ADS / ADHS

Helfen Sie Kindern mit ADHS an die Hausaufgaben zu denken

Die meisten Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizit sind sehr vergesslich. Ein Berufsschüler erklärte mir einmal: „ADS heisst auch, dass ich ständig so ein dumpfes Gefühl habe, jetzt hast du wieder was vergessen, aber ich weiss dann einfach nicht mehr was. Und gleichzeitig platzt mir fast der Kopf mit den ganzen Sachen, an die ich noch denken muss.“ Die Vergesslichkeit ADS/ADHS- Betroffener macht vor allem das Erledigen der Hausaufgaben zu einem grossen Problem.

Das Hausaufgabenheft ist unvollständig, das Arbeitsmaterial fehlt, die erledigten Aufgaben werden nicht eingereicht- die Liste lässt sich weiter fortsetzen. Die ausgeprägte Vergesslichkeit der Schüler mit Aufmerksamkeitsproblemen hängt mit ihrer Diagnose zusammen. Unaufmerksamkeit führt dazu, dass sie Arbeitsaufträge häufig nicht mitbekommen. Zu Hause angekommen behaupten viele von ihnen „Wir haben im Rechnen nichts auf!“ und erleben in der Schule anschliessend eine grosse Überraschung. Ohne eine explizite Aufforderung, sich die Hausaufgaben in das Hausaufgabenheft einzutragen, bleiben die Zeilen in den meisten Fällen leer. Viele Eltern berichten uns, dass es mit dem Eintragen nicht getan sei: Häufig ist den Kindern - zu Hause angekommen - nicht mehr klar, was die Aufträge bedeuten und was genau zu tun ist. Denn das Arbeitsgedächtnis dieser Kinder ist sehr schnell überlastet. Dadurch gehen für sie unwichtige Dinge schnell verloren und werden im richtigen Moment nicht erinnert. Das prospektive Gedächtnis- das zukunftsgerichtete Denken- ist ebenfalls beeinträchtigt: es fällt diesen Kindern äusserst schwer, Aufgaben zu planen, sich zu organisieren und vorauszusehen, welche Materialien für welche Arbeitsschritte benötigt werden. Manche Kinder erscheinen ohne Stifte zum Unterricht, andere stürzen sich völlig chaotisch und unstrukturiert in neue Aufgaben, wieder andere sehen „einen Berg an Aufgaben“ vor sich, der sie überfordert und lähmt. Lehrkräfte können eine ganze Menge dazu beitragen, dass Kinder mit ADS / ADHS lernen, sich besser zu organisieren und dass dadurch auch Hausaufgabenkonflikte zwischen Eltern und Kindern abnehmen. Man kann sich kaum vorstellen, wie dankbar Eltern betroffener Kinder sind, wenn Lehrkräfte sich auf einige wenige Punkte einlassen. Ein erster, wichtiger Punkt besteht darin, die Hausaufgaben so aufzugeben, dass die Kinder diese richtig und vollständig notieren.

Schaffen Sie Hausaufgaben - Routinen, die das Arbeitsgedächtnis entlasten

Wenn man dafür sorgen möchte, dass möglichst alle Kinder ihre Hausaufgaben erledigen, empfiehlt es sich, eine Hausaufgabenroutine einzuführen. Um die Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus zu erleichtern und die Kinder zu entlasten, sollte ab der 1. Klasse ein Hausaufgabenheft geführt werden. Für die Eltern und Lehrkräfte in unseren AD(H)S- Seminaren hat sich folgendes Vorgehen bewährt

  1. Die Eltern tragen mit ihrem Kind jeweils am Anfang der Woche für jeden Schultag der Reihe nach alle Schulfächer in das Hausaufgabenheft ein.
  2. Die Lehrkraft notiert die jeweiligen Hausaufgaben immer am selben Ort auf der Tafel, z.B. rechts unten. Diese Tafelseite ist ausschliesslich für die Hausaufgabennotiz reserviert und wird während der Stunde nicht beschrieben. Eine extra Farbe für die Hausaufgabennotiz kann zudem die Aufmerksamkeitslenkung erleichtern. Diese festen Routinen kommen nicht nur Kindern mit ADS/ADHS, sondern allen Schülern zu Gute. Die Kinder wissen, wo sie die Hausaufgabennotizen finden wodurch die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass diese einfach „überhört oder übersehen“ werden.
  3. Die Hausaufgaben werden immer zu einem festen Zeitpunkt, z.B. am Ende der Stunde - und zwar vor dem Klingeln - notiert. Auch hier steht wieder das Einführen einer Routine im Vordergrund, die das Arbeitsgedächtnis entlastet. Gleichzeitig fordern Kindern mit dem Klingeln zu Recht ihre Pause ein, sodass es im Klassenzimmer hektisch und laut wird. Es ist gerade von den unaufmerksame bzw. „reizoffenen“ Kindern nicht zu erwarten, dass sie in dieser Atmosphäre die Hausaufgaben noch abschreiben.
  4. Das Aufschreiben der Hausaufgaben wird immer mit dem gleichen Satz eingeleitet. Sagt die Lehrerin jeden Tag: „Auf morgen habt Ihr die folgenden Hausaufgaben“, merken nicht nur Kinder mit ADS/ADHS, sondern beispielsweise auch Migrantenkinder, die noch nicht perfekt Deutsch können, dass sie nun das Hausaufgabenheft hervor nehmen müssen. Das Wort Hausaufgaben wird zum Signalwort. Sich ständig ändernde, unauffällige Formulierungen wie „auf morgen habt ihr … auf“, „macht… bis Donnerstag“ werden hingegen überhört.
  5. Die Lehrkraft fordert die Schüler dazu auf, die Hausaufgabenhefte hervorzuholen und die Aufgaben in die jeweilige Zeile einzutragen. Für Kinder mit AD(H)S kann hier eine Extra- Aufforderung notwendig sein. Wenn Sie merken, dass das Kind träumt, rufen Sie es kurz auf oder sprechen eine Erinnerung aus. Sie können sich auch zum Pult des jeweiligen Kindes begeben und unauffällig auf sein Hausaufgabenheft tippen.
  6. Wenn es in einem Fach keine Hausaufgaben gibt, wird die Zeile mit „Keine HA“ versehen. (Dieses Vorgehen entlastet die Eltern besonders, sie können dann davon ausgehen, dass das Kind tatsächlich nichts auf hat und die Wahrheit sagt - Diskussionen erübrigen sich somit.)
  7. Die Lehrkraft führt für das AD(H)S – Kind bei Bedarf ein Kontrollsystem ein.

Führen Sie Kontrollsysteme ein

Wenn ein Kind mit ADS/ADHS häufig die Hausaufgaben vergisst und Sie als Lehrkraft merken, dass das Hausaufgabenheft unvollständig geführt wird, ist ein Kontrollsystem nützlich. Sie können das Kind bitten, am Ende des Schultages jeweils mit seinem Heft nach vorne zu kommen, die Einträge kurz überfliegen und abzeichnen.

Eine andere Möglichkeit ist das „Banknachbarnsystem“. Hierbei kündigen Sie am Ende der letzten Schulstunde an: „Ihr habt jetzt noch 5 Minuten Zeit, eure Hausaufgabeneinträge zu kontrollieren. Nehmt bitte alle euer Hausaufgabenheft hervor und tauscht es mit eurem Nachbarn. Wenn etwas fehlt, weist euren Banknachbarn bitte darauf hin.“ Die zweite Variante hat zwei Vorteile: Erstens profitieren alle Schülerinnen, die Hausaufgabenhefte werden vollständiger und die Kinder lernen, auch füreinander Verantwortung zu übernehmen. Zusätzlich müssen Sie als Lehrkraft für das AD(H)S- Kind keine „Sonderbehandlung“ walten lassen. 

Aktuell: Unsere Veranstaltungen zum Thema ADS / ADHS

Für Eltern: Erfolgreich lernen mit AD(HS)

Für Lehrpersonen: Weiterbildungstag "Schüler/innen mit ADS / ADHS erfolgreich unterrichten"

Autorin dieses Artikels: Stefanie Rietzler

Stefanie Rietzler ist Psychologin und leitet die Akademie für Lerncoaching gemeinsam mit ihrem Kollegen Fabian Grolimund.

Als Expertin für das Thema ADHS hält sie regelmässig Seminare für Eltern und Vorträge an Schulen. Der Elternratgeber "Erfolgreich lernen mit ADHS" (Rietzler & Grolimund) ist 2016 im Hogrefe Verlag erschienen. 

Akademie für Lerncoaching
Albulastrasse 57
8048 Zürich

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