ADS / ADHS

So können impulsive Kinder Regeln lernen

Wie soll man als Lehrperson reagieren, wenn ein Kind im Unterricht ständig aufsteht und zum Wasserhahn geht, mit Lösungen herausplatzt und ganz allgemein Mühe hat, sich an Regeln zu halten?

Der Wolf in unserem Film ist genau so ein kleiner Wirbelwind, dem das schwer fällt. Er ist kaum zu bremsen und möchte so gerne überall dabei sein und mitmachen. Dabei verhält er sich so ungestüm, dass sich seine Klassenkameraden über ihn ärgern und sein Lehrer, Herr Dachs, ihn wiederholt an die Regel "Wir sagen die Lösung nur, wenn wir dazu aufgerufen werden" erinnern muss.

Zum Glück gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, impulsive Kinder wirksam zu unterstützen. Herr Dachs zeigt diese im folgenden Film (natürlich geht dabei alles etwas schneller und glatter als im Alltag, damit wir alle wichtigen Aspekte in fünf Minuten zeigen können). Im Anschluss möchte ich Ihnen das Vorgehen gerne genauer schildern. (Falls der Film nicht richtig angezeigt wird, können Sie ihn sich hier direkt auf YouTube ansehen)

Die Attraktivität des Ziels erhöhen

Impulsiven Kindern verlangt es unheimliche Anstrengungen ab, ihre Impulse zu kontrollieren. Viele von ihnen haben es zudem satt, ständig an Regeln erinnert und für ihr Verhalten kritisiert zu werden. Es ist daher wichtig, das Kind bei seinen Gefühlen abzuholen und ihm zu vermitteln, dass es auch ihm Vorteile bringt, wenn es ihm gelingt, sich an wichtige Regeln zu halten. Der Wolf erkennt, dass die anderen Kinder auch gerne die Lösung sagen möchten und genervt sind, wenn er diese dazwischenruft. Wichtige Vorteile sind für ihn "die anderen ärgern sich nicht mehr über mich" und "die anderen würden lieber mit mir spielen". 

Lassen Sie sich im Gespräch mit Schülern genügend Zeit für diesen Punkt. Je deutlicher Kinder erkennen, dass sinnvolle Regeln die Zusammenarbeit und das Zusammenleben für alle erleichtern und sie sich selbst einen Vorteil verschaffen, wenn sie sich daran halten können, desto eher werden sie bereit sein, an diesem Punkt zu arbeiten. 

Zuversicht äussern

Impulsive Kinder haben oft innerlich aufgegeben. Viele von ihnen mussten bereits so viele negative Kommentare einstecken, dass sie selbst nicht mehr daran glauben, dass sie ihre Impulse besser kontrollieren können. Hier ist es wichtig, dass die Lehrperson oder die Eltern Zuversicht äussern und dem Kind vermitteln: "Es ist schwierig, das zu lernen - aber mit Übung kannst du es schaffen!"

Wenn-Dann-Pläne aufstellen

Um uns selbst besser zu steuern, führen wir einen inneren Monolog. Bei Erwachsenen sind diese Selbstgespräche oft hoch automatisiert. So sehr, dass wir sie selbst gar nicht mehr mitbekommen. 

Wir bemerken jedoch, dass wir uns selbst Anweisungen geben, wenn wir etwas besonders komplexes tun müssen. Dann beginnen wir teilweise sogar laut mit uns zu sprechen. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn wir uns in ein neues Computerprogramm einarbeiten müssen ("O.k., jetzt muss ich... und dann..."). Wir sprechen aber auch mit uns selbst, wenn wir mit schwierigen Gefühlen umgehen möchten. Wenn wir beispielsweise sehr wütend sind, müssen wir unsere Wut regulieren - schliesslich wollen wir nicht unseren Partner anschreien oder unsere Kinder ohrfeigen. Wir sagen also etwas zu uns selbst wie: "Okay... ruhig Blut... dreimal tief durchatmen…“

Studien mit ADHS-betroffenen Kindern zeigen unter anderem, dass impulsive Kinder weniger mit sich selbst sprechen. Sie können sich dadurch schlechter steuern und haben daher Mühe mit der Planung von Handlungsabläufen oder dem Umgang mit intensiven Gefühlen.

Die Forschung zeigt auch, dass sogenannte Wenn-Dann-Pläne eine wirksame Möglichkeit sind, diese Selbststeuerung zu trainieren.

Dabei sagt sich das Kind, was es in welcher Situation tun will. Zum Beispiel:

  • Wenn ein Kind mich ärgert, dann sage ich laut und deutlich "Stopp!"
  • Wenn die Lehrerin mir ein Blatt aufs Pult legt, dann nehme ich es und lese es durch.
  • Wenn ich nicht mehr stillsitzen kann, dann gebe ich meiner Lehrerin ein Zeichen.

 Der Wolf hat sich die folgenden beiden Wenn-Dann-Pläne notiert:

  1. Wenn ich die Lösung weiss, aber nicht dran bin, dann schreibe ich sie mir auf.
  2. Wenn ich beim Fussball mitspielen möchte, dann setze ich mich zuerst an den Rand und schaue zu.

Damit es dem Kind gelingt, sich an sein Vorhaben zu erinnern, ist es hilfreich, wenn:

  • die Pläne aufgeschrieben werden.
  • das Kind regelmässig an sein Vorhaben erinnert wird.
  • dem Kind Anerkennung entgegengebracht wird, wenn es ihm gelingt, sich selbst zu steuern

Sehen wir uns den letzten Punkt genauer an.

Dem Kind Anerkennung schenken, wenn es sich selbst steuert

Selbststeuerung hat meist das Ziel, etwas nicht (mehr) zu tun: Nicht zuzuschlagen, obwohl man wütend ist; Die Lösung nicht in die Klasse zu rufen, obwohl man dies gerne tun möchte; Sich im Supermarkt nicht auf den Boden zu legen und zu schreien, weil man etwas nicht haben darf.

Oft wird es als selbstverständlich betrachtet, dass Kinder diese Dinge unterlassen. Dies hat zur Folge, dass Kinder, die sich dafür sehr anstrengen müssen, kaum Anerkennung erhalten. Hat ein Kind Mühe mit dem Lesen, Schreiben oder Rechnen, stellen sich die Bezugspersonen meist darauf ein und helfen dem Kind, kleine Fortschritte wahrzunehmen und sich darüber zu freuen.

Genau das benötigen auch impulsive Kinder: Bezugspersonen, die kleine Fortschritte in der Impulskontrolle sehen und wertschätzen. Indem sie zum Beispiel:

  • etwas sagen wie "Ich habe mich sehr gefreut, dass du heute laut und deutlich "Stopp!" gesagt hast, als Roger dich geärgert hat.
  • ein Geheimzeichen mit dem Kinder vereinbaren, um ihm zu zeigen, dass sie seine Bemühungen sehen und anerkennen.
  • kurze Feedbackgespräche mit dem Kind vereinbaren, bei denen sie Fortschritte zurückmelden und das Kind ermutigen, dranzubleiben.

Lehrer Dachs wackelt mit dem Ohr, wenn er sieht, wie der Wolf die Lösung aufschreibt, anstatt sie in die Klasse zu rufen und macht mit einem "Wolf, viel besser!" deutlich, dass er seine Anstrengungen sieht und schätzt. 

Das Wir-Gefühl stärken

Jedes Kind bringt individuelle Stärken und Schwächen mit. Der Wolf ist neugierig, kreativ, begeisterungsfähig - und hat Mühe, sich von seiner Begeisterung nicht so sehr mitreissen zu lassen, dass er die anderen Kinder bzw. den Unterricht stört. 

Sein Lehrer möchte die Begeisterungsfähigkeit des kleinen Wolfs erhalten und ihm gleichzeitig dabei helfen, soziale Regeln zu lernen und für sich zu nutzen.

Er zeigt ihm, dass er ihn mag und weiss, wie schwierig es für manche Kinder ist, ihre Impulse zu kontrollieren. Er bittet den Bär, Wolfs besten Freund, um Unterstützung. Es kann sinnvoll sein, andere Kinder mit einzubeziehen. Dabei sollte auf ein Gleichgewicht geachtet werden. Der Bär hilft dem Wolf, sich selbst besser zu steuern. Vielleicht kann der Wolf sich mit seinem Stärken einbringen, um eine/n Mitschüler/in in einem anderen Bereich zu unterstützen?

Möchten auch Sie ein Kind dabei unterstützen, sich selbst besser zu steuern? Hier nochmals die wichtigsten Punkte im Überblick:

  1. Erarbeiten Sie gemeinsam mit dem Kind ein attraktives Ziel.
  2. Schreiben Sie mit ihm einen Wenn-Dann-Plan auf, der ihm dabei hilft, sich im richtigen Moment daran zu erinnern, was es tun will.
  3. Üben Sie den Satz mit ihm, indem Sie diesen aufschreiben und wiederholen lassen oder ihm dabei helfen, sich die Situation ganz genau vorzustellen.
  4. Erinnern Sie das Kind an seinen Plan.
  5. Vereinbaren Sie mit ihm ein Geheim-Zeichen, um es zu Beginn zu unterstützen und ihm zu zeigen, dass sie seine Anstrengungen sehen.
  6. Geben Sie dem Kind anfangs regelmässig Rückmeldungen zu seinem Ziel und betonen Sie dabei seine Fortschritte. 
Die Verbesserung der Selbststeuerung ist ein wichtiger Baustein im Lerncoaching mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Nicht nur Kinder und Jugendliche mit ADHS, sondern auch Schüler/innen mit Prüfungsängsten, perfektionistischen Blockaden sowie Motivations- und Aufschiebeproblemen profitieren von diesem Vorgehen. Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, empfehlen wir Ihnen gerne unsere Weiterbildung in Lerncoaching für Fachpersonen.
 
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