Kinder motivieren

Lernmotivation fördern: Die Macht des positiven Etiketts

"Du bist immer in den Wolken", "Rechnen ist einfach nicht ihre Stärke" oder "Sie war schon immer eine Schüchterne" - wenn wir solche Sätze zu oder über unsere Kinder sagen, haben wir das Gefühl, dass wir sie damit lediglich beschreiben. Es ist uns viel zu wenig bewusst, dass wir sie und ihre weitere Entwicklung damit gleichzeitig beeinflussen.

Bei der letzten Durchführung unseres Seminars „Kinder fürs Leben stärken“ haben wir einen kurzen Ausschnitt aus dem Film „That’s what I am“ gezeigt.

Der Junge, der im Film die Hauptrolle spielt, wird dazu aufgefordert, zusammen mit einem anderen Jungen eine Arbeit zu schreiben. Am Ende der Schulstunde entspinnt sich zwischen ihm und seinem Lehrer der folgende Dialog:

Junge: Mr. Simon, ich denke nicht, dass ich der richtige Partner für Big G bin, äh ich meine natürlich Stanley.

Lehrer: Wieso denken Sie das?

Junge: Äh, na ja.. er ist ne ganze Ecke schlauer als ich und ich bin nicht so gut im Schreiben. Ich könnt' die Arbeit vermasseln.

Lehrer: Das beurteile ich anders. Ich finde Ihren Schreibstil faszinierend. Sie sind ein scharfer Beobachter mit überraschenden Standpunkten. Unter'm Strich ruht unter Ihrer schwachen Grammatik und grauenhaften Rechtschreibung das Herz und die Seele eines grossartigen Schriftstellers. 

Junge: Wirklich?

Lehrer: Wirklich. ... Gefällt Ihnen das Schreiben?

Junge: Irgendwie schon. Manchmal... wenn so eine Geschichte entsteht.

Lehrer: Wenn Sie etwas besonders mögen und gut darin sind, sollten Sie sich klar machen, was Sie am liebsten sein wollen.

Junge: Ich versteh' nicht...

Lehrer: Sprechen Sie mir nach: Ich bin ein Schriftsteller, das will ich sein.

Junge (zögert): Ich bin ein Schriftsteller, das will ich sein.

Lehrer: Das versuchen wir jetzt noch mal. Stehen Sie aufrecht, Schultern zurück, tief luftholen: Ich bin ein Schriftsteller, das will ich sein.

Junge (selbstbewusst): Ich bin ein Schriftsteller, das will ich sein!

Lehrer: Ausgezeichnet. Sie können gehen Andrew. Gehen Sie schreiben.

Junge: Ja, mach' ich.

Was tut der Lehrer in diesem Moment?

Er belegt den Jungen mit einem „Etikett“ (Ich bin ein Schriftsteller) und gibt ihm eine Anweisung, die mit dem Etikett in Übereinstimmung steht (geh schreiben). Mit einem Etikett ist hier tatsächlich so etwas wie ein Aufklebeschild auf einem selbstgemachten Marmeladenglas gemeint. Im bildlichen Sinne schreiben wir eine Charaktereigenschaft oder eine Begabung auf das Schild, "kleben" es auf das Kind und beeinflussen auf diese Weise, wie es sich weiter entwickeln wird.

Kann so etwas funktionieren? 

Aus eigener Erfahrung kann ich (Fabian Grolimund) dem zustimmen. Mir selbst ist etwas sehr ähnliches passiert. Gegen Ende meiner Gymnasialzeit meinte meine Deutschlehrerin zu mir: „Fabian, von dir will ich ein Buch lesen.“ Dieser Satz hat sich in mein Gehirn eingebrannt: Vorher hatte ich nie über diese Möglichkeit nachgedacht – danach war es für mich klar, dass ich irgendwann ein Buch schreiben musste - es wurde von einer Lehrerin, von der ich sehr viel hielt, von mir erwartet.

Dass diese „Etikettierungstechnik“ nicht nur in Einzelfällen funktioniert, konnte die Forschung anhand von Studien belegen. Die beiden Forscher Alice Tybout und Richard Yalch führten mit US-Bürgern vor den Wahlen einen Fragebogen durch. Danach wählten sie per Zufall eine Hälfte der Teilnehmer aus und sagten diesen, dass sie aufgrund der Antworten als überdurchschnittlich engagierte Bürger charakterisiert werden können. Der anderen Hälfte wurde gesagt, sie seien durchschnittlich engagiert. Die Personen, die als überdurchschnittlich engagiert betitelt wurden, schätzten sich danach nicht nur selbst als „bessere Bürger“ ein, sondern gingen auch öfter wählen.

Prof. Cialdini und sein Team kamen in einer Studie, die sie in einer Schule durchführten, zu ähnlichen Ergebnissen. Sie wiesen Lehrerpersonen dazu an, zufällig ausgewählte Kinder mit einem Etikett zu belegen. Dazu sagten die Lehrer zu bestimmten Kindern, dass sie wie jemand wirken würden, der Wert auf eine schöne Handschrift legt. Tatsächlich liess sich nachweisen, dass diese Kinder in der Folge in ihrer Freizeit häufiger Schreiben übten.

So wie es jedoch eine positive Wirkung haben kann, wenn wir andere mit einem Etikett belegen, so können auch negative Folgen entstehen, wenn Kinder oder Erwachsene ein Etikett erhalten.

Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn Eltern oder Lehrkräfte Misserfolge von Kindern auf stabile, in der Person angesiedelte Defizite zurückführen. Eine Studie konnte zeigen, dass Kinder nach einigen Monaten kaum mehr bereit sind, sich auf Aufgaben in einem bestimmten Bereich einzulassen, wenn ihre Eltern Misserfolge auf mangelnde Begabung zurückführen und zum Beispiel Dinge sagen wie:

  • „Mathe ist halt nicht so dein Ding – dafür bist du gut im Sport.“
  • „Mir ging das früher genau gleich, bei uns in der Familie haben alle Mühe mit Sprachen.“
  • „Du bist halt einfach nicht der Bewegungstyp."

Durch solche Sätze entsteht beim Kind die feste Überzeugung, für ein bestimmtes Fach oder Gebiet keine Begabung aufzuweisen. Das Kind kann daraus sehr schnell schliessen, dass sich damit auch das Üben nicht lohnt – wie im folgenden Dialog, den meine Kollegin Nora Völker mit einem rechtschreibschwachen Kind hatte:

Nora: Komm, wir müssen noch Lesen üben.

Junge: Muss ich nicht – ich habe Lese-Rechtschreibschwäche!

Nora: Genau deshalb üben wir.

Junge: Weisst du denn nicht, was eine Lese-Rechtschreibschwäche ist? Dann kann nicht lesen lernen!

Solche unerwünschten Folgen einer Diagnose werden in der Psychologie als „Stigmatisierung“ bezeichnet. Das mit dem Etikett belegte Kind und seine Umwelt bauen bestimmte Erwartungen auf, die mit dem Etikett übereinstimmen und ein entsprechendes Verhalten fördern.

kind sieht sich als dummkopf

Wird bei einem Kind eine Diagnose gestellt – was wichtig ist, um wirksam helfen zu können – sollte daher darauf geachtet werden, dass damit gleichzeitig positive Erwartungen verknüpft werden.

Das Kind kann dann beispielsweise wissen, dass es eine Lese-Rechtschreibschwäche oder ein ADHS hat und dass es ihm dadurch schwerer fallen wird, lesen und schreiben zu lernen oder sich zu konzentrieren. Es sollte aber auch wissen, dass es dadurch umso wichtiger ist, dass es übt und dass es durch die richtigen, regelmässig durchgeführten Übungen in der Lage ist, Fortschritte zu erzielen. Der Junge war sehr erstaunt, als ihm Nora sagte, dass sie selbst eine Lese-Rechtschreibschwäche hat, dies aber durch viel Übung überwinden konnte.

Manchmal hilft dabei ein weiteres Etikett. Als ich einen Jugendlichen in der Beratung hatte, der durch seine vielen schulischen Misserfolge völlig frustriert war, sagte ich folgendes zu ihm:

„Weisst du, was mir an dir so gefällt? Dass du jemand bist, der das alles einkassiert und trotzdem wieder aufsteht und weitermacht. Das braucht Durchhaltewillen und einen starken Charakter. Ich glaube, dass es keine andere Eigenschaft gibt, die einem später im Berufsleben mehr nützen kann als diese Steh-auf-Mentalität.“

Wir diskutierten, wie dieser Charakterzug ihm bereits jetzt in der Lehre und in der Schule hilft und fanden viele Beispiele. Der Junge meinte, dass er diese Fähigkeit gerne noch weiter ausbauen möchte, um die Phasen der Enttäuschung zu verkürzen und noch schneller „aufzustehen“. Er fand dafür den Begriff "Rocky-Mentalität" - nach dem Film-Boxer Rocky Balboa, der zwar nicht immer gewinnt, aber immer wieder aufsteht. Mehr dazu erfahren Sie im Artikel "Ich kann das nicht - Selbstwirksamkeit bei Kindern fördern".

attribution - dynamisches selbstbild

Vorsicht: Manche scheinbar positive Zuschreibungen haben negative Effekte!

Die Rocky-Mentalität machte diesem Jungen seine Stärke bewusst, immer wieder aufzustehen und sich nicht entmutigen zu lassen. Andere "positive" Zuschreibungen haben jedoch nachgewiesenermassen einen negativen Effekt. Dazu sind solche zu zählen, die sich auf stabile, unveränderbare Merkmale wie Intelligenz oder Begabung beziehen. In Studien (zum Beispiel von Carol Dweck) konnte gezeigt werden, dass Kinder, die oft als klug, begabt oder intelligent bezeichnet werden, sich mit der Zeit weniger anstrengen, da sie ihre Leistung auf ihre Intelligenz oder Begabung zurückführen und nicht auf Übung, Training und Anstrengung. Sie entwickeln zudem Angst davor, sich auf neue oder schwierige Aufgaben einzulassen, da sie Misserfolge als bedrohlich ansehen: Mit dem Glauben, Erfolg sei Begabungssache kommt auch die Überzeugung, dass Misserfolge ein Zeichen mangelnder Intelligenz oder Fähigkeiten seien. 

Mit Etikettierungen sollte man daher sehr vorsichtig umgehen. Sie können dann einen positiven Effekt haben, wenn sie:

  1. Ehrlich gemeint sind
  2. Von einer Person kommen, die man respektiert und mag
  3. Eigene Motive und Wünsche ansprechen oder eine neue Sichtweise auf sich selbst ermöglichen (im Sinne von: „Stimmt, so habe ich mich noch nie gesehen – aber es trifft zu!“)
  4. Und ein dynamisches Selbstbild fördern 

Mit dem letzten Punkt ist gemeint, dass es sinnvoll ist, wenn wir einem Kind vermitteln, dass es jemand ist, der/die:

  • Dazulernen kann
  • Mit Misserfolgen zurechtkommt
  • Mutig ist 
  • Ausdauer hat
  • Freundlich und grosszügig ist

Unsere Seminare für Eltern und Lehrer/innen:

Für alle Eltern, die Ihrem Kind eine schöne Schulzeit ermöglichen möchten: Die besten Lernstrategien für Primarschulkinder!

Für Eltern von Kindern mit ADHS: Erfolgreich lernen mit ADHS

Für Eltern, die Ihr Kind im Alltag stärken möchten: Kinder fürs Leben stärken

Unser neues Seminar für Lehrpersonen: Wie Schule gelingt

Mehr über diese und andere Überzeugungstechniken lesen Sie in den kurzweilig geschriebenen Büchern „Die Psychologie des Überzeugens“ und „Yes! Andere überzeugen – 50 wissenschaftlich gesicherte Geheimrezepte“ von Prof. Cialdini.

Autorenteam

Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler sind Psychologen. Gemeinsam leiten sie die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Beide verbindet die große Begeisterung und Leidenschaft für das Schreiben von Büchern.

Akademie für Lerncoaching
Albulastrasse 57
8048 Zürich

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