Pausen und Erholung

Lernen während der Ferien

Soll ein Kind während der Ferien lernen? Soll die Zeit genutzt werden, "um aufzuholen" oder braucht das Kind diese Zeit, um sich zu erholen? Die Ansichten dazu gehen weit auseinander. 

Wir haben zu diesem Thema keine generelle Meinung. Viel mehr denken wir: Es kommt auf das Kind und die Umstände an.

Wann es sinnvoll ist, während der Ferien zu lernen

Ferien sind eine Zeit der Entspannung und Erholung, auf die die Kinder angewiesen sind. Dennoch kann es sinnvoll sein, die Schule und das Lernen während dieser Zeit nicht ganz links liegen zu lassen.

Kinder, die Lernschwächen aufweisen und grosse Mühe mit dem Lesen-, Schreiben- oder Rechnenlernen haben, vergessen halbwegs Gelerntes in ihrem Problemfach sehr schnell. Eltern von leseschwachen Kindern haben mir mehrfach berichtet, dass das Erstklasskind die mühselig gelernten Buchstaben während der Sommerferien fast komplett wieder vergessen hatte. Der Frust bei Eltern und Kind war nach den Ferien entsprechend gross und das Kind nur schwer zum erneuten Lernen zu bewegen.

13 hasenbuben

Beim Lernen durchlaufen wir verschiedenen Stadien. Zunächst bilden sich in unserem Gehirn erste schwache Verbindungen zwischen Nervenzellen. Diese werden durch Wiederholung immer stärker - vor allem dann, wenn zwischen den Wiederholungen nicht zu viel Zeit vergeht. Nach mehreren Lerndurchgängen bilden sich starke, stabile Verknüpfungen - zum Beispiel zwischen einem Buchstaben und dem dazugehörigen Laut. Ist die Verknüpfung stabil genug, wird sie kaum mehr vergessen. Würde man Sie 20 Jahre auf eine einsame Insel schicken, auf der es kein Buch und keine Zeitung gibt, könnten Sie bei Ihrer Rückkehr immer noch fliessend lesen. Sie haben die Verbindungen zwischen Buchstaben und Lauten zuvor so oft geübt, dass diese gegen das Vergessen resistent geworden sind.

Das Gleiche können wir als Erwachsene bei anderen Fertigkeiten beobachten: Ist man während 5 Jahren regelmässig Auto gefahren, kann man gut und gerne 10 Jahre pausieren und ist nach ein, zwei Tagen Übung wieder gut unterwegs. Macht man allerdings die Fahrprüfung und fährt danach 5 Jahre nicht mehr, wird man sehr verunsichert sein und vieles wieder neu lernen müssen.

Kinder, die in der ersten Klasse die Buchstaben mühelos gelernt haben, werden bereits über solch stabile Verknüpfungen verfügen - es wird daher kein Problem sein, wenn sie während der Sommerferien nicht zu Lesen aufgefordert werden. Die Kinder, die Mühe damit hatten, verfügen meist nur über instabile Verknüpfungen. Damit nach den Ferien nicht der grosse Schrecken kommt, wäre es daher wichtig, dass in diesem Fall ein wenig geübt wird.  

Sie können Sich als Eltern fragen:

  • Konnte mein Kind im Semester vor den Ferien gut mithalten?
  • Wurden grundlegende Fertigkeiten vermittelt, bei denen mein Kind noch sehr unsicher ist?
Es gibt noch einen weiteren Grund, bei Kindern mit Schwächen darauf zu achten, dass sie in den Ferien ein wenig lesen oder rechnen:

Kinder mit Schwächen vermeiden das Lernen

 
13 hasenmdelKinder, die gut lesen können, lesen meist auch gerne. Sie sitzen während der Autofahrt auf der Rückbank und lesen einen Comic. Sie schleppen ihren Harry Potter oder Gregs Tagebuch mit in die Badi. Sie geniessen es, dass sie während der Ferien etwas länger aufbleiben und am Abend im Bett noch eine Stunde in Ronja Räubertochter schmöckern dürfen. Das gleiche gilt für Kinder, die gerne rechnen: Sie wenden die neu erworbene Kompetenz an und rechnen beim Jassen die Karten zusammen oder rechnen aus, wie viel Taschengeld sie noch benötigen, um sich ihren Wunsch zu erfüllen.
Kinder mit Schwächen in diesem Bereich, gehen dem Lesen oder Rechnen hingegen aktiv aus dem Weg. Ohne Unterstützung vermeiden sie es, in den langen Ferien auch nur einen Satz zu lesen. Die Karten soll bitte jemand anderes zusammenzählen - schliesslich sind Ferien!
Dieser Umstand führt dazu, dass die Kompetenz-Unterschiede zwischen schwachen und starken Schülern während der Ferien noch grösser werden. 

Wie soll ich während der Ferien lernen?

Falls Sie bemerken, dass Ihr Kind bei wichtigen Inhalten (Lesen und Schreiben von Buchstaben, Zahlenkenntnis, Addition und Subtraktion im Zehnerraum, Einmaleins etc.) noch sehr unsicher ist und schnelles Vergessen droht, können Sie die Ferien nutzen, um:

  • Den erreichen Wissensstand aufrecht zu halten und dem Vergessen vorzubeugen
  • Wichtige Grundlagen, die das Kind nicht beherrscht, zu wiederholen
Achten Sie unbedingt darauf, dass das Lernen das Feriengefühl nicht zerstört, indem Sie die Lernzeit beschränken und so in den Tagesablauf einbauen, dass das Kind bei seinen Freizeitaktivitäten nicht unterbrochen wird.
Günstig wäre zum Beispiel - je nach Kind -  eine der folgenden Abmachungen:
  • Wir lesen vor dem Einschlafen gemeinsam 15 Minuten
  • Wir wiederholen immer gleich nach dem Mittagessen während 10 Minuten das Einmaleins
  • Ich diktiere dir immer gleich nach dem Frühstück einmal alle Buchstaben
Hat das Kind in mehreren Bereichen Mühe, könnte abgewechselt werden:
  • Montag, Mittwoch und Freitag lesen wir 15 Minuten, Dienstag und Donnerstag üben wir das Addieren im Zehnerraum
Die Übungen müssen nicht während der ganzen Ferien stattfinden. So wäre es beispielsweise möglich, die erste und die letzte Ferienwoche frei zu halten. Hauptsache, der Abstand wird nicht zu gross.

Wie kann ich mein Kind dazu motivieren, sich an die Abmachung zu halten?

Kinder lassen sich oft im Gespräch dazu motivieren, ein wenig zu üben. Bei Beratungen fragen wir Kinder zum Beispiel: "Du hast ganz viel gelernt in der ersten Klasse. Alle Buchstaben! Jetzt hast du ganz lange Ferien und es wäre schön, wenn du die Buchstaben danach noch weisst. Was meinst du, wärst du bereit, in den Ferien ein wenig mit mir zu lesen?" 

Witzigerweise antworten die Kinder darauf fast immer mit ja - und wenn wir sie fragen, wieviel Zeit sie dafür aufwenden würden, erhalten wir meist Antworten wie: "Eine Stunde pro Tag?"
 
Darauf können wir sagen: "Du, eine Stunde ist aber ganz schön viel. Ich fände es schon super, wenn du jeden Tag 15 Minuten übst - dafür konzentriert. Wäre das o.k. für dich?"
 
Auch hier sagen die Kinder bereitwillig zu. Das bedeutet natürlich noch nicht, dass sie dann "wenn  es um die Wurst geht" immer noch so begeistert dabei sind - aber es ist ein Anfang.
 
Wir schliessen die Stunde dann oft mit einem Vertrag ab. Die Kinder und ihre Eltern vereinbaren darin, was, wann und wie gelernt wird. Weil das Kind bereit ist, in den Ferien zu lernen, obwohl es dies von der Schule aus nicht müsste, machen wir je nach Kind eine kleine Belohnung aus. Zum Beispiel darf das Kind 20 Minuten länger aufbleiben, 15 Minuten mit dem Vater ein Spiel machen oder eine längere Gute-Nacht-Geschichte hören. Mit materiellen Belohnungen sind wir sehr vorsichtig, haben aber auch schon gute Erfahrungen damit gemacht. Eine Mutter, deren Kind unbedingt eine Lego-Burg wollte, hat die Burg vor den Ferien gekauft und die Legosteine durch 25 geteilt. Nach jeder Leseübung erhielt das Kind ein paar Legosteine. Im Laufe der Ferien wuchs die Burg. Das Kind war nach den Ferien ganz stolz und meinte zum Besuch: "Die habe ich mir mit Lesen verdient!" Achten Sie hier aber unbedingt darauf, dass das Kind einsieht, dass es eine solche Belohnung nur für die zusätzliche Anstrengung gibt und nicht für die Hausaufgaben.
 
Ein Vertrag kann folgendermassen aussehen:

Vertrag

Ich, Tobias, möchte, dass ich die Buchstaben nach den Ferien immer noch so gut kann.
Was mache ich dafür?
  • Ich lese immer nach dem Mittagessen 15 Minuten mit meiner Mutter
  • Das Wochenende ist aber frei!
Was bekomme ich dafür?
  • An den Lese-Tagen darf ich 20 Minuten länger aufbleiben
Unterschrift Tobias:_________________ Unterschrift Mami und Papi:_________________

Spielerisch lernen

Die Ferien eignen sich auch, um sich den schulischen Inhalten von einer anderen Seite zu nähern. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie ich in den Sommerferien nach der zweiten Klasse auf einer langen Autofahrt mein erstes Comic gelesen und damit das Lesen überhaupt für mich entdeckt habe. In der vierten Klasse waren meine beiden Cousins bei uns in den Ferien - und es war fester Bestandteil der Ferien, dass wir alle nach jedem Ausflug Tagebuch geführt haben. Wir haben Bilder und Postkarten des Ausflugziels in ein Heft geklebt und beschrieben, was wir erlebt haben.
 
Gerne empfehlen wir Ihnen auch einige Spiele zum Lesen und zum Rechnen.

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Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler leiten gemeinsam die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Beide verbindet die große Begeisterung und Leidenschaft für das Schreiben von Büchern und für die Entwicklung neuer Projekte

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