ADS / ADHS

Schule und ADHS - Die Beziehung ist die Basis

Kinder mit ADHS können für Lehrpersonen sehr fordernd sein. So haben Studien beispielsweise gezeigt, das Lehrpersonen beim Unterrichten hyperaktiver Kinder deutlich erhöhte Stresswerte zeigen. Kinder, die nicht zuhören, unkonzentriert sind, ständig aufstehen, impulsiv reagieren, mit Antworten herausplatzen und den Unterricht durch Zwischenrufe stören, können Lehrer/innen auf die Palme bringen. Konflikte, die die Beziehung zwischen Kind und Lehrperson belasten, sind daher keine Seltenheit. Gerade deshalb ist es - wie dieser Artikel zeigen wird - zentral, jeden Tag neu an der Lehrer-Schüler-Beziehung zu arbeiten.

Was machen eine gute Lehrkraft aus?

Dürfen wir Ihnen eine kurze Übung vorschlagen? Ja?

Nehmen Sie einen Stift zur Hand und denken Sie an Ihren Lieblingslehrer, Ihre Lieblingslehrerin zurück. An die Person, die Sie am meisten fürs Lernen motiviert hat und vielleicht noch heute Ihr Vorbild ist. Fragen Sie sich:

Was hat diese Person ausgemacht? Wie lässt sie sich beschreiben? Was war das besondere? Warum war sie so motivierend?

Wir haben diese Übung mit mehreren Lehrerkollegien gemacht. Die Antworten darauf sehen fast immer gleich aus. Diese Lehrperson:

  • Hat uns ernst genommen
  • Ist auf uns eingegangen
  • War streng, aber fair
  • Hat sich Zeit für uns genommen
  • Hat Interesse an uns gezeigt
  • Hatte eine klare Linie - man wusste genau, was geht und was nicht
  • War fordernd, hat sich aber auf jeden einzelnen eingelassen und auch bei schwächeren Schülern Fortschritte wahrgenommen
  • War wertschätzend und authentisch 
  • Konnte sich in uns hineinversetzen 
  • Hat darauf verzichtet, Schüler blosszustellen oder abzuwerten 
  • War grosszügig mit Anerkennung, wenn sich Schüler bemüht haben
Die Mehrzahl der Antworten weisen darauf hin, dass es diesen Lehrpersonen gelingt:
  • Eine positive, von Wertschätzung und Empathie geprägte Beziehung zu ihren Schülern aufzubauen
  • In der Beziehung echt zu sein und Anerkennung zu zeigen
  • Schüler durch positive Erwartungen herauszufordern
  • Kinder zu führen, indem sie auf eine liebevolle Art konsequent und klar sind und für einen sicheren Rahmen sorgen
Sehr selten werden Antworten geäussert, die mit Methodik und Didaktik zu tun haben. Als ich (Fabian) diese Übung mit Studierenden einer pädagogischen Hochschule durchgeführt habe, meinte eine Studierende: "Wir sind im letzten Semester - bald werden wir vor unseren ersten Klassen stehen - und wir haben bisher noch kein einziges Mal über dieses Thema gesprochen!" 

Die Lehrerausbildung ist nicht die einzige, die dieses Thema vernachlässigt. Die Gallup-Studie untersuchte die Arbeitszufriedenheit mehrerer Tausend Mitarbeiter. Das Resultat: Nicht die Organisationsform, die Bezahlung, die Firmenkultur oder die Branche waren entscheidend, sondern die Beziehung zum direkten Vorgesetzten. Dabei handelt es sich nicht nur um einen sehr entscheidenden Erfolgsfaktor - sondern auch um einen, der im BWL-Studium kaum erwähnt wird.

Nun würde man denken, dass das Psychologiestudium eine Ausnahme bildet. Als Psychologen wissen wir schliesslich, wie zentral die Beziehung ist. Die Forschung zeigt, dass die Beziehung zum Klienten für den Therapieerfolg der wichtigste Faktor ist. Ob Klienten von einer Beratung oder Therapie profitieren hängt viel mehr von der Beziehung zwischen Therapeut und Klient ab als von der Therapiemethode. Aber auch im Psychologiestudium findet dieser Umstand kaum Beachtung. Es scheint wichtiger zu sein, noch ein weiteres Statistik- oder Methodenseminar zum Curriculum hinzuzufügen, anstatt sich mit so etwas ungreifbarem wie der Beziehung zwischen Menschen zu befassen.
 
Das ist schade!
 
Aber es soll hier nicht um unsere Meinung oder eine Kritik an Ausbildungscurricula gehen, sondern um die Tatsache, dass die Beziehung, die Sie zu Ihren Schülern haben im Wesentlichen darüber bestimmt, wie gut Sie als Lehrperson unterrichten können und wie wohl Sie sich in Ihrem Beruf fühlen.
 
Dabei sind zwei Dimensionen der Beziehung wichtig: Wertschätzung und Struktur. Ihre Schüler müssen wissen, dass Sie sie mögen und sie müssen gleichzeitig wahrnehmen, dass Sie klare Forderungen stellen und im Klassenzimmer die Führung innehaben.
 
Wenn Ihre Schüler sich gemocht und wertgeschätzt, verstanden und als Mensch wahrgenommen fühlen, und Sie als Lehr- und Führungsperson respektieren, werden sieim Unterricht besser aufpassen
  1. sich sicherer fühlen und sich daher häufiger melden
  2. stärker auf Ihr Lob reagieren 
  3. versuchen, Ihre Erwartungen zu erfüllen
  4. bereits auf ein Stirnrunzeln oder einen Blick reagieren
Ist diese Beziehung zur Klasse oder zu einzelnen Schülern nicht vorhanden, verstärkt dies Disziplin-Probleme. Wenn ein Schüler Sie nicht mag oder nicht respektiert:
  1. Wird ihr Lob praktisch wirkungslos
  2. Findet dieser Schüler es witzig oder befriedigend, wenn Sie sich ärgern
  3. Wird er gegenüber Strafen mehr und mehr immun
Um es ganz deutlich zu sagen: Wenn wir jemanden nicht ausstehen können, freuen wir uns, wenn wir dieser Person eines auswischen können. Schüler finden es dann "cool", wenn der Lehrer "flippt" - und sie nehmen die Strafe mit einem verächtlichen Lächeln an.
 
Schüler mit ADHS ecken bei ihren Lehrkräften oft an. Lehrpersonen reagieren darauf meist mit Ermahnungen und Strafen. Meist mit mässigem Erfolg. Das störende Verhalten nimmt zu, die Strafen werden häufiger und die Beziehung verschlechtert sich zusehends. Der Unterricht und die Lehrperson sind in der Folge für den Schüler negativ besetzt. Genauso wenig wie man als Lehrperson motiviert wäre, es einem "bescheuerten Schulleiter" recht zu machen und sich in dessen Sitzungen motiviert, engagiert und kooperativ zu zeigen, wird sich der Schüler auf den Unterricht und die Wünsche des Lehrers einlassen wollen. Er wird noch renitenter, was von der Lehrperson mit noch mehr Ermahnungen und Strafen quittiert wird. Ein Teufelskreis!
 
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Schüler mit ADHS sind für Lehrpersonen eine grosse Herausforderung. Sie zeigen oft ein Verhalten, das den Unterricht stört. Die Beziehung zum Schüler ist für Sie als Lehrperson deshalb so wichtig, weil es einen riesigen Unterschied macht, wie der Schüler zu Ihnen steht:
 
Ein Schüler mit ADHS, der weiss, dass Sie ihn mögen, wird auch störendes Verhalten zeigen. Aber er möchte es ihnen gerne recht machen. Er möchte aufpassen, gelobt werden, Fortschritte machen und Ihnen zeigen, dass er etwas kann. Er wird Ihre Signale wahrnehmen und versuchen, sich wieder auf die Aufgabe zu konzentrieren, wenn Sie ihn ansehen.
 
Ein Schüler mit ADHS, der denkt, dass Sie ihn nicht mögen, wird auch Sie nicht mögen. Es wird ihm egal sein, ob Sie sein Verhalten stört. Er hat die Hoffnung aufgegeben, dass Sie ihn loben könnten. Er glaubt, Sie hätten ihn sowieso abgeschrieben und er wird in der Folge andere Quellen für sein Selbstwertgefühl suchen - zum Beispiel das Gelächter der anderen, wenn er etwas "witziges" von sich gibt - oder den Respekt über seinen Mut, wenn er Sie herausfordert oder auf Ihre Ermahnungen oder die Strafe pfeift. 
 
Es wird immer darüber geschrieben, wie wichtig die Beziehung für das Wohl des Schülers ist. Dies trifft zu und es ist uns äusserst wichtig, dass sich jedes Kind in der Schule wohl fühlen darf. Es wird aber viel zu selten darauf hingewiesen, wie notwendig eine gute Lehrer-Schüler-Beziehung für die Lehrperson ist. Sie ist Ihre Chance, in diesem Beruf Erfüllung zu finden und gesund zu bleiben! Und es sind die Schüler, die Sie am meisten herausfordern, die Sie als Mensch, als Führungsperson, als Verbündeten am meisten brauchen. 
 
Die nächsten Artikel widmen sich daher verschiedenen Aspekten der Beziehung. Wir gehen darauf ein, wie Sie Wertschätzung zeigen, Interesse bekunden, Grenzen setzen und Vertrauen aufbauen können. 
  
Zum Ende dieses Artikels möchten wir Sie aber dazu einladen, noch einmal an Ihre Lieblingslehrperson zurückzudenken und sich zu fragen: Wie würde sie mit diesem Schüler umgehen?
 
Hinweis: Damit Kinder mit ADS/ADHS eine schöne und erfolgreiche Schulzeit erleben können, ist eine enge und gute Zusammenarbeit zwischen Lehrer/in und Eltern notwendig. Wir möchten Eltern mit unserem Seminar "Erfolgreich lernen mit AD(H)S" sowie dem gleichnamigen Ratgeber  bei dieser Aufgabe unterstützen.  Die besten und praktischsten Tipps und Strategien zu diesem Thema geben wir Lehrpersonen in der Tagesweiterbildung "Schüler/innen mit ADS / ADHS erfolgreich unterrichten" weiter.


Akademie für Lerncoaching
Albulastrasse 57
8048 Zürich

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