Sinnvoller Umgang mit Hausaufgaben

Was geschieht, wenn Kinder selbst entscheiden dürfen, was Sie als Hausaufgabe erledigen möchten? Antworten darauf gibt uns Renate Jaggi.

Fabian Grolimund: Liebe Renate, du unterrichtest an der Primarschule Geyisried in Biel. Bei dir machen Kinder „Ich entscheide-Hausaufgaben“. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?

Renate Jaggi: Seit ca. 3 Jahren gebe ich Schülerinnen und Schülern den Auftrag, in den Fächern Deutsch und "Natur, Mensch, Gesellschaft" eine „Ich entscheide-Hausaufgabe“ zu erfüllen. Sie entscheiden, welches Angebot von Nutzen sein könnte und bearbeiten es bis Ende Woche. Das kann je nach individuellem Lernstand bedeuten, täglich kurz oder 1-2mal länger etwas zu lesen, etwas abzuschreiben, eine Zusammenfassung oder eine Meinung zu verfassen, einen freien Text zu schreiben, spezifische Übungen zu machen bzw.  Gelerntes zu repetieren, eine bestimmte Lernstrategie zu festigen, etwas zu sammeln, im Internet auf Kinderseiten etwas zu suchen… Zuweilen  – je nach aktueller Thematik –  ist das Angebot enger gefasst. „Ich entscheide“ gilt auch für den zeitlichen Rahmen. Ich persönlich habe die Haltung: Hausaufgaben sollen ein Minimum an Zeit erfordern und ohne Hilfe machbar sein. Regelmässiges, kurzes, bewusstes Üben bringt am meisten Erfolg.

Fabian Grolimund: Wir erleben das Thema Hausaufgaben als sehr konfliktbeladen. Viele Eltern besuchen unsere Seminare, weil die Hausaufgaben fast täglich mit Tränen, Streit und ewigen Diskussionen verbunden sind. Wie wirkt sich die grössere Entscheidungsfreiheit auf die Motivation der Kinder aus?

Renate Jaggi: Für mich ist ausserordentlich bemerkenswert, dass nun sämtliche Kinder  das von mir vorgegebene Minimum an Arbeitsaufwand erfüllen. Nein, mehr noch: Viele von ihnen gehen nun weiter und investieren z. T. weit mehr Arbeit, als von mir erwartet. Die Kinder selbst äussern sich sehr erfreut über diese Art von Hausaufgaben. Am Anfang befürchteten einzelne Eltern, dass die Kinder zu wenig oder „falsche Hausaufgaben“ erledigen würden, aber einige Eltern signalisierten sofort auch Erleichterung im familiären Alltag. Unterdessen sind die Rückmeldungen von Seiten der Eltern konstant mehrheitlich positiv. Seit kurzem bietet unsere Schule pro Stufe 2mal wöchentlich eine halbe Stunde für SOL, selbstorganisiertes Lernen, an. Dies ist keine Hausaufgabenhilfe im herkömmlichen Sinn, sondern bietet den Schülerinnen und Schülern einen Ort, wo sie in geschütztem Rahmen einen Arbeitsplatz sowie Zugang zu nötigem Material haben. Auch von meiner Klasse nutzen einige Schülerinnen und Schüler regelmässig die SOL-Momente. Sie schätzen daran offenbar besonders, dass sie Ruhe haben, gleichzeitig aber nicht allein sind, und dass die Zeit vorgegeben ist. Danach treffen sie sich oft noch mit anderen zum Spiel auf dem Pausenplatz. Den aktuellsten Stand darüber, wie entlastend diese Neuerungen insgesamt daheim empfunden werden, werde ich nun während  der regulären Elterngespräche im Januar erhalten.

Fabian Grolimund: Wenn die Kinder selbst entscheiden dürfen, was sie als Hausaufgaben machen, müssen sie selbst für ihren Lernprozess Verantwortung übernehmen. Wie unterstützt du Schüler/innen in diesem Bereich?

Renate Jaggi: Oft gebe ich der Klasse konkrete Anregungen, die zu aktuellen Lernzielen passen. Die Kinder können mit mir individuell absprechen, was sie gezielt tun könnten. Ich stelle Trainingsmaterial zur Verfügung. Die Kinder bekommen von mir Rückmeldungen zu ihrer Arbeit – mal ganz kurz, mal etwas ausführlicher. Dazu gehören z.T. auch „Gratistipps“, also Anregungen von mir. Die Kinder geben sich übrigens  auch untereinander gerne „Gratistipps“.

Fabian Grolimund: Viele Lehrpersonen empfinden das Individualisieren der Hausaufgaben als Forderung, der sie kaum nachkommen können. Vereinfacht dieses Konzept diese Aufgabe?

Renate Jaggi: Ich empfinde es ganz klar als Erleichterung. Der Sinn von Hausaufgaben ist ja eh umstritten. Aus meiner Sicht können Hausaufgaben durchaus Sinn machen. Allerdings nur, wenn sie den individuellen Möglichkeiten angepasst werden und das Kind in die Verantwortung einbezogen wird. Die „Ich entscheide – Angebote“ entlasten nicht nur die Stimmung daheim, sondern ganz klar auch im Schulalltag. Meiner Meinung nach muss die Erziehung zur Mit-und Selbstbestimmung auch während des Unterrichts gefördert werden. So praktizieren wir im Team seit bald 3 Jahren einen Unterrichtsstil nach dem so genannten Churer Modell. Aus meiner Sicht sind dadurch ideale Bedingungen für einen gelingenden Inklusionsunterricht gegeben. Für die Umsetzung bedeutet es einerseits, mehr Zeit in die Vorbereitung zu investieren, andererseits aber auch einen entspannteren, meine Energien schonenderen Unterricht mit höherer Motivation bzw. allgemein positiverem Arbeits-und Lernverhalten. Disziplinarische Schwierigkeiten verringern sich, und zu beobachten ist eine höhere effektive Lernzeit. Hausaufgaben können erst recht auf ein  Minimum begrenzt werden. Einen Teil der Unterrichtszeit setze ich regelmässig zur Reflexion des Lernerfolgs und zur Pflege der Rückmeldekultur sowie zur bewussten Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Lernstrategien ein – übrigens gleichzeitig ideale Anlässe zur Deutschförderung, was ich als zusätzlich entlastend empfinde. Gerade zum Kennenlernen und Anwenden von Lernstrategien steht uns Lehrpersonen übrigens unterdessen sehr empfehlenswertes Deutsch-/NMG-Material zur Verfügung.

Das ganze Konzept entspricht  zutiefst meiner pädagogischen Grundhaltung, bei der die „Gewaltfreie lösungsfokussierte Kommunikation“ eine entscheidende Rolle spielt. Diese ist für mich persönlich der eigentliche Ursprung und längst prägender Teil meiner eigenen Unterrichtentwicklung.

Fabian Grolimund: Welche Stolpersteine siehst du bei diesem Konzept? Mit welchen Hürden und Startschwierigkeiten müssen Lehrpersonen rechnen, die auf diese Art von Hausaufgaben umstellen möchten?

Renate Jaggi: Ein zu weit gefasstes Angebot an Hausaufgaben kann sowohl die Kinder als auch uns Lehrpersonen überfordern. Ich empfehle zuerst ganz wenige, einfache Angebote zur Auswahl zu geben, um den Aufwand möglichst klein zu halten. Auch hat es sich bewährt, anfänglich mit kurzen Zeitspannen zu arbeiten. Ich habe zudem gute Erfahrungen damit gemacht, das Angebot erst dann differenzierter auszubauen und den Kindern mehr Entscheidungsmöglichkeiten einzuräumen, wenn ich die Fähigkeiten und individuellen Möglichkeiten der Kinder schon besser kenne. Die Absprache im Lehrerteam einer Klasse ist natürlich notwendig und selbstverständlich sollten die Eltern rechtzeitig informiert werden. Überhaupt lege ich viel Wert auf regelmässige kurze Elternkontakte.

Fabian Grolimund: Du hast bereits angesprochen, dass die gewaltfreie, lösungsorientierte Kommunikation bei deiner pädagogischen Haltung eine grosse Rolle spielt. Lass uns zum Schluss noch über dein Herzensprojekt sprechen: Du entwickelst zu dieser Haltung ein Lehrmittel. Wie kam es dazu?

Renate Jaggi: Während meiner Ausbildung zur Mediatorin SDM lernte ich vor Jahren Marco Ronzani kennen, der in seiner Kommunikation die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg mit der Ressourcenorientierung und Lösungsfokussierung nach Steve de Shazer, Insoo Kim Berg u.a. kombinierte. Dies löste bei mir den entscheidenden Paradigmenwechsel aus, der sich natürlich auch im Schulalltag auswirkte. 2012 erwarb ich an der Perspectiva in Basel das Zertifikat zur Gewaltfreien lösungsfokussierten Kommunikation und adaptiere diese seither gezielt auf Kinderebene. Ich nutze die GLK zur allgemeinen Resilienzförderung, zur Krisenintervention sowie zur Gewaltprävention. Ich bin beeindruckt, wie Kinder darauf reagieren – gerade auch in anspruchsvollen Klassen. Übrigens lernen auch fremdsprachige Kinder  die Begriffe der GLK rasch.
An mir selbst beobachte ich grössere Zufriedenheit und Zuversicht  im Schulalltag.
Andere Lehrpersonen interessierten sich zunehmend für diese etwas andere Kommunikationsform - von den Kindern als „Giraffensprache“ bezeichnet. So erhielt ich an unserer Schule schliesslich während 2 Jahren die Gelegenheit, an verschiedenen Klassen die GLK einzuführen. Für den Kindergarten bis zur 6. Klasse entwickelte ich viel eigenes Unterrichtsmaterial wie Lieder, Verse, Bilder, Spiele, Arbeitsblätter etc. Das hier angesprochene Lehrmittel „Die kleine Giraffe Hadija“ ist eine von mir illustrierte Begleit-und Themenmappe zur GLK für Erziehende von Kindern zwischen 4 und 8 Jahren. Unterdessen interessieren sich durch meine Weiterbildungsangebote vor allem andere Lehrpersonen, Erziehende in Tagesschulen und auch Eltern für die Mappe. Mit dem Projekt strebe ich an, die öffentliche Herausgabe zu realisieren.

Das Projekt "Die kleine Giraffe Hadija" wird über Crowdfunding finanziert. Mehr dazu erfahren Sie auf www.redezeichen.ch

die kleine giraffe hadija

Akademie für Lerncoaching
Albulastrasse 57
8048 Zürich

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