Weitere Tipps für Eltern

"Wo bin ich eigentlich geblieben in all der Zeit mit den Kindern?" - Interview mit Lisa und Katharina von Stadt Land Mama

„Huch, mich gibt‘s ja auch noch! Wo bin ich eigentlich geblieben in all der Zeit mit den Kindern? Wer möchte ich sein, was brauche ich, was tut mir gut? Ist da noch mein altes Ich, der Mensch, der ich vor den Kindern war – und wie lässt er sich mit dem Mama-Ich zu einem zufriedenen Ganzen vereinen?“

Im neuen Buch „WOW MOM“ beschäftigen sich Lisa Harmann und Katharina Nachtsheim von Stadt Land Mama mit genau diesen Fragen. Ein sehr ermutigendes und auch immer wieder berührendes Buch für alle Mütter, die sich nach „mehr Ich in all dem Wir“ sehnen. Im Interview erzählen die beiden, wie wir es schaffen können, uns in der Mutterrolle nicht gänzlich zu verlieren, was es braucht, um als Eltern wieder mehr Paar zu werden und wie wir uns entlasten können.

Liebe Lisa, liebe Katharina, erzählt mal: warum gehen insbesondere wir Mamas im großen WIR unter?

Lisa Harmann: Na, weil wir Frauen dazu neigen, immer erstmal zu schauen, dass es allen um uns herum gut geht, bevor wir uns auch selbst mal fragen: Wie geht es MIR denn eigentlich in all den Anforderungen und Herausforderungen, die so ein Familienleben neben all dem Glück eben auch mit sich bringt? Wir werden mit der Geburt aus unserem bisherigen Alltagstrott herauskatapultiert und viele von uns identifizieren sich zu Anfang recht stark mit der neuen Rolle als Mutter. Da ist es viel wahrscheinlicher, sich über all die Fürsorge auch ein bisschen selbst aus den Augen zu verlieren. Was nicht schlimm ist, solange wir irgendwann auch wieder auftauchen aus der Babyblase und dann auch mal wieder nach uns und unseren Bedürfnissen schauen.

LisaKatharinaWowMom2Lisa, du hast drei Kinder in der Pubertät, Katharinas Kinder sind noch etwas jünger. Wann habt ihr gemerkt, dass nun wieder mehr „ICH“ dran ist? Und welche konkreten Schritte habt ihr in diese Richtung unternommen?

Lisa: Harmann: Tatsächlich ergeben sich ja mit steigendem Alter der Kinder wieder Lücken. Das kann für uns Frauen eine riesige Chance sein, uns mal zu fragen, was wir wirklich wollen, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind – und wie wir aus dem Besten aus unserem Vor-Mama-Ich und all dem, was wir durch die Elternschaft dazugelernt haben, das Beste von früher und heute aus uns rausholen können. Klingt wie ein Radiospot jetzt, aber darum geht es wirklich. Ich habe eher durch Zufall gemerkt, dass wieder mehr Ich möglich ist, als sich mein Mann an Karneval erkältete und meinte, er bliebe zu Hause und könne die Kinder nehmen. Da hatte ich dann einfach mal fünf Tage für mich, konnte hingehen, wo ich wollte, essen wann und was ich wollte, musste nichts planen. Ich hab mich so leicht gefühlt und dann gedacht: ich sollte viel öfter wieder auch mal abends rausgehen, Freunde treffen, tanzen und singen.

Katharina Nachtsheim: Mich hatte vor einiger Zeit mal eine Freundin gefragt, wie es mir so geht. Als Antwort erzählte ich ihr, dass meine Tochter wieder hustet, mein Sohn schlecht schläft und was die Kleinste wieder angestellt hat. Meine Freundin sagte: „Ich habe eigentlich gefragt, wie es DIR geht.“ Da habe ich gemerkt, dass ich mich das selbst lange Zeit nicht mehr gefragt hatte und gar keine richtige Antwort darauf geben konnte. Im Alltag ist einfach so wenig Zeit, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. Deshalb nehme ich mir regelmäßig Auszeiten und fahre auch mal alleine weg. Ich muss körperlich abwesend sein, um die Verantwortung abzugeben.

Was ist aus eurer Sicht das Wichtigste, damit man sich in der Mutterrolle nicht selbst verliert?

Katharina Nachtsheim: Man sollte sich schon regelmäßig fragen: Wer bin ich, wenn ich nur ich bin? Wenn ich nicht die Mama, die Ehefrau, die Freundin, die Tochter bin. Was macht mir Freude? Wo kann ich Kraft tanken? Was möchte ich eigentlich noch im Leben erreichen?

Lisa Harmann: Oh ja, das ist eine echte spannende Phase. Wir dürfen uns trauen, auch mal wieder egoistisch zu sein, im positiven Sinne auch mal wieder an uns selbst denken, uns und nur uns auch mal auf der Prioriätenliste auf Platz Eins setzen. Nicht umsonst heißt es im Flugzeug, dass wir uns im unwahrscheinlichen Falle eines Druckabfalls zunächst einmal selbst die Atemmaske aufsetzen – und uns erst dann um die Kinder kümmern sollen.

Lasst uns zu Beginn auf das Thema Entlastung zu sprechen kommen, das ja oft die Voraussetzung für mehr „Me-time“ ist. In eurem Buch schreibt ihr dazu „Die Entlastung der Frau darf nicht mit einer weiteren Aufgabe anfangen“. Erklärt ihr hier für unsere Leser/innen nochmal, was ihr damit meint?

Katharina Nachtsheim: Viele Männer sagen ja: „Hättest mir ja nur sagen müssen, dass ich was für Nikolaus/Geburtstagsfeier besorgen soll.“ Nein – genau darum geht es ja. Auch der Mann weiß, dass am 6.12. Nikolaus ist oder wann sein Kind Geburtstag hat. Er sieht selbst, wenn die Butter alle ist oder die Wäsche noch in der Maschine ist. Wenn wir Frauen den Männern Arbeitsaufträge geben müssen, ist das keine Entlastung – sondern eben nur noch eine Aufgabe mehr, weil das komplette Management ja bei ihr liegt. Die meisten Frauen denken dann sowieso: „Ich mache es lieber schnell selbst, bevor ich ihm alles erkläre.“ Und das führt dann zu der Überlastung.

Lisa Harmann: Wir kennen doch auch alle die Situation, dass sich mal überraschend ein Zeitfenster für uns auftut und wir vielleicht mal kurz allein in der Wohnung sind. Boah, wie wir dann hin und-herüberlegen, was wir jetzt als Erstes tun könnten. Mich hinlegen. Nee, doch endlich mal ans Fotoalbum setzen. Ah nee, eben noch die Freundin anrufen, zack, ist die Zeit vorbei und wir total gestresst 😉 So soll das eben nicht sein. Zudem werden wir ja auch oft von den sozialen Medien unter Druck gesetzt. Da steht dann, was wir alles tun müssten, damit es uns besser geht. Von Yoga über die besten Smoothies und Co. Dieser Optimierungswahnsinn kann ja auch anstrengend werden. Und dabei soll es uns doch besser gehen! Das meinen wir damit.

Für euer Buch habt ihr nicht nur selbst Texte verfasst, sondern auch viele weitere hochkarätige Gastautor/innen gewinnen können, zum Beispiel Stefanie Stahl, Herbert Renz-Polster, Inke Hummel, Nicola Schmidt und viele mehr. Was waren eure AHA-Momente, als ihr die Interviews mit ihnen geführt und die Texte der anderen gelesen habt? 

Katharina Nachtsheim: Mich hat ganz besonders der Text von Vera Schröder berührt, die darüber erzählt, dass sie besonders von den Kindern geprägt wurde, die sie nicht bekommen hat – also von ihren Sternenkindern. Aber es ist tatsächlich so, dass ich aus jedem Interview und Gastbeitrag etwas mitnehmen kann. Wir waren sehr sorgfältig bei der Auswahl, wen wir im Buch haben möchten – und das hat sich gelohnt. Es gibt so viele unterschiedliche Stimmen, Farben, Einsichten in diesem Buch.

Lisa Harmann: Ich glaube, es ist quasi unmöglich, sich als Leserin nicht in irgendeinem der Texte wiederzufinden. Jede hat anderes erlebt, trägt einen anderen Rucksack mit sich herum und wird sich an anderen Stellen berührt fühlen. Nur unberührt kann man aus der Lektüre eigentlich nicht gehen…

Stimmt! Ich habe zugegeben auch ein paar Tränchen verdrückt... Welche Tipps der anderen Autor/innen aus eurem Buch habt ihr selbst ausprobiert und in euren Alltag integriert? 

Katharina Nachtsheim: Die Kinderärztin und Buchautorin Dr. Karella Easwaran empfiehlt, sich ein Code-Wort für besonders stressige Situationen zu überlegen. Wenn ihre Nerven angespannt sind, denkt sie an „Kaiserschmarrn“ und überlistet damit ihr Gehirn – denn das schüttet bei Kaiserschmarrn nur gute Gefühle aus. Wenn ich kurz vorm Platzen bin, denke ich oft an Skiurlaub, an die Weite der Berge und wie klein wir alle eigentlich sind auf dieser Welt. Das rückt dann einiges wieder zurecht.

Lisa Harmann: Oh ja, sie hat auch gesagt, dass unser Gehirn oft mit Fluchtgedanken reagiert, weil es sich in Gefahrensituationen in den Überlebensmodus schaltet. Wenn wir auf dem Weg ins Bewerbungsgespräch in den Stau geraten, schlägt unser Herz automatisch schneller und wir fangen an zu schwitzen. In solchen Situationen hilft es, sich zu fragen: Ist das hier grad lebensgefährlich? Nein? Dann runter mit dem Puls und durchatmen. Hilft auch super, wenn die Kinder mal wieder im Essen matschen 😉 Aber auch die Tipps von Inke Hummel, sich als Eltern zum Beispiel auf Partys feste Zeitfenster für die Kinderbetreuung zu organisieren, erst du zwei Stunden, dann ich zwei Stunden, um sich nicht den Rest der Zeit auch noch zuständig zu fühlen, fand ich super.CoverWowMom2

„Jetzt mache ich alles, reiße mir den Hintern auf – und dann das!“ Einen Fokus setzt ihr auch auf das Thema Enttäuschung, dazu findet sich eine schöne Anekdote über den Familienurlaub, in dem die Kinder ständig stritten und lange Gesichter zogen. Warum war euch dieser Fokus wichtig? Und was ist es genau, das Mamas überhaupt in die Enttäuschung hineinführt?

Katharina Nachtsheim: Wir starten ja schon mit einem Bild von uns und unseren Kindern in die Mutterschaft. Wie wir sein sollen, wie die Kinder sein sollen. Meistens läuft es dann ganz anders – und wir sind enttäuscht. Ich glaube, das kennt jede Mutter, auch wenn man sich das selbst gar nicht so gern eingesteht. Diese Enttäuschung dürfen wir aber zulassen. Und wenn wir ein bisschen geheult und gewütet haben, können wir unsere Erwartungen mal genauer ansehen und uns überlegen, was davon überhaupt realistisch war. Dann erkennt man relativ schnell: Nicht viel!

Lisa Harmann: Wir starten ja auch mit soo vielen Glaubenssätzen in die Mutterschaft. Zum Beispiel „Eine Mutter hat für ihr Kind da zu sein“. Natürlich hat sie das. Aber ich kann mich davon lösen, wenn ich sehe, dass mein Mann ohne Probleme für ein Wochenende mit seinen Kumpels wegfährt und ich mir das entweder gar nicht gönne oder dann nur mit schlechtem Gewissen und einem Auge immer auf dem Handy. Nein, wir dürfen mit genauso wenig schlechtem Gewissen lieben!

Wie schaffen wir es, Paar zu bleiben? Auch dieser Frage nehmt ihr euch an. Was ist euer persönlich liebstes Ritual oder die größte Hilfestellung, von der ihr in diesem Zusammenhang in den letzten Jahren profitiert habt?

Katharina Nachtsheim: Mein Mann und ich fahren tatsächlich jedes Jahr ein paar Tage weg – ohne Kinder. Von dieser Zeit zehren wir immer sehr. Weil wir in dieser Zeit wirklich nur das machen, auf das wir Lust haben. Bummeln, Museen, schicke Restaurants, lange ausschlafen, ungestört miteinander reden. Für uns ist das sehr wichtig und tatsächlich laden wir da unsere Liebes-Akkus wieder total voll. 2020 konnten wir nicht weg – das fehlt mir sehr.

Lisa Harmann: Ich glaube, am wichtigsten ist es, sich als Team zu begreifen, nicht gegeneinander zu arbeiten, nicht akribisch aufzurechnen und sich auch außerhalb der Elternblase noch zu erleben. Als bei uns die Zwillinge zwei wurden und die Große vier, da haben wir ein gemeinsames Blog gegründet und konnten so total super, an der jeweils anderen Gedankenwelt des Gegenübers teilnehmen. Mal konnte ich über seine Beiträge lachen, mal drüber staunen. Das war eine total schöne Gemeinsamkeit, ein Projekt, das uns Spaß gemacht hat. Wir reisen auch supergerne, diese Leidenschaft würden wir nach Corona einfach auch echt gern mal wieder ausleben.

Wie habt ihr euch durch die Kinder verändert? Was habt ihr von ihnen gelernt?

Katharina Nachtsheim: Ich habe mich beruflich komplett verändert. In meiner zweiten Elternzeit habe ich meine Festanstellung gekündigt und mich selbstständig gemacht. Ich wollte mehr Flexibilität und keine Abhängigkeit mehr von einem Chef – das war mir sehr wichtig und dafür war ich auch bereit, auf ein fixes Gehalt zu verzichten. Ich denke, wir lernen durch Kinder unsere Prioritäten mal genauer anzuschauen und zu überlegen, ob diese noch stimmig für unser Leben sind.

Lisa Harmann: Dass nichts mehr planbar ist. Dass Liebe immer größer werden kann und sich multipliziert. Dass ich nicht unfehlbar bin. Dass ich unglaublich belastbar bin, aber auch Grenzen habe. Dass ich nicht dem Bild anderer entsprechen muss, sondern meinen eigenen Weg finden darf.

Hand aufs Herz: Kinder haben heißt auch oft, das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen. Das Leben ändert sich schlagartig und jeden Tag aufs Neue. Wie geht ihr damit um?

Lisa Harmann: …und fühlt sich Corona grad nicht ein bisschen ähnlich an? Was hatten wir alle für Pläne… und was kam dann alles dazwischen… ein bisschen wie eine Elternzeit, zurückgeworfen auf die eigenen vier Wände – nur ohne süßes Baby…

Katharina Nachtsheim: Na klar kennen wir das! Wie oft wollten wir schon auf eine Party oder auf ein Abendessen mit Freunden – und dann wurde ein Kind krank oder der Babysitter hat abgesagt. Und gerade in der ersten Zeit ist man aus einigen Themen total raus: Welcher Film läuft gerade im Kino? Welche Band ist gerade angesagt? Ich hatte da eine Zeitlang absolut keine Ahnung. Und auch die spannenden Fernreisen waren vorbei – ich hätte mich nie zwölf Stunden mit Baby in ein Flugzeug gewagt. Aber versprochen: Wir haben nur die Pause-Taste gedrückt – diese Zeiten kommen wieder.

Was verbindet euch, liebe Katharina und Lisa?

Katharina: Tiefes Vertrauen, sowohl beruflich als privat. Ich weiß, dass Lisa mich nie hintergehen oder hängen lassen würde. Dafür bin ich sehr dankbar.

Lisa: In der Journalistenschule nannten sie uns wegen unserer blonden Locken „Die Twins“. Im Grunde ist es wie eine gute Ehe, die wir beruflich führen. Unvorstellbar, das alles irgendwann nicht mehr gemeinsam zu machen. Auch verbindet uns aber die Ehrlichkeit und zwar die ungeschönte, wenn wir uns wieder über Katastrophen im Familienalltag berichten und uns selbst zum x-ten Mal das Krönchen der Rabenmutter des Jahres aufsetzen wollen. Da rücken wir uns dann gegenseitig wieder zurecht.

Vielen lieben Dank für den schönen Austausch mit euch! Mehr zu Lisas und Katharinas Arbeit erfahrt ihr auf: www.stadtlandmama.de

Wow MOM: Der Mutmacher für mehr Ich in alle dem Wir:

 

 

 

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