Mit Freude unterrichten

Videoschule ist so cool! Wie eine Lehrerin den Lockdown erlebte

Wie erreicht eine Lehrkraft während des Lockdowns ihre Schüler/innen, wenn die Eltern kaum Deutsch sprechen? Und wie erhält man in dieser herausfordernden Situation die Lernmotivation? Wir haben bei Claudia nachgefragt, einer Heilpädagogin, die als Lehrerin einer altersdurchmischten Klasse (1. bis 4. Klasse) arbeitet.

Liebe Claudia, du bist Lehrerin einer altersdurchmischten Klasse von der ersten bis zur vierten. Wie hast du den Unterricht während der Corona-Zeit erlebt?

Es war anspruchsvoll. Wir haben viele Kinder mit Migrationshintergrund, darunter drei Flüchtlingskinder. Viele Kinder haben keinen Zugang zu einem Computer. Zum Glück haben alle Eltern ein Handy.

RonjaUnsere Schulleitung gab uns viel Freiheit, wie wir den Unterricht während dieser Zeit gestalten wollten. Ein besonderes Augenmerk sollten wir darauf richten, nicht nur den Eltern die organisatorischen Informationen zukommen zu lassen, sondern auch die Beziehung zu den Kindern zu pflegen. Zum Glück hatten wir vorher bereits einen intensiven Austausch mit den Eltern, das hat vieles erleichtert.

Meine Stellenpartnerin und ich packten für jedes Kind eine Stofftasche mit individuellem Lernmaterial, welche sie dann persönlich von Haus zu Haus brachte. Die Kinder sollten Bekanntes und Handfestes bearbeiten können. Die elektronische Zustellung kam für uns nicht in Frage, da nicht alle Familien über eine E-Mail und einen Drucker verfügen.  

Natürlich wussten wir, dass viele Schüler/innen nicht alle Aufgaben ohne Unterstützung bewältigen konnten. Es ging uns mehr darum, den Kindern ein Stück Heimat zu geben, etwas Vertrautes beizubehalten. Sie sollten auch zu Hause eine Struktur haben und den bekannten Stoff wiederholen können.

Nach den Frühlingsferien kam aber der Auftrag, neuen Stoff zu vermitteln?

Ja. Das wussten wir bereits vor den Ferien. Deswegen haben wir die Elterngespräche vorgezogen und diese alle über Videokonferenz abgehalten. So konnten die Eltern bereits erste Erfahrungen mit dem Programm sammeln, das die Kinder später nutzen sollten. Es war spannend reinzuhören, wie es Eltern und Kind geht.  Auch in die Wohnsituation bekamen wir Einblick. Die meisten Familien hatten keinen Arbeitsplatz für ihr Kind eingerichtet. Die Wohnungen sind meist klein, oft gab es keine einzige ruhige Ecke. Zwei Kinder in meiner Klasse haben noch 12 weitere Geschwister.

Nach den Ferien boten wir freiwillig zweimal pro Woche «Videoschule» in kleinen Grüppchen an. Alle wollten gerne mitmachen. Uns war es wichtig, dass sich die Eltern, der Schülerhort und der Schulsozialarbeiter darauf einstellen konnten – deswegen waren die Kinder immer zur gleichen Uhrzeit eingeteilt.  

Wie habt ihr die Kinder und ihre Familien motiviert und geschaut, dass alle Zugang haben?

Vor dem Lockdown beschäftigten wir uns mit dem Thema Spital, da zwei Kinder der Klasse an einer schweren Krankheit leiden und demnächst lange im Krankenhaus sein werden.

Eine Freundin von mir arbeitet als Spitalclown. Sie kam noch vor dem Lockdown ein erstes Mal vorbei und hat den Kindern gezeigt, wie man auch in schwierigen Zeiten den Humor behält. Gemeinsam wollten wir einen Film drehen, um unseren Kindern Mut zu machen, wenn sie für Monate ins Spital müssen. Doch dazu kam es nicht mehr, die Schulen wurden geschlossen. Ich wusste: Dieses Projekt darf nicht verloren gehen. Gerade jetzt soll es weitergeführt werden, wenn auch in einer anderen Form!

Wir haben eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet, in der diese Freundin den Kindern kleine Clownfilme geschickt hat, unter dem Motto «Fit bleiben in der Coronazeit» und «Gemeinsam schaffen wir es». Die Schüler/innen und ihre Eltern hatten sehr viel Freude daran und erstellten selbst Videos. Ein Papa filmte seine Frau (eine Muslima mit Kopftuch) beispielsweise zusammen mit der Tochter dabei, wie sie auf Rollerblades in der Wiese Hampelmänner machen. Auch Bastelanleitungen wurden gefilmt und ausprobiert. Die Videos waren genial! Das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Austausch war spürbar, oft wurde auch gelacht. Dieser Clownkanal war unser Zugang zu den Familien. Über diesen Gruppenchat konnten wir die Kinder erreichen und für die Videoschule motivieren.

Und dann hat der Fernunterricht funktioniert?

Am ersten Morgen der Videoschule hat es nur ein einziges Kind geschafft, sich einzuloggen. Spontan haben wir Lehrerinnen uns aufgeteilt. Eine hielt den Fernunterricht ab, die andere übernahm den technischen Support und rief wenn nötig Kinder und deren Eltern an, um ihnen beim Einloggen behilflich zu sein.  

Wichtig war auch unser Schulsozialarbeiter. Bei einem Kind, das verschlafen hatte, ging er persönlich vorbei und klingelte an der Tür: «Die Videoschule fängt gleich an!». Die drei Flüchtlingskinder, die kein Gerät zu Hause hatten, holte er ab und brachte sie auf die Gemeinde, wo sie am Computer arbeiten konnten.

Mit der Zeit haben es immer mehr Kinder geschafft, am Unterricht teilzunehmen, am Ende hatten wir alle erreicht. Sogar unser Schüler, der noch während des Lockdowns nach Deutschland zog, wollte noch weiterhin bei der Videoschule dabei sein. Wir hatten so die Möglichkeit, ihn auf diesem Weg mit Überraschungszeichnungen und guten Wünschen doch noch zu verabschieden, was ihn sichtlich rührte.

Wie war das für die Kinder?

Die Kinder freuten sich sehr, dass sie uns und einander wiedersehen konnten.

Technisch war es allerdings sehr stressig. Für unseren Erstklässler war die Videoschule in der Kleingruppe eine Überforderung und er musste in der ersten Stunde weinen. Mit ihm haben wir dann zweimal wöchentlich 20 Minuten Einzelunterricht gemacht – so ging es gut. Dann konnte er sich auch auf den Unterricht freuen. Die Mutter sass jeweils daneben und hat geholfen.

Bei einem Kind war die Mutter jeweils im Hintergrund aktiv, um dem Kind bei Fragen die Lösung einzuflüstern. Sie war mindestens so erfreut dabei, wie die Tochter. Warum sollten wir dieses Engagement unterbinden? 

Manche Eltern waren nicht zu Hause, weil sie arbeiten mussten. Da haben wir es über die älteren Geschwister geschafft, die Kinder einzubinden. Zum Beispiel haben wir dem älteren Bruder geschrieben: Heute um 9 Uhr Videoschule! Bitte xy erinnern und den Laptop bereit machen! Manchmal gab es auch witzige Situationen. Ein Mädchen hatte ein grosses Poster mit Palmen im Hintergrund. Am letzten Tag sass sie beim Fernunterricht im Haifischkostüm vor ihrem Strandbild. Ein anderes Kind hatte ein neugeborenes Schaf neben sich sitzen.

Und wie war es für euch?

Es blieb für uns bis zum Schluss spannend, Flexibilität war angesagt. Doch meine Kollegin und ich haben uns riesig auf den Präsenzunterricht gefreut. Die Schule lebt vom gemeinsamen Tun im Schulzimmer. Die Tage mit Videoschule waren anstrengend und aufwändig. Doch gemeinsam haben wir mehr geschafft, als wir uns und den Kindern zugetraut haben. Ein Mädchen schrieb uns: Videoschule ist so cool! Die Dankbarkeit der Kinder und ihren Familien war unser grösster Lohn. So war diese besondere Zeit auch geprägt von vielen unterhaltsamen und verbindenden Momenten.

Hinweis: Claudia ist eine Perle. Aber nicht die einzige wunderbare Lehrkraft. In unserem neuen Filmprojekt "Und was denkst du?" haben wir Jugendliche befragt, wer ihre Lieblingslehrer/innen sind - und was diese so besonders macht:

 

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