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Elterngespräche vorbereiten und konstruktiv führen: Interview mit Schulpsychologe Benedikt Joos

Wie gehe ich als Lehrkraft mit kritischen und fordernden Eltern um? Ist es sinnvoll, wenn Kinder schon in der Grundschule an schulischen Standortgesprächen teilnehmen? Wann sollte die Schulleitung einem Elterngespräch beigezogen werden und was gibt es dabei zu beachten? Benedikt Joos, Schulpsychologe, Systemischer Therapeut und Autor des Buches Hamsterrad Schule dazu im Interview.

Schulische Standortgespräche (SSG) / Elternsprechtage sind für alle Beteiligten oft mit Druck und Anspannung verbunden. Wie entlaste ich mich als Lehrperson?

Benedikt Joos: Für mich sind eine gute Vorbereitung und eine angemessene Rahmung eines solchen Gesprächs unverzichtbar, denn das schafft Sicherheit für alle Beteiligten. Lehrkräfte können sich zum Beispiel vorab den Ablauf und das Ziel des Gesprächs skizzieren und aufschreiben, welche Botschaften und Inhalte ihnen für das Gespräch wichtig sind.

Viele Lehrkräfte empfinden Eltern heute als fordernd und kritisch. Gerade bei Junglehrer/innen sehen wir dann die Tendenz, potenziell herausfordernde Elterngespräche sehr gut vorzubereiten. Das führt aber oft dazu, dass sie sich so genau überlegen, was sie sagen wollen, dass sie sich dann zu wenig darauf konzentrieren können, den Eltern zuzuhören. Wie bereitest du dich auf "schwierige Gespräche" vor und was empfiehlst du den Lehrpersonen?

Benedikt Joos: Vor dem Gespräch setze ich mich in Ruhe hin und schreibe mir die wichtigsten Punkte auf, die ich sagen möchte. Manchmal spiele ich das Gespräch auch bereits im Kopf einmal durch, um bestimmte Schwierigkeiten (z. B. Äußerungen oder Vorwürfe meines Gegenübers) vorwegzunehmen und mir passende Antworten zu überlegen. Diese Notizen nehme ich dann ins Gespräch mit.

Hasen Therapie 5Führe ich als Lehrkraft ein (potenziell herausforderndes) Gespräch mit Eltern, muss ich mir meiner Doppelrolle bewusst sein. Zum einen bin ich als Gastgeber für die Moderation des Gesprächs zuständig und zum anderen als Klassen- oder Fachlehrkraft als Experte für Lern-prozesse und Pädagogik gefragt.

Die Aufgabe des Moderators besteht darin, einen transparenten Rahmen für das Gespräch zu stellen, auf die Einhaltung der Gesprächsregeln zu achten und sicherzustellen, dass jeder zu Wort kommt. Außerdem muss ich den Überblick während des Gesprächs und den roten Faden im Blick behalten.

In der Rolle als Experte stelle ich den Eltern (und der Schülerin) meine Beobachtungen und Sichtweisen auf die schulische Thematik dar und sollte möglichst lösungsorientierte Ideen im Gepäck haben.

Die Schwierigkeit besteht nun darin, sich in seiner Doppelrolle nicht selbst zu bevorzugen, sondern die anderen Beteiligten auch als Experten für ihre Bereiche anzusehen und ihre Sichtweisen kennenlernen zu wollen: Die Eltern als Experten für das häusliche Lernen/die Erziehung und die Schülerinnen als Experten für sich und ihr eigenes Lernen. Eine zu akkurate und durchstrukturierte Vorbereitung verhindert das aber in vielen Fällen und führt eher dazu, dass Eltern und Schülerinnen von den Lehrkräften überfahren werden.

Wie lässt sich dieser Rollenkonflikt auflösen?

Benedikt Joos: Lehrpersonen empfehle ich, sich mehr auf der Metaebene (mit der Arbeit an ihrer Haltung) auf die Gespräche vorzubereiten: Was kann und muss ich als Moderator vorbereiten und was kann ich als Experte für Lernprozesse zur Thematik beitragen?

Ich benutze im Lehrer-Coaching dafür oft das Sinnbild des Aquariums: Die Lehrkraft stellt das Gefäß inklusive Wasser zur Verfügung. Das Gefäß steht hierbei für einen transparenten Gesprächsrahmen, das Wasser für die vereinbarten Gesprächsregeln und die Kommunikation auf Augenhöhe. Durch die verschiedenen Sichtweisen und Äußerungen der Gesprächsteilnehmer*innen (bezüglich der schulischen Thematik) wird das Aquarium nun gefüllt. In der Bildsprache des Aquariums wären das z. B. eine Höhle, Steine, Pflanzen oder Fische. So entsteht im Verlauf des Gesprächs ein multiperspektivisches Abbild der schulischen Situation. Je nach Wasserqualität (kooperatives Miteinander vs. Beschuldigungen/vergiftete Atmosphäre) – für welche alle Beteiligten mitverantwortlich sind – kann nun das eingerichtete Aquarium mehr oder weniger gut von allen Seiten aus betrachtet werden. Dadurch ergeben sich oftmals neue bzw. ungewohnte Blickwinkel, die dann, im Idealfall, gemeinsam analy-siert und daraus entstehende Lösungsideen umgesetzt werden können.

Wenn sich Eltern und die Lehrperson nicht verstehen, wird oft die Schulleitung beigezogen. Mit welcher Haltung und in welcher Funktion sollte die Schulleitung am Gespräch teilnehmen?

Benedikt Joos: Verstehe ich mich als Schulleitung als Anwalt für meine Lehrperson, dann bin ich nicht für einen ergebnisoffenen Austausch bereit, die Fronten werden sich ziemlich sicher weiter verhärten und die Verbitterung der Eltern steigen. Auch in der Rolle des Schiedsrichters, der alle Seiten hört und dann ein Urteil fällt, kommt es nur selten zu zufriedenstellenden Ergeb-nissen, da im Gespräch nichts Neues oder gar Gemeinschaftliches entstehen kann.

Daher bin ich der festen Überzeugung, dass Schulleitungen bei diesen Gesprächen am hilfreichsten sind, wenn auch sie – wie ich als Schulpsychologe – die Rolle des Moderators einnehmen. Denn dann gehen sie ergebnisoffen in die Gespräche und übernehmen Verantwortung für den Gesprächsprozess. Das beinhaltet auch, dass sie darauf achten, dass Gesprächsregeln eingehalten werden. Im besten Falle helfen sie den Beteiligten dabei ungünstige Kommunikation (z. B. Vorwürfe, Anklagen) in kooperative Kommunikation (z. B. Ich-Botschaften, Wünsche) zu verwandeln. Gelingt es ihnen dann noch, Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und das Wohl des Kindes in den Mittelpunkt zu stellen, können sie beide Par-teien wieder in ein gutes und wertschätzendes Miteinander bringen.

Die Herausforderung für Schulleitungen besteht darin, dass die alleinige Einnahme der Moderatorenrolle nicht ausreicht. Diese muss – gerade bei konflikthaften Gesprächen – immer wieder verlassen werden, um aus der Rolle des Schulleiters oder Dienstvorgesetzten etwas zum Gespräch beizutragen. Zum Beispiel, wenn es darum geht aufzuzeigen, welche Regeln an der Schule gelten oder welche Schulgesetze eingehalten werden müssen. In meinen Augen ist es dabei wichtig und hilfreich, wenn Schulleitungen diese Äußerungen auch so benennen, um deutlich zu machen, dass sie für diese Aussage ihre neutrale Rolle verlassen haben.

In der Schweiz sind die Schüler/innen beim Elterngespräch in der Regel anwesend, teilweise ab der ersten Klasse. Findest du das sinnvoll?

Hasen Therapie 2Benedikt Joos: Prinzipiell befürworte ich es, wenn Schülerinnen die Möglichkeit bekommen, an Elterngesprächen in der Schule teilzunehmen. Es macht ihnen deutlich, dass sie ernst genommen werden und stellt damit Augenhöhe im Beziehungsdreieck Eltern – Schülerin – Lehrkraft her. Besonders ab der weiterführenden Schule, in Deutschland Klasse 5, braucht es in meinen Augen die Kinder und Jugendlichen, um mithilfe ihrer Sichtweise auf die Situation nachhaltige Lösungen zu finden und diese dann auch zusammen mit ihnen umzusetzen. Die (implizite) Botschaft ist zudem, dass mit ihnen und nicht über sie geredet wird.

Generell hat sich für mich gezeigt, dass die Einbeziehung des Kindes in das Gespräch sinnvoll ist, wenn es Fortschritte zu vermelden gibt und die Beteiligten sich einig sind, dass mit dem Kind und nicht über das das Kind gesprochen wird. Darüber hinaus ist die Teilnahme förderlich, wenn es darum geht, Vereinbarungen zu treffen, die das Kind aktiv einbeziehen, oder das Kind erleben soll, dass die eigenen Eltern und die Lehrpersonen an einem Strang ziehen.

Gibt es auch Fälle, in denen du davon abrätst?

Benedikt Joos: Es gibt auch Argumente, die gegen die Teilnahme des Kindes am SSG sprechen. Diese ist in meinen Augen nicht hilfreich, wenn die Gefahr besteht, dass das Kind lediglich auf der Anklagebank sitzen wird und sich nicht äußern darf. Des Weiteren rate ich von der Teilnahme ab, wenn ein Konflikt zwischen Eltern und Lehrkraft vorliegt oder wenn Eltern mitgeteilt werden soll, dass bei ihrem Kind kognitive Leistungsgrenzen vorliegen.

Durch das Projekt „Beratungskonzept Grundschule“ in Baden-Württemberg durfte ich im Austausch mit vielen Lehrkräften erleben, dass es auch in der Grundschule (1. – 4. Klasse) möglich und sinnvoll ist, Gespräche in der Schule in Anwesenheit des Kindes zu führen. Dafür kann aber das klassische Elterngespräch nicht 1:1 übernommen werden. Beim Gespräch im Dreieck muss das Kind – mit seinen Erfahrungen und Sichtweisen – im Zentrum stehen und einen aktiven Part übernehmen. Gerade für den Grundschulbereich gibt es gutes, unterstützendes Material (z. B. Kärtchen, Smileys), das Lehrkräften die Durchführung eines Lern- und Entwicklungsgesprächs mit Eltern und Kind sehr erleichtern kann.

Buchtipp: Hamsterrad Schule: Lösungen im Beratungsdreieck Eltern - Schüler - Lehrkraft (Leben. Lieben. Arbeiten: systemisch beraten) von Benedikt Joos

 

Über Benedikt Joos

Joos Benedikt
Benedikt Joos ist Diplom-Psychologe und Systemischer Therapeut (DGSF). Er arbeitet an der Schulpsychologischen Beratungsstelle in Aalen (Baden-Württemberg). Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind die Unterstützung von Schüler*innen, Eltern und Lehrkräften innerhalb der Einzelfallberatung und die Ausbildung von Beratungslehrkräften.

 

 

 

Hinweis: Im folgenden Film stellen wir drei Möglichkeiten vor, um die Beziehung zwischen Eltern und Lehrkräften zu verbessern:

 

Die Fragen, über die im Film gesprochen wird, können Sie hier herunterladen.

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„Wie kann ich auch zu Schüler/innen mit herausforderndem Verhalten eine gute Beziehung aufbauen?“, „Wie sorgen wir im Schulalltag für ein gutes Klassenklima?“, „Wie führe ich erfolgreiche Elterngespräche und gewinne die Familien für eine gute Zusammenarbeit?“

Wie Sie Lehrpersonen darin begleiten, Antworten auf diese und ähnliche Fragen zu finden, erfahren Sie in dieser sechstägigen Fortbildung.

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