ADS / ADHS

Begegnen Sie dem "Zappeln" im Unterricht proaktiv

Schüler im Unterricht zu betreuen, die während der Stunde von ihrem Platz aufstehen und im Klassenzimmer herumgehen, sich auf ihrem Stuhl winden oder darauf herumturnen und dabei mit den Händen auf dem Tisch einen Takt klopfen, kann die Nerven strapazieren.

Hyperaktive Kinder können ihren Bewegungsdrang kaum unterdrücken- sie müssen zappeln und in Bewegung bleiben auch wenn sie dies gerne abstellen würden. Zwingt man Kinder mit einer Aufmerksamkeits–Defizit–Hyperaktivitäts–Störung still auf ihrem Platz zu sitzen, so kostet sie dies unheimlich viel Energie. Wie wir häufig beobachten können nimmt der Bewegungsdruck betroffener Kinder in einer Phase des Stillsitzen-Müssens derart stark zu, dass er sich anschliessend überkompensatorisch entlädt. Ein Jugendlicher mit einer ADHS, den ich im Laufe der Zeit kennen lernen durfte, verglich seinen Bewegungsimpuls mit einem Juckreiz: „Das ist wie wenn ein Mückenstich ganz furchtbar juckt. Dir ist bewusst, dass du nicht kratzen darfst auch wenn du dich kaum auf etwas anderes konzentrieren kannst. Also versuchst du den Drang einfach zu ignorieren, aber je länger du wartest, desto schlimmer wird er. Irgendwann hast du den Eindruck, du wirst verrückt, wenn du jetzt nicht endlich etwas unternimmst. Und wenig später erwischt du dich dabei, wie deine Hände auf der juckenden Stelle auf und ab reiben, weil der Drang so stark war, dass alle guten Vorsätze nichts geholfen haben…“

Viele Eltern und Lehrkräfte erzählen uns in unseren Seminaren und Weiterbildungen, dass das Zappeln hyperaktiver Kinder sie selbst ganz hibbelig und nervös mache. Doch nicht nur Eltern und Lehrkräfte, sondern auch manche Schüler fühlen sich durch das „Gezappel“ ihres Klassenkameraden gestört. Was können Sie also als Lehrkraft tun, um die Situation so zu gestalten, dass alle Seiten profitieren? Wie können Sie Unterrichtsstörungen vorbeugen und sich selbst damit im Schulalltag entlasten? In diesem Artikel möchten wir Ihnen einige wenige Möglichkeiten vorstellen, die sich in vielen Fällen bewährt haben.

Reduzieren Sie sichtbare Signale indem Sie ein Sitzkissen einsetzen

Viele Schüler mit ADHS rutschen permanent auf ihrem Stuhl herum. Obwohl die Hyperaktivität mit zunehmenden Alter abnimmt, haben auch erwachsene Betroffene teilweise noch Schwierigkeiten, über einen längeren Zeitraum still zu sitzen. Häufig fühlen sich die Banknachbarn durch diese andauernde Unruhe gestört. Eine Mutter in unserem „Erfolgreich lernen mit AD(H)S“- Seminar, die selbst ADHS betroffen war, löste dieses Problem sehr einfach: Sie brachte zum Kurstag ein flaches, luftgefülltes Sitzkissen mit. Auf diesem konnte sie unbemerkt hin und her rutschen. Denn die Verformbarkeit des Kissens sorgte dafür, dass ihre Bewegungen neutralisiert wurden und somit für die anderen Anwesenden kaum sichtbar waren.

Erlauben Sie hyperaktiven Schülern während der Aufgabenbearbeitung zu stehen

Die Konzentrationsfähigkeit nimmt bei vielen hyperaktiven Schülern zu, wenn sie ihre Aufgaben im Stehen erledigen dürfen. Manche Schulen arbeiten aus diesem Grund mit Stehpulten, die zum Beispiel während der Stillarbeit genutzt werden können. Doch auch wenn ihre Schule nicht derart modern ausgerüstet ist, können Sie diese Methode nutzen: Die meisten hyperaktiven Schüler sind bereits dankbar, wenn sie während der Stillarbeit aufstehen und sich über ihre Schulbank beugen oder am Fenstersims schreiben dürfen.

Setzen Sie Bewegungspausen ein

Die Forschung zeigt, dass Bewegung die Durchblutung des Gehirns fördert und die Aufnahmebereitschaft für neue Informationen und Inhalte erhöht. Studien mit ADHS-Kindern belegen, dass kurze Bewegungspausen nicht nur das impulsive Arbeiten reduzieren, sondern dass sich im Zuge dessen auch Verbesserungen in Leseverständnis- und in Mathematiktests nachweisen lassen. Lehrkräfte können sich dieses Wissen zunutze machen, indem sie regelmässige, kurze Bewegungseinheiten bewusst in den Unterrichtsablauf integrieren. Im Unterricht könnte man

  • Die Kinder bitten, nach vorne zu kommen, um sich das Arbeitsblatt abzuholen
  • Die Klasse dazu anleiten, kurz aufzustehen, sich zu recken und zu strecken oder die „Apfelpflücker- Übung“ zu machen
  • Die Schüler eine Minute lang auf einem Bein auf der Stelle hüpfen lassen
  • Die Kinder dazu einladen, die Stühle an den Tisch zu schieben und  10 Kniebeugen am Platz zu machen

Um solche Bewegungseinheiten einzuführen, braucht es am Anfang ein wenig Mut. Die meisten Lehrkräfte machen jedoch die Erfahrung, dass diese kurzen Bewegungspausen allen Schülern gut tun, indem sie die Motivation erhöhen, die Erholung fördern und ein wenig Abwechslung in den Unterrichtsalltag bringen. Ganz wichtig ist, dass die Bewegungseinheiten von der Lehrperson bewusst angeleitet und klar gesteuert werden.

Vereinbaren Sie mit Ihrem „Zappelphilip“ ein Zeichen

Manchmal ist auch eine Sonderregelung sinnvoll. Frau Wiedemann, eine Primarlehrerin, ärgerte sich darüber, dass ihr Schüler Tobias während des Unterrichts regelmässig unerlaubt aufstand und im Klassenzimmer herumging. Obwohl Frau Wiedemann Tobias schon öfter ermahnt, mit  ihm gesprochen und ihn gebeten hatte, sitzen zu bleiben, liess sich keine Besserung beobachten. Auch Strafen halfen nichts. Tobias‘ Ausflüge durch das Klassenzimmer brachten Unruhe in das Klassengeschehen- auch andere Kinder gaben zu verstehen, dass sie sich durch dieses Verhalten gestört fühlten. Frau Wiedemann entschloss sich dazu, eine „Bewegungsabmachung“ mit Tobias zu treffen. Nach dem Unterricht bat sie ihn, ihr noch kurz beim Wischen der Tafel zu helfen. Sie nutzte diesen ruhigen Moment , um mit Tobias in’s Gespräch zu kommen:

Frau Wiedemann: Tobias, mir ist aufgefallen, dass es dir manchmal schwer fällt, im Unterricht sitzen zu bleiben und weiter aufzupassen. Ich habe den Eindruck, dass du dich dann unbedingt bewegen musst, damit du dich wieder konzentrieren kannst. Stimmt das?

Tobias: Hm…

Frau Wiedemann: Ich würde dir gerne dabei helfen, dass du und die anderen Kinder im Unterricht gut aufpassen können. Möchtest du das auch?

Tobias (ein wenig kleinlaut): Eigentlich schon.

Frau Wiedemann: Tobias, ich habe mir etwas überlegt. Ich verstehe, dass es schwierig für dich ist, so lange am Stück ruhig sitzen zu bleiben. Manchen Kindern hilft es, wenn sie dann kurz aus dem Klassenzimmer gehen und ein paar Mal auf dem Gang auf und ab laufen. Meinst du, das würde dir auch helfen, wenn du hibbelig wirst?

Tobias: Kann schon sein.

Frau Wiedemann: Wollen wir das mal ausprobieren in der nächsten Woche?

Tobias: O.K.

Frau Wiedemann: Das freut mich. Ich möchte mit dir ein Zeichen vereinbaren, damit ich weiss, wann du es nicht mehr aushältst und eine kurze Pause brauchst. Wie könntest du mir das zeigen?

Tobias (überlegt): Ich könnte mich strecken und mit dem Daumen und Zeigefinger so auf die Türe zeigen…so… (zeigt das Zeichen)

Frau Wiedemann: Das finde ich eine sehr gute Idee. Wenn du mir das Zeichen gibst und ich dir zunicke, darfst du kurz auf den Gang und hinaus und herumlaufen. Wenn ich die Türe wieder öffne, möchte ich, dass du zurückkommst und dich wieder auf deinen Platz setzt, in Ordnung?

Tobias: In Ordnung.

Frau Wiedemann: Wenn ich merke, dass du zappelig wirst, gebe ich dir auch das Zeichen, damit du nach draussen gehen kannst, ok?

Tobias: Ok.

Frau Wiedemann: Abgemacht. Ich würde gerne mit dir eine „Testwoche“ für unsere Abmachung festlegen. Wenn alles gut klappt, können wir verlängern. Nächsten Montag reden wir noch einmal und schauen, wie unsere Abmachung geklappt hat, ok? (streckt Tobias die Hand hin)

Tobias (schüttelt die Hand): Ok.

Als Tobias am nächsten Morgen das Klassenzimmer betritt, nimmt Frau Wiedemann ihn kurz zur Seite, lächelt ihm zu, macht das vereinbarte Zeichen noch einmal vor und sagt: „Bist du bereit? Ab heute gilt’s.“ Sie achtet darauf, Tobias dafür zu loben, wenn er sich an die Abmachung hält und betont nach einiger Zeit, dass sich nun alle Kinder viel besser konzentrieren könnten.

Manche Lehrkräfte befürchten, dass irgendwann alle Schüler eine solche Regelung möchten oder sich ungerecht behandelt fühlen, wenn diese nur für Schüler wie Tobias gilt. Unserer Erfahrung nach sind Kinder in den meisten Fällen bereit, solche Ausnahmen ohne Wiederrede zu akzeptieren, da sie bereits selbst beobachten konnten „dass der Tobias immer zappelt und einfach nicht still sitzen kann.“

Je nach Kind ist es wichtig, ganz klar zu vereinbaren, wie die Bewegungspause aussieht, was erlaubt ist und was nicht. Zum Beispiel: "Du rennst fünf mal im Gang hin und her - nur hier im Gang. Es ist wichtig, dass du dabei ruhig bleibst - sonst störst du die anderen Lehrer. Bevor du reinkommst atmest du ein paar Mal langsam ein und aus und wartest, bis dein Herz wieder normal schnell klopft, o.k.? Dann gehst du ruhig wieder an deinen Platz. Wollen wir das mal üben?"

Tipp: Unsere Seminare rund um AD(H)S

Für Eltern: Erfolgreich lernen mit AD(HS)

Für Lehrpersonen: Weiterbildungstag "Schüler/innen mit ADS / ADHS erfolgreich unterrichten"

Autorin dieses Artikels: Stefanie Rietzler

Stefanie Rietzler ist Psychologin und leitet die Akademie für Lerncoaching gemeinsam mit ihrem Kollegen Fabian Grolimund.

Als Expertin für das Thema ADHS hält sie regelmässig Seminare für Eltern und Vorträge an Schulen. Der Elternratgeber "Erfolgreich lernen mit ADHS" (Rietzler & Grolimund) ist 2016 im Hogrefe Verlag erschienen. 

Akademie für Lerncoaching
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