Kinder motivieren

Mission Motivation - was wir von Computerspielen lernen können

Wie gebannt starrt Sandro auf den flackernden Bildschirm seiner Spielkonsole. Seine Finger huschen blitzschnell über den Controller, die Mimik ein Wechselspiel aus Freude, Stolz, Frustration und Aggression. Sandros Mutter steht der Gaming-Begeisterung ihres Sohnes kritisch gegenüber. Sie würde es begrüssen, wenn ihr Sohn in seiner Freizeit lieber einmal die Nase in ein Buch stecken oder mit einem realen Fussball nach draussen gehen würde, anstatt ihn nur virtuell über den Rasen zu schieben. Wenn diese Begeisterung und Ausdauer doch nur einmal auf andere Bereiche überschwappen könnte!

Videogames sind so gestaltet, dass Kinder und Jugendliche stundenlang in ihnen versinken und alles um sich herum vergessen können. Auch wenn der Controller ab und zu verärgert in die Ecke gepfeffert wird, lassen sich die meisten Kinder und Jugendlichen bereits einige Minuten später wieder auf das Spiel ein. Es scheint, als hätten diese Games die Motivation gepachtet und brächten den Frust ebenso schnell zum Schmelzen, wie er aufgetreten war.

Ob wir es wollen oder nicht- als Erwachsene können wir von Computerspielen eine Menge lernen. Insbesondere darüber, wie man Kinder und Jugendliche nach allen Regeln der Kunst motiviert.

Welche Prinzipien stecken hinter den beliebten Games? Und inwiefern lassen sich diese auf das schulische Lernen übertragen?

Bunt und actionreich

Videospiele sind vor allem eins: spannend! Sie holen die Spieler bei ihren Wünschen ab und ermöglichen es ihnen, die Realität für einen Moment abzustreifen und in eine andere Rolle zu schlüpfen- egal ob ein erfolgreicher Fussballer, ein gewieferter Stratege oder furchtloser Soldat. Die Themen und Illustrationen treffen den Nerv der Zielgruppe und beugen damit Langeweile vor.

Wie sieht das bei Ihnen aus? Lässt sich Ihr kleiner Lesemuffel vielleicht mit einem bebilderten Star-Wars-Buch dazu animieren, vor dem Schlafengehen einige Wörter oder Sätze mit Ihnen zu lesen? Kann ein langweiliges Thema durch spannende Videos oder Podcasts aus dem Internet aufgepeppt werden? Oder braucht es für manche „Missionen“ vielleicht einfach einen „Mitspieler“ – einen Klassenkameraden, mit dem Ihr Kind die Hausaufgaben gemeinsam erledigen oder für die Prüfung lernen kann?

Eine eigene Mission

Videospiele geben den Spielern das Gefühl, Teil eines wichtigen Auftrages oder einer bedeutsamen Mission zu sein. Dabei wird den Spielern die Wahl gelassen, welche Mission sie zu welchem Zeitpunkt mit welcher Strategie erfüllen möchten. Schliesslich ist Motivation selten auf dem Boden von Zwängen und Vorschriften gewachsen. Im Gegenteil: die Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit lässt Gross und Klein aufblühen. Lediglich das Ziel wird vorgegeben. Vielleicht arbeitet auch Ihr Kind bereitwilliger mit, wenn Sie ihm bei seinen Aufgaben mehr Mitspracherecht einräumen? Könnte es –je nach Alter- frei entscheiden, wo und wann es seine Aufgaben erledigt oder welche Reihenfolge ihm zusagt? Je eher Kinder das Gefühl haben, in eine wichtige Entscheidung mit einbezogen zu werden, desto verantwortlicher fühlen sie sich dafür. Auf der anderen Seite können wir Kindern und Jugendlichen helfen, das Lernen als „einen sinnvollen Auftrag“ zu begreifen, indem wir einen Bezug zu ihrem Alltag herstellen. Vielleicht überlassen Sie Ihrem Kind beim nächsten Ausflug die Führung und lassen sich zur richtigen Zugverbindung führen. Wie nützlich dabei das Lesen der Schilder und Aushänge ist! Oder bemerkt Ihr Kind beim Einkauf stolz, wie hilfreich das Kopfrechnen ist, wenn Sie es bitten, das Rückgeld zu berechnen und zu zählen? Jugendliche schöpfen oft neue Motivation, wenn sie in einem Praktikum oder bei der Recherche im Berufsinformationszentrum erfahren, welche Fähigkeiten und Schulfächer sie für ihren Traumberuf benötigen. Ein konkretes, ernstes Gespräch mit einem Lehrmeister oder einer Fachperson ist oft nützlicher als schwammige Aussagen der Eltern wie: „Das brauchst du für später!“ So war es für eine Berufsschülern ein eindrücklicher Moment, als sie beim Durchsehen mehrere Stellenanzeigen ihres Traumjobs immer wieder lesen musste: Gute Englisch- und Französischkenntnisse in Wort und Schrift erforderlich. Meinte sie bisher: Französisch brauche ich eh nicht - ich will sowieso nicht ins Welschland", dachte sie nun: "Wenn ich meinen Traumjob will, muss ich das können - am besten profitiere ich so gut wie möglich vom Unterricht!" Es ging plötzlich nicht mehr um Noten oder die Schule, sondern um die "Mission Traumjob".

Sinn-Lernmotivation

Learning by doing!

Computerspiele und Videogames halten sich nicht mit langen Erklärungen auf. Die Instruktionen sind kurz, klar und durch Bilder oder Symbole illustriert. Alles ist auf ein rasches Begreifen und Umsetzen ausgerichtet. Gerade wenn etwas neu ist, können ausführliche Erklärungen verwirrend wirken. Das gilt auch für das schulische Lernen. Tipp: Beschränken Sie sich auch hier lieber auf einen Lösungsweg, setzen Sie Anschauungsmaterial sparsam ein und steigen Sie möglichst bald in das Üben ein-dann wird Ihr Kind rasch Fortschritte erzielen!

Level up!

Direktes, rasches Feedback hilft Kindern nicht nur, aus Fehlern zu lernen, sondern spornt sie auch an, sich über gute Leistungen zu freuen und diese erhalten zu wollen. Computerspiele nutzen diesen Faktor und ermöglichen rasche Erfolgserlebnisse, indem sie den Fokus des Spielers auf wichtige Verhaltensweisen lenken. Positive Punkte und Verbesserungsmöglichkeiten werden klar benannt, z.B. „guter Schuss!“ Oder: „Springe nächstes Mal höher, um die Plattform zu erreichen.“. Anders als bei schwammigen Aussagen wie „super“ oder „klasse“ fällt es dem Spieler dadurch leichter, sich zu verbessern und zu entwickeln. Überlegen auch Sie sich, worauf Sie Ihren Fokus richten möchten und melden Sie Ihrem Kind Ihre Beobachtungen zurück, z.B.: „Hey Champion, du bist heute sehr konzentriert!“ oder „Du bist gerade am Träumen. Ich glaube, du brauchst eine Pause!“

Entwicklung und Fortschritte

Die Programmierer beliebter Videogames sind penibel darauf bedacht, die Fortschritte des Spielers aufzeichnen zu können. Mit viel Tamtam verdeutlicht das Game immer wieder, welche Gegenstände der Spieler bereits gesammelt, welche Missionen er abgeschlossen und wie sich sein Spielcharakter im Laufe des Spiels entwickelt hat. Vielleicht bekommt auch Ihr Kind leuchtende Augen, wenn Sie ihm immer wieder seine Fortschritte vor Augen führen? Egal ob Sie die Anzahl der richtigen Rechnungen eine Zeit lang notieren, die Lesegeschwindigkeit alle paar Wochen auf Tonband aufnehmen oder alte Hefte zücken und diese mit aktuelleren vergleichen– Ihr Kind wird erstaunt sein, wenn es seine Entwicklung schwarz auf weiss sieht. Es gibt kaum ein besseres Beharrlichkeits-Rezept als das Erlebnis: „Durch Anstrengung und Übung werde ich immer besser und es gibt jemanden, der sich mit mir darüber freut!“

Keine Abwechslung, wenn sich nichts tut

Im Spiel kommt irgendwann zwangsläufig Frust auf: Der Spieler beisst sich an einer Mission oder einem Level die Zähne aus. Damit der Spieler nicht einfach frustriert aufgibt, sind Computerspiele so angelegt, dass das Game nicht einfach weiterläuft. Stattdessen wird der Spieler immer wieder zum letzten wichtigen Punkt zurückgeführt und er erhält dort die Möglichkeit, solange zu trainieren, bis er das Level bewältigen kann und ein Erfolgserlebnis hat. Möglicherweise könnte Ihnen dies auch beim Üben mit Ihrem Kind helfen? Unser Tipp: Wiederholen Sie schwierige Aufgabentypen ruhig einige Male, bevor Sie eine neue, schwierigere Aufgabe vorgeben. So schöpft Ihr Kind Vertrauen in seine Fähigkeiten und macht wichtige Bewältigungserfahrungen.

Sandro daddelt munter weiter – und ahnt nichts von all dem, während er wie hypnotisiert auf den Bildschirm starrt. 

Autorenteam

Stefanie Rietzler ist Psychologin und leitet die Akademie für Lerncoaching gemeinsam mit ihrem Kollegen Fabian Grolimund.

Als Experten für das Thema Lernen halten die beiden regelmäßig Seminare für Eltern. Ihre gemeinsame Leidenschaft gilt dem Schreiben von Büchern:

         

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