertung kam, ob das Kind sich nicht genügend oder falsch vorbereitet hat und was sie tun müssen, um ihm diesen Frust in Zukunft zu ersparen.

Rasch gesellen sich sorgenvolle Gedanken der folgenden Art dazu: „Was ist, wenn das jetzt so bleibt? Was ist, wenn mein Kind es nicht schafft? Es lernt doch jetzt schon so viel…?!“ Schneidet das Kind trotz seines immensen Einsatzes nicht so gut ab wie erwartet, sehen die Eltern also rasch „seine Felle davon schwimmen“ und malen sich Katastrophenszenarien aus.

Auf der verbalen Ebene senden sie also die Botschaft, dass ihnen Noten gar nicht so wichtig sind, dass Misserfolge dazu gehören, Rückschläge nicht schlimm sind, das Gymi für sie keine Pflicht ist.

Auf der emotionalen Ebene senden sie gegenteilige Botschaften: sie reagieren gestresst, verängstigt vielleicht sogar enttäuscht („jetzt haben wir doch so viel geübt!“) und signalisieren dem Kind damit, dass ein Misserfolg offenbar doch bedrohlich ist.

Auch das Verhalten ist oft widersprüchlich: nicht selten sagen Mütter oder Väter dem Kind nach einem Lernmarathon, dass es „auch mal Pause machen soll“, werden aber rasch unruhig, wenn das Kind „zu lange rumhängt“ oder vor der Spielekonsole sitzt – nicht, dass die Schule noch zu kurz kommt.

Dadurch erhält jede einzelne Prüfung, jede einzelne Lernsequenz enorm viel Gewicht. Sie ist keine Momentaufnahme dessen, wo das Kind momentan in einem bestimmten Stoffgebiet steht. Nein: Sie wird als Vorhersage herangezogen, wie es wahrscheinlich schulisch weitergehen wird.

Das Kind spürt diese Unsicherheiten, die sich bei den Eltern aufbauen, und beginnt bald, sich schuldig zu fühlen und die Verantwortung zu übernehmen: „Wegen mir haben meine Eltern Kummer. Ich muss besser werden oder herausragend bleiben und dafür sorgen, dass es ihnen (wieder) gut geht.“

Das Problem ist: Gegen Eltern, die sich permanent Sorgen machen, ist man als Kind ziemlich machtlos.

Kinder, deren Eltern sie bei ungenügenden Leistungen ausschimpfen oder bestrafen (was wir absolut nicht befürworten!), können sich auflehnen, sich wehren. Sie können mit anderen darüber sprechen, sich Rückhalt einholen und sich spätestens in der Pubertät von den Ansprüchen der Eltern lossagen.

Da die elterlichen Sorgen ihre toxische Wirkung jedoch im Verborgenen entfalten, fehlt Kindern von besorgten Eltern diese Möglichkeit.

Sorgen können als Misstrauensvotum erlebt werden

Bei näherem Hinsehen zeigt sich oft, dass Eltern, die zu Sorgen neigen, ihrem Kind immer wieder das Gefühl geben, ihm zu misstrauen: Sie schleichen an einem freien Nachmittag beispielsweise um das Kind herum und fragen mehrmals nach, wann die nächsten Prüfungen anstehen und wann das Kind dafür lernen möchte. Sie werden wie oben beschrieben rasch unruhig, wenn das Kind seine Zeit nicht mit „sinnvollen Aktivitäten“ verbringt. Oft erzählen uns Jugendliche in solchen Fällen, dass sie immer ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie sich ausruhen möchten, und dass sie sich zu Hause schlecht entspannen können. Sie wissen aber nicht, warum.

Sorgen können eine Form der Abwertung darstellen

Der Satz „Ich mache mir ja nur Sorgen um dich“ wird häufig vorgebracht, um dem Gegenüber zu verdeutlichen, dass es einem wichtig ist. Solche Sätze und Befürchtungen können aber auch als Abwertung verstanden werden: ich traue dir nicht zu, diesen Schritt zu bewältigen. Schon die kleinste Kleinigkeit oder Turbulenz könnte dich vom Weg ab- oder dich zu Fall bringen.

Andauernde - auch unterschwellige - Botschaften in diese Richtung machen das Kind mit der Zeit schwach und klein. Das Selbstvertrauen leidet. Gleichzeitig wird mit jeder Sorge, die geäußert wird, ein versteckter Appell mitgeliefert: Bitte beweise mir, dass meine Ängste unbegründet sind.

Das Kind gerät nun unter zusätzlichen Zugzwang, sich noch stärker zu verausgaben und gute Leistungen zu erbringen.

Elterliche Sorgen speisen sich oft aus ungünstigen Überzeugungen

Wenn uns Sorgen quälen, hat dies in der Regel einen guten Grund. Manchmal ist dieser in der Situation begründet: Das Kind schafft es beispielsweise über einen längeren Zeitraum nicht, den schulischen Anforderungen gerecht zu werden und die Eltern machen sich verständlicherweise Gedanken darüber, wie es weitergehen soll.

Oftmals kommt das Kind objektiv gesehen in der Schule relativ gut zurecht, die Eltern blicken aber trotzdem sehr ängstlich in die Zukunft. In diesen Fällen zeigt sich oft, dass sich die Sorgen aus einer ungünstigen Grundüberzeugung speisen: Ich bin nur dann eine gute Mutter, wenn mein Kind in der Schule gut ist und ich ihm zu einem Abschluss verhelfen kann, mit dem ihm später „alle Wege offenstehen“.

Diese Eltern befürchten oftmals, dass ihnen das Kind später Vorwürfe machen könnte, wenn sie sich „im entscheidenden Moment“ nicht genügend um seine schulischen Belange kümmern. In der Folge fühlen sie sich bei schlechten Noten immer auch ein wenig als Elternteil infrage gestellt („Was sagt diese Note über mich als Mutter aus?“). Sie knüpfen ihr Selbstbild damit an den Erfolg des Kindes. Für das Kind schwingt in einem solchen Fall oft unterschwellig die Botschaft mit: bitte zeige mir, dass du es gut machst, damit ich mir sicher sein kann, dass wir als Eltern es auch gut machen mit dir.

114 Hase MuedeAngst ist selten ein guter Ratgeber

Kinder und Jugendliche spüren diese Ängste und Sorgen und den damit verbundenen Druck, in der Regel können sie aber nicht verorten, woher er kommt. Sie haben die Leistungsanforderungen und versteckten Appelle bereits derart verinnerlicht, dass sie der Meinung sind, sie erlegten sich diese selbst auf. Leider bleiben die dahinterliegenden Mechanismen oft lange Zeit unbemerkt und es muss erst zu einem Burnout im Erwachsenenalter und einer Therapie kommen, um herauszufinden, woher der unstillbare Drang kommt, allen zu beweisen „dass man es im Griff hat“ und warum es so bedrohlich ist, sich Hilfe zu suchen und einen anderen Weg einzuschlagen.

Hier sind wir als Eltern, Lehrpersonen und Fachpersonen in der Pflicht, frühzeitig zu intervenieren.

Was Eltern tun können - 3 hilfreiche Schritte

1. Bewusstsein entwickeln: Schreiben Sie all die Sorgen, die Sie rund um die Entwicklung Ihres Kindes quälen, auf ein Blatt Papier. Versetzen Sie sich nun in Ihre Tochter oder Ihren Sohn hinein. Fragen Sie sich: Wie wirken diese Sorgen wohl auf mein Kind? In welchen Situationen kommen sie zum Vorschein? Wie reagiere ich, wie reagiert mein Kind?

2. Verantwortung übernehmen: Dabei machen wir uns bewusst, dass es zu unserer Aufgabe als Eltern gehört, einen Umgang mit unseren Sorgen zu finden und dass es nicht die Aufgabe unserer Kinder sein kann, uns Beruhigung oder Linderung zu verschaffen.

3. Strategien für den Umgang mit eigenen Ängsten entwickeln: Nutzen Sie das Expressive Schreiben und versuchen Sie, sich aktiv mit Ihren Befürchtungen auseinanderzusetzen, indem Sie ihre Gedanken zu Ende denken (mehr dazu finden Sie hier und hier). In vielen Fällen ist eine Begleitung durch eine Fachperson hilfreich. Adressen in Ihrer Nähe finden Sie hier.

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Das Autorenteam Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund

Die beiden Psychologen leiten gemeinsam die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Sie sind Autoren mehrerer Bücher.

Stefanie Rietzler Fabian Grolimund

 

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