Mit Freude unterrichten

"Ich muss ja auch den Lehrplan durchkriegen!"

Viele Lehrkräfte würden ihren Schüler/innen gerne mehr Zeit lassen, damit sie sich die Inhalte in Ruhe und der nötigen Tiefe erarbeiten können. Sie wissen, dass Kinder und Jugendliche die Grundlagen automatisieren sollten und Zeit erforderlich ist, um sich emotional mit Themen zu verbinden.

Auf der anderen Seite steht der Lehrplan, der viele Lehrer/innen unter Druck setzt. Oft äußert sich dies in Aussagen der folgenden Art: «Klar, wäre es schön, wenn wir uns mehr Zeit lassen könnten, aber ich muss den Stoff durchkriegen!» Wir wissen nicht, wie es Ihnen geht – aber uns befällt ein Engegefühl, wenn wir diesen Satz hören. 

Immer, wenn wir uns an äußeren Vorgaben orientieren, anstatt am Menschen und dessen Lern- und Entwicklungstempo, wird Druck aufgebaut, der meist «nach unten» weitergegeben wird.

Er/sie muss da halt einfach durch!

Hase PanikDies passiert auch in der Schule: Der Druck wird an die Schüler/innen delegiert. Lehrpersonen sagen zum Beispiel: «Ich habe im Unterricht nicht die Zeit, diesen Stoff zu festigen – dann müssen die Kinder das eben zu Hause machen.» oder zu einer langsam arbeitenden Lernenden: «Wenn du nicht fertig wirst, musst du den Rest als Hausaufgabe erledigen.»

Es gibt jedoch Möglichkeiten, den Stoffdruck, der auf Ihnen und Ihren Schüler/innen lastet, zu reduzieren.

Fokus auf das Wesentliche: Schon am Anfang das Ende im Sinn haben

Der Management-Philosoph, Autor und neunfache Vater Stephen R. Covey stellt in seinem Buch «Die sieben Wege der Effektivität» sieben Prinzipien vor, die auch Lehrpersonen helfen können, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, die Situation für sich und die Schüler/innen zu entspannen, die Stunden zu entschlacken und den Unterricht zu verbessern.

Uns selbst begleiten Coveys Prinzipien seit mehreren Jahren. Sie bereichern unsere Arbeit und helfen uns dabei, gute Entscheidungen zu fällen. Eines davon möchten wir Ihnen in diesem Zusammenhang vorstellen. Es lautet: Schon am Anfang das Ende im Sinn haben.

Dieses Prinzip leitet uns dazu an, unsere eigene Zukunft zu gestalten, indem wir zunächst eine mentale Vision schaffen, auf die wir hinarbeiten möchten. Anstatt lediglich dem Lehrplan oder dem jeweiligen Schulbuch zu folgen, können wir uns fragen:

  • Was sollen meine Schüler/innen am Ende des Schuljahres oder in zwanzig Jahren von meinem Unterricht noch wissen?
  • Was sollen sie können?
  • Welche Erinnerungen sollen sie an meinen Unterricht haben?
  • Welche Beziehung sollen sie zu meinem Fach aufbauen?

Im Folgenden konkretisieren wir diese Punkte anhand einiger Beispiele. Wenn Sie das Prinzip in Ihrem Alltag umsetzen möchten, können diese aber lediglich als Inspiration dienen: Der wertvolle Teil der Auseinandersetzung besteht darin, diese Fragen für sich selbst zu beantworten.

Was sollen meine Schüler/innen am Ende wissen?

Nur an einen kleinen Bruchteil dessen, was wir gelernt haben, erinnern wir uns am Ende der Schulzeit oder ein paar Jahre hinterher noch. Diese Erkenntnis kann Sie als Lehrperson befreien.

Sie dürfen sich fragen: Wenn die Schüler/innen das Meiste sowieso nur am Tag der Prüfung wissen -warum sollen sie es dann überhaupt gelernt haben? Soll mein Unterricht auf diesem «Bulimie-Lernen» aufbauen?

Nehmen wir das Fach Geschichte als Beispiel. Wenn Sie bereits am Anfang das Ende im Sinn haben, können Sie sich fragen:

  1. Welche Fakten und Zusammenhänge zu dieser Epoche sollen meine Schüler/innen in 15 Jahren noch wissen?
  2. Woran sollten sie sich zumindest am Ende ihrer Schulzeit noch erinnern können – beispielsweise um die Matura / das Abitur oder die Lehrabschlussprüfung zu bestehen?
  3. Und welche Inhalte sind diejenigen, die Schüler/innen fast ausschließlich für Prüfungen lernen und danach sofort wieder vergessen werden, weil sie mehr oder weniger irrelevant sind?

Wenn Sie sich dieser Übung widmen, werden Sie sehen, dass Vieles, was von Schüler/innen in Prüfungen verlangt wird, zu Punkt drei gehört. Das geht so weit, dass beispielsweise ein Historiker, müsste er die Prüfungsfragen einer Gymnasialklasse zum Westfälischen Frieden beantworten, wahrscheinlich nicht einmal eine gute Note erzielen würde.

Fokus auf das Wesentliche bedeutet in diesem Fall: Reduzieren Sie die Stoffmenge, indem Sie mutig streichen und Vieles aus Punkt 3 weglassen. Konzentrieren Sie sich sich stattdessen auf die Inhalte unter Punkt 1 und 2. Legen Sie den Fokus nicht darauf, alles einmal durchgenommen zu haben – legen Sie ihn so, dass bei den Lernenden etwas hängen bleibt.

Stellen Sie sich vor, Sie treffen Ihre Klasse nach 15 Jahren wieder und überprüfen deren Wissen: Was sollte noch da sein von Ihrem Unterricht? Schreiben Sie es stichwortartig auf.

Nun gilt: Damit dieses grundlegende Wissen sitzt, muss es in der nötigen Tiefe und mit Muße verarbeitet werden. Und es sollte wiederholt werden.

Wichtiges vertiefen

Damit wir Informationen dauerhaft abspeichern, sollten sie uns emotional berühren und aktiv erarbeitet werden. Wenn Sie sich – um beim Beispiel zu bleiben – nur auf die wichtigsten Zusammenhänge und Fakten des Geschichtsbuchs beschränken, haben Sie Zeit, diese Inhalte anzureichern. Durch Quellentexte, Diskussionen, kurze Vorträge der Schüler/innen, Querbezüge zu aktuellen Ereignissen oder den im Unterricht bereits behandelten Epochen etc.

Je stärker Sie die Inhalte vernetzen und je aktiver sich die Schüler/innen an der Erarbeitung von Zusammenhängen etc. beteiligen, desto länger wird ihnen Ihr Unterricht in Erinnerung bleiben.

Wichtiges wiederholen

Es ist kein Geheimnis, dass wir nicht um das Wiederholen herumkommen, wenn wir Inhalte dauerhaft im Gedächtnis behalten möchten. Eine Geschichtslehrerin, die eine unserer Weiterbildungen besuchte, verriet uns ihr Geheimnis: «Ich mache es so: zu jedem Thema schreibe ich eine kurze Zusammenfassung – nur eine bis zwei Din A4-Seiten – mit den wichtigsten Punkten. Ich will beispielsweise, dass meine Schüler/innen zum Thema Ägypten auch als Erwachsene noch wissen, welche Bedeutung der Nil für die Entwicklung dieser Hochkultur hatte, dass und weshalb die Ägypter einen Kalender entwickelt haben, welche Relevanz die Pyramiden hatten und wie die höchste Pyramide heißt. Sie sollen die wichtigsten drei Gottheiten kennen, wissen, was Papyrus und Hieroglyphen sind und weshalb im alten Ägypten die Toten mumifiziert wurden. Aus diesem Grund bleibt alles, was auf dieser kurzen Zusammenfassung steht, Prüfungsstoff. In jedem Test stelle ich fünf Fragen zum aktuellen Stoff und eine zu einem früheren Thema. Meine Schüler/innen wissen, dass sie dieses Kernwissen aktuell halten und wiederholen müssen. Sie stöhnen deswegen regelmäßig. Aber Sie sagen mir bei der Matura (Abitur) auch immer wieder, dass sie sich freuen, dass so viel aus meinem Unterricht bei ihnen hängengeblieben ist.»

Kompetenzen: Was sollen meine Schüler/innen können?

Kompetenzen entwickeln sich nur durch Training. Egal, ob es sich dabei um eine Lernstrategie, die Anwendung von Grammatikregeln oder das Lösen von Rechenaufgaben handelt. Dabei gilt: Wichtige Kompetenzen müssen solange geübt werden, bis sie uns in Fleisch und Blut übergehen – sie müssen automatisiert werden. Im Artikel «Rechtschreibregen üben» haben wir dies durch das folgende Beispiel verdeutlicht:

Angenommen, Sie kennen die Rechtschreibregeln, haben diese jedoch nicht automatisiert und möchten den folgenden simplen Satz schreiben:

Ich kannte Onkel Hans kaum...

Dann müssten Sie die folgenden Überlegungen anstellen:

Ich wird großgeschrieben, da es am Satzanfang steht...kannte muss ich mit Doppel-n schreiben: es kommt von kennen und nicht von (Tisch-)Kante...bei Onkel kann ich der, die, das vorne dran setzten, es ist also ein Nomen und wird groß geschrieben...Hans ist ein Eigenname, den muss ich auch groß schreiben... Ende des Satzes, Punkt nicht vergessen.

Leider können wir Menschen uns nicht bewusst auf zwei Dinge gleichzeitig konzentrieren. Wenn Sie die Rechtschreibregeln nicht automatisiert haben, werden Ihnen sehr viele Fehler unterlaufen, sobald Sie beispielsweise bei einem Aufsatz Überlegungen zum Inhalt anstellen müssen.

Als Lehrer/in können Sie sich überlegen, welche Kompetenzen Ihre Schüler/innen am Ende des Schuljahres unbedingt verinnerlicht haben sollten. Treffen Sie auch hier eine bewusste Auswahl. In Schulbüchern – beispielsweise zu Fremdsprachen – werden oft unterschiedlich bedeutsame Grammatikregeln ziemlich gleichwertig behandelt. Wenn Sie hier Prioritäten setzen, wissen Sie, welche Übungen Sie getrost weglassen können und worauf Sie den Fokus legen sollten. Dazu eignet es sich, die Prüfungen der Schüler/innen als Feedback für Ihren Unterricht zu nutzen. Wo passieren die meisten Fehler? Was müsste vermehrt geübt werden, damit sich die Klasse insgesamt verbessert?

Als Beispiel: In Coachings waren wir immer wieder erstaunt, wie viele Schüler/innen im Französischen den Infinitiv mit dem Passé composé verwechseln. Sie schreiben: Il a acheter.

Es würde sich in diesem Fall lohnen, diesen Fehlertyp durch regelmäßige, kurze Übungen zu reduzieren. Die Zeit finden Sie, indem Sie mutig ein paar Übungen streichen, die sowieso irrelevant sind. So wurde von unseren Lehrern lang und breit das passé simple oder der subjonctif imparfait geübt. Ich, Fabian, wohne in der französischsprachigen Schweiz (Fribourg) und habe nicht nur keine Ahnung mehr, wie diese Formen gebildet werden – ich bin auch noch nie in eine Situation gekommen, in der ich sie benötigt hätte.

Wie sollen sich meine Schüler/innen in meinem Unterricht gefühlt haben?

Diese Frage empfinden wir als die wichtigste. Was bringt es, wenn Sie als Lehrperson zwar den gesamten Stoff durchgekaut haben, aber Ihre Schüler/innen mit Ihrem Fach nichts als Widerwillen, Versagen und Scham verbinden?

Streifen Sie in Gedanken durch Ihre eigene Schulzeit. Wie haben Sie die verschiedenen Fächer erlebt? Welche Gefühle verbinden Sie damit?

Viele Erwachsene sagen beispielsweise:

  • Aus dem Mathematikunterricht habe ich in erster Linie mitgenommen, dass ich zu blöd für Mathe bin und es sich für mich nicht lohnt, sich damit auseinanderzusetzen. Irgendwann habe ich mich aus dem Unterricht ausgeklinkt, während unser Lehrer mit «den Begabten» die Stunden gestaltet hat.
  • Ich hatte acht Jahre Französisch. Ich kann Bücher von Albert Camus im Original lesen. Aber ich habe derart große Sprechhemmungen, dass ich nicht einmal einen Kaffee auf Französisch bestellen kann.
  • Mit dem Sportunterricht verbinde ich nur Scham. Ich war ein wenig übergewichtig und sehe mich heute noch, wie ich an dieser verdammten Reckstange hänge und all die Blicke auf mir spüre. Das hat mir die Lust auf Bewegung fürs ganze Leben verdorben. 

Es macht einen riesigen Unterschied, wenn wir diese Dimension stärker gewichten und uns Ziele der folgenden Art setzen:

  • Ich will, dass die Schüler/innen in meinem Unterricht erfahren, dass Mathematik lernbar ist!
  • Ich werde dafür sorgen, dass meine Schüler/innen die Hemmung vor der Fremdsprache verlieren und ohne Scham ein Gespräch führen können!
  • Das Wichtigste, das ich den Kindern im Turnunterricht mitgeben kann, ist Freude an der Bewegung. Ich werde dafür Sorge tragen.

Wenn Sie sich solche Ziele bewusst und am besten schriftlich setzen und sich diesen ebenso sehr verpflichten wie dem Lehrplan, werden sich Ihre Schüler/innen nicht nur an die vermittelten Inhalte erinnern – sie werden gerne an Sie und Ihren Unterricht zurückdenken und vielleicht sogar die Motivation haben, sich weiterhin mit Ihrem Fach auseinanderzusetzen.

Aktuell: Unsere Weiterbildungen und Seminare

Für Lehrpersonen / Fachpersonen:

Für Eltern:

Das Autorenteam Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler

Die Psychologen leiten gemeinsam die Akademie für Lerncoaching in Zürich.

Fabian und Stefanie 2

 

 

 

 

Das Experten-Team führt Seminare für Eltern und Weiterbildungen für Fachpersonen rund um das Thema Lernen durch. Die beiden verbindet eine große Begeisterung und Leidenschaft für das Schreiben von Büchern.

Akademie für Lerncoaching
Albulastrasse 57
8048 Zürich

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