Prüfungsängste und Schulängste bewältigen

Ursachen von Prüfungsangst und Leistungsstress

Prüfungsängste entstehen aus einem Zusammenwirken mehrerer Faktoren.

Persönlichkeit

Die Persönlichkeit spielt bei der Entwicklung von Ängsten eine wichtige Rolle. Dabei bilden Menschen, die introvertiert sind und eine erhöhte allgemeine Ängstlichkeit als Persönlichkeitsmerkmal aufweisen besonders schnell Ängste aus. Solche teilweise angeborenen, aber auch durch Lernprozesse modifizierte Eigenschaften entscheiden, wie stark sich die weiteren Faktoren (Modelle, negative Erfahrungen etc.) auswirken. So konnte beispielsweise in Studien gezeigt werden, dass die Wahrscheinlichkeit bei introvertierten Menschen nach einem negativen Erlebnis in einem Fahrstuhl eher zu Platzangst führt als bei extrovertierten.
Ähnlich unterschiedlich könnte beispielsweise die Kritik durch den Lehrer ausfallen – während einige Schüler diese an sich abtropfen lassen und andere sie als Hilfestellung sehen, um sich zu verbessern, reagieren bestimmte Schüler (oft solche, die im Unterricht ängstlich und zurückhaltend wirken und sich kaum freiwillig melden) mit Schamgefühlen, fühlen sich in ihrem Selbstwert bedroht und beschäftigen sich noch tagelang mit dem Vorfall.
Modelllernen
Kinder beobachten wichtige Bezugspersonen und deren Umgang mit Stress und Leistungssituationen. Sie lernen über diese Beobachtung, wie sie Situationen einschätzen und darauf reagieren sollten. Zeigen sich Eltern oft besorgt und ängstlich und weisen sie Kinder übermässig auf mögliche Gefahren und Bedrohungen hin, lernt das Kind, seine Umwelt auf ähnliche Weise einzuschätzen. Schliesslich sind die Eltern aus Sicht ihrer Kinder gross und stark – und wenn etwas sogar den Eltern Angst macht, dann muss es ziemlich gefährlich sein. In einer Studie wurden in einer Gruppe Kinder mit einer Angststörung behandelt, in einer zweiten Gruppen nur deren Mütter – die Messungen nach Abschluss der Therapien zeigten für beide Gruppen gleich gute Ergebnisse. Die Studie zeigt, dass nicht nur Angst, sondern auch eine erfolgreiche Angstbewältigung der Eltern von den Kindern übernommen wird.
 

Negative Erfahrungen

Ein zweiter wichtiger Faktor bei der Entstehung von Ängsten sind nach Krohne und anderen Forschern ungünstige Erfahrungen in Leistungssituationen. Dazu gehören Strafen, wenn das Kind Fehler macht oder schlechte Leistungen zeigt, inkonsistentes (unberechenbares) Verhalten der Eltern und Liebesentzug bei ungenügenden Leistungen.
Genauso schädlich ist ein überbehütendes Verhalten der Eltern, das darauf ausgerichtet ist, dem Kind jede Schwierigkeit aus dem Weg zu räumen und es bei den kleinsten Konflikten zu schützen. Kindern wird dadurch die Erfahrung verunmöglicht, dass es sich lohnt, sich anzustrengen und sie selbst fähig sind, Schwierigkeiten zu bewältigen und Probleme zu lösen.
 

Leistungsdruck

Es ist allgemein bekannt, dass sich zu hoher Leistungsdruck schädlich auf das Lernverhalten auswirkt und Leistungsängste fördert. Schädlicher Leistungsdruck entsteht, wenn Eltern und Lehrer mehr von einem Kind erwarten, als es leisten kann (in Form guter Noten oder eines Schulabschlusses, der über die Fähigkeiten des Kindes hinausgeht).
Eltern sind sich oft unsicher, wie sie reagieren sollen, da sie einerseits keinen zu grossen Druck ausüben möchten, andererseits aber wissen, dass man Kinder auch fordern sollte. Der Ausweg aus dem Dilemma besteht in der klaren Trennung zwischen Leistung und Anstrengung. Die Devise lautet: Sie dürfen von ihrem Kind erwarten, dass es sich Mühe gibt, aber nicht, dass es gute Leistungen zeigt. Die Anstrengung liegt im Kontrollbereich des Kindes – es kann sich beispielsweise während 3 Tagen jeweils 30 Minuten auf die nächste Mathematikprüfung vorbereiten. Die Leistung hingegen hängt neben der Anstrengung auch von Glück, Begabung und vielen anderen Faktoren ab – das Kind kann sie nur beeinflussen, aber nicht kontrollieren.
Hat ein Kind trotz des Übens eine schlechte Note, braucht es Trost und Ermutigung und sicher keine Strafe. Geübt zu haben und dennoch einen Misserfolg zu erleben, ist für ein Kind (wie auch für einen Erwachsenen) eine Enttäuschung – wenn man zusätzlich auf dem Nachhauseweg Angst vor der Reaktion der Eltern haben muss, werden Schule und Lernen schnell zu einer widerwärtigen Erfahrung. Ich selbst bin immer sehr froh, wenn ich nach einem beruflichen Misserfolg weiss, dass ich nach Hause gehen und davon erzählen kann – und dass mich meine Frau wieder aufbaut, mich ermutigt und mit mir gemeinsam nach Lösungen sucht. Ein solches Klima sollten Kinder zu Hause erleben – für die Motivation ist Rückhalt auf jeden Fall besser als Druck und nicht zu erfüllenden Erwartungen.
 

Kompetitives Klima

Leistungsängste sind in Klassen mit einem auf Wettkampf ausgerichteten Klima vermehrt anzutreffen. In solchen Klassen wird zunächst darauf geachtet, welche Note der Banknachbar hat, bevor man sich über die eigene Leistung freut (weil man besser war). Lehrer können ein solch ungünstiges Klima abschwächen, indem sie schlechteren Schülern mit der gleichen Wertschätzung begegnen wie den Klassenbesten. Sie können die Stimmung aber auch anheizen, indem sie Leistungen der Schüler untereinander vergleichen, Noten laut vorlesen, Ranglisten erstellen, gute Schüler bevorzugen etc.
In Moskau werden in einigen Privatschulen die Schüler in vier Reihen gesetzt, wobei die besten zuvorderst sitzen und die schlechtesten in der hintersten Reihe. Dies soll den Schülerinnen zeigen, wo sie stehen und sie anspornen, sich eine Reihe nach vorne zu kämpfen. Dass in diesen Schulen hohe Angst- und Depressionswerte gemessen werden konnten erstaunt kaum.
 

Traumatische Ereignisse

Viele Schüler mit Prüfungsängsten können sich an ein oder mehrere Erlebnisse erinnern, die bei Ihnen die Angst vor dem Versagen verstärkt haben oder überhaupt erst entstehen liessen. Dabei spielt die Persönlichkeit und die Lerngeschichte des Schülers eine grosse Rolle – was den einen kaum berührt, wirft den anderen aus der Bahn.
So berichtete mir eine Studentin mit Vortragsangst, dass bei ihrem mündlichen Abitur der Rektor ebenfalls im Zimmer sass. Am Ende der Prüfung meldete er sich mit dem folgenden Kommentar: „Inhaltlich war es in Ordnung, aber sie sind rot geworden und waren sehr nervös – an der Uni können sie sich so etwas nicht mehr leisten!“ – man fragt sich, wie wenig man nachdenken muss, um einen solchen Kommentar abzugeben.
Es sind oft ungünstige Reaktionen von wichtigen Bezugspersonen, Eltern, Lehrern und Freunden sowie negative Prüfungserfahrungen, die die Angst verstärken. Dabei können dies Erlebnisse sein, die scheinbar nichts mit dem betroffenen Schüler zu tun hatten. Eine Schülerin erzählte mir, dass ihre Mutter (vor mehreren Jahren !) nach dem Mittagessen erzählt hatte, dass ihr Cousin beim zweiten Versuch durch die Prüfungen seines Studiums gefallen ist. Der Vater sah kurz von der Zeitung auf und meinte: „ich hab dir doch gesagt, der bringt es nie zu etwas.“ – die Schülerin meinte im Training, dass sie da erkannt habe, "wie ihr Vater wirklich über Versager denkt".
Aber nicht nur negative Reaktionen auf schlechte Leistungen können Ängste schüren – viele Schüler und Studierende haben mir auch erzählt, dass es die besonders positiven Reaktionen ihrer Eltern auf gute Leistungen waren, die bei Ihnen Druck aufbauen. Dazu eine Schülerin: „Für meine Eltern sind gute Leistungen alles – ich könnte es nicht verkraften, wenn ich sie jetzt enttäusche!“
Dabei ist es in vielen Fällen so, dass die Jugendlichen schlicht nicht wissen, dass ihre Eltern eine gesunde Einstellung zu Leistung und Erfolg haben. Bei einer Studentin bestand die Hauptangst darin, ihre erfolgreichen Eltern zu enttäuschen. Ihre Mutter war Anwältin, ihr Vater Oberarzt. Das Gespräch zwischen uns möchte ich kurz wiedergeben:
Ich: „Was glauben Sie, wie würden Ihre Eltern denn reagieren, wenn Sie die Prüfung nicht bestehen?“
Studentin: „Ich weiss nicht – ich glaube nicht, dass sie wütend wären. Ich glaube, es ist für sie einfach so selbstverständlich, dass ich es schaffe. Ich glaube, sie würden aus allen Wolken fallen, wenn ich es nicht packe und wären enttäuscht. Ja, das ist es, was mir Angst macht – es würde oder könnte etwas in unserer Beziehung, in ihrem Bild, das sie von mir haben, für immer verändern."
Ich: „Bis jetzt haben Sie ja immer alles bestanden und können deshalb nur vermuten, wie ihre Eltern reagieren würden. Könnten Sie sie bis zum nächsten Termin fragen, wie sie reagieren würden?“
Studentin: „Ach, da sagt meine Mutter einfach: Das schaffst du sicher!“
Ich : „Weil Sie sie beruhigen möchte. Sagen Sie ihr, dass sie sich nicht sicher sind und es für Sie wichtig ist, das Sie auch über einen möglichen Misserfolg reden dürfen.“
In der nächsten Stunde erschien sie mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht. Der Vater hatte ihr erzählt, dass er vor seiner erfolgreichen Karriere als Arzt zweimal durch die Zwischenprüfungen in Ökonomie gefallen war und der damit erzwungene Wechsel des Studiums ihn zwar damals getroffen, aber im Nachhinein das beste war, was ihm passieren konnte.
Ich konnte schon oft erleben, dass solche Gespräche für Kinder und Jugendliche, aber auch für junge Erwachsene im Studium äusserst hilfreich sind. Wir glauben an dich und lieben dich, auch wenn du Misserfolge erlebst und trauen dir zu, dass du mit Rückschlägen umgehen kannst ist für viele junge Menschen die wichtigere Botschaft als ein gut gemeintes „du schaffst das schon!“.
 

Geschlecht

Mehrere Studien zeigen, dass Mädchen höhere Angstwerte angeben als Jungen. Dies könnte daran liegen, dass Mädchen tatsächlich häufiger Ängste entwickeln oder aber diese eher wahrnehmen und eher davon berichten.
Ich selbst habe bei Evaluationen unseres Trainings gegen Leistungsstress festgestellt, dass dieses zwar von etwa gleich vielen Jungen wie Mädchen besucht wird, die Mädchen aber Angst als Hauptproblem angeben, während die Jungen häufiger über Motivationsschwierigkeiten klagen.
 

Ineffiziente Lernstrategien

Neben einer realen Überforderung können schlechte Schulleistungen auch durch ungenügend ausgebildete Lernstrategien zustande kommen. Die Schüler machen die Erfahrung, dass ihr Lernen wenig effektiv ist, empfinden die Situation als unkontrollierbar und reagieren darauf mit Angst. Sind sich die Schüler mit der Zeit sicher, es „eh nicht zu können“, stellen sie ihre Anstrengungen ein und verlieren jegliche Motivation.
 
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