Umgang mit Druck, Prüfungsangst und Schulangst

Prüfungsängste reduzieren durch eine konstruktive Sichtweise

Kinder und Jugendliche, die unter Prüfungsängsten leiden, zeigen spezifische Denkmuster, die die Angst und Hilflosigkeit verstärken. Wie Sie als Mutter oder Vater dazu beitragen können, Ihrem Kind aus negativen Denkspiralen herauszuhelfen und damit Prüfungsängste zu reduzieren, erfahren Sie hier.

Prüfungsängsten liegen oft destruktive Gedanken zugrunde

Viele prüfungsängstliche Kinder und Jugendliche zeigen ein ganz spezifisches Denkmuster. Sie:

  1. Überschätzen die Schwierigkeit einer Prüfung
  2. Unterschätzen ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten
  3. Überschätzen die Folgen eines Misserfolgs
Auch prüfungsängstliche Schüler, die meist gute Noten erzielen, tendieren dazu, Prüfungen zu überschätzen. Typische Gedanken sind: "Das ist so ein Berg, das schaffe ich nie!", "Wie soll ich das alles lernen?", "Ich muss alles wissen!"
In der Folge fühlen sich diese Schüler wie gelähmt. Sie sehen nur einen riesigen, unstrukturierten Stoffberg, der sich kaum überwinden lässt. Dies ist umso schlimmer, weil diese Schüler ihre eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten massiv unterschätzen. Sie denken: "Alle anderen sind viel klüger als ich!", "Ich bin eh zu blöd.", "Ich bin nicht sprachbegabt."
Die Gefühle von Angst und Hilflosigkeit nehmen nochmals zu, weil der Prüfung sehr viel Bedeutung beigemessen wird, was sich in Gedanken ausdrückt wie: "Ich muss es schaffen!", "Wenn ich durchfalle halten mich alle für einen Versager!", "Meine Eltern wären total enttäuscht, wenn ich schlecht bin."
Wenn wir mit Eltern prüfungsängstlicher Kinder reden, wird oft deutlich, wie ratlos sie sich fühlen. Sie möchten ihren Kindern gerne andere Einsichten vermitteln, ihnen verdeutlichen, was sie alles können, ihnen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten schenken und ihnen zeigen, dass sie nicht um ihre Liebe bangen müssen. Nur: Die Kinder scheinen diese Gedanken nicht aufzunehmen. Typisch sind dann Gespräche der folgenden Art:
 
Tina: "Ich schaffe das nicht!"
Mutter: "Doch Tina - du warst doch bei den letzten zwei Prüfungen richtig gut!"
Tina: "Aber dieses Mal ist es viel mehr - die letzten Prüfungen waren einfach!"
Mutter: "Du hast doch letztes Mal auch gedacht, dass du es nicht schaffst - und dann warst du richtig gut."
Tina: "Ich habe nur noch zwei Tage! Ich habe nicht genug gelernt!"
Mutter: "Das reicht schon - und sonst bist du halt einmal nicht ganz so gut. Das ist doch nicht so schlimm."
Tina: "Du verstehst das nicht!"
Prüfungsangst negative Gedanken 
 
Es gibt Kinder, die unter Prüfungsängsten leiden, weil ihre Eltern sie unter Druck setzen. Es gibt aber auch Eltern, die einfach nur möchten, dass ihr Kind gerne in die Schule geht, in keiner Weise Druck ausüben und sich fragen, weshalb sich ihr Kind selbst unter solchen Leistungsdruck setzt. Wie wir im Kapitel "Ursachen der Prüfungsangst" geschrieben haben, gibt es mehrere Faktoren, die zu Leistungängsten führen können - Druck durch die Eltern ist nur einer davon.
 
Wenden wir uns nun aber der Frage dazu, wie diese inneren Monologe, die so viel Leid auslösen, verändert werden können.

Konstruktives Denken fördern

Wenn wir Eltern prüfungstängstlicher Kinder beraten, leiten wir sie dazu an, bei ihren Kindern konstruktive Gedanken zu fördern.
Konstruktives Denken darf dabei nicht mit positivem Denken verwechselt werden. Es geht nicht darum, die schwarze Brille gegen eine rosarote einzutauschen, sondern durch eine, mit der man schlichtweg besser sieht. 
 
Wenn wir negative Gedanken haben und uns jemand mit positiven Gedanken begegnet, fühlen wir uns nicht verstanden und wir können der anderen Person nicht folgen. Ihr Gedanke erscheint uns absurd. Wenn wir denken: "Ich schaffe das nicht!" und uns ängstlich und hilflos fühlen und uns dann jemand sagt: "Doch du schaffst das!" - dann möchten wir am liebsten sagen: "Das glaubst vielleicht du!" Es ist, als würden wir im Regen stehen und jemand sagt: "Schön sonnig heute, nicht wahr?" 
 
Wenn wir mit Kindern und Jugendlichen über ihre Ängste sprechen, versuchen wir sie daher nicht von anderen Standpunkten zu überzeugen, sondern die eigene, ängstliche Gedankenstruktur zunächst nur ein wenig aufzulockern - sozusagen einen Fuss in die Tür zu bekommen. Dabei werden die Gefühle und Sorgen des Kindes zunächst akzeptiert, um erst anschliessend eine andere Sichtweise zu vermitteln. Ein Gespräch zwischen Mutter und Kind könnte dann folgendermassen aussehen:
 
Tina: "Ich schaffe das nicht!"
Mutter: "Es ist viel, gell?"
Tina: "Ja - ich kann das nicht alles lernen!"
Mutter: "Hm. Weisst du, wenn ich so viel zu tun habe, dann denke ich manchmal auch, dass ich nicht alles schaffen kann. Weisst du, was mir dann hilft?"
Tina: "Nein. Was denn?"
Mutter: "Ich sage mir: Also gut - es ist viel und alles schaffst du vielleicht nicht. Aber du hast genug Zeit für das Wichtigste. Ich schaue jetzt einfach, was am wichtigsten ist und mache das."
Tina: "Aber woher will man denn wissen, was wichtig ist?"
Mutter: "Hm...komm wir schauen mal, ob wir das herausfinden können. Was möchte der Lehrer denn wissen? Hat er gesagt, ob etwas besonders wichtig ist?"
Tina: "Nein...aber wir haben Lernziele..."
 
Wenn ein Kind sich vor schlechten Noten fürchtet, könnte ein Gespräch wie folgt aussehen:
 
Tina: "Ich habe nicht genug gelernt. Was ist, wenn ich es an der Prüfung nicht kann?"
Mutter: "Die macht dir Angst, diese Prüfung, hm?"
Tina: "Ja - was ist, wenn ich eine schlechte Note habe?"
Mutter: "Hm...was könnte denn passieren?"
Tina beginnt zu weinen - die Mutter nimmt sie in den Arm, beruhigt sie aber nicht im Sinne von: Du schaffst das!
Mutter: "Das macht dir ganz viel Druck. Was könnte denn passieren?"
Tina: "Dass du und Papi enttäuscht von mir seid!"
Mutter: "Hm...weisst du, als ich in deinem Alter war hatte ich auch immer Angst vor Prüfungen. Ich habe auch gedacht, dass meine Eltern und die Lehrerin enttäuscht sind, wenn ich eine schlechte Note nach Hause bringe."
Tina (immer noch etwas verweint, aber interessiert): "Und?"
Mutter: "Ja...dann hatte ich tatsächlich ein paar Mal eine schlechte Note."
Tina: "Und was haben Omi und Opi gesagt?"
Mutter: "Sie haben gesagt, dass sie möchten, dass ich mir Mühe gebe, aber dass man auch mal schlechte Noten haben darf."
Tina: "Ja?"
Mutter: "Ja. Wie findest du das? Ist das gerecht?"
Tina: "Ja - wenn man sich vorbereitet hat und es nicht klappt, kann man ja nichts dafür."
Mutter: "Ja - weisst du, das denken ich und dein Papi auch."

Die Struktur solcher Gespräche ist immer ähnlich:

1. Das Kind mit seinen Ängsten und Sorgen annehmen

Zuerst lässt man sich auf die Realität des Kindes, seine Sorgen und Ängste ein. Man akzeptiert, dass das Kind momentan so denkt. 

Das ist manchmal nicht so leicht - vielen Eltern fällt es schwer, zu akzeptieren, dass ihr Kind beispielsweise glaubt, sie könnten wütend werden oder enttäuscht sein, wenn es eine schlechte Note nach Hause bringt. Sie möchten sich am liebsten "verteidigen" im Sinne von: "Wie kommst du darauf? Sicher nicht!" Das Gleiche passiert, wenn sich das Kind selbst abwertet. Auch da besteht immer die Gefahr, dass man vorschnell Stellung bezieht und versucht, das Kind von einem anderen Standpunkt zu überzeugen. Es hilft, wenn man sich klar macht, dass Ängste oft irrational sind. Wenn jemand vor Spinnen Angst hat nützt es wenig, wenn man ihm einfach sagt, dass diese Viecher doch klein und harmlos sind. 

Wenn man die Angst und die Sorgen akzeptiert, passieren zwei sehr wichtige Dinge: Erstens fühlt sich das Kind verstanden und zweitens wird erst dann deutlich, wovor sich ein Kind wirklich fürchtet, wenn es sich dazu frei äussern kann. Nur wenn die Gründe offen liegen, kann man auch sinnvoll darauf reagieren. Hinter der zuerst geäusserte Sorge von Tina ("Ich schaffe das nicht") versteckt sich die Hauptangst "Meine Eltern könnten enttäuscht sein" - reagiert man sofort mit einem "Du schaffst das!" kann das Kind seine Hauptsorge gar nicht äussern und die Eltern können nicht darauf eingehen. Manche Schüler haben mir erzählt, dass die "du schaffst das!"-Reaktion ihrer Eltern sie nur noch mehr verunsichert hat. Eine Schülerin meinte: "Meine Eltern sind so felsenfest davon überzeugt, dass ich immer alles schaffe - ich glaube, ihr Bild von mir würde sich völlig verändern, wenn ich mal etwas nicht schaffe - die würden aus allen Wolken fallen!" Was sich diese Schüler wünschen sind Eltern, die ihnen das Gefühl geben: "Ja - manchmal kommt es vor, dass einem etwas nicht gelingt - dann steht man auf und probiert es noch mal - für uns ändert sich dadurch gar nichts."

2. Die Sorgen genauer anschauen

Liegen die Sorgen offen, kann man sie zusammen mit dem Kind genauer anschauen. Man kann sich fragen: "Stimmt denn dieser Gedanke?", "Was würde denn passieren, wenn das gefürchtete Ereignis eintritt? Wäre das wirklich das Ende der Welt oder wäre man einfach einen Moment oder ein paar Stunden enttäuscht?"

Jüngere Kinder hören oft sehr gebannt zu, wenn man als Vater oder Mutter von ähnlichen Schwierigkeiten erzählt. Dabei hilft es, wenn man ein "Bewältigungsmodell" darstellt - also ein Mensch, der auch auf Schwierigkeiten stösst, diese aber bewältigen kann. Es hilft Kindern nicht, wenn man ein Modell ist, dem alles ohne Probleme gelingt. Um es zu verbildlichen: Kann ein Kind zuschauen, wie sein Vater vom Sprungbrett springt und sich dabei sagt: "Wou...ganz schön hoch...da kriegt man ja ein komisches Gefühl im Bauch...o.k. ganzen Mut zusammen nehmen und los..." dann stellt dies ein Modell dafür dar, wie man seine Angst überwindet. Springt der Vater mit einem eleganten Rückwärtssalto vom Dreimeter und sagt dazu "ist doch easy..." ist er zwar ein "toller Hecht", aber keine Hilfe. Das Kind sieht höchstens, wie mutig der Vater ist - aber es schöpft selbst keinen Mut.

Besser ist da die Äusserung der Mutter, dass sie manchmal auch denkt, es sei alles zu viel - und sich dann sagt: "Stop! Denk nach! Für das Wichtigste reicht es immer. Was ist wirklich wichtig?"

3. Eine konstruktive Sichtweise oder eine hilfreiche Strategie erarbeiten

Fühlt sich das Kind mit seinen Sorgen angenommen und ist es gelungen, diese genauer anzuschauen, kann eine konstruktivere Sichtweise oder eine hilfreiche Strategie erarbeitet werden.

Im ersten Beispiel drückt sich die neue, konstruktive Sichtweise im Gedanken aus: "Ich muss nicht alles wissen - ich kann mich auf das Wichtigste beschränken, wenn ich nicht genügend Zeit habe." Die Strategie wäre: "Ich sehe mir zunächst die Lernziele an und lerne dann gezielt die Inhalte, die dort abgefragt werden."

Im zweiten Beispiel lautet die konstruktive Perspektive: "Meine Eltern erwarten, dass ich mir Mühe gebe und mich auf die Prüfung vorbereite. Wenn es dann nicht klappt, stehen sie zu mir und sind für mich da."

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