Erwachsene müssen hinschauen: Interview zu Mobbing mit Bettina Dénervaud
Liebe Bettina, seit vielen Jahren unterstützt du Mobbing-Betroffen mit deiner Fachstelle, bietest aber auch Worskhops für Schulen an und bildest Fachpersonen weiter. Neu habt ihr gemeinsam mit dem bekannten Autor, Musiker und Geschichtenerzähler Alex Felix sogar ein Hörspiel zur Mobbingprävention veröffentlicht. Ein guter Anlass, über Mobbing im Allgemeinen und das neue Hörspiel zu sprechen.
Fabian: In eurem Hörspiel wird Hannah von fast der ganzen Klasse gehänselt. Dadurch wird deutlich: Mobbing ist viel mehr als ein Konflikt zwischen zwei Kindern. Es ist ein Gruppenphänomen, aus dem ein Kind alleine fast nicht herausfinden kann. Es mobben aber nicht alle: Ein einzelner Junge hat den Mut, Hannah beizustehen und sie zu verteidigen. Welche Rollen können Kinder in einem Mobbing-Geschehen einnehmen?
Bettina: Mobbing ist ein Gruppengeschehen. Kinder können darin ganz unterschiedliche Rollen einnehmen – und diese Rollen sind nicht immer klar voneinander getrennt.
Da gibt es zunächst das Kind, das gemobbt wird, und die Kinder, die aktiv am Mobbing beteiligt sind. Daneben gibt es aber eine grosse Gruppe von Kindern, die nicht selbst angreift, aber zuschaut, mitlacht, mitmacht, schweigt oder sich aus Angst heraushält. Gerade diese Gruppe ist sehr wichtig: Ihr Verhalten kann dazu beitragen, dass Mobbing weitergeht – oder dass es aufhört.
Es gibt aber auch Kinder, die sich auf die Seite des betroffenen Kindes stellen. Sie trösten, holen Hilfe, sagen etwas oder zeigen ganz einfach: «Du bist nicht allein.» Solche Kinder können sehr viel bewirken. Gleichzeitig dürfen wir von Kindern nicht erwarten, dass sie ein Mobbingproblem alleine lösen. Dafür tragen die Erwachsenen die Verantwortung.
Im Hörspiel wird genau dieser Punkt sichtbar: Ein einzelner Junge findet den Mut, Hannah beizustehen. Er muss dabei nicht zum Helden werden. Entscheidend ist, dass er hinschaut und sich nicht einfach der Gruppe anschliesst.
Für mich ist deshalb wichtig, Kindern zu vermitteln: Auch wenn du nicht selbst betroffen bist, hast du Einfluss darauf, was in deiner Klasse passiert. Wegschauen, Mitmachen und Schweigen sind nicht dasselbe wie Eingreifen – aber auch kleine Zeichen von Solidarität können für ein betroffenes Kind enorm wichtig sein.
Und gleichzeitig gilt: Kinder können Mobbing nicht alleine stoppen. Erwachsene müssen hinschauen, Verantwortung übernehmen und fachlich handeln.
Fabian: Eine besondere Rolle spielt in eurem Hörspiel die Social-Media-Gruppe Kakadu, die genau weiss, wie man heute sein und was man tun muss, um dazuzugehören - und wer weshalb "out" ist. Welche Rolle spielen solche Vorbilder, Markenkleider, Style-Vorschriften etc. im Zusammenhang mit Mobbing und Ausschluss an Schulen?
Bettina: Kinder und Jugendliche orientieren sich stark daran, was in ihrer Gruppe als «cool», «richtig» oder «angesagt» gilt. Das ist zunächst ganz normal: Zugehörigkeit ist für Kinder ein wichtiges Bedürfnis. Problematisch wird es, wenn daraus ungeschriebene Regeln entstehen: So musst du aussehen, das musst du tragen, diese Musik musst du hören, so musst du dich verhalten – sonst gehörst du nicht dazu.
Markenkleider, bestimmte Styles oder Social Media lösen deshalb nicht automatisch Mobbing aus. Sie können aber zu sichtbaren Symbolen dafür werden, wer in einer Gruppe dazugehört und wer nicht. Gerade für Kinder, die ohnehin unsicher sind, kann der Druck dadurch sehr gross werden. Sie vergleichen sich, passen sich an und versuchen, möglichst nicht aufzufallen.
Bei der Kakadu-Gruppe im Hörspiel wird genau diese Dynamik sichtbar. Sie vermittelt: «Wir wissen, wie man sein muss, damit man dazugehört.» Damit entsteht Fremdbestimmung: Andere geben vor, wie ich sein soll. Und wer nicht mitmacht, kann schnell zum Aussenseiter werden.
Ich finde es wichtig, Kindern dabei zu helfen, solche Mechanismen überhaupt zu erkennen. Nicht jede Gruppennorm ist schlimm und nicht jeder Trend ist problematisch. Entscheidend ist die Frage: Darf ich trotzdem ich selbst sein? Darf ich anders sein und trotzdem dazugehören?
Genau hier liegt für mich ein wichtiger Schritt in der Mobbingprävention: Kinder sollen erleben, dass Zugehörigkeit nicht davon abhängen darf, ob jemand den gleichen Style, die gleichen Interessen oder die gleichen Vorstellungen hat. Es geht um den Weg von «Du musst so sein» zu «Ich darf so sein, wie ich bin».
Und auch hier haben Erwachsene eine wichtige Aufgabe: Wir sollten nicht erst reagieren, wenn ein Kind bereits ausgeschlossen wird. Wir müssen mit Kindern frühzeitig darüber sprechen, wie Gruppendruck entsteht, wie soziale Medien unsere Vorstellungen beeinflussen können und wie wir miteinander umgehen wollen.
Fabian: Die Lehrerin im Hörspiel merkt zunächst nicht, dass Hannah von der ganzen Klasse gehänselt wird. Als sie (vor der Klasse) nachfragt, winkt Hannah ab und verstummt. Erlebst du häufig, dass Schulen und Lehrkräfte Mobbingsituationen nicht erkennen? Oder nicht ernstnehmen?
Bettina: Ja, ich erlebe es immer wieder, dass Mobbing in Schulen zunächst nicht erkannt oder nicht als solches eingeordnet wird. Das bedeutet nicht automatisch, dass Lehrpersonen nicht hinschauen oder die Situation nicht ernst nehmen. Mobbing kann sehr subtil stattfinden und ist für Erwachsene oft schwer zu erkennen.
Viele betroffene Kinder erzählen zudem nicht, was tatsächlich passiert. Hannah macht das im Hörspiel sehr deutlich: Als die Lehrerin vor der Klasse nachfragt, winkt sie ab und verstummt. Genau das erleben wir auch in der Praxis. Kinder schämen sich, haben Angst vor weiteren Konsequenzen, wollen nicht als «Petze» gelten oder haben die Erfahrung gemacht, dass es ohnehin nichts bringt, darüber zu sprechen. Manche versuchen auch, das Geschehene herunterzuspielen, weil sie selbst gar nicht mehr wissen, wie sie aus dieser Situation herauskommen sollen.
Mobbing geht zudem fast immer mit einer starken, teilweise sogenannten toxischen Scham einher. Betroffene Kinder erleben nicht selten das Gefühl, mit ihnen selbst stimme etwas nicht. Deshalb ist es für sie äusserst unangenehm und belastend, wenn sie vor ihren Mitschülerinnen und Mitschülern auf ihr Wohlbefinden oder auf die Situation in der Klasse angesprochen werden.
Deshalb sollte bei einem Verdacht oder bei bekanntem Mobbing niemals vor der ganzen Klasse nachgefragt werden, ob ein Kind gemobbt wird oder wie es ihm damit geht. Auch eine Besprechung des konkreten Mobbinggeschehens im Klassenrat halte ich für nicht geeignet. Das betroffene Kind muss einen geschützten Rahmen haben, in dem es sich äussern kann, ohne dass die Mitschülerinnen und Mitschüler zuhören, beobachten oder unmittelbar reagieren.
Erschwerend kommt hinzu, dass Mobbing häufig dort stattfindet, wo Erwachsene nicht dabei sind: auf dem Pausenplatz, auf dem Schulweg, in Chats oder in kleinen Momenten zwischen den Lektionen. Im Unterricht kann eine Klasse deshalb völlig unauffällig wirken, während ein Kind gleichzeitig massiv unter Ausgrenzung leidet.
Besonders wichtig finde ich deshalb, dass Erwachsene nicht nur darauf warten, dass ein Kind von sich aus sagt: «Ich werde gemobbt.» Wir müssen aufmerksam sein für Veränderungen, für wiederkehrende Ausgrenzung, für Machtungleichgewichte und für die Dynamik innerhalb der Gruppe.
Und wenn ein Kind etwas erzählt, braucht es eine sorgfältige fachliche Einordnung. Nicht jeder Streit ist Mobbing – aber Mobbing ist auch nicht einfach ein «Konflikt zwischen zwei Kindern», den die Kinder untereinander lösen sollen.
Für mich bedeutet Hinschauen deshalb mehr als einmal nachzufragen. Hinschauen bedeutet, wahrzunehmen, nachzufragen, verschiedene Perspektiven einzubeziehen und Verantwortung zu übernehmen, wenn sich ein Mobbinggeschehen zeigt.
Gerade deshalb ist es mir wichtig, dass Erwachsene nicht erst handeln, wenn ein Kind völlig verzweifelt ist. Prävention beginnt lange bevor Mobbing entsteht. Besteht bereits Mobbing, braucht es Erwachsene, die Verantwortung übernehmen und fachlich handeln.
Fabian: Gibt es auch das Umgekehrte? Eltern, die normale Konflikte zwischen Kindern vorschnell als Mobbing sehen? Und wie gehst du mit dieser Problematik um?
Bettina: Ja, das gibt es auch. Manchmal kommen Eltern mit der Sorge zu uns, dass ihr Kind gemobbt werde, und bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass es sich eher um einen Konflikt, eine schwierige Freundschaft, eine einmalige Auseinandersetzung oder eine vorübergehende Ausgrenzung handelt.
Das ist für mich aber kein Grund, die Sorge der Eltern kleinzureden. Wenn ein Kind leidet, ist das immer ernst zu nehmen – unabhängig davon, ob die Situation am Ende als Mobbing bezeichnet wird oder nicht.
Gleichzeitig ist es wichtig, fachlich genau hinzuschauen. Mobbing ist nicht einfach ein anderes Wort für Streit oder Ausgrenzung. Wir schauen unter anderem darauf, was konkret passiert, wie häufig und über welchen Zeitraum es geschieht, welche Dynamik zwischen den beteiligten Kindern besteht, ob ein Machtungleichgewicht vorhanden ist und wie sich die Situation auf das betroffene Kind auswirkt. Auch die Perspektiven der verschiedenen Beteiligten sind wichtig.
Dabei sollte man aber nicht zu schematisch vorgehen. Es gibt nicht ein einzelnes Merkmal, anhand dessen sich Mobbing eindeutig feststellen lässt – beispielsweise eine bestimmte Mindestdauer. Entscheidend ist die Gesamtdynamik der Situation: Wiederholen sich bestimmte Verhaltensweisen? Besteht ein Machtungleichgewicht? Wird ein Kind gezielt und wiederholt abgewertet, ausgegrenzt oder fertiggemacht? Und kann es sich aus dieser Dynamik aus eigener Kraft kaum befreien?
Ich finde es deshalb problematisch, wenn sehr schnell ein Etikett vergeben wird. Die Bezeichnung «Mobbing» kann bei allen Beteiligten starke Reaktionen auslösen und unter Umständen auch dazu führen, dass Fronten entstehen. Gleichzeitig wäre es genauso problematisch, eine Situation vorschnell als «normalen Kinderkonflikt» abzutun.
Mein Vorgehen ist deshalb: erst verstehen, dann einordnen und daraus die passenden Schritte ableiten. Dabei steht für mich nicht das Etikett im Vordergrund, sondern die Frage: Was erlebt das Kind? Was geschieht tatsächlich? Was braucht es jetzt, damit sich die Situation verbessert?
Und auch wenn es kein Mobbing ist, kann eine Situation für ein Kind sehr belastend sein und Unterstützung brauchen. Nicht alles muss Mobbing sein, damit Erwachsene hinschauen und handeln.
Fabian: Am Ende des Hörspiels entdeckt Hannahs Klasse, dass Vielfalt wertvoll ist und jeder so sein darf, wie er ist. Wie reagieren Kinder auf diese Botschaft? Und gibt es dagegen auch Widerstand?
Bettina: Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Viele Kinder können sich sehr gut mit der Botschaft identifizieren, dass jeder Mensch anders sein darf und trotzdem dazugehört. Gerade weil die Geschichte nicht belehrt, sondern Hannahs Erleben emotional miterlebbar macht, entstehen oft sehr persönliche Gespräche: Kinder erkennen Situationen wieder, denken über ihr eigenes Verhalten nach oder erzählen von eigenen Erfahrungen.
Gleichzeitig darf man nicht erwarten, dass nach einer solchen Geschichte plötzlich alle Kinder sagen: «Ab jetzt sind wir alle nett zueinander.» Das wäre zu einfach. Gruppendynamiken, Zugehörigkeit und der Wunsch, dazuzugehören, sind sehr stark. Und manchmal gibt es auch Widerstand – beispielsweise von Kindern, die sich in ihrer bisherigen Rolle wohlfühlen oder von einer Veränderung der Gruppendynamik etwas zu verlieren haben.
Ich finde diesen Widerstand sogar wichtig. Er zeigt, dass die Botschaft nicht einfach übernommen werden muss, sondern dass man sich damit auseinandersetzen darf. Ein Kind kann beispielsweise sagen: «Aber ich will gar nicht mit jedem befreundet sein.» Und das stimmt ja auch: Vielfalt und Akzeptanz bedeuten nicht, dass wir alle gleich sein oder alle mögen müssen. Es geht darum, andere trotzdem respektvoll zu behandeln und ihnen ihren Platz zu lassen.
Genau diese Unterscheidung ist mir wichtig. Mobbingprävention bedeutet nicht, dass eine Klasse am Ende aus lauter besten Freunden besteht. Es geht darum, dass Kinder verstehen: Ich darf anders sein. Du darfst anders sein. Und trotzdem haben wir beide das gleiche Recht, dazuzugehören und respektvoll behandelt zu werden.
Das Hörspiel kann dafür einen Impuls geben. Aber der eigentliche Prozess beginnt danach. Deshalb ist mir auch der Austausch mit den Kindern so wichtig. Berühren statt belehren – und aus dem Erlebten gemeinsam etwas für den eigenen Alltag ableiten.
Fabian: Du schreibst, dass das Hörspiel zwar sensibilisieren kann, aber alleine nicht ausreicht, um eine bestehende Mobbingsituation aufzulösen. Was braucht es dazu?
Bettina: Wenn Mobbing bereits besteht, braucht es mehr als Sensibilisierung. Dann braucht es Erwachsene, die Verantwortung übernehmen und fachlich kompetent handeln.
Der erste Schritt ist, die Situation sorgfältig zu erfassen: Was passiert tatsächlich? Wer ist beteiligt? Wo und auf welche Art findet das Mobbing statt? Welche Dynamiken bestehen in der Gruppe? Gerade weil die Wahrnehmungen oft sehr unterschiedlich sind, reicht es nicht, nur die Sichtweise eines Kindes oder eines Erwachsenen zu kennen.
Danach braucht es klare und konkrete Massnahmen, die zur jeweiligen Situation passen. Ein allgemeines «Wir müssen besser miteinander umgehen» oder neue Klassenregeln reichen bei bestehendem Mobbing in der Regel nicht aus. Mobbing ist ein Gruppenphänomen und braucht deshalb auch eine Intervention, die diese Dynamik berücksichtigt.
Ganz wichtig ist dabei der Schutz des betroffenen Kindes. Ein Kind, das über längere Zeit ausgegrenzt oder angegriffen wird, darf nicht zusätzlich die Verantwortung dafür bekommen, die Situation selbst zu lösen. Ebenso wenig sollte man von ihm erwarten, dass es sich einfach «mehr wehrt» oder die Angriffe "ignorieren soll".
In der Klasse arbeiten wir oft, aber nicht immer, mit dem "No Blame Approach". Wie der Name schon sagt, geht es dabei nicht um eine öffentliche Blossstellung, Sanktionen oder darum, Schuldige vor der Klasse zu suchen. Es geht darum, die Dynamik zu unterbrechen, Verantwortung zu übernehmen und konkrete Veränderungen herbeizuführen. Je nach Situation braucht es dafür auch die Zusammenarbeit mit Eltern, Lehrpersonen, Schulleitung und einer Fachstelle.
Das Hörspiel kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, aber es ersetzt keine Intervention. Es kann Kindern helfen, Mobbing zu verstehen, Empathie zu entwickeln und über Gruppendruck, Ausgrenzung und eigenes Verhalten nachzudenken. Wenn Mobbing bereits besteht, muss aber zusätzlich gehandelt werden.
Fabian: Im besten Falle wird die Mobbing-Situation beendet. Wie geht es betroffenen Kindern danach? Und was brauchen sie, damit sie anderen wieder vertrauen können und ihr Selbstwertgefühl sich davon erholen kann?
Bettina: Wenn Mobbing beendet ist, ist für das betroffene Kind nicht automatisch alles wieder gut. Was von aussen wie eine gelöste Situation aussieht, kann innerlich noch lange nachwirken. Ein Kind, das über längere Zeit erlebt hat, dass andere gegen es sind, kann vorsichtiger, misstrauischer oder unsicherer werden. Es fragt sich vielleicht: Wem kann ich noch vertrauen? Wann passiert es wieder? Was stimmt eigentlich nicht mit mir?
Deshalb braucht es nach einer Intervention weiterhin Aufmerksamkeit und Sicherheit. Das Kind muss erleben: Die Erwachsenen haben wirklich gehandelt – und sie bleiben dran. Es braucht verlässliche Beziehungen, positive Erfahrungen mit anderen Kindern und Erwachsene, die ihm zutrauen, wieder seinen Platz in der Gruppe einzunehmen, ohne es dabei zu drängen.
Auch der Selbstwert braucht Zeit. Ich finde es wichtig, ein Kind nicht auf seine Rolle als «Mobbingopfer» zu reduzieren. Es soll wieder erleben können, was es gut kann, was ihm Freude macht, wo seine Stärken liegen und dass es als Mensch wertvoll ist – unabhängig davon, wie andere es behandelt haben.
Beim Vertrauen gilt für mich: Man kann einem Kind nicht einfach sagen «Du musst wieder vertrauen». Vertrauen entsteht durch wiederholte Erfahrungen von Sicherheit und Verlässlichkeit. Deshalb sind kleine, positive Erlebnisse oft wichtiger als grosse Gespräche.
Und auch die Klasse trägt Verantwortung. Wenn sich die Gruppendynamik verändert hat, braucht es Raum für neue Erfahrungen: gemeinsam etwas erleben, füreinander einstehen, Unterschiede aushalten und merken, dass Zugehörigkeit auch anders funktionieren kann.
Gleichzeitig sollte man aufmerksam bleiben. Wenn ein Kind auch nach Beendigung des Mobbings stark zurückgezogen, ängstlich oder belastet bleibt, braucht es möglicherweise weitere Unterstützung. Mobbing zu beenden ist der entscheidende erste Schritt – die betroffene Person auf ihrem Weg zurück in Sicherheit und Selbstvertrauen zu begleiten, ist der nächste.
Fabian: Kinder, die behaupten, sie hätten "nichts gemacht" oder das betroffene Kind würde übertreiben, Eltern von Akteuren, die ihre Kinder in Schutz nehmen und nicht glauben wollen, dass ihr Kind sich falsch verhalten hat, Lehrkräfte, die Mobbing als Konflikte abtun oder Schulleiter/innen, die sich mit Sätzen wie "der Schulweg liegt nicht im Zuständigkeitsbereich der Schule" aus der Verantwortung ziehen: Welche Hürden erlebst du, wenn du betroffene Kinder und Familien unterstützt? Und was müsste sich ändern, damit Mobbing seltener wird?
Bettina: Eine der grössten Hürden ist, dass Mobbing fast immer mit unterschiedlichen Wahrnehmungen verbunden ist. Das betroffene Kind erlebt die Situation möglicherweise als massiv belastend, während andere Kinder sagen: «Ich habe doch gar nichts gemacht» oder «Sie übertreibt». Auch Eltern möchten verständlicherweise zunächst ihr eigenes Kind schützen. Und Lehrpersonen oder Schulleitungen stehen ebenfalls unter Druck und müssen mit einer Situation umgehen, die häufig nicht eindeutig und schon gar nicht aus einer einzigen Perspektive zu beurteilen ist.
Schwierig wird es dann, wenn diese unterschiedlichen Wahrnehmungen dazu führen, dass die Verantwortung hin- und hergeschoben wird. Wenn beispielsweise gesagt wird: «Das ist ein Konflikt zwischen den Kindern», obwohl ein deutliches Machtungleichgewicht besteht. Oder wenn Erwachsene argumentieren, dass etwas nicht in ihren Zuständigkeitsbereich falle – etwa, weil Vorfälle auf dem Schulweg oder ausserhalb des Schulgeländes stattfinden.
Für mich ist entscheidend: Mobbing endet nicht an der Schulhaustür. Wenn Kinder auf dem Schulweg, in einem Klassenchat oder an einem anderen Ort gezielt ausgegrenzt oder angegriffen werden und dies Auswirkungen auf das soziale Gefüge und das Wohlbefinden in der Schule hat, kann die Schule die Situation nicht einfach ignorieren. Sie muss vielleicht nicht jeden Vorfall selbst lösen – aber sie muss hinschauen und Verantwortung dafür übernehmen, wie damit umgegangen wird.
Eine weitere grosse Hürde ist die Angst vor Schuldzuweisungen. Sobald die Frage lautet «Wer ist schuld?», gehen Menschen verständlicherweise in eine Verteidigungshaltung. Ich versuche deshalb, den Fokus auf eine andere Frage zu legen: Was ist passiert, wie wirkt es auf die beteiligten Kinder und was müssen wir jetzt verändern, damit es aufhört?
Was müsste sich ändern, damit Mobbing seltener wird? Wir brauchen aus meiner Sicht vor allem Erwachsene, die früher hinschauen und fachlich wissen, was zu tun ist. Mobbingprävention darf nicht erst beginnen, wenn ein Kind bereits massiv leidet. Kinder müssen früh lernen, was Gruppendruck, Ausgrenzung und Mobbing bedeuten und welchen Einfluss ihr eigenes Verhalten hat. Gleichzeitig müssen Lehrpersonen und Schulleitungen wissen, wie sie Mobbing erkennen, einordnen und intervenieren können.
Und wir müssen aufhören zu glauben, dass ein paar Klassenregeln oder ein Appell an «mehr Freundlichkeit» ausreichen. Mobbing ist ein komplexes Gruppengeschehen und braucht entsprechend klare und fachlich fundierte Prävention und Intervention.
Für mich beginnt die Veränderung bei einer einfachen Haltung: Kinder brauchen Erwachsene, die hinschauen. Nicht erst dann, wenn die Situation eskaliert ist, sondern frühzeitig – und mit der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn die Situation unbequem ist.
Liebe Bettina, vielen Dank für das Interview!
Mehr zum Hörspiel "Der Zauberwald" erfährst du hier.
Mehr zu Bettina Dénervaud und der Fachstelle "Hilfe bei Mobbing" hier.

