Weitere Tipps für Eltern

Wie bleibe ich während der Pubertät mit meinem Kind in Verbindung? Interview mit Lisa Harmann

Die Pubertät erwischt uns Eltern oft eiskalt: Plötzlich schlagen Türen zu, das eigene Kind sucht Distanz und die vertraute Kommunikation scheint von heute auf morgen abzureissen. In ihrem Buch Teen-Time zeigt Lisa Harmann auf wunderbar ehrliche und humorvolle Weise, wie wir auch in dieser Zeit mit unseren Kindern in Verbindung bleiben. 

Im Interview antwortet die Bloggerin (Stadt Land Mama), Autorin und Mama auf unsere Fragen. 

 Der 15jährige liegt nur noch auf dem Sofa oder Bett rum. Was ist da los? Früher wollte er mit uns Radfahren, war sportlich und jetzt hat er auf gar nichts mehr Lust. Ist das noch normal?

Das ist sogar das, was ich am meisten von Eltern höre. Ich hab es irgendwann mal so erklärt: Guter Käse braucht auch Zeit zum Reifen! Es passiert in dieser Phase so viel in unseren Kindern, wir dürfen ihnen Zeit zum Chillen geben.

Kaum sage ich was, verdreht meine 14jährige die Augen. Sie reagiert auf alles genervt, man kann ihr nichts mehr recht machen. Ich war früher ganz anders und hatte auch während der Teenie-Jahre einen guten Draht zu meinen Eltern. Mich ärgert dieses Verhalten zusehends. Geduldig bleiben? Oder auf den Tisch hauen und mal Klartext reden? Ich weiß gerade nicht, wie ich damit umgehen soll. Was rätst du?

Oh, wie ich das kenne. Sorg gut für dich in dieser Zeit. Mir half und hilft immer der „Mein Kind kann vermutlich grad nicht anders“-Blick. Sehr sogar! Für die heutige Jugend IST es ja auch schwer, sich von uns abzugrenzen, wir hören ja teilweise sogar dieselbe Musik. Das ist aber wichtig für die Entwicklung, sich unabhängig von den Eltern zu positionieren!

Und natürlich tut das in dem Moment weh, das dürfen wir auch ruhig mit einem „Puh, ich muss mich da erstmal dran gewöhnen“ quittieren, aber erstens sind sie nicht für unser Glück verantwortlich (was nicht heißt, dass wir gewissen Umgangsformen erwarten können, klar) und zweitens – da möchte ich allen Mut machen, die ansonsten ein gutes Verhältnis zu ihrem Kind haben – kommen die Kinder nach dieser Phase wieder! Und zwar auf Augenhöhe, so schön. Das weiß ich zum Glück jetzt aus eigener Erfahrung… auch hier gilt: Alles eine Phase, Hase.

Lisa HarmannKann man sein Kind auch zu sehr lieben? Meine Tochter sagt oft, sie fühle sich durch mich eingeengt. Dabei will ich doch nur wissen, was sie macht, wohin sie geht und mit wem? 

Wir können unser Kind nicht zu viel lieben, so viel vorab. Wir können es aber mit zu viel Aufmerksamkeit überfordern, das ist ein feiner, aber sehr wichtiger Unterschied. Stell dir doch selbst einmal vor, du bist total verknallt in deinen neuen Partner – und der ortet dich, trackt dich, kontrolliert dich. Das ist keine Liebe, das ist Kontrolle. Liebe heißt für mich auch Vertrauen. Ich sehe dich, ich interessiere mich für dich, ich traue dir Dinge zu, ich wünsch dir nur das Allerbeste (und das Allerbeste für Jugendliche ist nicht, wenn Papa plötzlich auf der Party auftaucht und mittanzt.

Wenn ich meinen Teenie frage, wie es ihm geht, meint er "gut", wenn ich wissen will, wie es in der Schule läuft, kommt ein "Chill mal." – Ich will doch nur ein bisschen Kontakt und Austausch. Wie kann ich zwischen uns wieder mehr Verbindung schaffen? 

Ich weiß noch, als unsere Zwillinge zur Welt kamen – unsere „große“ Tochter war zwei. Und sobald jemand auf die Babys aufpassen konnte, sagte ich ihr: Hey, JETZT habe ich Zeit, lass uns JETZT Qualitytime genießen. Und meine Tochter so: Nö. Jetzt grad nicht. Ich mach sowas nicht auf Knopfdruck. Das fand ich damals total enttäuschend, aber auch bezeichnend.

Wir reden so viel von bedürfnisorientierter Erziehung, aber was ist mit bedürfnisorientierter Kommunikation? Unser Teenie braucht nach der Schule mit all den Leuten und Anforderungen vielleicht erstmal Ruhe und hat dann vielleicht Redebedarf am Abend. Gut, da brauchen wir dann Ruhe. 

Aber es sind oft die unerwarteten Momente, wo dann doch mal was kommt – und für die sollten wir uns Zeit nehmen, wenn irgend möglich. Und dann am besten nicht neugierig nachfragen bei allem, sondern einfach mal aktiv zuhören und einfach nur wiedergeben, was man gehört hat. „Hey, ich merk, das beschäftigt dich grad“. Das kann wirklich Wunder bewirken.

Mein Sohn ist 16 und das erste Mal richtig verliebt. Das Problem: Ich kann seine Freundin überhaupt nicht ausstehen. Ganz ehrlich: Meiner Meinung nach ist sie eine verwöhnte, zickige Göre, die nur mit ihm spielt. Zuerst überhäuft sie ihn mit Liebesbekundungen, dann zeigt sie ihm plötzlich die kalte Schulter oder flirtet mit anderen, um ihn eifersüchtig zu machen. Mein Sohn ist sowieso eher schüchtern und zurückhaltend und ich merke, wie er immer unsicherer wird und an nichts anderes mehr denken kann, Freunde und die Schule vernachlässigt. Bis jetzt habe ich nichts gesagt. Wie ehrlich darf ich sein?

Zunächst einmal: Super, dass dir das auffällt. Ganz wichtig aber: Sprich deinem Sohn gegenüber nicht gegen die Person an, da schließt du Türen und im Zweifel wendet er sich mit Sorgen darüber dann nicht mehr an dich. Steh bestärkend und als Supporter an der Seite parat. Sag „Du, ich hab irgendwie das Gefühl, dich bedrückt was, du weißt, wenn irgendwas ist, ich bin da“. Erzähl von eigenen ersten Lieben, dass eine Beziehung eigentlich zum Ankommen da ist, nicht zum Kämpfen, dass andere Menschen Konfliktlösung vielleicht anders gelernt haben als man selbst, dass Lieben eigentlich heißt, auch Schwäche zeigen zu können und trotzdem füreinander da zu sein und denk aber immer dran: Dein Kind hat sich gerade diese Person aus ganz bestimmten gründen ausgesucht. Tausch dich mit anderen Eltern aus, das hat auch mir persönlich geholfen, als ich hörte, wie viele meiner Freundinnen selbst mit Leuten zusammen waren, bei denen sie heute denken: Warum?! (Und die haben trotzdem alle ihren Weg gemacht)

Teen Time - das neue Buch von Lisa Harmann - jetzt in jeder Buchhandlung

Das Buch begleitet dich durch die gesamte Teenagerzeit – von den ersten Anzeichen der Ablösung bis hin zu Schulabschluss, Volljährigkeit und Auszug. Du erfährst, wie du eine vertrauensvolle, stabile und respektvolle Beziehung zu ihrem heranwachsenden Kind bewahren kannst. Anhand zahlreicher Eltern-Einblicke, authentischer Alltagssituationen und praxisnaher Beispiele zeigt dir die Autorin, wie sich Konflikte entschärfen lassen und warum eine Haltung aus Verständnis, Klarheit und Zuversicht oft wirksamer ist als Druck oder Strafen. Themen wie Respektlosigkeit, Mediennutzung, Social Media, Privatsphäre, Schule, Leistungsdruck, Freundschaften, erste Liebe, Alkohol, Gruppendruck, TikTok-Challenges, Konsumverhalten und Selbstständigkeit werden lebensnah und differenziert behandelt.

Teen Time Cover 

 

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