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Die Frage nach dem Sinn: existenzielle Fragen in Therapie und Beratung

Wozu bin ich hier? Wonach will ich mein Leben ausrichten? Wie finde ich Sinn? Oder findet der Sinn am Ende mich? Fragen wie diese spielen in Therapie, Beratung und Coaching immer wieder eine Rolle. Fabian Chmielewski und Sven Hanning haben es sich daher zur Aufgabe gemacht, ein Buch zu schreiben, das Therapeut/innen dabei hilft, mit Klientinnen und Klienten an solchen Fragen zu arbeiten. Im Interview beantwortet Fabian Chmielewski die Fragen von Fabian Grolimund:

Fabian, du hast gemeinsam mit Sven Hanning ein Buch zum Thema Lebenssinn und existenzielle Fragen für die Psychotherapie geschrieben.

Was hat dich persönlich dazu bewogen, dich intensiver mit Sinnfragen zu beschäftigen?

Meine Beschäftigung mit dem Thema Sinn hat sich organisch aus einem anderen Thema ergeben, mit dem mein Kollege und ich uns zuvor intensiv beschäftigt haben: die Behandlung von Selbstwertproblemen in der Psychotherapie. Viele Menschen verfügen über einen «abhängigen Selbstwert»: Sie haben die Idee, dass sie bestimmte Vorgaben erfüllen müssen, um sich als wertvoll betrachten zu können. Manche jagen – vielleicht bis zur Erschöpfung – solchen Selbstwertquellen hinterher. Das Leben kann dann einer andauernden Prüfungssituation ähneln: Bin ich wirklich okay? Wenn Patient:innen dann im Laufe der Therapie feststellen, dass ihr Selbstwert nicht von der Erfüllung strenger Vorgaben abhängig ist, wenn sie sich also frei machen von Vorstellungen, wie sie sein sollten – dann fragen sie sich – vielleicht zum ersten Mal: Wenn ich nichts mehr machen muss – was will ich denn dann eigentlich machen?

An dieser Stelle stellen sich häufig Sinnfragen: Wonach richte ich mein Leben aus, welche authentischen Ziele setze ich mir? Was fühlt sich bedeutsam an, was erfüllt mich? Um hier schlüssige Konzepte zu finden, holte ich zuerst Bücher von Irvin Yalom und Viktor Frankl aus dem Bücherschrank, die ich schon im Studium fasziniert gelesen hatte. Das war der Startpunkt. Bei der weiteren Beschäftigung mit dem Thema entdeckte ich neben vielen spannenden Ideen existenzieller Psychotherapeut:innen auch die hochinteressante Sinnforschung, die sich Sinnfragen weniger philosophisch, sondern auf empirischem Weg nähert, eine wertvolle Ergänzung. Die Beschäftigung mit dem Thema war und ist eine Entdeckungsreise mit vielen faszinierenden Stationen. Vor allem sind mein Kollege Sven Hanning und ich immer bestrebt, aus den komplexen Theorien die therapeutische Essenz herauszudestillieren, denn das ist natürlich das Hauptziel für uns: Menschen in Sinnkrisen pragmatisch zu helfen. Unsere Hauptfragen beim Studium der aktuellen Forschung und der Philosophie lauten immer: Wie kann man das therapeutisch anwendbar machen? Wie können wir damit Patient:innen auf ihrer persönlichen Sinnsuche unterstützen?

Das Ergebnis der bisherigen Reise findet sich in meinen Workshops und unserem aktuellen Buch über den Lebenssinn in der Psychotherapie.

Wie definierst du Sinn?

Ich mag aktuell die Definition des amerikanischen Psychologieprofessors und Sinnforscher Michael F. Steger ganz gerne. Dieser sieht Sinn als „das Netz aus Verbindungen, Erkenntnissen und Interpretationen, das uns hilft, unsere Erfahrungen zu verstehen und Pläne zu formulieren, um unsere Energien auf die Verwirklichung unserer gewünschten Zukunft zu richten.“ Innerhalb der Psychotherapie geht es vor allem um  „Sinnerfüllung“ – das subjektive Empfinden, dass mein Leben mir als stimmig, zielgerichtet und bedeutsam erscheint und dass ich mich der Welt und anderen Menschen zugehörig empfinde. Ein solches Gefühl von Sinnerfüllung kann ich sogar dann empfinden, wenn ich die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht explizit beantworten kann.   

Die Suche nach dem Sinn ist fast so alt wie die Menschheit. Wird Sinn deiner Ansicht nach eher gefunden oder verliehen?

In meiner therapeutischen Arbeit ist mir wichtig, «Sinntoleranz» zu praktizieren: Beide Möglichkeiten – Sinn finden oder erfinden – sehe ich als gleichwertig an. Das muss wohl eine offene Frage bleiben. Viktor Frankl meinte, wir könnten mit gleichem Recht vom totalen Un-Sinn der Welt ausgehen, wie von einer von Sinn durchdrungenen Welt.  Persönlich neige ich eher den existenziellen Denker:innen zu und denke, dass es keinen vorbereiteten Sinn «da draußen» gibt, sondern dass wir uns einen persönlichen Sinn geben und ihn in unserem Leben durch konkreten Handlungen realisieren können.  

Wie zeigt sich die Sinn-Suche in der Therapie? Stellen Klienten die Frage nach dem Sinn explizit oder verbirgt sie sich eher hinter anderen Themen?

Beides kommt vor. Besonders Menschen in Lebenskrisen stellen sich existenzielle Fragen häufig. Ohne dass sie es wollen, werden sie in solchen Grenzsituationen gezwungenermaßen zu Existenzphilosoph:innen: Welchen Sinn hat das erlebte Leid? Mit dem Sinn verhält es sich ähnlich wie mit der Gesundheit: Solange wir sie haben, denken wir nicht über sie nach. Sobald wir krank werden, vermissen wir sie. Neben diesen expliziten Sinnfragen schwingen existenzielle Themen aber vermutlich in jeder Therapie zu einem gewissen Teil mit. Dies fängt schon an bei den Therapiezielen, die man zu Beginn einer Psychotherapie gemeinsam festlegt – Therapieziele müssen zu Lebenszielen passen. Diese wiederum sollten als authentisch und bedeutsam erlebt werden – sie müssen also Sinn machen.

Gibt es bestimmten Lebensphasen, in denen die Frage nach dem Sinn typischerweise mehr Bedeutung hat?

Oft kommt es in sogenannten «Übergangsphasen» zu Sinnfragen, also in Phasen des Übergangs von einer Lebensphase zur nächsten: wenn die Kinder ausziehen oder wenn die Berentung ansteht. Aber auch der Eintritt in das Erwachsenenalter konfrontiert uns mit Fragen: Wer wollen wir sein? Welcher Beruf erfüllt uns, in welcher Form der Partnerschaft fühlen wir uns zuhause?  Eine gute Nachricht lautet: Im Mittel nimmt das Sinnempfinden mit dem Alter eher zu.

Was kann die Psychotherapie bei der Sinn-Suche leisten bzw. wie unterstützt du Klienten bei Anliegen dieser Art?

Bei der Thematisierung existenzieller Themen in der Therapie geht es zunächst darum, die Gefühle und Schwierigkeiten von Menschen auf der Suche nach Sinn oder in Sinnkrisen ernstzunehmen. Ihnen zu vermitteln, dass die Suche nach dem Sinn nicht pathologisch ist. Im Gegenteil können Sinnfragen ein wertvoller Startpunkt sein, um ein für sich stimmigeres Leben zu gestalten.

Um therapeutisch maßgeschneiderte Interventionen zu generieren, ist es hilfreich, die betroffene Sinnfrage wirklich gut zu verstehen: Was für ein sinnbezogenes Problem liegt überhaupt vor? Ist eine Sinnquelle verlorengegangen, etwa aufgrund eines tragischen Ereignisses? Oder leidet die Person unter einer chronischen Sinnleere? Verfolgt die Person eine falsche Sinnquelle- , Ziele und Werte, die nicht ihre eigenen sind - und fühlt sich deshalb nicht sinnerfüllt? Vielleicht handelt es sich auch um ein Problem der Balance – die Person setzt vielleicht alles auf eine Karte, ein Ziel oder einen Lebensbereich, und vernachlässigt dabei andere Aspekte. Zuletzt handelt es sich möglicherweise auch mehr um ein Vehrhaltensproblem: Die Person hat zwar Werte und Ziele, denen sie sich verpflichtet fühlt, engagiert sich in ihrem Leben aber zu wenig dafür.

Kannst du eine konkrete Intervention aus deinem Buch beschreiben, die sich auch für Jugendliche gut eignet?

Eine unserer schönsten Übungen ist wohl die Imaginationsübung «Im Spiegelkabinett». Hier werden die Personen angeleitet, sich vier Spiegel vorzustellen, in die sie blicken können. Diese zeigen unterschiedliche Selbstbilder, die sich miteinander vergleichen lassen:  Wie denke ich, dass ich aktuell bin? Wie denke ich, dass ich sein müsste? Wie möchte ich auf keinen Fall werden? Wie würde ich mir wünschen zu werden? Mit dieser Übung helfen wir unseren Patient:innen, herauszufinden, welche Ziele sich authentisch anfühlen und welche sich eher fremd anfühlen, weniger authentisch – weil sie eher die Erwartungen anderer, der Eltern oder der Gesellschaft zum Beispiel widerspiegeln.

Blick nach vorne oder zurück: Inwiefern spielen Biographiearbeit und ein Lebensrückblick, inwiefern die Beschäftigung mit der Zukunft bei existentiellen Fragen eine Rolle?

Alle Zeiten sind wichtig bei der Thematisierung von Sinn. Unser Leben bewegt sich immer zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In der Vergangenheit finden wir die Erfahrungen, die uns im Guten und im Schlechten geprägt haben, in der Zukunft liegen unsere Ziele, Wünsche und Befürchtungen. In der Gegenwart vollziehen wir im Hier-und-Jetzt unser Leben. Ein nostalgischer oder kritischer Rückblick kann Teil der Therapie werden, ebenso wie das Üben von achtsamem Genuss und bewussten Entscheidungen in der Gegenwart, zuletzt auch die Beschäftigung mit persönlichen Zukunftsutopien und die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit unserer Existenz.

Hast du für dich selbst eine Antwort auf die Sinnfrage gefunden?

Ich halte es hier vor allem mit der Philosophie von Lennon & McCartney von 1967: «All you need is love».

Lieber Fabian, vielen Dank für die spannenden Einblicke! 

Hinweis: Wir freuen uns sehr, dass wir Fabian Chmielewski für das zweitägige Seminar "Ganz viel wert - Selbstwert von Jugendlichen und Erwachsenen stärken" für Fachpersonen aus dem Bereich Coaching, Beratung und Therpaie nach Zürich einladen konnten.

Zur Person

Chmielewski Foto 2 8474b287Fabian Chmielewski ist als Psychologischer Psychotherapeut in der Praxisgemeinschaft am Weiltor in Hattingen niedergelassen. Als Supervisor unterstützt er die Ausbildung angehender Psychotherapeut*innen. 

Als Dozent gibt er Seminare und Workshops auf Kongressen und an Aus- und Fortbildungsinstituten zum Umgang mit Sinnfragen in der Begleitung von Klient*innen und zur Behandlung von Selbstwertproblemen.

Er ist Autor von Fachartikeln zur Selbstwerttherapie und zu existenziellen Fragestellungen in der Psychotherapie. Gemeinsam mit seinem Praxiskollegen Dipl.-Psych. Sven Hanning hat er den Ratgeber „Ganz viel Wert – Selbstwert aktiv aufbauen und festigen“ veröffentlicht (Beltz, 2019) und das Fachbuch «Therapietools Selbstwert» für Therapeut:innen verfasst.

Im November 2025 ist ihr Fachbuch "Therapie-Tools - Lebenssinn und existenzielle Fragen" erschienen.

Akademie für Lerncoaching
Albulastrasse 57
8048 Zürich

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