ADS / ADHS

Arbeiten Sie gemeinsam mit dem Kind am Thema Vergesslichkeit

Die meisten Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizit sind unheimlich vergesslich. In unserer Zeit, wo wir täglich an so vieles denken müssen und auch Erwachsene nur noch mit Kalendern, To-Do-Listen, Notizen auf dem Handy und anderen Hiflsmitteln mehr schlecht als recht den Überblick behalten können, wird diese Auffälligkeit zu einem echten Problem. Wir haben bereits beschrieben, was Lehrkräfte tun können, damit Kinder die Hausaufgaben seltener vergessen. In diesem Artikel erfahren Sie, wie Sie die Kinder motivieren können, die Hausaufgaben zu erledigen und es Ihnen erleichtern können, komplexe Planungsfertigkeiten in kleinen Schritten zu erwerben.

Suchen Sie einen Weg, um auf die Hausaufgaben zurückzukommen

Vielleicht ist es für Sie als Lehrkraft eine Selbstverständlichkeit, die Hausaufgaben Ihrer Schüler stichprobenartig oder komplett auf Vollständigkeit und Richtigkeit zu kontrollieren. Vielleicht gehören Sie aber auch zu denjenigen Kolleginnen und Kollegen, die im Unterricht derart vorwärts machen und dem Lehrplan hinterherjagen müssen, dass Ihnen für diese Kontrollen die Zeit fehlt.

Für Kinder mit AD(H)S sind die Hausaufgaben oft eine Qual. Sie konfrontieren sie am Ende eines langen Schultages, an dem ihr Kopf „randvoll“ ist, noch einmal mit all ihren Schwächen. Kommen Lehrkräfte in der Schulstunde nicht auf die Hausaufgaben zurück, so entsteht für viele Kinder der Eindruck: „Ob ich es habe oder nicht, mir Mühe gebe oder nicht, es sieht sowieso keiner. Wofür mache ich das eigentlich alles? Da kann ich es doch gleich bleiben lassen.“ Die Motivation, die Hausaufgaben zu erledigen und sich anzustrengen, sinkt damit noch weiter in den Keller.

Manche Schüler möchten ihren Lehrer stolz machen, wieder andere möchten sich einen Rüffel ersparen – auf jeden Fall geben sich Schüler mehr Mühe und erledigen ihre Hausaufgaben lückenloser, wenn sie wissen, dass diese noch einmal von Lehrkraft gesichtet werden. Wie die Forschung zeigt sind Kinder mit AD(H)S im schulischen Kontext stärker als ihre Klassenkameraden extrinsisch motiviert. Die Rückmeldung durch die Lehrkraft ist demnach eine der wichtigsten Quellen der Motivation. Wenn Sie möchten, dass diese Kinder im Unterricht und bei den Hausaufgaben möglichst problemlos „mitlaufen“, dann machen Sie sich diese Quelle unbedingt zu nutze. Auch wenn Sie nicht die Zeit finden, jede Hausaufgabe im Plenum zu besprechen und im Heft abzuzeichnen: Vielleicht finden Sie die notwendige Zeit während einer Phase der Stillarbeit während des Unterrichts. Sie können beispielsweise vorab die Anweisung geben, die Hefte mit den Hausaufgaben aufzuschlagen und während der Stillarbeit durch die Reihen gehen und einen Blick darauf werfen, ob die Hausaufgaben erledigt wurden. Wenn Sie nicht die Zeit für einen kurzen Vermerk finden, dann weichen Sie doch auf einen Stempel, einen Sticker oder Ihre Unterschrift als Feedbacksystem aus.  Auch ein solches indirektes Feedback zeigt den Schülern: „Ich erkenne eure Anstrengung an. Ich sehe und freue mich, wenn ihr eure Aufgaben erledigt habt. Ich merke es aber auch, wenn ihr die Hausaufgaben schleifen lasst und äussere die Erwartung, dass ihr euch beim nächsten Mal mehr anstrengt.“

Erleichtern Sie die Verwaltung von Arbeitsmaterial

Nicht nur die Verwaltung der Hausaufgabeneinträge, sondern auch die der Schulhefte, Bücher, Zirkel, Zeichenutensilien & Co stellt für Kinder mit ADS / ADHS eine grosse Hürde dar. Dies liegt vor allem daran, dass diese Kinder ihr zukunftsgerichtetes Denken weniger effektiv nutzen. Vielleicht haben Sie bereits bemerkt, dass wir innerlich mit uns sprechen, wenn wir Aufgaben planen. Wir stellen uns Fragen wie: „Was habe ich morgen für Unterrichtsfächer? Was brauche ich alles dafür? Habe ich alles eingepackt?“ und formulieren „innere Steuerungskommandos“ an uns selbst: „Morgen habe ich Mathe in der ersten Stunde. Dafür brauche ich mein Matheheft, das Mathebuch, meinen Zirkel und mein Geodreieck- ah und den Druckbleistift darf ich nicht vergessen.“ Die Forschung zeigt, dass sich Kinder mit AD(H)S weniger dieser „inneren Steuerungskommandos“ geben, was häufig zu einem desorganisierten, unstrukturierten Vorgehen führt. Kinder mit AD(H)S können lernen, sich diese Steuerungskommandos zu geben, indem ihre Eltern und Lehrkräfte Checklisten einsetzen. Manche Schulen setzen sogenannte „Auschecklisten“ ein. Auf der Tafel wird am Ende der Stunde vermerkt, welche Utensilien das Kind in die Schultasche packen muss, bevor es das Klassenzimmer verlassen darf.

Wie uns viele Eltern berichtet haben, sind auch Checklisten für die Wochenpläne eine grosse Entlastung. Dazu wird am Anfang jeder Schulwoche der Wochenplan verteilt- oder noch besser- an alle Eltern per E-Mail verschickt. Auf einem Zusatzblatt des Wochenplans vermerkt die Lehrkraft für jeden Schultag, welche Aufgaben am jeweiligen Tag eingereicht werden müssen und welche Materialien für den jeweiligen Tag benötigt werden.

Lehrkräfte, die mit Wochenplänen arbeiten, haben diesen zu Beginn der Woche ohnehin schriftlich festgehalten. Diesen per E- Mail zu verschicken ist kein grosser Aufwand, für einen Grossteil der Eltern jedoch eine enorme Hilfe. Gerade für AD(H)S- Kinder, die sehr langsam arbeiten bzw. sich nur für eine kurze Zeitspanne konzentrieren können, ist es besonders wichtig, die Aufgaben der Woche gleichmässig in möglichst kleine Etappen verteilen zu können. Wenn Eltern bereits am Anfang der Woche sehen können, welche Aufgaben das Kind erledigen muss, können sie für einen „gesunden“ Rhythmus sorgen, der das Kind selbst, aber auch die Familie entlastet.

Wenn Kinder derart „mit dem Kopf in den Wolken sind“, dass die Vergesslichkeit AD(H)S- betroffener Kinder für ein angespanntes Verhältnis zwischen Lehrkräften und Eltern führt bzw. die Eltern als täglicher „Hausaufgabenmanager“ fungieren müssen, der die vergessenen Materialien nach Schulschluss aus der Schule abholt, dann empfiehlt sich ein doppelter Satz von Schulbüchern. Wie eine Mutter in unserem Seminar treffend formulierte: Wir haben unser Geld schon für unnötigere Dinge aus dem Fenster geworfen. Seit wir die Schulbücher für uns zu Hause noch einmal gekauft haben, ist bei uns zu Hause wieder mehr Frieden eingekehrt. Wenn mein Sohn mal wieder ein Buch in der Schule vergessen hat, das er für die Aufgaben braucht, sind keine ewigen Diskussionen und Fahrdienste mehr notwendig. Wir benutzen in diesem Fall einfach unsere eigenen Bücher und die Hausaufgaben können stressfrei beginnen.“ Vielleicht sind Sie als Lehrkraft in der glücklichen Lage, Eltern betroffener Kinder an dieser Stelle unterstützen zu können. An manchen Schulen ist es nämlich möglich, als Lehrkraft bei der Schulmittelbibliothek einen zweiten Schulbüchersatz zur Ausleihe zu beantragen. Die Eltern werden ihnen für diese finanzielle Entlastung sicher dankbar sein.  

Üben Sie das Planen

Der erfolgreiche Einsatz von Wochenplänen setzt voraus, dass Kinder bereits im Primarschulalter dazu in der Lage sind, Aufträge zu verteilen und Arbeitsabläufe zu planen. Was dabei häufig vergessen wird ist: Das Planen ist eine Kompetenz, die wir lernen müssen. In unseren Seminaren fragen wir jeweils, welche Fragen wir uns als Erwachsene implizit stellen, wenn wir einen Plan ausarbeiten. Meist werden folgende Fragen in etwas abgewandelter Form zusammengetragen:

  1. Welche Aufgaben muss ich erledigen?
  2. Was muss bis wann erledigt sein?
  3. Wie lange dauern die einzelnen Schritte?
  4. Wann habe ich an den jeweiligen Tagen Zeit, um mich um die Aufgaben zu kümmern?
  5. Wozu brauche ich ggf. Hilfe? Wann haben diese Personen Zeit, um mir zu helfen?
  6. Wie teile ich die Aufgaben am besten auf die Zeitfenster auf?

Wie anhand der Auflistung deutlich wird, ist das Planen eine komplexe Tätigkeit. Wir stellen in unseren Seminaren mit Jugendlichen und Studenten immer wieder fest, dass diese Tätigkeit auch dieser Altersgruppe noch grosse Schwierigkeiten bereiten kann. Aus diesem Grund ist es enorm hilfreich, wenn Lehrkräfte das Planen zum Unterrichtsthema machen und diese Kompetenz mit ihren Schülern regelmässig trainieren. Sie könnten beispielsweise ein Arbeitsblatt mit Planungsfragen erstellen und den Kindern als Modell zeigen, wie man diese Fragen anhand des aktuellen Wochenplans beantworten könnte und sich auf diese Weise einen Plan schriftlich notiert. In einem zweiten Schritt könnten Sie die Kinder dazu anleiten, ihre Aufgaben auf diese Weise zu planen, sodass sie den Planungsablauf mit der Zeit automatisieren können. 

Tipp: Unsere Veranstaltungen zum Thema ADS / ADHS

Für Eltern: Erfolgreich lernen mit AD(HS)

Für Lehrpersonen: Weiterbildungstag "Schüler/innen mit ADS / ADHS erfolgreich unterrichten"

Autorin dieses Artikels: Stefanie Rietzler

Stefanie Rietzler ist Psychologin und leitet die Akademie für Lerncoaching gemeinsam mit ihrem Kollegen Fabian Grolimund.

Als Expertin für das Thema ADHS hält sie regelmässig Seminare für Eltern und Vorträge an Schulen. Der Elternratgeber "Erfolgreich lernen mit ADHS" (Rietzler & Grolimund) ist 2016 im Hogrefe Verlag erschienen. 

 

Akademie für Lerncoaching
Albulastrasse 57
8048 Zürich

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