ADS / ADHS

Diagnose ADHS - Hilfreiche Beschreibung oder Geldmache?

Seit wir uns mit der Frage befassen, wie Kinder mit ADS/ADHS erfolgreich lernen können und wie nicht nur Eltern, sondern auch Lehrpersonen unaufmerksame, hyperaktive und impulsive Kinder möglichst gut unterstützen können, werden auch wir eingedeckt mit Kommentaren. In diesem Artikel möchten wir zu einigen Punkten Stellung nehmen. Sie erfahren, warum wir spezifische Kurse zum Thema Lernen mit AD(H)S anbieten, was wir von der Diagnose halten und wie wir die verschiedenen Standpunkte, die derzeit kursieren, beurteilen.

Warum bieten wir spezifische Kurse zum Thema Lernen mit ADS/ADHS an?

Seit einigen Jahren bieten wir einen kostenlosen Online-Kurs für Eltern, Vorträge und Seminare zum Thema "Mit Kindern lernen" an. Dieses Angebot ist darauf ausgerichtet, Eltern und Lehrpersonen Hilfestellungen zu vermitteln, die es Kindern ermöglichen, besser zu lernen. Dabei steht für uns eine gute, warme Beziehung zwischen Eltern, Kind und Lehrperson im Vordergrund. Es werden jedoch auch spezifische Herangehensweisen besprochen, die Kindern dabei helfen, selbständiger zu lernen, sich Inhalte besser zu merken oder sich besser zu konzentrieren.

Im Laufe der Vorträge und Seminare wurde uns immer wieder die gleiche Frage gestellt:

  • Gelten eure Vorschläge auch für Kinder mit ADS oder ADHS?

Wir bejahten die Frage - schliesslich sind Kinder einfach Kinder - auch wenn sie etwas mehr Mühe mit der Aufmerksamkeitslenkung, dem Stillsitzen oder der Impulskontrolle haben. Gleichzeitig stellten wir uns die Frage: Gibt es vielleicht noch spezifischere Hilfestellungen? 

Wir stellten fest, dass es viele Studien gibt, die zeigen, dass Kinder mit ADS/ADHS beim Lernen und bei den Hausaufgaben deutlich mehr und spezifische Schwierigkeiten aufweisen, die Familien sehr viel häufiger nervenaufreibende Konflikte austragen, diese Kinder trotz gleicher Intelligenz in der Schule schlechter abschneiden und darunter leiden, dass sie ständig schulische Misserfolge einstecken müssen. 

Gleichzeitig weisen die Studien zu diesem Thema auch darauf hin, dass sich spezifische Hilfestellungen bewährt haben, um Kindern dabei zu helfen, sich in der Schule wohl zu fühlen und dem Unterricht zu folgen. Bezugspersonen wie Eltern oder Lehrpersonen können darauf achten, dass sie diesen Kindern das Lernen erleichtern, indem sie:

  1. Die Stärken der Kinder mit AD(H)S kennen und stärker in das Lernen mit einbeziehen
  2. Konzentration nicht mit Stillsitzen verwechseln und Bewegung gezielt in den Alltag und ins Lernen einbauen
  3. Die Hausaufgabensituation an die Konzentrationsspanne des Kindes anpassen und rechtzeitig wirksame Pausen machen anstatt das Kind viel zu lange vor den Hausaufgaben sitzen zu lassen
  4. Die Hausaufgaben so aufgeben, dass es den Kindern leicht fällt, ein vollständiges Hausaufgabenheft zu führen
  5. Den Stoff so präsentieren, dass er leichter aufgenommen werden kann
  6. Lernen, sich anbahnende Konflikte rechtzeitig zu erkennen und so zu reagieren, dass die Beziehung zum Kind nicht leidet
  7. Die spezifischen Schwierigkeiten dieser Kinder verstehen und nicht nur kompetenter, sondern auch mit mehr Wertschätzung auf die Kinder und deren Schwierigkeiten eingehen können
  8. Wissen, wie man mit Wutausbrüchen oder der verzweifelten Hilflosigkeit ("Ich kann das nicht!") betroffener Kinder umgehen kann
Wir machen in den Seminaren die Erfahrung, dass es für die Eltern sehr entlastend ist, wenn sie sehen, wie sehr sich die Schwierigkeiten ihrer Kinder ähneln. Für uns ist es ein Ansporn, für die häufig genannten Probleme nach immer besseren Lösungen zu suchen.

Was halten wir von der Diagnose? 

Rund um die Diagnose AD(H)S wird im Internet viel geschrieben. Die häufigsten Standpunkte greifen wir hier auf und nehmen dazu Stellung.

ADHS gibt es nicht! 
Kaum schreiben wir etwas über ADS/ADHS, klatscht uns auch schon jemand den Kommentar hin, dass es ADHS gar nicht gibt. Meist mit Verweis auf den Artikel über Leon Eisenberg und seine "Beichte auf dem Sterbebett".
Dazu muss man wissen: ADHS ist wie jede Diagnose in den Klassifikationssystemen DSM und ICD eine "Störung" des Erlebens und Verhaltens. Es ist müssig, darüber zu diskutieren, ob es diese Diagnose gibt, da es sich um eine Verhaltensbeschreibung handelt und nicht um eine Krankheit wie im medizinischen Bereich, die sich auf eine körperliche Ursache zurückführen lässt. 
Streng genommen könnte man damit lediglich sagen:
 
Ein Kind verhält sich momentan so, dass es den derzeitigen Diagnose-Kriterien entspricht. 
 
Während ein Arzt beispielsweise anhand einer Blutprobe klar nachweisen kann, dass ein bestimmtes Virus vorhanden ist, kann bei psychischen Problemen nur über das Vorhandensein bestimmter Symptome bestimmt werden, ob die Kriterien erfüllt sind. Dabei muss von einem Kontinuum ausgegangen werden, wobei irgendwo (relativ willkürlich) ein Cut-Off-Wert vereinbart wird. Wird dieser Wert erreicht, wird die Diagnose vergeben.
 
Die Diskussion sollte sich daher um ganz andere Punkte drehen:
  1. Sind die Kriterien wirklich sinnvoll?
  2. Braucht es diese Diagnose? Überwiegen die Vor- oder die Nachteile?
  3. Ist der Begriff "Störung" angebracht? Oder wäre der Begriff "Auffälligkeit" angemessener?
Wir persönlich sehen es mit Sorge, dass die Diagnose immer häufiger und rascher vergeben wird und die Qualität der Abklärung oft zu wünschen übrig lässt.
 
Wir würden es gerne sehen, wenn das Wort "Störung" gestrichen wird. Kinder mit ADS/ADHS verhalten sich anders und erleben die Welt anders. Sie haben besondere Schwierigkeiten, aber auch besondere Stärken, wobei letzterem in der Forschung viel zu wenig Gewicht beigemessen wird.
Gehen wir noch etwas genauer auf die Diagnose ein...
 
Das Label "ADHS" schadet Kindern
Ein zweiter häufiger Kommentar auf unserer Seite bezieht sich auf die Gefahren des Labeling. Es besteht die Sorge, dass die Kinder durch die Zuschreibung der Diagnose ein Etikett erhalten könnten, das ihnen schadet.
Der Labeling-Ansatz geht davon aus, dass wir - wenn wir ein Label erhalten - uns mit der Zeit so verhalten und die Welt so erleben, wie dies dem Label entspricht: Glaubt beispielsweise jemand an Sternzeichen und hat sich ein Horoskop erstellen lassen, welches typische Eigenschaften eines Skorpions enthält, würde sich diese Person in Zukunft mehr und mehr wie ein "typischer Skorpion" benehmen.
Diese Bedenken können nicht vollends ausgeräumt werden. 
 
Allerdings gilt: Der Leidensdruck entsteht in erster Linie durch die Symptome und nicht durch die Diagnose. Es kommt eher selten vor, dass Eltern einfach zum Arzt gehen, um ihr Kind abzuklären, obwohl es keinerlei Schwierigkeiten im schulischen und sozialen Bereich aufweist. Meist sind die Eltern schon länger besorgt, weil sie merken, dass ihr Kind anders ist und entsprechende Rückmeldungen aus dem Umfeld - von Nachbarn, Lehrpersonen, Bekannten und Verwandten erhalten.
 
Ob die Diagnose schädlich oder hilfreich ist, hängt davon ab, wie darauf reagiert wird!
 
Die Gefahren eines Labels tauchen dann auf, wenn ein Kind auf die Diagnose reduziert wird oder wenn die Haltung vertreten wird, dass damit die Auffälligkeit erklärt und das Kind auf dieses Verhalten festgelegt ist. Wir stossen uns auch am Begriff "Störung", der oft mit Krankheit gleichgesetzt wird. 
 
Die Diagnose ist hilfreich, wenn sie als Information verstanden wird. Ein reifer Umgang mit der Diagnose bedeutet:
  1. Die Schwierigkeiten des Kindes besser zu verstehen
  2. Sich über erfolgsversprechende Hilfestellungen zu informieren
  3. Ausgehend vom gesammelten Wissen über die Problematik und der Individualität des Kindes Wege zu finden, um das Kind optimal zu unterstützen
Ungünstige Reaktionen wären demnach:
Lehrerin: Aha - jetzt wissen wir, wieso er immer die Hausaufgaben vergisst. Ich dachte doch gleich, dass irgendetwas nicht stimmt. 
Kind: Ich habe ADS - ich bin halt so...
Eltern: Es ist klar, dass wir bei den Hausaufgaben immer danebensitzen müssen - das ist bei ADS-Kindern so.
 
Reife Reaktionen wären:
Lehrerin: Aha - Thomas hat ADS - ich werde von jetzt an am Ende des Tages kurz bei ihm vorbeigehen und schauen, ob er die Hausaufgaben richtig abgeschrieben hat.
Eltern: Thomas braucht immer ewig für die Hausaufgaben und leidet darunter, dass er fast keine Freizeit mehr hat. Da seine Konzentrationsspanne kürzer ist, müssen wir darauf achten, dass wir die Hausaufgabenzeit verkürzen und regelmässige Pausen einschalten. Vielleicht ist die Lehrerin bereit, die Hausaufgabenmenge zu reduzieren.
Kind: Es fällt mir schwer, mich länger zu konzentrieren. Deswegen übe ich zuerst, mich eine kurze Zeit zu konzentrieren. Wenn ich übe, werde ich immer besser. 
 
Ob man sein Kind abklären möchte ist immer auch eine sehr persönliche Frage. Die Diagnose kann stigmatisierend wirken, wenn das Kind, die Eltern oder Lehrkräfte das Gefühl haben: "Dann ist es so - da kann man nichts machen." Eine Frage ist immer auch, wem man die Diagnose mitteilen soll. Wir erleben beides: Manche Eltern sagen uns, dass beispielsweise die Lehrerin von diesem Moment an mehr Verständnis für das Kind aufbringen konnte, die Zusammenarbeit enger wurde und sich die Beziehung zwischen Kind und Lehrperson verbesserte. Es gibt aber auch Fälle, in denen genau das Gegenteil passiert und Lehrkräfte beispielsweise fordern, dass das Kind nun Medikamente erhalten sollte. 
 
Sehr ansprechend finden wir den Film "Zappelphilipp". Er zeigt, wie unterschiedlich die Reaktionen ausfallen können. Gleichzeitig sieht er davon ab, eine einfach Lösung zu präsentieren. 
 

Ich selbst (Fabian Grolimund) war äusserst verträumt (heute hätte man die Diagnose ADHS- unaufmerksamer Typus bzw. ADS gestellt). Ich war froh, dass meine Eltern, meine Kindergärtnerin und meine Lehrerin diese Schwierigkeiten erkannten und sensibel darauf reagieren. Ich durfte - was damals nicht üblich war - ein weiteres Jahr in den Kindergarten. Ende der ersten Klasse las ich noch keinen einzigen Buchstaben. Ich war auf viel geduldige Unterstützung angewiesen und erlebte die Schulzeit als langsames "Aufwachen". Ich merkte, dass ich meinen Hang zum Träumen als Lernstrategie nutzen konnte, indem ich mir intensive Vorstellungen und innere Filme zum Stoff machte und kurze, aber intensive Zeiteinheiten für die Arbeit einsetzte. Heute arbeite ich gerne im Café, da ich mich in einem stillen Büro nicht konzentrieren kann (Interessanterweise zeigt die Forschung, dass viele Kinder mit ADS von Hintergrundlärm profitieren).
 
Wird auf eine reife Art mit der Diagnose umgegangen, besteht ein wichtiger Vorteil darin, dass die gesamten Ergebnisse der Forschung sowie die Erfahrungen anderer geteilt werden können. Es spielt eine Rolle, ob ein Kind Mühe mit einem Rechenblatt hat, weil es:
  1. Eine Rechenschwäche aufweist und bisher keine Vorstellung von Mengen aufgebaut hat
  2. Eine Lernbehinderung aufweist
  3. Mühe hat, die Aufmerksamkeit zu halten und deswegen zu langsam arbeitet und im Laufe der Zeit zunehmend mehr Fehler macht
  4. Hochbegabt ist und sich dermassen langweilt, dass es nicht aufpasst
Je nach Problemstellung muss anders interveniert werden. Eine gute Abklärung legt den Grundstein für eine fundierte Intervention.
 
Wir selbst führen keine Abklärungen durch und verschreiben auch keine Medikamente. Wir bieten Hilfestellungen für Eltern und Lehrpersonen an. Diese sind auf Kinder ausgerichtet, die momentan:
  • nur über eine sehr kurze Konzentrationsspanne verfügen
  • wenig Durchhaltevermögen aufweisen
  • vergesslich und chaotisch sind
  • sehr unter Misserfolgen leiden und bei Schwierigkeiten rasch aufgeben
  • durch ihr impulsives Verhalten bei anderen Kindern anecken und deswegen kaum Freunde finden
  • oft mit Regeln in Konflikt geraten 
  • sehr lange für die Hausaufgaben benötigen, ihre Eltern ständig in Diskussionen verwickeln und kaum selbständig arbeiten können
Dabei ist es für uns völlig zweitrangig, ob zuvor eine Diagnose gestellt wurde. Für uns steht die Frage im Vordergrund: Was müsste dieses Kind können, welche Kompetenzen sollte es entwickeln, um mit den Anforderungen umgehen zu können? Gleichzeitig fragen wir: Was können Eltern und Lehrpersonen tun, um es dabei zu unterstützen? Es geht in unseren Seminaren nicht um die Diagnose, nicht um Ursachen und auch nicht um Medikation - es geht schlicht und einfach um konkrete Hilfestellungen, die sich bei den Schwierigkeiten, die bei diesen Kindern oft auftreten, bewährt haben.
 
Durch die Diagnose wird die Schuld beim Kind gesehen
Oft wird das Argument vorgebracht, dass kein Kind krank ist, sondern höchstens die Eltern und Lehrkräfte mit einem Kind ein Problem haben. Durch die Diagnose wollen sich Eltern und Lehrpersonen scheinbar aus der Verantwortung stehlen und die Probleme auf das Kind abwälzen. 
Dies ist nicht der Fall. Wenn ein Kind Symptome zeigt, liegt dies jeweils an einem Bündel von Ursachen. Ein günstiger oder ungünstiger Umgang mit dem Kind kann die Symptome verstärken oder mildern. Daher greift eine wirksame Intervention auf mehreren Ebenen: Beim Kind, bei den Eltern und bei den Lehrpersonen. Anstatt sich zu fragen, wer "Schuld" ist, sollte die Frage lauten, wie die Zusammenarbeit aussehen kann, damit sich das Kind möglichst gut entwickeln kann. Anstatt zu sagen: Es bringt doch nichts, wenn sich nicht alle engagieren! Ohne die Eltern / die Lehrkraft bin ich machtlos!" sollte man sich fragen: "Was kann ich tun? Und wen kann ich mit ins Boot holen?" Letzteres gelingt am besten, wenn man sich nicht zu lange mit Problembeschreibungen und gegenseitiger Kritik aufhält, sondern konkrete Wünsche äussert.
 
AD(H)S ist eine Kultur- oder Wohlstandskrankheit
Auch diesen Kommentar lesen wir oft. Es wird darauf hingewiesen, dass ADS/ADHS nur entstehe, weil die Kinder zu viele Medien konsumieren, zu wenig Bewegung haben, zu wenig in der Natur spielen und der Leistungsdruck unserer Gesellschaft auf den Kindern lastet. 
 
In diesem Punkt steckt sehr viel wahres. ADHS und ADS sind Probleme unserer Kultur. Weshalb? Weil bestimmte Auffälligkeiten nur dann ein Problem sind, wenn Anforderungen bestehen, die diese zutage fördern. 
 
Früher herrschten Bedingungen, die für Kinder mit ADS und ADHS zuträglicher waren:
  1. Die Schulwege waren länger
  2. Es gab mehr Natur und die Kinder konnten besser nach draussen, um sich auszutoben
  3. Man lebte in Grossfamilien unter einem Dach - die Betreuungslast war auf mehrere Personen aufgeteilt und es war immer jemand zu Hause
  4. Die Umwelt war reizärmer - es gab weniger Ablenkung durch Medien
  5. In der Schule war die Stoffmenge deutlich geringer und es wurde mehr Wert auf das Training von Grundfertigkeiten gelegt (Es wurde verlangt, dass ein Kind richtig Deutsch schreiben konnte. Heute möchten wir, dass ein Kind auch Fremdsprachen wie Französisch und Englisch bereits in der Primarschule lernt, mit Textverarbeitungsprogrammen umgehen kann, eigene Projekte plant, organisiert und in Rahmen eines Vortrags präsentiert etc.). Die moderne Gesellschaft stellt immer höhere Anforderungen, auf die die Schule vorbereiten möchte.
  6. Es wird immer mehr Gewicht auf mathematische und sprachliche Intelligenz gelegt. Auch eine Kindergärtnerin oder eine Krankenschwester muss heute Abitur machen, dazu Mathe, Physik und Chemie büffeln, obwohl vielleicht soziale Kompetenzen in diesen Berufsfeldern weit wichtiger wären. Auch an den Berufsschulen steigen die Anforderungen stetig: Ich (Fabian) war erstaunt, als ich das erste Mal Verkäuferinnen auf die Lehrabschlussprüfung vorbereitete: Das Wirtschafts- und Rechtsbuch, das Prüfungsstoff war, war so schwer verständlich, dass ich Abschnitte mehrmals lesen musste.
  7. Moderne Arbeitsformen wie Gruppenarbeiten, Wochenpläne, Mosaiksysteme etc. sind eigentlich durchaus sinnvoll, da sie Kompetenzen erfordern und aufbauen, die in unserer modernen Welt benötigt werden. Sie erfodern jedoch ein hohes Mass an Planungs-, Organsiations und Selbstmanagementkompetenzen sowie die Fähigkeit, sich bei grosser Unruhe abzuschirmen und auf die Arbeit zu konzentrieren. Genau diese Anforderungen bereiten Kindern mit ADHS enorme Schwierigkeiten.

Diese Bedingungen sind aber nicht die Ursache von ADS / ADHS - sie sorgen dafür, dass die Symptome deutlich erkennbar werden und sie machen sie teilweise zum Problem. Arbeiten wir den ganzen Tag auf dem Feld, ist ein erhöhter Bewegungsdrang durchaus wünschenswert. Sind wir als Jäger unterwegs ist es hilfreich, wenn wir jedes Geräusch wahrnehmen und sofort darauf reagieren.

 
Viele Auffälligkeiten werden nur durch die Anforderungen einer bestimmten Gesellschaft zum Problem. Als Ureinwohner spielt es keine Rolle, ob man eine Veranlagung für eine Lese-Rechtschreib- oder eine Rechenschwäche hat, da die Kinder schlicht nicht lesen oder rechnen lernen müssen. Steffi und Fabian wären in dieser Umgebung hingegen bereits aufgrund ihrer Kurzsichtigkeit gestorben...
 
Wir können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Wir können nicht die Bevölkerung um 90% reduzieren, die Städte abreissen und durch Ackerland ersetzen,TV, Internet und Videogames verbannen und vorwiegend von der Landwirtschaft leben - auch wenn wir wüssten, dass ein ADHS bei der Feldarbeit weniger stören würde als im Unterricht. Wir müssen Lösungen für heute und in unserer Welt finden. Dabei gilt: Wir können einiges optimieren, aber nicht alles verändern. 
 
Wir sollten darauf achten, dass Kinder auch heute:
  • Mit der Natur in Kontakt kommen
  • Viel Gelegenheit erhalten, sich zu bewegen
  • Echte Kontakte pflegen anstatt nur in virtuellen Welten leben und über Facebook und Co. kommunizieren
  • Genügend freie Zeit haben, die sie unbeschwert geniessen können
  • Sich gesund ernähren
Aber damit lassen sich die Probleme noch lange nicht lösen. Regelmässiger Sport ist hilfreich - aber ein Kind mit ADHS, das jeden Tag Sport macht, wird im Unterricht immer noch den Drang verspüren, aufzustehen und herumzugehen. Immer wieder werden in den Medien Projekte propagiert, die - ähnlich wie Wunderdiäten - die Ursache von ADS/ADHS auf einen einzigen Faktor zurückführen und vollständige "Heilung" versprechen. Bis jetzt hat keines dieser "Wundermittel" einer wissenschaftlichen Prüfung standgehalten. 

An ADS/ADHS sind die Eltern schuld

Eltern von Kindern mit ADS/ADHS stehen unter permanentem Druck. In letzter Zeit häufen sich wieder die Stimmen, die die Schuldfrage stellen. Die häufigsten Anschuldigungen lauten...

Eltern von Kindern mit AD(H)S:

  1. Setzen ihre Kinder stundenlang vor die Glotze
  2. Lassen ihre Kinder verwahrlosen
  3. Können keine Grenzen setzen
  4. Pumpen ihre Kinder mit Drogen voll, anstatt sie zu erziehen
  5. Schieben die Verantwortung für ihre Kinder auf die Schule ab
  6. Haben eine schlechte Beziehung zu ihren Kindern und finden es bequem, die Probleme auf das Kind abzuschieben
Die Schuldzuweisungen kommen unserer Erfahrung nach oft von bestimmten Lagern:
 
Der Konstruktive Kritiker
Dieser Typ vertritt eine andere Meinung, ist jedoch bereit, sich auf andere Standpunkte einzulassen, Verständnis für andere zu zeigen und seine Standpunkte auszuformulieren. Er sieht von vorschnellen Verurteilungen und Angriffen ab und verfügt über eine differenzierte Meinung, die er ohne persönliche Angriffe äussert.
Die oben genannten, eher platten Kritikpunkte kommen kaum aus dem Mund des konstruktiven Kritikers. Meist lassen sie sich eher einem der folgenden Besserwisser-Typen zuordnen, die wenig Erfahrung mit dem Thema haben, dafür umso rigidere Standpunkte vertreten: 
 
Die perfekte Mutter
Die perfekten Mütter haben mit ihren Kindern gar keine Probleme. Sie haben alles richtig gemacht und alles im Griff. Deswegen geht es ihren Kindern auch so gut. Würden es alle so machen wie sie, wäre die Welt ein besserer Ort. Ein Kind mit ADS / ADHS würde bereits nach wenigen Wochen in ihrer Obhut jegliche Symptome ablegen - schliesslich ist alles eine Frage der Erziehung, der unbedingten Liebe und des Wachsens und Raum-gebens. 
 
Die Erleuchteten
Die Erleuchteten hatten anfangs ähnliche Probleme und haben diese entweder bereits im Keim erstickt oder nach heldenhaftem Ringen besiegt. Sie sind in sich gegangen, haben erkannt, dass sie selbst das Problem sind, haben eine Wandlung durchgemacht und seither läuft alles wie am Schnürchen. Ein gutes Beispiel für diesen Typ sind die Exraucher, die gerne verächtlich auf die Noch-Raucher herabsehen. Wir finden diesen Typ aber auch bei Erziehungsproblemen. 
 
Die Verschwörungstheoretiker
Dieser Typ wittert hinter allem die grosse Geldmache und Netzwerke von dunklen Kräften. Die Diagnose ADHS ist eine Erfindung der Pharma-Industrie um auf legale Art und Weise Kinder unter Drogen setzen zu können und damit das grosse Geld zu machen. Alle Psychiater sind böse und wer überhaupt nur das Wort AD(H)S in den Mund nimmt, steht im Verdacht, satte Prämien zu kassieren. Psychologen, die selbst keine Medikamente verschreiben können, sind die Zudiener des Bösen und schneiden sich auch kleine Kuchenstücke ab.
 
Der Systemkritiker
Der Systemkritiker sieht die Wurzel allen Übels im jeweiligen System (Schulsystem / Gesellschaft / Glauben). Verschiedene Systeme sind seiner Ansicht nach nicht mehr oder weniger gut, sie haben auch nicht Vor- und Nachteile: Es gibt nur die schlechten und die guten. Meist vertraut dieser Typ auf die Utopie eines geistigen Führers. Dieser verspricht paradiesische Zustände nach der Revolution, die in naher Zukunft erfolgen wird. Jeder Versuch, im bestehenden System etwas zu verbessern ist für den Systemkritiker nur ein fauler Kompromiss - ein "Sand in die Augen streuen", um die Menschen von den Missständen abzulenken. Menschen, die im bestehenden System etwas verbessern möchten, sind entweder naiv oder böse.
 
Der Troll
Dem Troll ist das Thema egal - ihm macht es Freude, hitzige Diskussionen anzukurbeln und andere zu verletzen. Er greift an und hofft, dass andere sich verteidigen. Intelligente Trolle sind oft subtil und unterschwellig aggressiv und vergnügen sich auf Kosten anderer. Trolle sind meist auf mehreren Foren und Facebookseiten unterwegs, sähen gezielt Konflikte und ziehen weiter, wenn sie nicht genügend Aufmerksamkeit erhalten. 
 
Wie wir die Eltern von Kindern mit AD(H)S erleben
Wir haben im Laufe der letzten Jahre mehrere hundert Eltern von Kindern mit ADS/ADHS in unseren Seminaren kennengelernt. Unsere Erfahrungen sind:
  1. Diese Eltern wissen mehr über Erziehung als der Durchschnitt
  2. Sie sind bereit, die "Extra-Meile" zu gehen und Zeit und Energie zu investieren, wo sich andere Eltern einfach zurücklehnen können
  3. Sie kämpfen auch dann noch für ihr Kind, wenn viele andere es bereits aufgegeben haben
  4. Sie begreifen Medikamente als letzte Möglichkeit, wenn alles andere nicht funkioniert hat und die Gefahr besteht, dass ihr Kind schulisch und sozial den Anschluss verliert
  5. Sie leiden unter den bissigen Kommentaren und Vorurteilen, die ihnen tagtäglich entgegenschlagen. 

Uns haben die vielen abwertenden, beinahe dreisten Kommentare auf unserer Facebook-Seite beschäftigt, obwohl sie uns nicht direkt betreffen. Wir können erahnen, wie es sein muss, wenn man als Eltern sein Bestes gibt, jeden Tag Konflikte rund um die Hausaufgaben und andere Themen ausfechten muss, von der Schule regelmässig negative Rückmeldungen erhält, das Kind nach Misserfolgen immer wieder auffangen muss - und dann noch ständig hören muss, dass man es sich leicht macht, die Kinder unter Drogen setzt und vor die Glotze schickt, um seine Ruhe zu haben. 

Kritisieren ist immer leicht - vor allem, wenn man die Augen davor verschliesst, dass die Lebenswirklichkeit für viele Menschen ganz anders aussieht als für uns. Wenn wir wirksam helfen möchten, müssen wir uns auf die Umstände und Möglichkeiten jeder Familie einlassen und von dort aus in kleinen Schritten Verbesserungen ermöglichen. Mit utopischen Forderungen oder Schuldzuweisungen ist niemandem geholfen.
 
Zu den gängigsten Vorurteilen rund um das Thema ADS / ADHS nehmen wir auch im folgenden Interview Stellung:
 
 

Aktuell: Unsere Veranstaltungen rund um das Thema ADS / ADHS

Für Eltern

Für Fachpersonen

 

Autorin dieses Artikels: Stefanie Rietzler

Stefanie Rietzler ist Psychologin, Buchautorin ("Erfolgreich lernen mit ADHS") und leitet die Akademie für Lerncoaching gemeinsam mit ihrem Kollegen Fabian Grolimund. Als Expertin für das Thema ADHS hält sie regelmäßig Seminare für Eltern und Weiterbildungen für Fachpersonen.

Akademie für Lerncoaching
Albulastrasse 57
8048 Zürich

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