Aufmerksamkeitsdefizit / Hyperaktivität

Was für den Schulerfolg AD(H)S-betroffener Kinder wichtiger ist als die Intelligenz

Bevor wir uns dieser Frage aus wissenschaftlicher Sicht widmen, würden wir Sie gerne einen Moment zu  Familie Strutz entführen:

„Mamaaa, weisst du eigentlich, wo mein… ist???“ Wie oft hat Lenas Mutter diesen Satz bereits von ihrer 10-jährigen Tochter gehört. Sehr viel öfter als ihr lieb ist. Lenas Vater gibt manchmal neckisch zu, dass seine Tochter das Chaos fast magisch anzuziehen scheint.

Schulerfolg AD(H)S-betroffener KinderGerade heute ist wieder eine Mitteilung der Lehrerin eingetroffen. Lena habe schon wieder das Englisch-Workbook vergessen. Bitte achten Sie auf mehr Sorgfalt bei den Arbeitsmaterialien hat es geheissen. Lenas Mutter macht sich Sorgen und ärgert sich, sie kann die Mitteilungen bald nicht mehr zählen. Der Kinderpsychologe meinte, dass Kinder wie Lena, die eine AD(H)S aufweisen, häufig Mühe hätten, Ordnung zu halten und an ihre Sachen zu denken. Frau Strutz, Lenas Mutter, verliert jedoch langsam den Mut: Wie oft soll sie Lena noch erinnern und ihr alles hinterher tragen? Müsste sie nicht langsam einmal selbständig werden? Hat ihr Umfeld etwa Recht und man müsste Lena einfach einmal „auf die Nase fallen“ lassen, sie ohne Materialien in die Schule schicken oder ihr verlorene Gegenstände vom Taschengeld abziehen, damit sie besser auf ihre Sachen aufpasst?“

Viele Eltern AD(H)S-betroffener Kinder und Jugendlicher kämpfen tapfer gegen das Chaos, das oftmals von diesen Kindern ausgeht. Diese Kinder und Jugendliche scheinen das Motto „Nur das Genie überblickt das Chaos“ oder „wer aufräumt ist zu faul zum Suchen“ zu leben. Es gelingt ihnen offenbar einfach nicht, ihre Spielsachen, Schulmaterialien oder Kleidungsstücke zu verwalten.

Ordnung zu schaffen und zu halten ist äusserst komplex. Wir müssen uns dabei eine Reihe von Fragen stellen:

  • Was muss ich wegräumen oder einsortieren?
  • Was davon möchte ich behalten, was kann weggeworfen werden?
  • Welche Teile gehören an welchen Platz?
  • Womit beginne ich, womit mache ich weiter?

Dabei fühlen sich AD(H)S-Betroffene schnell überfordert.  Das Aufräumen ihres chaotischen Kinderzimmers oder das Sortieren ihrer Schulsachen scheint ihnen oftmals wie ein unüberwindbarer  Berg, der sie völlig lähmt.

Diese Schwierigkeiten können für die schulische Entwicklung fatale Folgen haben.

So ging das Forscherteam um Langberg und Kollegen in einer Studie aus dem Jahr 2011 der Frage nach, welche Faktoren zum Schulerfolg AD(H)S-betroffener Kinder und Jugendlicher zwischen 10 und 14 Jahren beitragen. Der Schulerfolg wurde mithilfe des Notendurchschnitts in den Fächern Mathematik, Geschichte, Englisch (in diesem Fall die Muttersprache) und Naturwissenschaft bestimmt.

Das überraschende Ergebnis: Lediglich 15 % des Schulerfolges konnte durch die Intelligenz der Jugendlichen erklärt werden. Als deutlich gewichtiger stellte sich der Faktor „Verwaltung und Verlust von Materialien wie Schulbüchern, Arbeitsblättern und Ordnern“ heraus. Dieser Faktor wurde von den Lehrpersonen eingeschätzt und trug mit 27% zum Gesamtnotendurchschnitt der Kinder bei (und zwar unabhängig vom IQ!). Die Verwaltung der Arbeitsmaterialien hatte damit eine wesentlich stärkere Bedeutung für den Schulerfolg als die Intelligenz der Kinder und Jugendlichen.

Doch wie unterstützt man chaotische Kinder und Jugendliche dabei, ihre Materialien ordentlich zu verwalten?

Nutzen wir dazu die Erfahrungen von Familien, die dem Chaos im Leben ihres Kindes erfolgreich den Kampf angesagt haben. (Hinweis: Es handelt sich hierbei um Tipps, die sich in unseren Elternseminaren als hilfreich erwiesen haben)

Ressourcen clever nutzen

Viele Eltern AD(H)S-betroffener Kinder machen die Erfahrung, dass der Alltag sie regelmässig überrollt. Ist eine Alltagsschwierigkeit gelöst, bahnt sich oft bereits die nächste an. Wie eine Mutter einmal sehr treffend formulierte: „Wir spielen bei unserem Sohn eigentlich die ganze Zeit Feuerwehr und lösen das Problem, das sich gerade am dringlichsten in den Vordergrund drängt. Aber dadurch fehlt die Zeit für den Brandschutz.“

Wir könnten den ganzen Alltag darauf verwenden, unseren kleinen Chaoten alles hinterher zu räumen, sie beharrlich an gewisse Materialien erinnern, im Zweifelsfall auch mit Verboten zu drohen, wenn sie nicht endlich Ordnung schaffen.

Das Problem ist: Die meisten Eltern berichten uns, dass all diese gut gemeinten Reaktionen wenn überhaupt nur kurzfristig helfen. Denn das Kind erwirbt dadurch keine neuen Kompetenzen, die frontalen Bereiche des Gehirns werden nicht trainiert. Wir spielen permanent Feuerwehr, verpassen es aber, Brandschutz zu betreiben.

Brandschutz betreiben, das hiesse in diesem Fall…

  • Mit dem Kind gemeinsam clevere Ordnungssysteme einführen
  • Sie engmaschig betreuen
  • Die Anwendung des Systems so lange üben, bis das Kind mehr und mehr selbstständig damit arbeiten kann

Vielleicht geht es Ihnen wie vielen anderen Eltern und sie denken sich gerade: „Was soll ich denn noch alles zusätzlich machen?“ oder „Das gibt doch nur noch mehr Arbeit.“

Damit haben Sie Recht. Die Einführung eines neuen Ordnungssystems ist anfangs beschwerlich. Wie rettet man sich über diese beschwerliche Phase?

Mit dem Wissen, dass es sich lohnt. Eine Mutter erklärte uns einmal: „Wir haben jetzt mit einem Farbensystem angefangen. Klar müssen wir da jetzt ziemlich dahinter sein, dass unser Sohn lernt, das richtig anzuwenden und seine Sachen beisammen zu halten. Aber ich sage mir selbst, das ist wie mit dem Zähneputzen. Klar hätte ich meinem Sohn noch bis ins Erwachsenenalter die Zähne putzen können. Denn schneller geht das auf alle Fälle. Ihm beizubringen, das selbst zu tun dauert natürlich länger und ist mühsamer. Ich musste es ihm immer wieder zeigen, geduldig daneben stehen und ihn daran erinnern. Aber der Schritt zahlt sich aus, man muss irgendwann nicht mehr helfen. Genauso sehe ich das mit unserem Ordnungssystem: Jetzt am Anfang muss ich mehr leisten als vorher, ihn noch engmaschiger betreuen und unterstützen. Aber wenn wir daraus erst ein Ritual gebildet haben, spare ich mir damit eine Menge Zeit und uns beiden eine Menge Ärger.“

Wer seine Ressourcen clever nutzen möchte, fragt sich: „Möchte ich lieber die nächsten X Jahre hinter dieser Aufgabe / Aktivität / diesem Material her sein oder möchte ich meinem Kind beibringen, es selbst zu tun? Was würde mir das nützen? Wäre ich bereit, diese Extrameile zu gehen und dieses Ziel beharrlich zu verfolgen? Wie viel Zeit könnte ich pro Tag investieren, um meinem Kind beizubringen… mit der Zeit selbst zu tun?

Ordnung mit Farbe!          

Kinder mit AD(H)S sind oft ausgeprägte Augenmenschen. Sie profitieren von visuellen Gedächtnisstützen und dem Einsatz verschiedener Farben. Viele Eltern haben positive Erfahrungen mit folgendem Vorgehen gemacht:

Wir führen in einem ersten Schritt ein Farbsystem ein, sofern dies von der Schule nicht bereits übernommen wurde. Alle Hefte und Bücher eines Schulfaches werden dabei in einer Farbe eingebunden, beispielsweise das Zahlenbuch und –heft in grün, das Lesebuch in orange u.s.w. Eltern können ihre Kinder dabei fragen: „Welche Farbe passt für dich zum Rechnen?“ und die Farbwünsche der Kinder beim Einbinden berücksichtigen. In einem zweiten Schritt wird nun eine grosse, stabile Rollbox mit unterschiedlichen Trennfächern aus Holz oder Plastik versehen. Jedes Schulfach erhält ein Abteil in der Rollbox, welches mit dem Namen des Schulfaches beschriftet und mit der entsprechenden Farbe markiert ist (Sie können das Fach auch mit Ihrem Kind anmalen oder mit farbigem Karton auskleiden).

Wir erklären Kindern und Jugendlichen, dass jedes Schulmaterial einen eigenen Platz bekommt. So findet man die Sachen später auch leichter wieder.

Und so können Sie das System einführen:

In einem ersten Schritt zeigen wir dem Kind, wie man die Hefte, Bücher und Materialien (z.B. Zirkel o.ä.) der Farbe entsprechend einordnet. Wir begleiten diesen Schritt mit kurzen Erklärungen („Schau, alle grünen Hefte und Bücher kommen ins grüne Fach“). In einem zweiten Schritt kann man dem Kind  Verständnisfragen stellen wie: In welchem Fach findest du die Deutschsachen? Wohin gehört der Zirkel?

Ein Ordnungssystem wie dieses ist aus 3 Gründen nützlich:

  • Es ist einfacher, konkrete Anweisungen zu geben: „Laura, lege alle Materialien aus dem grünen Fach auf den Tisch“
  • Es wird wahrscheinlicher, dass beim Zusammenpacken alle notwendigen Materialien auf Anhieb gefunden werden und den Weg in den Schulranzen finden.
  • Die Schulsachen sind durch die Rollen mobil und können so gesamthaft für die Hausaufgaben ins Wohnzimmer/ in die Küche geschoben werden

Üben, üben, üben

Wie wir weiter oben gesehen haben, verlangt es Kindern einiges ab, Ordnung zu halten und ein System für ihre Materialien zu entwickeln. Damit das Selbstmanagement gelingt benötigen Kinder so viel Übung, dass sie nicht mehr bewusst über die einzelnen Schritte nachdenken müssen. An diesem Punkt nimmt auch das lähmende Gefühl ab und sie empfinden das Ordnungmachen nicht mehr als unüberwindbare Aufgabe, sondern als tägliches Ritual. Wie erreichen wir diese Stufe?

Durch beharrliches Training.

Ein „Trainingsplan“ könnte zum Beispiel folgendermassen aussehen:

Lernziel: Lena lernt, Ordnung in den Schulsachen zu halten

Training: Im Anschluss an die Hausaufgaben leite ich Lena dazu an, die Schulmaterialien aus dem Schulranzen in die Rollboxen zu verstauen. Bei dieser Gelegenheit wird auch gleich der Schulranzen für den nächsten Tag gepackt. Ich lege den Stundenplan zurecht und frage sie: „Was benötigst du für diese Stunde? (…) Wo findest du es? (…) Sehr gut, pack es ein!“

Hinweis: Es dauert erfahrungsgemäss 8-12 Wochen mit täglichem „Training“, bis sich deutliche Erfolge mit einem solchen Ordnungssystem einstellen. Mit der Zeit schaffen es die meisten Kinder, dieses immer selbständiger anzuwenden. In der Anfangsphase benötigen sie engmaschige Betreuung, gezieltes Lob oder sogar kleine Belohnungen, wenn es klappt.

Ein weiterer Pluspunkt: Beim Aus- und Einräumen des Schulranzens finden sich oft Prüfungen oder Elternbriefe, die unterschrieben werden müssen, aber in Vergessenheit geraten sind.

Schluss mit dem Zetteldurcheinander!

Fahren im Schulranzen Ihres Kindes auch permanent zerknitterte Zettel herum? Verschwinden Elternbriefe und Arbeitsblätter regelmässig im Nirwana? Vielleicht hilft Ihnen dieses Vorgehen weiter:

Wir schaffen auch hierfür eine fixe Routine:

1. Schritt: Der Schulranzen wird ausgeräumt

2. Schritt: Lose Arbeitsblätter werden eingeklebt oder eingeordnet

3. Schritt: Es wird mit den Hausaufgaben begonnen

Kinder gewöhnen sich mit der Zeit an diesen Ablauf. Der Einstieg in die Hausaufgaben wird erleichtert, weil das Kind mit einer einfachen Aufgabe –dem Einkleben- beginnen kann, bei der es nach ein paar Tagen genau weiss, was zu tun ist. Gerade für Kinder, die Mühe haben, zu beginnen, kann ein solch „weicher“ Einstieg in die Hausaufgaben hilfreich sein. Gleichzeitig können die Kinder die schwierigen Hausaufgaben noch einen Moment hinauszögern: Ein guter Grund also, sich auf diese Ordnungsaufgabe einzulassen. Vielleicht machen auch Sie die Erfahrung, dass sich durch diese 3-5 Minuten- Investition pro Tag das Zettelchaos im Nu auflöst.

Eine „Für die Schule“-Mappe einführen

Für viele Kinder mit AD(H)S sind die Hausaufgaben eine Tortur. Doppelt schlimm, wenn sie dann auch noch vergessen, ihre Projekte einzureichen. Wir erleben immer wieder, dass Kinder ihre Aufgaben im Rucksack schlichtweg übersehen oder gar nicht mehr wissen, dass sie diese bei der Lehrperson abgeben müssen. Wir erstellen mit den Kindern in diesem Fall gerne eine „Für die Schule Mappe“.

Diese Mappe ist für alle Materialien bestimmt, die das Kind am nächsten Tag in der Schule einreichen muss, z.B.

  • Hausaufgaben, die eingesammelt werden
  • Unterschriebene Schulaufgaben, die an die Lehrerin zurückgegeben werden müssen
  • Briefe an die Lehrkraft


Das Schöne an diesem Vorgehen ist die Entlastung für Eltern und Kind. 

Wenn die Lehrkraft die Schülerinnen und Schüler bittet, ihre Hausaufgaben hervor zu nehmen, gibt es nämlich nur einen Ort, an dem Ihr Kind suchen muss: In der „Für die Schule“ - Mappe. Zudem können Eltern und Kinder leichter den Überblick behalten: Wenn das Fach am Ende des Schultages leer ist, hat das Kind alle notwendigen Hausaufgaben, Schulaufgaben und unterzeichnete Schreiben abgegeben. Ist das Fach nicht geleert, wurde etwas vergessen. Kürzlich erzählte uns ein Elternpaar: „Wir haben für unsere Tochter eine Mappe eingeführt und ihr gezeigt, wie man sie benutzt. Auch die Lehrerin weiss Bescheid. Einer von uns holt Jessica am Nachmittag von der Schule ab. Wenn sie sich ins Auto setzt, bitten wir sie, kurz die Mappe hervorzuholen. Ist sie leer, fahren wir los. Wenn noch etwas in der Mappe liegt, das sie vergessen hat, schicken wir sie kurz zurück in die Schule zum Lehrerzimmer, damit sie ihrer Lehrperson das vergessene Projekt oder den Zettel ins Fach legen lassen kann. Erst dann fahren wir nach Hause. Das kommt immer seltener vor- Jessica hat in der letzten Zeit wirklich Fortschritte gemacht.“

Es lohnt sich, die Mappe gleich zu befüllen, wenn auch der Schulranzen gepackt wird, damit alle notwendigen Arbeiten, Prüfungen und Elternbriefe den Weg in die Mappe finden.

Egal ob und für welche Tipps Sie sich entscheiden, denken Sie daran:

Um eine Routine einzuführen gilt: Die schnellsten Erfolge können erzielt werden, wenn wir über viele Tage hinweg das Gleiche zur gleichen Zeit in der gleichen Reihenfolge tun und unserem Kind rasch und regelmässig Feedback dazu geben.

Auf diesem herausfordernden Weg wünschen wir Ihnen viel Durchhaltevermögen!

Übrigens: In der Studie von Langberg und Kollegen (2011) fiel neben der Verwaltung der Materialien auch die Planung und Organisation der Hausaufgaben mit 29 % für den Schulerfolg ins Gewicht. Mit welchen einfachen Tipps Eltern ihr Kind in diesem Punkt unterstützen können, erfahren Sie in unserem Elternseminar „Erfolgreich lernen mit AD(H)S“ und dem gleichnamigen Elternratgeber.

Autorin dieses Artikels: Stefanie Rietzler

Stefanie Rietzler ist Psychologin und leitet die Akademie für Lerncoaching gemeinsam mit ihrem Kollegen Fabian Grolimund.

Als Expertin für das Thema ADHS hält sie regelmässig Seminare für Eltern und Vorträge an Schulen. Der Elternratgeber "Erfolgreich lernen mit ADHS" (Rietzler & Grolimund) ist 2016 im Hogrefe Verlag erschienen. 

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