Konzentration und Aufmerksamkeit fördern

Drei Wege, wie Erwachsene Kinder mit ADHS unterstützen können

Verständnis, Anpassung der Umwelt, Training – in der richtigen Balance

Für Kinder mit ADHS ist der Alltag oft ein Kraftakt. Was in der Schule oftmals vorausgesetzt wird – sich fokussieren, Aufgaben erledigen, sich organisieren, Impulse zügeln – kostet sie enorme Kraft.

Wenn wir betroffene Kinder unterstützen wollen, können wir auf drei Säulen bauen. Sie sind hilfreich – unabhängig davon, ob das jeweilige Kind beispielsweise begleitend medikamentös behandelt wird oder nicht.

Die drei Säulen sind: Verständnis, Anpassung der Umwelt und gezieltes Training von Strategien.

In diesem Artikel erklären wir diese drei Wege im Detail – und wie eine kluge Balance Kindern hilft, ihre Stärken zu entfalten.

Annahme und Verständnis - die Basis

Bevor wir an Lösungen denken, brauchen Kinder mit ADHS vor allem eines: Das Gefühl, so angenommen zu sein, wie sie sind.

Denn häufig erleben diese Kinder:

  • ständige Kritik („Konzentrier dich endlich!“)
  • Ablehnung durch Gleichaltrige („Du nervst!“)
  • Selbstzweifel („Warum kriege ich das nicht hin?“)

Viele von ihnen entwickeln schon früh das Gefühl, „falsch“ oder „nicht gut genug“ zu sein.
Das raubt ihnen Mut, Lernfreude und Selbstvertrauen – oft schon lange bevor sie eine Diagnose und gezielte Unterstützung erhalten.

Was hilft:

  • Sich in die Welt des Kindes hineinversetzen: Viele Kinder mit ADHS erleben den Schulalltag wie einen Spießrutenlauf. Oft strengen sie sich zu Beginn der Schulzeit noch enorm an, können aber nicht mithalten. Sie schweifen ab, träumen vor sich hin oder lassen sich von den unzähligen Reizen in einem Klassenzimmer ablenken. Schlechte Noten, ständige Kritik, Strafen, Hausaufgabenkämpfe und Ablehnung durch Klassenkamerad/innen – viele Kinder mit ADHS erleben diese Stressfaktoren jeden Tag. Wir können uns als Erwachsene fragen: „Wie fühlt sich das für mein Kind an? Wie würde ich auf diese Situation reagieren? Würde ich nicht auch mit der Zeit rebellieren, verweigern und in eine Vermeidungshaltung geraten?“
  • Verhalten nicht vorschnell eine Absicht unterstellen: Ein Kind, das träumt oder einen Wutausbruch hat, will in den allermeisten Fällen nicht provozieren. Vielmehr spiegelt sein Verhalten wider, wie sehr die Situation und die Anforderungen es überfordern. Als Erwachsene können wir an Momente zurückdenken, in denen es uns selbst einfach zu viel wurde. Dann merken wir vielleicht: Ja, wenn bei der Arbeit gefühlt alles schlecht läuft und ich mit den Kindern einen schwierigen Tag hatte, dann geht auch bei mir die Selbstkontrolle verloren. Dann werde ich plötzlich laut, obwohl ich das nicht will, kann mich schlechter konzentrieren und finde die Energie für die einfachsten Aufgaben nicht mehr. 
  • Sich bewusst überlegen, was man akzeptieren kann: Wenn wir Eltern oder Lehrkräfte bitten, an ihr Kind oder eine/n Schüler/in mit ADHS zu denken, entsteht oft eine lange Liste an Problemen: Das Kind sollte lernen, morgens rascher aus dem Bett zu kommen, seine Schulsachen selbst zu packen, die Hausaufgaben einzutragen, sich in der Schule besser zu konzentrieren, bei der Stillarbeit selbständiger zu arbeiten, mehr Motivation zu entwickeln, die Hausaufgaben alleine zu beginnen, mehr Ordnung zu halten, bei Spielen fair zu bleiben und gut zu verlieren, seine Jacke und den Turnbeutel nicht ständig liegen zu lassen, das Zimmer häufiger aufzuräumen etc. Rasch wird klar: Das ist nicht zu schaffen! Es gibt zu viele Baustellen, sodass das Kind sich ständig überfordert fühlt und immer wieder kritisiert wird. Deshalb lautet die erste Frage: Welche Punkte auf dieser Liste könnten Sie – zumindest eine Zeit lang – akzeptieren? 

Beispiele:

Eine Lehrerin stellte in unserer Weiterbildung in Lerncoaching die folgende Frage: „Ich habe ein Kind mit ADHS in der Klasse. Es ist nun schon eineinhalb Jahre in meinem Unterricht und hat noch kein einziges Mal die Hausaufgaben erledigt. Jede Woche bekommt es Striche und eine Strafarbeit. Die erledigt es aber oft auch nicht. Wie soll ich damit umgehen? Er muss das doch lernen.“ Sie schilderte, wie sehr sie beide diese Situation belaste und dass der Junge immer «schwieriger» werde. Auf die Frage, was passieren würde, wenn sie ihm die Hausaufgaben einfach erlässt und sich darauf fokussiert, dass er im Unterricht gut lernen kann, reagierte sie zuerst irritiert, war dann aber bereit, genau das auszuprobieren. Einige Wochen später erzählte sie uns: „Ich habe ihn nach der Schule noch bei mir im Klassenzimmer behalten und zu ihm gesagt: Ich habe mir etwas überlegt … Es ist ja jeden Tag so: Du hast die Hausaufgaben nicht gemacht. Ich werde wütend und gebe dir einen Strich und Strafen. Und du hast immer weniger Lust, in die Schule zu kommen. Ich möchte aber, dass du gerne in die Schule kommst und bei mit gut lernen kannst. Deswegen habe ich entschieden, dass du ab heute keine Hausaufgaben mehr machen musst. Der Junge hat richtig gestrahlt und kam viel positiver gestimmt zur Schule. Nach zwei Wochen druckste er ein wenig herum und blieb nach Unterrichtsschluss noch im Klassenzimmer. Dann meinte er: Ich finde es schon ein bisschen komisch, dass ich als Einziger keine Hausaufgaben habe. Kann ich es noch einmal probieren?“

Wo könntest du ganz bewusst mehr Akzeptanz zeigen? Was sind Punkte, für die du dein Kind oder deine Schüler/innen immer wieder kritisierst und bei denen du das Gefühl hast: „Das bringt überhaupt nichts und es würde für uns alle etwas einfacher, wenn ich mich ganz bewusst entscheide, das Kind in diesem Bereich so anzunehmen, wie es ist?“

Anpassung der Umwelt - Hindernisse abbauen

Werfen wir einen Blick auf den zweiten Weg: Kinder mit ADHS wirken oft unangepasst. Das können wir ganz wörtlich verstehen: Kinder mit ADHS passen nicht besonders gut zusammen mit den Anforderungen an Kinder in unserer Zeit.

Stell dir ein Kind mit ADHS vor dreihundert Jahren vor: Es kann nicht stillsitzen, hat Schwierigkeiten damit, lange zuzuhören und Aufgabenblätter zu lösen. Es fällt ihm schwer, Belohnungen aufzuschieben und sich jetzt in der vierten Klasse anzustrengen, damit es mit 25 bessere Berufsaussichten hat. Zum Glück muss es das alles nicht! Es hilft den Eltern auf dem Bauernhof oder im Handwerksbetrieb. Es mistet Ställe aus, versorgt Tiere, sät oder erntet. Sein Bewegungsdrang kommt ihm dabei enorm zugute, die geringere Aufmerksamkeitsspanne fällt nicht ins Gewicht – wahrscheinlich würde es gar nicht auffallen.

Wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Kinder mit ADHS «müssen» in der heutigen Welt bestehen können. Aber wir können darauf achten, dass wir es ihnen nicht unnötig schwer machen. Kinder mit ADHS brauchen keine heftigeren Konsequenzen oder mehr Druck, sondern clevere Veränderungen in ihrer Umgebung, die ihnen helfen, ihr Potenzial besser abzurufen.

Einige Beispiele für Anpassungen könnten folgendermaßen aussehen:

  • Kürzere, klarere Aufgabenstellungen: Statt „Mach deine Hausaufgaben“, lieber kleine, konkrete Schritte vorgeben wie «Löse diese drei Aufgaben im Matheheft.»
  • Passende Arbeitsplätze: Vielen Kindern mit ADHS fällt es leichter, die Hausaufgaben zu erledigen, wenn sie Musik hören dürfen. In der Schule können dazu bei der Stillarbeit Kopfhörer verwendet werden. Auch ein Gehörschutz und ein geschützter Arbeitsplatz etwas abseits kann dabei helfen, sich ein wenig von den vielen Ablenkungen im Klassenzimmer zu schützen.
  • Bewegungspausen einbauen: Kurze Bewegungspausen während des Unterrichts fördern die Konzentration aller Kinder. Ein Gummiband zwischen den Stuhlbeinen, gegen das das Kind drücken kann, oder ein Sitzkissen mit Noppen helfen dabei, länger auf dem Stuhl zu bleiben und sich dabei ein wenig zu aktivieren.
  • Visualisierungen nutzen: Timer, Piktogramme und Checklisten können helfen, Zeit greifbar und die Aufgabenstruktur sichtbar zu machen.
  • Routinen etablieren: Feste Abläufe geben Sicherheit und reduzieren die Belastung durch ständiges Umdenken.
  • Nachteilsausgleich: Eine kürzere Prüfung oder die Möglichkeit, währenddessen eine kurze Pause einzulegen, hilft Kindern mit ADHS dabei, konzentrierter zu bleiben.

Beispiele: 

Sophie tut sich – wie fast alle Kinder mit ADHS – sehr schwer mit dem mittlerweile sehr verbreiteten «Selbstorganisierten Lernen». Oft fängt sie während dieser Stunden gar nicht an zu arbeiten oder sitzt plötzlich verträumt da. Die Regel, dass man zu Hause nacharbeiten muss, was man nicht geschafft hat, hat zu Beginn des Schuljahres dazu geführt, dass Sophie stundenlang Hausaufgaben machen musste. Die Folge: Sie war in der Schule noch müder und tat noch weniger, viele Konflikten mit den Eltern entzündeten sich. Zum Glück hat Sophies Lehrerin gemeinsam mit den Eltern entschieden, dass es so nicht weitergehen kann.

Sophie sitzt jetzt nahe beim Pult der Lehrerin. Diese fragt zu Beginn der Stunde nach, was Sophie sich für die nächsten 15 Minuten vornimmt und hilft ihr dabei, eine konkrete Aufgabe auszuwählen. Ein Time-Timer auf dem Tisch hilft Sophie dabei, die Zeit im Auge zu behalten und sich auf die Aufgabe zu fokussieren. Danach darf sie eine kurze Pause machen, in der sie meist ein Mandala ausmalt. Die Hausaufgaben wurden zeitlich beschränkt. Seit Sophie weiss, dass sie nicht länger als die vereinbarte Zeit an den Hausaufgaben arbeiten muss und genügend Zeit für ihre Hobbies und Erholung hat, arbeitet sie auch zu Hause speditiver.

Wichtig: 

Solche Anpassungen sind keine "Sonderbehandlung" oder "Extrawürste", sondern Hilfen zur Selbstständigkeit. Sie erleichtern dem Kind, das zu zeigen, was es kann.

Manchmal melden uns Lehrkräfte zurück, dass sie so viele Kinder haben, die mit dem Selbstorganisierten Lernen überfordert sind, dass ihnen einfach die Zeit fehlt, um den Kindern die nötige Unterstützung zu geben. In diesem Fall möchten wir folgendes anmerken: Wenn diese Form des Unterrichts in Ihrer Klasse nicht funktioniert und Sie das wissen, dann müssen Sie als Lehrkraft etwas an Ihrem Unterricht verändern. Dabei müssen Sie das Selbstorganisierte Lernen nicht gleich über Bord werfen – aber zumindest anpassen und Tempo herausnehmen. Das folgende Video gibt Ihnen einige Hinweise dazu.

Training - gezielt Fähigkeiten aufbauen

Natürlich geht es nicht nur darum, das Umfeld anzupassen. Kinder mit ADHS können auch Schritt für Schritt lernen, eigene Strategien zu entwickeln, um sich besser zu steuern. Allerdings sollten wir dabei behutsam sein, damit wir das Kind nicht überfordern. Zu viele Erwartungen, zu viele Ziele, die an ein Kind gerichtet werden, lösen oft nur Hilflosigkeit aus und blockieren Fortschritte.

Gerade wenn mehrere Fachleute mit dem Kind arbeiten, sollten alle ein Auge darauf haben, dass es nicht zu viel wird. Wenn die Lehrkraft, die Heilpädagogin, der Lerncoach und die Psychotherapeutin mit dem Kind jeweils eigene Ziele vereinbaren, wird aus der Unterstützung rasch eine zusätzliche Belastung!

Doch wie können Kinder mit ADHS lernen, ihre Gefühle besser zu regulieren, Regeln einzuhalten oder sich besser zu konzentrieren? Dazu bieten sich beispielsweise die folgenden wissenschaftlich abgesicherten Methoden an (mit einem Klick auf den Link erfährst du mehr darüber):

  • Wenn-dann-Pläne: Dabei lernt das Kind, seine Selbststeuerung zu verbessern, indem ein bestimmtes Verhalten mit einem Auslöser oder einer Situation verknüpft wird, zum Beispiel: "Immer, wenn die Lehrerin die Hausaufgaben an die Tafel schreibt, dann nehme ich sofort mein Hausaufgabenheft und schreibe sie ab!", "Immer, wenn ich in der Schule wütend werde, dann gehe ich sofort in meinen ruhigen Bereich hinten im Klassenzimmer, bis es mir besser geht"
  • Achtsamkeit üben: Kleine Übungen, um innere Ruhe und Selbstwahrnehmung zu fördern.
  • Konzentrationstraining: Kinder können in kleinen Schritten lernen, sich bewusst auf eine Aufgabe zu fokussieren. Dabei hilft unter anderem unser Buch «Lotte, träumst du schon wieder?»
  • Selbstinstruktionen: Dabei lernt das Kind, auf eine Art und Weise mit sich selbst zu sprechen, die ihm dabei hilft, mit Aufgaben zu beginnen («Ich mache einfach mal 10 Minuten und schaue ob ich hineinfinde»), Unlust zu überwinden («Das stinkt mir – wenn ich es gemeinsam mit Simon mache, fällt es mir leichter!»), seine Gefühle zu regulieren («Dein Herz klopft. Das ist okay. Viele sind bei Prüfungen ein bisschen nervös – manchen hilft das sogar, um sich besser zu konzentrieren») etc.
  • Lernstrategien: Wirksame Lernstrategien stellen gerade für Kinder mit ADHS eine große Entlastung dar! Sie helfen dabei, sich Vokabeln oder das Einmaleins schneller einzuprägen oder sich den Inhalt von Texten rascher zu erarbeiten und dauerhaft abzuspeichern. Für mich, Fabian, war diese Strategie ein echter Gamechanger! Du findest die besten, wissenschaftlich fundierten Lernstrategien für Jugendliche zwischen 11 und 16 Jahren in unserem Buch «Clever lernen». Alle darin vorgestellten Strategien eignen sich auch für Kinder und Jugendliche mit ADHS.

Die Balance macht den Unterschied

Wir halten es für sehr wichtig, diese drei Wege immer wieder neu auszubalancieren.

Manchmal begegnen uns Eltern, Lehrkräfte und auch Fachleute, die sehr einseitig auf einem dieser drei Wege beharren. Das führt langfristig aber zu vielen Nachteilen.

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Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler sind Psychologen und leiten die Akademie für Lerncoaching. Das Experten-Team führt Seminare für ElternWeiterbildungen für Fachpersonen sowie Vorträge an Schulen rund um das Thema Lernen durch. Die beiden verbindet eine große Begeisterung und Leidenschaft für das Schreiben von Büchern.

Akademie für Lerncoaching
Albulastrasse 57
8048 Zürich

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