Lernplanung

Hochbegabung

Was ist Hochbegabung?

Der Begriff Hochbegabung weckt bei den meisten Menschen ganz bestimmte Vorstellungen. Vielleicht denkt man instinktiv an Menschen mit einer Inselbegabung, die ganze Telefonbücher auswendig aufsagen können, die Zugfahrpläne einjeder Weltmetropole im Kopf haben oder aus dem Gedächtnis ganze Städte detailgetreu nachzeichnen können. In den meisten Fällen hat Hochbegabung ein anderes Gesicht. Der Volksmund sagt: hochbegabte Menschen sind besonders intelligent. Aber wodurch zeichnet sich Intelligenz aus und wie kann sie optimal gemessen werden? Diese Fragen beschäftigen Wissenschaftler seit Jahrhunderten. Bereits 1905 entwarfen die Forscher Binet und Simon ein erstes Konzept, wonach Intelligenz die Art und Weise war, wie ein Mensch eine aktuelle Situation bewältigt, d.h. wie er urteilt, versteht und denkt. Wechsler definierte Intelligenz 1944 als die zusammengesetzte Fähigkeit eines Menschen, „zweckvoll zu handeln, vernünftig zu denken und sich mit seiner Umgebung wirkungsvoll auseinander zu setzen.“ Die Intelligenz wird heute mithilfe von Testverfahren gemessen. Dabei werden unterschiedliche Bereiche wie beispielsweise das logische Denken, das Allgemeinwissen, das Wortverständnis, die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses, die Verarbeitungsgeschwindigkeit, die Merkfähigkeit, die Konzentrationsfähigkeit usw. mithilfe verschiedener Leistungstest geprüft. Diese Verfahren sind standardisiert, das heißt, es gibt strenge Richtlinien, wie diese durchgeführt werden müssen. Dadurch soll sichergestellt werden, dass die Leistungsunterschiede zwischen Kindern nicht auf Unterschiede in der Testsituation oder Testdurchführung zurückgeführt werden können - alle sollen dieselben Chancen erhalten. Wenn das Kind alle Untertests absolviert hat, berechnet die Diagnostikerin aus der individuellen Leistung des Kindes einen Gesamtwert. Für verschiedene Altersgruppen gibt es sogenannte Normtabellen, mit denen die Leistung des Kindes verglichen wird. Der Intelligenzquotient gibt also Aufschluss darüber, wie das Kind im Vergleich zu dieser Normstichprobe, den Gleichaltrigen, abgeschnitten hat.

So viele Konzepte es von der menschlichen Intelligenz gibt, so viele existieren auch zum Begriff der Hochbegabung. Im klassischen Sinne wird von einer Hochbegabung gesprochen, wenn ein Kind oder Erwachsener in einem standardisierten Intelligenztest einen Intelligenzquotienten von 130 oder mehr erzielt. Was bedeutet dies nun?

Wir gehen davon aus, dass 68% der Kinder und Erwachsenen einen Intelligenzquotienten zwischen 85 und 115 aufweisen. Bei einem IQ zwischen 115 und 130 spricht man von einer überdurchschnittlichen Begabung.

Ab einem Intelligenzquotienten von 130 (und mehr) geht man im Allgemeinen von einer Hochbegabung aus. Wenn ein Kind, nennen wir ihn Tobias, einen Intelligenzquotienten von 130 hat, entspricht dies einem Prozentrang von 98: 98% der Gleichaltrigen schneiden im Intelligenztest also schlechter ab als Tobias, nur 2% der Gleichaltrigen erzielen ebenso gute oder bessere Leistungen. Die Hochbegabung ist damit ein seltenes, aber dennoch ernstzunehmendes Phänomen. Um sie zu erkennen bedarf es einer professionellen Abklärung, bei der nicht nur die Intelligenz gemessen, sondern auch Eltern und Lehrkräfte befragt und das Kind in seinem Verhalten beobachtet wird. Sie schließt außerdem eine Untersuchung verschiedener Begabungsrichtungen oder Aspekte der Persönlichkeit mit ein.

Eine erfahrene Psychiaterin, Psychotherapeutin oder (Schul-) Psychologin wird aus dem Mosaik der Testergebnisse, der Eltern- und Schulberichte, der Verhaltensbeobachtung des Kindes, sowie des Gesamteindruckes in der Regel einen Bericht erstellen. Oftmals finden Sie in diesem neben dem allgemeinen Intelligenzquotienten auch ein Profil der Stärken und Schwächen des Kindes (die auch hochbegabte Kinder haben) sowie eine abschließende Beurteilung. Im Falle einer Hochbegabung kann die Fachperson Sie über Fachstellen und Elternvereine informieren, die sich auf dieses Thema spezialisiert haben, und die Ihnen als Eltern mit Rat und Tat zur Seite stehen können.  

Hochbegabung - muss ich mir Sorgen machen?

In der Gesellschaft kursieren viele Vorurteile über hochbegabter Kinder. Sind sie von Natur aus schulische Überflieger? Oder trifft eher das Gegenteil zu und sie langweilen sich im Unterricht und schreiben schlechte Noten? Wie steht es um ihre Sozialkontakte? Sind sie einsam, empfindlich, eigenbrötlerisch? Was hat es mit der vielbesagten Kombination aus Genie und Wahnsinn auf sich? Die wissenschaftliche Forschung bringt hier etwas Licht ins Dunkel: Bereits in den 1920er Jahren befasste sich der Psychologe Lewis Terman mit der Frage, wie hochbegabte Kinder heranwachsen. Er beobachtete und dokumentierte den Entwicklungsverlauf hochbegabter Kinder und verglich diesen mit einer Vergleichsgruppe. Das spannende Ergebnis: über alle Kinder hinweg ging ein hoher Intellekt mit einer besseren körperlichen und psychischen Gesundheit und höheren Schul- und Berufsleistungen einher. 

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt das Marburger Hochbegabtenprojekt (MHP) unter der Leitung von Prof. Rost, das in den 80er Jahren in Deutschland ins Leben gerufen wurde. Über 7000 Drittklasskinder wurden mittels Intelligenzverfahren getestet. Man identifizierte 151 hochbegabte Kinder und wählte eine Vergleichsgruppe von 138 Gleichaltrigen aus, die sich hinsichtlich ihres Geschlechts, der Schulart und –stufe sowie des familiären Hintergrunds mit diesen deckten. Sechs Jahre später wurden beide Gruppen im Alter von circa 15 Jahren erneut untersucht. Dabei zeigten sich interessante Ergebnisse: 85% der hochbegabten Jugendlichen verfügten über angemessene Schulleistungen. Bei lediglich einem kleinen Teil von 15% handelte es sich um sogenannte underachiever / schulische Minderleister, die bezüglich ihrer Noten weit unter dem zurückblieben, was im Hinblick auf ihre Intelligenz zu erwarten wäre. Im Durchschnitt schienen die intellektuell sehr starken Jugendlichen ihr Potenzial also gut auszuschöpfen. Auch das Vorurteil, dass hochbegabte Jugendliche eigenbrötlerisch oder sozial isoliert seien, ließ sich nicht bestätigen, vielmehr waren sie im Durchschnitt so gut sozial integriert wie ihre Gleichaltrigen. Dies bestätigten nicht nur die Selbsteinschätzungen der Jugendlichen, sondern auch die Angaben der Eltern und Lehrkräfte. Es zeichnete sich allerdings eine Tendenz ab, was die Qualität von Freundschaften betrifft: so legten Hochbegabte öfter mehr Wert auf einen kleinen ausgewählten Freundeskreis.

Die Forscher der MHP-Studie ziehen aus den vielen Ergebnissen ihrer Langzeituntersuchung das Fazit, dass „die Hochbegabten als im Schulsystem gut integriert und schulisch erfolgreich sowie sozial unauffällig, psychisch besonders stabil und selbstbewusst charakterisiert werden (können)." (S. 204, Erg. der Autoren). 

Die bisherigen wissenschaftlichen Studien zeichnen insgesamt ein positives Bild und prognostizieren Hochbegabten im Durchschnitt einen erfreulichen Lebensweg. Es ist dabei wichtig, zu beachten, dass aus wissenschaftlichen Untersuchungsergebnissen keine Rückschlüsse auf Einzelpersonen getroffen werden können. Diese Befunde zeigen lediglich eine Tendenz auf, daher sind Ausnahmen gut möglich. 

Ist mein Kind hochbegabt?

Die oben erwähnten Studien legen nahe, dass ein großer Teil der hochbegabten Kinder in der Schule gut zurecht kommt, seinen Platz in der sozialen Gruppe findet und psychisch gesund ist. In diesen Fällen rutscht das Thema "Hochbegabung" oftmals gar nicht auf das Radar der Kinder und deren Familien. Ein kleiner Anteil der intellektuell sehr starken Kinder entwickelt Probleme, wegen derer Eltern und / oder Lehrpersonen bei einer Fachperson (Psychiater/in, Psychotherpeut/in, (Schul-)Psychologen) vorstellig werden. So wurden einige hochbegabte Kinder, die ich im Laufe der Zeit kennen gelernt habe, wegen eines Verdachts auf eine Aufmerksamkeitsstörung, wegen schlechter Schulleistungen oder einer kritischen Stellung in der Klasse zur Abklärung angemeldet. Erst im Zuge der Diagnostik zeichnete sich der -für das Umfeld oftmals überraschende- hohe Intellekt ab. Ein Beispiel für einen solchen Fall finden Sie hier.

Auf der anderen Seite begegnen uns immer wieder Eltern, die Motivations- und Aufmerksamkeitsprobleme oder emotionalen Auffälligkeiten des Kindes gerne auf eine Hochbegabung bzw. Unterforderung zurückführen würden. Sie sind enttäuscht, wenn ein Diagnostiker keinen sehr weit überdurchschnittlichen IQ, aber schulische Überforderung, isolierte emotionale Probleme oder eine ADHS feststellt.

Meist ist die Testung der Intelligenz ein "Nebenprodukt", wenn es darum geht, herauszufinden, worauf gewisse Auffälligkeiten zurückzuführen sein könnten. In den allermeisten Fällen wird eine testdiagnostische Erhebung dann durchgeführt, wenn beim Kind selbst und / oder Eltern und Lehrpersonen ein Leidensdruck entsteht - sei dies aufgrund von Leistungsschwierigkeiten, emotionalen Problemen oder Auffälligkeiten im Sozialverhalten. Nur wenn wir wissen, welche Faktoren den Auffälligkeiten zugrunde liegen, können wir als Eltern und Fachpersonen geeignete Unterstützungsmassnahmen einleiten und dem Kind die Förderung zukommen lassen, die es braucht. Oft soll eine Abklärung auch Antworten auf eine spezifische Fragestellung geben, z.B. "Wäre es für dieses Kind sinnvoll, früher eingeschult zu werden / eine Klasse zu überspringen / einzelne Fächer in höheren Stufen zu besuchen? Benötigt dieses Kind besondere Unterstützungsangebote oder ein angereichertes Freizeitprogramm? etc."

Eine Zusammenstellung von Auffälligkeiten hochbegabter Kinder, welche in manchen Fällen zu einem Problem werden können, hat die „Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind" herausgegeben. Wir haben diese im Folgenden für Sie zusammengefasst:

Mögliche Auffälligkeiten im Vorschulalter

  • Rasches Aufkommen von Langeweile
  • Verweigerung und auffälliges Verhalten bei zu wenig anspruchsvollen Spielangeboten
  • Nicht altersgemäße Interessen
  • Schwierigkeiten, sich aufgrund dieser Besonderheiten sozial zu integrieren

Mögliche Auffälligkeiten im Schulalter

  • Unterforderung im Unterricht
  • Häufige „Streber-„ oder „Besserwisserrolle“ im Klassenverband
  • Aufführen als „Klassenclown“, um gesehen zu werden
  • Schwierigkeiten, den eigenen Platz im Klassenverband zu finden
  • schwankende Schulleistungen im Vergleich zur allgemeinen Intelligenz

Mögliche Auffälligkeiten in der Freizeit

  • Wenig Interesse an „altersgemäßen“ Hobbies
  • Hohes Maß an Perfektionismus
  • Kritische Auseinandersetzung mit sich selbst und anderen
  • Geistig-verbale statt körperliche Auseinandersetzung
  • Sensibel für Zwischenmenschliches
  • Große Diskrepanz zwischen altersgemäßer emotionaler Reife und überdurchschnittlicher intellektueller Reife
  • Gefühl des Ausgeschlossenseins

Hochbegabte Kinder haben eine Reihe von Stärken

Hochbegabte Kinder haben ganz unterschiedliche Interessen und Begabungsbereiche. Diese zeigen sich oftmals bereits im Alltag, manchmal sorgt auch eine umfassendere Begabungsabklärung für Klarheit. Manche hochbegabte Kinder fallen durch ihre beeindruckende Auffassungsgabe und messerscharfen Beobachtungen auf und ziehen rasche logische Schlussfolgerungen, andere zeigen ausgeprägte sprachliche Fähigkeiten, ein hohes Maß an Fantasie und Kreativität oder ein ausgeprägtes Gespür im sozialen und emotionalen Bereich. Das hochbegabte Kind als solches gibt es jedoch nicht. Die Begabungsbereiche können ganz unterschiedlich stark ausgeprägt sein.

Hochbegabung- was nun?

Hat eine Abklärung stattgefunden, die dem Kind eine Hochbegabung ausweist, sind sich die meisten Eltern unsicher, ob sie die Lehrkräfte und das Umfeld informieren sollen. Ein Patentrezept gibt es nicht, schlussendlich muss jede Familie für sich entscheiden, mit welcher Lösung sie sich am wohlsten fühlt. Wir würden uns wünschen, in einer Gesellschaft zu leben, die Menschen mit den verschiedensten Besonderheiten akzeptiert und ihnen einen Platz einräumt. Die Realität sieht oft ganz anders aus. Unsere Gesellschaft ist sehr stark auf Chancengleichheit bedacht und reagiert deshalb oft geradezu beleidigt, wenn ein Kind „von Natur aus“ intellektuelle Vorteile gegenüber anderen Kindern hat. Die wenigsten Menschen verstehen, warum es auch mit Schwierigkeiten verbunden sein kann, ein „besonders gescheites“ Kind zu haben. Wer sein Kind als hochbegabt „outet“, läuft Gefahr, auf Neid und Missgunst zu stossen, denn der Begriff ist immer noch mit vielen Vorurteilen verbunden. Für manche Eltern hat es sich bewährt, das Phänomen im Umfeld zu umschreiben, wenn diesbezüglich Fragen aufkommen (z.B. „er ist fasziniert von Mathematik“ , „sie vertieft sich gerne in Sprachspiele“, „sie möchte alles immer ganz genau verstehen.“). Sollten Sie merken, dass Ihr Kind deutlich "anders tickt" als Gleichaltrige und es selbst und / oder die Familie beginnt, darunter zu leiden, bringt oft der Kontakt zu einer Hochbegabtenvereinigung Entlastung und Klarheit - hier kann man sich in einem geschützten Rahmen austauschen und nach Erfahrungen und Erfolgsrezepten fragen.

Wenn es um den Umgang mit der Schule geht, ist es nützlich, sich immer wieder bewusst zu machen, dass Hochbegabung ein seltenes Phänomen ist. Die meisten Lehrkräfte, aber auch viele Psychologen haben wenig Erfahrung mit diesen Kindern. Wie die Forschung zeigt, sind die meisten hochbegabten Kinder in der Schule gut aufgehoben und gehen ihren Weg erfolgreich. Sofern Sie das Gefühl haben, dass die Schule wenig auf die Besonderheiten Ihres Kindes eingehen kann, ist es ratsam, sich Literatur zum Thema zu beschaffen und diese bei Bedarf auch an Lehrkräfte weiterzugeben. Sie kennen Ihr Kind am besten und können in dieser Situation auch der Fürsprecher Ihres Kindes werden, wenn die Umgebung ungünstig reagiert.

Dem Kind von seiner Hochbegabung berichten?

Viele Eltern sind zwiegespalten, wenn es um die Frage geht, wieviel das eigene Kind über gewisse Abklärungsergebnisse wissen sollte. Hier ist der Leidensdruck des Kindes oftmals der ausschlaggebende Punkt. Manche hochbegabte Kinder spüren schon früh, dass sie "irgendwie anders funktionieren" und dass sich ihre Interessen von denen Gleichaltriger unterscheiden. In diesem Fall sorgt es oftmals für Entlastung, wenn man diesen Besonderheiten einen Namen geben kann. Gerade wenn im Zuge der Abklärung besondere Fördermaßnahmen oder gar ein Schulwechsel angeraten wird, ist es wichtig, das Kind entsprechend zu informieren. Ansonsten besteht die Gefahr, dass das Kind sich als "schwarzes Schaf" fühlt und den Eindruck erhält, man wolle es los werden, was sich wiederum negativ auf den Selbstwert auswirkt. 

Wird die Thematik mit dem Kind besprochen, ist es ratsam, eine erfahrene Fachperson hinzuzuziehen. Sie wird dem Kind die Ergebnisse erklären und ihm zeigen, dass es in bestimmten Bereichen anders denkt und schneller auf Lösungen kommt als andere Kinder und ggf. auch besondere Interessen hat. Dies hilft dem Kind, die Informationen besser einzuordnen. Die Fachperson wird dem Kind bestenfalls jedoch auch vermitteln, dass der Intellekt nur ein Teilbereich des Lebens ist und dass jeder Mensch einzigartig ist und besondere Fähigkeiten mitbringt. Sorgfältige und kindgerechte Informationen sollen auch dazu beitragen, dass dem Kind keine Nachteile entstehen. Es kommt leider immer wieder vor, dass sich Kinder durch ein unglückliches Herumreiten auf dem Satz „Ich bin hochbegabt“ beim Umfeld oder bei Gleichaltrigen ins soziale Abseits katapultieren.

Die Beschäftigung mit dem eigenen Intelligenzquotienten ist eine sprichwörtliche Medaille mit zwei Seiten. Die Information, dass ungenügende Schulleistungen nicht auf "Dummheit" zurückzuführen sind, kann unsichere Kinder entlasten und ihr Selbstvertrauen aufbauen. Auf der anderen Seite birgt die Betonung eines hohen Intellekts auch Gefahren. Gerade wenn Eltern sehr stolz darauf sind und immer wieder durchscheinen lassen, dass ihr Kind "besonders begabt" oder "sehr klug ist" und "fast nie etwas lernen muss, weil es alles auf Anhieb kapiert", kann dies dazu beitragen, dass sich das Kind kaum mehr anstrengt. Manche Kinder haben das Gefühl, sich auf ihren Lorbeeren ausruhen zu können, schließlich haben sie bereits bewiesen, was in ihnen steckt. Andere Kinder entwickeln Ängste und gehen schwierigen Aufgaben aus dem Weg. Sie fürchten sich davor, herausfordernden Aufgaben nicht gewachsen zu sein - und davor, dass dies bedeuten könnte, dass sie "gar nicht so klug sind wie alle denken." Sie machen sich Sorgen, ihren Status zu verlieren, wenn sie eine Aufgabe nicht auf Anhieb beherrschen frei nach dem Motto: "Wenn ich so klug wäre, müsste mir das leicht fallen / müsste ich das sofort können - üben ist etwas für Dumme."

Das Motivationsproblem angehen

Manche Eltern und Lehrpersonen, die es mit minderleistenden Hochbegabten zu tun haben, beklagen die mangelnde Motivation dieser Kinder. Vielleicht fällt auf, dass ein Kind Feuereifer für seine Spezialinteressen entwickeln kann, aber deutlichen Widerstand und Unlust in „uninteressanten Schulfächern“ zeigt. Dafür kann es verschiedene Gründe geben. Den ersten Grund haben wir weiter oben bereits kurz angerissen: das Umfeld macht dem Kind immer wieder bewusst, wie talentiert und clever es ist. Damit sinkt die Motivation, sich anzustrengen. Hochbegabte Kinder können sehr sensibel sein und sind keineswegs vor Leistungsängsten gefeit. Widerstand kann immer auch ein aktives Vermeiden sein, um Misserfolge zu erklären, ohne das Selbstbewusstsein angreifen zu müssen: Wer sich gar nicht erst anstrengt, läuft nicht Gefahr, etwaige Misserfolge auf sich selbst beziehen zu müssen. Sie können Ihr Kind unterstüzen, indem Sie:

  • dem Thema Begabung und Intelligenz weniger Aufmerksamkeit beimessen
  • dem Kind immer wieder zurückzumelden, dass Erfolge auch auf Anstrengung beruhen
  • mit dem Kind darüber sprechen, dass schwierige Aufgaben Übung brauchen - selbst wenn man wie Roger Federer ein Profi auf seinem Gebiet ist
  • dem Kind zurückmelden, dass gute Noten dadurch zustande kamen, dass es sich Mühe gegeben hat

Hat ein Kind ohne wesentliche Vorbereitung gute Noten, könnten Sie ebenfalls seine Arbeitshaltung hervorheben, indem Sie etwas sagen wie: "Hey super! Das zeigt, dass du im Unterricht gut aufgepasst hast!" Auf diese Weise stärken Sie die Motivation, sich Mühe zu geben und sich auch mit schwierigeren Aufgaben auseinanderzusetzen.

Manchmal stecken auch andere Gründe hinter den Motivationstiefs: Manche Kinder mussten in ihrer Schullaufbahn schon so häufig Kritik, Korrektur und Abwertung einstecken, dass sich selbst nichts mehr zutrauen. Andere ziehen sich bewusst aus der Leistungswelt zurück, um von Gleichaltrigen nicht als „Streber“ abgestempelt werden. In einigen Fällen hat das Kind aber auch die Erfahrung gemacht, dass das Umfeld ihm mehr Unterstützung und Aufmerksamkeit zukommen lässt, wenn es sich unselbstständig und lustlos verhält. Motivationsprobleme können zudem auch im Zuge einer Depression auftreten, die auch bei hochbegabten Kindern auftreten kann. Der zuständige (Schul-) Psychologe wird diese emotionalen Aspekte in die diagnostische Abklärung mit einbeziehen.

Soziale Integration fördern

Hat Ihr Kind Mühe im sozialen Bereich? Ist es sehr sensibel? Dann sollten Sie als Eltern darauf achten, die Spezialinteressen zu fördern, aber auch Gruppenaktivitäten anzustossen. Besonders hilfreich sind Gruppen, in denen das Kind die Perspektive anderer erlebt (z.B. im Theaterspiel) oder spürt, dass es die Gemeinschaft anderer braucht (z.B. Teamsport oder Teamspiele).

Über Gefühle sprechen

Manche hochbegabte Kinder sprechen nicht gerne über ihre Gefühle und lenken schnell auf ein Terrain ab, auf dem sie sich sicherer fühlen (z.B. Sachthemen). Für diese Kinder wäre es besonders wichtig, Zugang zu sich selbst und ihren eigenen Gefühlen zu entwickeln und zu lernen, mitfühlend mit sich selbst und anderen umzugehen. Als Eltern kann man dies gezielt fördern, beispielsweise durch Fragen wie:

  •  „Wie ging es dir da? Wie hast du dich gefühlt? Was hat das mit dir gemacht?“
  •  „Was meinst du, wie war das für deinen Bruder? Wie hat er das erlebt?“

Gefühle sind nicht immer rational erklärbar. Dies ist für manche Kinder, die stark rational und analytisch denken, ein wenig irritierend. Als Eltern können Sie Ihrem Kind helfen, einen Wortschatz für Emotionen aufzubauen und sie einzuordnen, indem Sie ihm Beobachtungen zurückspiegeln, z.B.:

  • "Heute bist du traurig, hm?"
  • "Das hat dich ganz schön wütend gemacht, gell?!"
  • "Hey, heute bist du ja fröhlich - was war denn?"
  • "Ich glaube, XY da im Film hat Angst, schau mal wie er guckt..."
  • "Schau mal wie sie lächelt, sie freut sich, dich zu sehen!"

Eigene Wege gehen

Manchmal bedeutet ein hochbegabtes Kind zu haben auch, sich ein Stück weit von gesellschaftlichen Erwartungen zu lösen. Vielleicht liest ihr Kind Bücher, die weit über die Empfehlung für seinen Altersbereich hinausgehen, vielleicht versteht es Zusammenhänge, die bei den meisten Erwachsenen Unbehagen auslösen. Oft benötigen diese Kinder weniger Schlaf als Gleichaltrige und Ihr Kind wird vielleicht gleichzeitig ins Bett gehen wie seine älteren Geschwister oder am Morgen topfit auf der Matte stehen, wenn die anderen noch selig schlummern. Wenn es Ihnen gelingt, die besonderen Interessen Ihres Kindes zu fördern und Ihrer Erziehungslinie unabhängig von gesellschaftlichen Bewertungen treu zu bleiben, ist bereits einiges geschafft.

Für Normalität einstehen

Ebenso wichtig wie das Bestreben, die Interessen Ihres hochbegabten Kindes zu fördern, sollte das Bestreben nach einem Stück Normalität sein. Es ist völlig in Ordnung, dass sich der Alltag nicht vollständig um das hochbegabte Kind dreht. Sie machen Ihrem Kind langfristig ein großes Geschenk, wenn Sie von ihm erwarten, dass es sich an Familienaktivitäten beteiligt oder im Haushalt hilft, auch wenn es dies als langweilig empfindet. Dazu gehört auch, den Interessen der Geschwister genügend Platz einzuräumen und diese anzuerkennen, auch wenn diese vielleicht weniger "außergewöhnlich" sind. 

Ein guter Partner sein

Es gibt eine Reihe von Studien, die untersucht haben, welche Aspekte eine gute Betreuung hochbegabter Kinder aus der Sicht der Kinder und Jugendlichen ausmachen. Ein Beispiel dafür findet sich bei Paul Torrance (1978), der über einen langen Zeitraum hochbegabte Kinder betreut und begleitet hat. Er bat sie, zusammenzutragen, welche Lehrkräfte ihr Leben verändert hatten und warum. Was all die genannten Lehrkräfte gemeinsam hatten, war, dass sie…

  • das Kind, seine Ideen, Überzeugungen, seine Gefühle und Verhaltensweisen ernst nahmen und wertschätzten
  • feinfühlig auf die Emotionen des Kindes reagierten und ihm dabei halfen, sie auszudrücken und zu akzeptieren
  • immer wieder verdeutlichten, dass sie das Kind ganz unabhängig von seinen Talenten und Leistungen mochten
  • eine positive Haltung gegenüber den besonderen Eigenschaften des Kindes zeigten und es dafür lobten
  • Interessen akzeptierten, förderten und dabei ermunternd zur Seite standen
  • sich Zeit nahmen, um sich individuell mit jedem einzelnen zu beschäftigen
  • mehr Wert auf Anstrengung und Versuchen legten als auf Erfolge
  • betonten, wie wertvoll die Zusammenarbeit und das Miteinander ist

Autorenteam

Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund sind Psychologen, Autoren und leiten gemeinsam die Weiterbildung in Lerncoaching in Zürich.

Lernbehinderung

Hinter dem Begriff der Lernbehinderung verbergen sich schwere und ausgeprägte Lern- und Leistungsprobleme, die in (fast) allen Schulfächern, z.B. im Lesen, Rechnen sowie Schreiben auftreten und überdauernd sind. Kinder mit einer Lernbehinderungen liegen von ihrem Leistungsniveau her trotz ausreichender Beschulung etwa 2-3 Schuljahre hinter den Gleichaltrigen zurück. Diese Rückstände sind nicht auf eine Sinnesschädigung (z.B. ein eingeschränktes Gehör oder Sehprobleme) zurückführbar, die das Aneignen von Wissen erschwert.

Im Gegensatz zu den Lernstörungen Dyslexie, Dyskalkulie oder Legasthenie geht eine Lernbehinderung immer mit einem Defizit in der allgemeinen Intelligenz einher. Der Intelligenzquotient der Betroffenen liegt unter dem Durchschnitt bei einem Wert zwischen 55 und 85. Studien legen nahe, dass etwa 15.7% der Kinder eine verminderte Intelligenz haben und dass circa 2,4%, der Kinder von einer Lernbehinderung betroffen sind. Prinzipiell verteilt sich die Lernbehinderung ungleich zwischen den Geschlechtern: es sind mehr Jungen als Mädchen von ihr betroffen. 1/3 der Betroffenen zeigen weitere Auffälligkeiten wie Störungen des Sozialverhaltens, Hyperkinetische Störungen oder tiefgreifende Entwicklungsstörungen.

Es gibt gewisse Auffälligkeiten, die an eine Lernbehinderung denken lassen:

  • Langsames Arbeitstempo
  • Geringer Lernumfang
  • Schnelleres Vergessen
  • Ausgeprägte Schwierigkeiten bei abstrakten Aufgaben
  • Geringer Transfer des Gelernten

Eine Lernbehinderung geht ausserdem häufig mit

  • Eingeschränkten Sprachfertigkeiten
  • Beeinträchtigter oder stark vereinfachter Wahrnehmungs- und Vorstellungsfähigkeit
  • Leichter Ablenkbarkeit
  • Emotionaler Instabilität
  • Schwierigkeiten in der Gefühlsregulation
  • Verhaltensauffälligkeiten (Aggressivität, Distanzlosigkeit, soziale Probleme)

einher.

Die Ursachen einer Lernbehinderung sind vielfältig und ergeben sich aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren. In der Forschung werden genetische Einflüsse, Umgebungsfaktoren und hirnorganische Prozesse als Einflussfaktoren diskutiert.

Wie wird eine Lernbehinderung diagnostiziert?

Die Abklärung erfolgt durch professionelle Fachpersonen, z.B. (Schul-) Psychologen. Standardisierte Testverfahren im Lesen, Schreiben und Rechnen geben Aufschluss darüber, wie sich die Leistung des Kindes im Vergleich mit Gleichaltrigen und selber Beschulungszeit, der sogenannten Normstichprobe, verhält. Zudem wird die allgemeine Intelligenz mithilfe eines Intelligenztests, z.B. des Hamburg- Wechsler- Intelligenztest (HAWIK) für Kinder ermittelt. Verschiedene Untertests erfassen unterschiedliche Bereiche, z.B. das Allgemeinwissen, die Arbeitsgedächtniskapazität, die Verarbeitungsgeschwindigkeit, verbale Fähigkeiten, abstraktes Denken usw. Auch die Befragung der Eltern und Lehrkräfte und eine gemeinsame Analyse der Schulleistungen des Kindes sind wichtige Bestandteile der Diagnostik. Im Rahmen der psychologischen Diagnostik werden ausserdem Verhaltensauffälligkeiten erfasst, die mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit auftreten, wenn eine Lernbehinderung vorliegt. Eine medizinische Abklärung ist unerlässlich, um auszuschliessen, dass Sinnesschädigungen für die Lernprobleme verantwortlich sind.

Wenn eine Lernbehinderung vorliegt, kann eine geschulte Fachperson (z.B.Heilpädagogin) eine geeignete Fördermassnahme einleiten. Um einen individuellen Unterstützungsplan erarbeiten zu können, wird die Fachperson in einem ersten Schritt das Lernverhalten des Kindes beobachten und auswerten. Es wird erhoben, wie der/ die Betroffene mit Misserfolgen und Frustrationsgefühlen umgeht und wie er/ sie über sich selbst und seine Leistungen denkt. Ein wichtiger Aspekt ist ausserdem das Kennenlernen der Rahmenbedingungen, in denen das Kind lernt. Dabei stehen Fragen im Zentrum wie: „Wo lernt das Kind unter welchen Bedingungen? Wie sieht der Unterricht aus? Wie und von wem wird das Kind betreut?“ Die Fachperson wird immer auch einen Blick auf die Ressourcen des Betroffenen werden. Neben Fragen, wer das Kind fördern und unterstützen könnte, ist es darüber hinaus wichtig, auch individuelle Stärken zu erkennen, zu würdigen und zu fördern, um das Selbstvertrauen wieder neu aufbauen zu können. Auf Seiten der Eltern wird die Fachperson sich darum bemühen, den Aufbau eines Unterstützungsnetzwerkes zwischen Schule, Eltern und Umfeld zu begünstigen. In individuellen Fördereinheiten kann das Kind nun dabei unterstützt werden, sich geeignete Lernstrategien anzueignen und besser mit Misserfolgen und Frustrationserlebnissen umgehen zu können.

Workshop "Erfolgreich lernen mit ADS und ADHS"

Ein Workshop für Eltern von Grundschulkindern

Warum ein Workshop zum Thema AD(H)S und lernen?

Kinder mit einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom mit oder ohne Hyperaktivität (ADS / ADHS) fordern ihre Eltern in besonderem Masse. Die Erziehung wird deutlich schwieriger und führt auch Eltern, die über hohe Erziehungskompetenzen verfügen, bisweilen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Die Lern- und Hausaufgabensituation wird nach einer Studie von Döpfner und seinem Team von den Eltern als besonders belastend empfunden. Hier kommen die Verträumtheit, die Unaufmerksamkeit, aber auch die Hyperaktivität und Impulsivität der Kinder voll zum Tragen.

Viele Eltern von Kindern mit ADS / ADHS machen sich Sorgen über

  • die Unaufmerksamkeit ihrer Kinder ("Wenn ich ihn nicht ständig strukturiere, kriegt er nichts hin", "Ich muss ihm immer wieder sagen: Hier spielt die Musik! Er lässt sich sonst von allem ablenken", "ständig lässt sie ihre Sachen liegen, vergisst etwas in Schule oder zu Hause")
  • die geringe Ausdauer ("er macht nie etwas fertig", "nach ein paar Minuten ist es ihr bereits wieder verleidet", "ich muss ihn ständig ermahnen, dran zu bleiben")
  • die Merkfähigkeit („Wir lernen die Wörter auswendig und am nächsten Tag ist alles wie weggeblasen.“)
  • die geringe Frustrationstoleranz („Wenn ich sie verbessere, geht sie sofort an die Decke.“; "Immer diese Wutanfälle!")
  • die vielen Konflikte rund um das Thema Hausaufgaben („Das Diskutieren dauert meist länger als das Erledigen der Hausaufgaben!“)

Hinzu kommen häufig frustrierende Lernerlebnisse aufgrund der Verträumtheit ("er ist immer in Gedanken, lebt in einer eigenen Welt", "sie ist so langsam - alles dauert ewig", "er trödelt und träumt immer vor sich hin - wenn ich ihn rufe, hört er es gar nicht") oder der Hyperaktivität („sie zappelt die ganze Zeit auf dem Stuhl herum und wird bei den Hausaufgaben sofort unruhig.“). Negative Rückmeldungen aus der Schule tun ihr Übriges.

Aufgrund dieser Schwierigkeiten reicht das normale Erziehungswissen meist nicht aus: Die Eltern benötigen besondere Kompetenzen. Sie müssen "Erziehungsprofis" werden, um ihr Kind sinnvoll unterstützen zu können. Dort wo sich viele andere Eltern zurücklehnen und sich über die selbständige Erledigung der Hausaufgaben freuen können, müssen Sie als Eltern eines Kindes mit AD(H)S besonders wirksame Strategien kennen, um konzentriertes Lernen zu Hause und in der Schule zu fördern.

Die Forschung zu AD(H)S zeigt einerseits, dass die Verhaltensauffälligkeiten dieser Kinder zu einem grossen Teil angeboren sind, dass jedoch auf der anderen Seite Elternkurse und besonders kompetentes Erziehungsverhalten die Auswirkungen mildern können.

Im Workshop erhalten Sie konkrete Tipps und Raum zur Diskussion über die folgenden Themen:

Inhalte Workshop ADS ADHS

Im Workshop behandeln wir die folgenden Fragen:

Wie kann ich mein Kind motivieren?

Kinder mit ADS und ADHS sind mit Feuereifer am Werk, wenn es um Tätigkeiten geht, die ihnen Freude bereiten. Zu fremdbestimmten Arbeiten wie den langweiligen Hausaufgaben fehlt ihnen meist jegliche Lust. Im Webinar wenden wir uns den Fragen zu, was Kinder motiviert und wie Eltern ganz gezielt auf die Lernmotivation Einfluss nehmen können. Wir besprechen, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit Kinder dazu bereit sind, sich auf das Lernen einzulassen und welche Umstände dazu führen, dass Kinder sich verweigern.

Welche Strategien helfen, die Hausaufgaben weniger oft zu vergessen?

Es gibt einfache Kniffe, die Ihrem Kind mit wenig Aufwand dabei helfen können, die Vollständigkeit seines Hausaufgabenheftes sicher zu stellen und dadurch Schritt für Schritt selbständiger zu werden. Im Elternkurs diskutieren wir verschiedene Möglichkeiten für den Alltag und sehen uns gemeinsam an, welche Hürden es dabei zu bewältigen gilt.

Worauf sollte man achten, damit sich Kinder Inhalte möglichst schnell und langfristig merken können?

Kinder mit ADS und ADHS haben Schwierigkeiten mit dem Arbeitsgedächtnis- viele Informationen gehen auf dem Weg ins Langzeitgedächtnis verloren. Dies merken auch Sie als Eltern, die wiederholt die Erfahrung machen, dass das viele Üben kaum von Erfolg gekrönt ist. Von der Gehirnforschung ausgehend lernen Sie in unserem Eltern- Coaching einige Methoden und Strategien kennen, die das schnellere und langfristigere Lernen erleichtern und dabei innerhalb der Lerneinheiten mehr Erfolgserlebnisse hervorbringen.

Wie können Konflikte rund um die Hausaufgaben- und Lernsituation reduziert werden?

Der Grossteil der Eltern, der den Workshop "Erfolgreich lernen mit ADS und ADHS" besucht, hat das ewige Diskutieren rund um die Hausaufgaben satt. Die Konflikte und Streiterein eskalieren- die Stimmung und Beziehung zwischen Eltern und Kind leiden. Auf der psychologischen Ebene nähern wir uns im Seminar als Gruppe der Frage, wie Konflikte vermieden, das Argumentieren unterbrochen und die Hausaufgabensituation entspannt werden kann. Wir begeben uns gemeinsam auf die Suche nach Strategien, die im Umgang mit Wutanfällen und Widerstand helfen können. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten den Raum, ihr eigenes "Anti-Stress-Rezept" zu finden und Lösungen mit anderen Eltern zu diskutieren.

Welche besonderen Stärken haben Kinder mit AD(H)S und wie können diese optimal genutzt werden?

Im nervenaufreibenden Alltag und durch die vielen negativen Rückmeldungen aus der Schule gehen die besonderen Eigenschaften und Stärken dieser Kinder oft unter. Für ein gesundes Selbstvertrauen dieser Kinder ist es ganz besonders wichtig, dass Eltern und Lehrkräfte ihren Kindern diese Stärken bewusst machen können. Wir befassen uns mit der Frage, welche besonderen Stärken Kinder mit AD(H)S aufweisen und wie Sie als Eltern dazu beitragen können, dass Ihr Kind auf diesen aufbauen und sie für sich nutzen kann.

Wie können Kinder gelassener im Umgang mit Misserfolgen und Fehlern werden?

Der konstruktive Umgang mit Misserfolgen und Fehlern liegt uns besonders am Herzen. Wenn wir uns bewusst machen, wie viel Ablehnung, Abwertungen und Rückschläge Kinder mit ADS und ADHS tagtäglich in der Schule einstecken müssen, bemerken wir, dass wir dem viel entgegen halten müssen, um den Selbstwert dieser Kinder nicht zu gefährden. Welche Ansatzpunkte helfen und wie diese Tipps im Alltag konkret umgesetzt werden, ist ebenfalls Teil des Webinartages.

Wie kann ich dazu beitragen, dass sich mein Kind besser organisieren kann und vorausschauendes Planen lernt?

Kinder mit ADS und ADHS haben Schwierigkeiten mit der "Kommandozentrale" des Gehirns, die für das Planen, Organisieren und vorausschauende Überlegen zuständig ist. Eltern erleben wiederholt die "Aus den Augen- aus dem Sinn"- Haltung ihres AD(H)S Kindes und müssen dann beim bis zuletzt aufgeschobenen Projekt des Kindes eine Extraschicht einlegen. Das Einhalten der Wochenpläne, die heute fester Bestandteil in der Schule sind, machen diesen Kindern Mühe. Doch wie können Kinder mit ADS und ADHS dieses Defizit kompensieren und welche Rolle können die Eltern dabei spielen? Dieser Frage gehen wir im Seminar auf den Grund.

Welche Tipps helfen dabei, die Situation an die Konzentrationsspanne der Kinder anzupassen?

Die rasche Ablenkbarkeit und die schnelle Ermüdbarkeit ihres Kindes macht vielen Eltern AD(H)S- betroffener Kinder zu schaffen. Daher ist die Gestaltung einer optimalen Lernbedingung ein wichtiges Thema im Elternkurs. Denn es gibt einige Möglichkeiten, die Lernbedingungen so zu verändern, dass Kinder sich weniger leicht ablenken lassen, mehr Durchhaltevermögen zeigen können und sich immer besser auf das Lernen und die Hausaufgaben einlassen.

Welche Fehler kann man bei der Betreuung ungewollt machen und was macht überhaupt eine gute Betreuung für ein AD(H)S Kind aus?

Kinder mit ADS und ADHS fordern die Betreuungspersonen mit ihren Besonderheiten in besonderem Masse. Viele Eltern stellen sich die Frage, wann sie aufgrund der kindlichen Defizite ein Auge zu drücken sollten und in welchen Situationen eine konsequente Haltung ohne wenn und aber notwendig ist. Im Webinar erhalten Sie Einblicke in die unbewussten Mechanismen, die in Familien häufig zu Konflikten oder zur Unselbständigkeit des Kindes führen können. Sie erfahren, welche Erziehungsprinzipien im Umgang mit AD(H)S- Kinder fundamental wichtig sind und von welchen aufgezwungenen Ansprüchen von aussen Sie sich (auch aus wissenschaftlicher Sicht) getrost trennen dürfen.

Der Workshop soll Ihnen als Eltern mehr Sicherheit geben, Ihnen spezifische und wirksame Lernmethoden vermitteln, Sie dabei unterstützen, Ihre Rolle in der Lern- und Hausaufgabensituation zu klären. Er soll Ihnen dabei helfen, mit Frustrationserlebnissen Ihres Kindes besser umgehen zu können und diese nach und nach zu reduzieren. Für Ihr Kind soll es durch den Workshop möglich werden, konzentrierter und motivierter zu lernen, mehr Erfolgserlebnisse zu erleben und sich Inhalte besser und länger zu merken.

Wer leitet den Workshop?

Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler

Der Workshop wird von Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler geleitet. Sie sind Psychologen und Buchautoren und beschäftigen sich seit mehreren Jahren mit den Themen Lernen und Lernschwierigkeiten bei Kindern und Jugendlichen. 

An wen richtet sich der Workshop?

Der Workshop richtet sich an Bezugspersonen von Primarschulkindern. Die vorgestellten Strategien eignen sich sowohl für Kinder mit vorwiegend unaufmerksamem Typus (ADS / "Träumer") als auch für Kinder mit vorwiegend hyperaktiv-impulsivem Erscheinungsbild (ADHS / "Wirbelwind").

Mein Kind hat (noch) keine Diagnose erhalten, aber ich wünsche mir Unterstützung. Kann ich trotzdem teilnehmen?

Viele Eltern machen sich Sorgen, wenn sie merken, dass ihr Kind

  • sich nur für eine kurze Zeit konzentrieren kann und sich leicht ablenken lässt
  • enorm vergesslich und chaotisch ist
  • langsam und verträumt oder schnell und hudelig arbeitet
  • sich nicht auf die Hausaufgaben einlassen möchte
  • keine einzige Aufgabe alleine bearbeiten kann
  • unheimlich schnell frustriert ist und leicht aufgibt

Im Workshop arbeiten wir gemeinsam an Lösungen für diese Schwierigkeiten. Aus diesem Grund spielt es keine Rolle, ob Ihr Kind bereits eine Diagnose erhalten hat oder ob Sie die Schwierigkeiten Ihres Kindes in den Problembeschreibungen wieder erkennen und Sie sich deswegen Unterstützung wünschen.

Die Strategien eignen sich für Primarschüler/innen (1. - 6. Klasse). Wenn Ihr Kind kurz vor dem Übertritt in die erste Klasse steht und Sie bereits von Anfang an eine gute Lernatmosphäre schaffen möchten, sind Sie ebenfalls herzlich willkommen. 

Was investiere ich?

Das Webinar kostet Fr. 195.- / 175.- Euro (Paare können sich gerne zu zweit über ein Gerät zuschalten). 

*Bis 31 Tage vor Kursbeginn ist eine kostenlose Stornierung möglich. Bei kurzfristigen Absagen innert 30 Tagen vor Kursbeginn gilt der Gesamtbetrag als geschuldet. Ausnahme: die absagende Person stellt eine/n Ersatzteilnehmer/in.

Ich möchte den Workshop unbedingt besuchen, kann es mir jedoch nicht leisten

Nicht jede Familie ist in der Lage, die Kosten für den Workshop aufzubringen. Wir möchten Sie in diesem Fall nicht ausschliessen. Schicken Sie uns eine Bestätigung, dass Sie Anrecht auf eine Krankenkassenprämienverbilligung haben. Wir reduzieren in diesen Fällen die Kurskosten auf Fr. 100.-. In Härtefällen (Sozialhilfe) ist eine weitere Reduktion möglich (melden Sie sich einfach bei uns).

Wann und wo findet der Kurs statt?

Nächste Durchführung als Web-Seminar:

Webinar in 5 Teilen / nicht einzeln buchbar:

Teil 1: Donnerstag, 24. September 2026 - 19.00 - 21.00 h / Vermerk: Erster Abend mit verlängerten Kurszeiten!
Teil 2: Donnerstag, 29. Oktober 2026 - 19.30 - 21.00 h
Teil 3: Donnerstag, 19. November 2026 - 19.30 - 21.00 h
Teil 4: Donnerstag, 10. Dezember 2026 - 19.30 - 21.00 h
Teil 5: Donnerstag, 14. Januar 2027 - 19.30 - 21.00 h Abschluss

Anmeldeschluss: Bis 7 Tage vor Kursbeginn. 

Sie sind an einem Datum anderweitig beschäftigt und können nicht teilnehmen?
Der gesamte Kurs wird aufgezeichnet. Sie erhalten den Aufzeichnungslink einige Tage nach der Durchführung.

Wie kann ich mich anmelden?

Ihre Anmeldung nimmt unsere Sekretärin Sonja Grego gerne entgegen. Schreiben Sie dazu eine Email an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 
und den folgenden Angaben:

  • Anmeldung Online-Elternseminar "Erfolgreich lernen mit ADS und ADHS"
  • Jahr / Durchführungsdaten:
  • Ihren Namen und Anzahl Teilnehmer
  • Ihre vollständige Rechnungsadresse
  • Ihre Telefonnummer

Sie erhalten darauf die Rechnung mit Einzahlungsschein in einer separaten E-Mail.

Es erwartet Sie ein spannender, lehrreicher und praxisbezogener Kurs, der Ihnen und Ihrem Kind den Alltag und das Lernen deutlich erleichtern kann.

Melden Sie sich heute noch an - wir freuen uns auf Sie!

Rechenstörung / Dyskalkulie

Eine Mutter schreibt:

„Unser Sohn hat enorme Schwierigkeiten in der Mathematik. Ich habe den Eindruck, dass wir jeden Tag wieder von vorne beginnen müssen. Wir haben schon vieles ausprobiert, zum Beispiel verschiedene Materialien zu Hilfe nehmen, aber irgendwie macht er kaum Fortschritte. Ich bin langsam ratlos und frage mich, wie ich es ihm noch erklären soll, damit es klick macht. Ein Beispiel: Sogar bei ganz einfachen Aufgaben wie 3 + 5 oder 17 - 9 kommt er kaum auf ein Ergebnis. Der Grundschullehrerin fällt das auch auf. Sie ist total bemüht und nimmt sich oft Zeit, um unserem Sohn die Aufgaben oder Rechenschritte noch einmal zu erklären. Aber bis er zu Hause ist, hat er keine Ahnung mehr, wie er es jetzt rechnen muss. Die Heilpädagogin meint, dass vielleicht eine Rechenschwäche dahinterstecken könnte.“

Was sind die Anzeichen für eine Rechenschwäche oder -störung? Wie häufig kommt sie vor und wie wird sie diagnostiziert? Mehr dazu erfahren Sie in diesem Artikel.

Woran erkennt man eine Rechenstörung?

Bereits sehr früh entwickeln Kinder mathematische Fertigkeiten. Oftmals kann man nur staunen, wie rasch Kleinkinder lernen, einfache Mengen zu unterscheiden (z.B. Legosteine, Kekse) und wie sie langsam mit dem Aufsagen der Zahlenreihe beginnen („Einszweidreivierfünf…“). Ab dem Kindergartenalter erkennen sie, dass diese Zahlen eine tiefere Bedeutung haben – dass sie nämlich für Anzahlen stehen. Mit der Zeit gelingt es ihnen, von verschiedenen Zahlen aus hoch- und runterzuzählen und dadurch auch einfach Plus- und Minusrechnung zu lösen. Sie können nun auch Teilmengen erfassen („Ich hab vier Legosteine: drei grüne und einen gelben“).

Im Verlauf der Grundschule eignen sich die Kinder ein besseres Konzept von Mengen, von der natürlichen Zahlenfolge und vom immer größer werdenden Zahlenraum an und erkennen den Unterschied zwischen den Stellenwerten (Tausender, Hunderter, Zehner, Einer). Zudem machen sie sich mit den grundlegenden Rechenoperationen vertraut (Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division).  All dies bildet die Grundlage für spätere komplexere Rechnungen.

Kinder mit einer Rechenstörung scheitern oftmals bereits am Erwerb der Grundlagen:

Probleme Rechnen Dyskalkulie Rechenstörung Rechenschwäche

  • Typischerweise rechnen diese Kinder auch am Ende der Unterstufe und in der Mittelstufe noch mit den Fingern und können sich kaum davon lösen. Oftmals zählen sie Plus- und Minusaufgaben angestrengt ab und kommen nur langsam zu einem –oftmals falschen- Resultat. Bei Jugendlichen erfolgt das Hoch- und Runterzählen häufig verdeckt. Manche von ihnen stellen sich im Kopf einen Zahlenstrahl vor, andere zählen leise ab und nicken dabei mit dem Kopf oder pressen die Finger nacheinander auf die Tischplatte.
  • Viele betroffene Kinder können beim Rechnen kaum mentale „Anker“ setzen und Ergebnisse abspeichern. Haben sie beispielsweise die Aufgabe 9+4 in diesem Moment erfolgreich lösen können, müssen sie die Aufgabe 9+5 direkt im Anschluss erneut durchzählen.
  • Oftmals verlieren sich Kinder mit einer Rechenstörung selbst in einfachen Aufgaben, rechnen langwierig, hüpfen plötzlich zu einer anderen Rechenprozedur und vergessen dabei die Aufgabenstellung ("Jetzt bin ich rausgekommen - Wie hieß noch mal die Aufgabe?")
  • Das Kopfrechnen ist meist sehr angst- und schambehaftet und gelingt oftmals nur unter großen Mühen und heimlicher Zuhilfenahme von Materialien. Solche Aufgaben werden daher oftmals so gut wie möglich umgangen oder es kommt zu Blackouts („Weiß nicht…Jetzt ist wieder alles weg.“)
  • Sollen schwierigere Aufgaben gelöst werden (Zehnerübergang, Hunderterraum), passieren viele Fehler. Die Kinder kommen mit ihrer „Abzählstrategie“ an ihre Grenzen, fühlen sich verwirrt und produzieren reihenweise falsche Resultate. Das Arbeitstempo ist massiv gedrosselt.
  • Schwierigkeiten zeigen sich häufig auch beim Stellenwert: Hunderter, Zehner und Einer werden relativ wahllos vertauscht. „Achtundneunzig“ wird beispielsweise als 89 verschriftlicht, „fünfhundertfünfzig“ als 50050.
  • Ein Gespür für die Größe von Zahlen oder Mengen (79>89) kann kaum ausgebildet werden.
  • Es kommt zu Problemen beim Abspeichern des Einmaleins, Verwirrung macht sich breit („Warum ergibt 9x8 dasselbe wie 8x9?“).
  • Geschriebene Zahlwörter in Texten / Sachaufgaben werden nicht als solche erkannt.
  • Bei Sachrechnungen wird die Aufgabenstellung überflogen, dann greift das Kind oftmals einzelne Zahlen heraus und fügt diese nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ zusammen.
  • Vielen Kindern mit einer Rechenstörung fällt insgesamt das mathematisch-logische Denken schwer. Es gelingt ihnen kaum, mathematische Konzepte, Fakten oder Rechenschritte anzuwenden, um eine Problemstellung zu lösen.

Typischerweise entsteht bei den Bezugspersonen mit der Zeit der Eindruck, das Üben mit dem Kind bringe keine Erfolge. Verschiedene Anschauungsmaterialien scheinen kaum Wirkung zu zeigen. Am nächsten Tag ist alles wieder „wie weggeblasen“.

Dyskalkulie Rechenschwäche Rechenstörung Probleme Rechnen

Die meisten Kinder mit Rechenschwierigkeiten leiden stark unter ihren Misserfolgen. Eltern müssen oft hilflos dabei zusehen, wie sich ihr Kind als „zu dumm“ abstempelt, im Unterricht über Bauchschmerzen klagt oder mit der Zeit massive Prüfungsängste entwickelt. Viele Eltern beobachten mit wachsender Sorge, dass sich ihr Kind dem Üben mehr und mehr entzieht, um den Selbstwert zu schützen, wodurch die Lücken im Rechnen noch größer werden. Die Forschung zeigt zudem, dass diese Kinder ein höheres Risiko für Selbstmordgedanken haben – ein Ausdruck ihrer großen Verzweiflung.

Verschiedenen Studien zufolge sind circa 4 bis 7% der Kinder im deutschsprachigen Raum von einer Rechenstörung betroffen. Die Diagnose wird gestellt, wenn ein Kind trotz ausreichender Beschulung und Intelligenz überdauernde Probleme im Zahlen- bzw. Mengenverständnis und insbesondere in der korrekten Anwendung von Rechentechniken (Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division) hat. Die Auffälligkeiten treten in den ersten Schuljahren zutage und führen zu ungenügenden Noten in der Mathematik. Es besteht eine große Diskrepanz zwischen dem allgemeinen Begabungspotenzial / IQ des Kindes und seinen Rechenleistungen.

Weil es nicht aufgrund mangelnder Intelligenz zur Rechenproblematik kommt, spricht man auch von einer Teilleistungsstörung oder -schwäche. Verwandte Begriffe der Rechenstörung sind „Dyskalkulie“ und „spezifische Lernstörung mit Einschränkungen in der Mathematik“.

Wie wird eine Rechenstörung / Dyskalkulie diagnostiziert?

Wenn Eltern und Lehrpersonen feststellen, dass ein Kind über einen längeren Zeitraum hinweg massive Probleme im Rechnen aufweist, wird oftmals eine professionelle Abklärung ins Auge gefasst. Meist ist die Schulpsychologin die erste Anlaufstelle. Auch Kinder- und Jugendpsychotherapeuten bzw. -psychiater verfügen normalerweise über die notwendigen Testverfahren und Erfahrungen für eine fundierte Diagnostik.

Nach der Anmeldung zur Abklärung führt die Fachperson in der Regel ein Erstgespräch mit den Eltern und dem Kind, teilweise auch mit der Lehrperson. Im Erstgespräch kommen die bisherige Entwicklung des Kindes, die schulische Situation und die Auswirkungen der Rechenschwierigkeiten auf den Alltag zur Sprache. Typischerweise möchte sich die Diagnostikerin auch ein Bild über die Stärken und Schwächen des Kindes und seine emotionale Befindlichkeit in der Familie, Freizeit und der Schule machen.

Nun folgt die testpsychologische Untersuchung. In den meisten Fällen legt das Kind zuerst einen Intelligenztest (z.B. WISC, K-ABC-2) ab. Dadurch möchte die Fachperson feststellen, ob sich die Rechenprobleme durch eine Über- oder Unterforderung oder eine Lernbehinderung erklären lassen. Gleichzeitig kann sie anhand des Testprofils erkennen, in welchen Bereichen das Kind Stärken und Schwächen aufweist.

Spezifische Rechentests (z.B. DEMAT, HRT, ZAREKI-R, RZD) geben Hinweise darauf, wo das Kind bezüglich seiner mathematischen Fertigkeiten aktuell steht. Sein Gesamtergebnis wird mit der Durchschnittsleistung von Gleichaltrigen bzw. Schüler/innen derselben Klassenstufe verglichen. Anhand dessen prüft die Diagnostikerin, ob das Testergebnis des Kindes im kritischen Bereich liegt. Ergänzend kann sie sich die Ergebnisse der verschiedenen Untertests genauer ansehen und dabei einschätzen, welche Lücken das Kind aufweist und auf welcher Ebene seine Rechenschwierigkeiten liegen. Dies liefert wertvolle Hinweise für die Frage, wo die Förderung des Kindes ansetzen sollte.

Zusätzliche Verfahren geben Aufschluss über den Entwicklungsstand in Bereichen der visuellen und auditiven Wahrnehmung, der Motorik und des Körpergefühls, die ebenfalls einen hohen Stellenwert in der Diagnostik einnehmen. Falls es Anlass zur Vermutung gibt, dass die Rechenschwierigkeiten durch Seh- oder Hörprobleme bzw. durch neurologische, sensorische oder motorische Auffälligkeiten zustande kommen, kann eine weiterführende medizinische Abklärung sinnvoll sein. 

Im Idealfall darf die Diagnostikerin im Verlauf der Diagnostik auch Einblick in alte Prüfungen, Übungshefte und / oder Zeugnisse des Kindes nehmen. Dies liefert ihr wertvolle Hinweise über den bisherigen Verlauf der Rechenschwierigkeiten. Die Diagnostikerin wird zudem das Arbeitsverhalten des Kindes beobachten und mögliche Ängste oder Lernblockaden im Blick behalten.

Auf Basis der Abklärungsergebnisse kann die Diagnostikerin feststellen, ob die Kriterien für eine Rechenstörung beim Kind erfüllt sind. Bei einem Auswertungsgespräch stellt die Fachperson die Testergebnisse vor und diskutiert mit der Familie, im Idealfall auch mit der Lehrperson die weiteren Fördermöglichkeiten.

Welche Ursachen hat die Rechenstörung?

Der Forschungsstand deutet darauf hin, dass die Rechenstörung durch ein kompliziertes Zusammenspiel aus Genen und Umwelteinflüssen zustande kommt. Dass Gene wahrscheinlich eine Rolle spielen, zeigt sich unter anderem in Familienstudien. So konnten Forscher/innen nachweisen, dass die Rechenstörung in Familien gehäuft auftritt. Leibliche Eltern und Kinder von Betroffenen haben ein um 5 bis 10 Mal erhöhtes Risiko, selbst an einer Rechenstörung zu leiden, im Vergleich zu Personen, bei denen die Rechenstörung nicht in der direkten Verwandtschaft vorkommt. Es ist davon auszugehen, dass mehrere Gene mit der Rechenstörung in Verbindung stehen und nicht ein einziges Gen.

Als Risikofaktoren kommen zudem bestimmte Bedingungen während der Schwangerschaft (beispielsweise rauchen der Mutter) infrage. Darüber hinaus entwickeln frühgeborene Kinder beziehungsweise solche mit sehr geringem Geburtsgewicht in ihrem Leben häufiger spezifische Lernstörungen.

Auch das Lebensumfeld des Kindes kann die Entwicklung der Problematik beeinflussen.

Insgesamt deuten die Studienergebnisse darauf hin, dass sich das Zusammenspiel zwischen Genen und Umweltbedingungen auf die Gehirnentwicklung des Kindes auswirkt. Dabei entstehen vermutlich Einschränkungen in der Informationsverarbeitung. Diese wiederum können es dem Kind erschweren, grundlegende Fertigkeiten und weiterführende Kompetenzen in der Mathematik aufzubauen.

Über mehrere Studien mit bildgebenden Verfahren hinweg konnte nachgewiesen werden, dass Hirnregionen, die am Rechnen beteiligt sind (im Parietallappen, präfrontalen und occipitalen Kortex) bei Kindern mit Rechenstörung ein anderes Aktivierungsmuster aufweisen (Kaufman und Kollegen, 2011).

Was brauchen Kinder mit Rechenschwierigkeiten?

Die meisten Kinder geraten durch die andauernden Rechenprobleme in einen regelrechten Teufelskreis. Auf das anfängliche Bemühen, die Lücke zu schliessen und den Anschluss an die Klasse zu gewinnen, folgt bald die Abwertung des Faches („Rechnen ist eh blöd!“) um das Selbstwertgefühl zu schützen. Eltern haben in dieser Phase mit dem Widerstand des Kindes zu kämpfen, das sich beharrlich gegen die Rechenübungen sträuben will. Die Misserfolge und die Spannungen während der Hausaufgaben und Übungen führen zu Frustrationen auf beiden Seiten. Die Lücken werden immer größer, das Selbstbewusstsein des Kindes und die Beziehung leiden. Eltern müssen in dieser Situation zu Experten für ihr Kind werden und genau erkennen, wie sie ihr Kind wieder neu zum Lernen motivieren können, mit Widerstand umgehen können und welche Übungen zur Lückenschließung sinnvoll sind (mehr dazu in unserem Elternseminar).

Eine zielgerichtete Förderung kann am besten in der Zusammenarbeit von Kind, Eltern, die Lehrperson, der schulischen Heilpädagogin bzw. einem Lerncoach umgesetzt werden.

Damit das Kind wieder Vertrauen in seine Fähigkeiten schöpfen und kleine Fortschritte erleben kann, müssen die Übungen so gestaltet sein, dass sie das Kind nicht überfordern. Eine Lückenanalyse gibt Aufschluss darüber, wo genau das Kind den Anschluss verloren hat und welche Lücken im Detail bestehen. Indem Übungen an der ersten Lücke ansetzen, können die Grundlagen so gut und rasch wie möglich aufgebaut werden.

Oftmals ist es nicht sinnvoll, (ausschließlich) den aktuellen Schulstoff zu bearbeiten. So nützt es beispielsweise wenig, mit einem Kind intensiv am Zehnerübergang zu arbeiten, wenn es die Grundlage dafür noch nicht beherrscht (Auswendiger Abruf der Plus- Minusrechnung im Zehnerraum). Viele frustrierende Übungseinheiten könnten bei diesem Kind vermieden werden, wenn zuerst die Grundlagen eingeschliffen werden.

Regelmäßige, kurze Übungseinheiten (z.B. täglich 10 Minuten) sind gewinnbringender als seltenere, lange Übungseinheiten.

Rechenschwache Kinder machen oftmals die Erfahrung, dass sie „üben können so viel sie wollen aber trotzdem schlecht bleiben.“ In der Folge stempeln sie sich häufig als zu dumm oder wertlos ab. Um ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zu entwickeln sind sie auf Bezugspersonen angewiesen, die:

Für die Unterstützung rechenschwacher Kinder bei den Hausaufgaben gilt allgemein: Weniger ist mehr! Wenn wir ihnen eine echte Unterstützung sein möchten, sollten wir uns genau darüber informieren, welcher Rechenweg in der Schule vermittelt wird und versuchen, diesen nachzuvollziehen anstatt das Kind mit Zusatzerklärungen durcheinanderzubringen. Oftmals neigt man instinktiv dazu, verschiedene Anschauungsmaterialien, Rechentricks und -wege zu nutzen. Das ist gut gemeint, denn man möchte so gerne, dass das Kind ein „AHA-Erlebnis“ hat. Leider erreicht man dadurch meist genau das Gegenteil. Die Kinder fühlen sich noch stärker verwirrt, beginnen zu weinen oder reagieren mit einem frustrierten „Das hat die Lehrerin aber ganz anders erklärt!"

Sich in der Schule tagtäglich mit den eigenen Schwächen zu konfrontieren kostet Kraft. Um psychisch gesund zu bleiben brauchen gerade Kinder mit Lernschwierigkeiten genügend Ruheinseln und Raum, um ihre Stärken zu entdecken und zu kultivieren. Mehr zu diesem Thema erfahren Sie unter diesem Link

Aktuell: Seminar zum Thema Rechnen

Elternseminar „Kinder mit Rechenschwierigkeiten erfolgreich fördern“ mit Dyskalkulie-Experte Dr. Armin Born

Buchtipp:

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Buch Armin Born Kinder mit Rechenschwche erfolgreich frdern 7 Auflage

 

Unsere Bücher

Für Eltern:

Erfolgreich lernen mit ADHS und ADS neues Cover 2023

       

Für verträumte Schulkinder:

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Für Jugendliche und Studierende:

Buch Clever lernen 2 Auflage Mai 2024   

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Autorenteam

Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund 

 

 

 

 

 

 Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund sind Psychologen, Autoren und leiten gemeinsam die Akademie für Lerncoaching in Zürich.

 

Akademie für Lerncoaching
Albulastrasse 57
8048 Zürich

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