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"Mein Erstklasskind hat Schwierigkeiten mit dem Lesen und Textverständnis!"

Frau S. aus Bad Säckingen beschreibt, dass ihr Sohn die erste Klasse besucht und Schwierigkeiten hat, zu lesen und das Gelesene zu verstehen. Das sagen wir dazu:

Egal ob jung oder alt: das Lesen- und Schreibenlernen fällt uns nicht einfach in den Schoß. Es ist harte Knochenarbeit.

Andere Fertigkeiten wie das Sprechen oder die Fortbewegung entwickeln die meisten Kinder hingegen rasend schnell und scheinbar mühelos. Für solche überlebenswichtigen Fertigkeiten verfügt das menschliche Gehirn nämlich über „vorgefertigte Programme“, die dazu beitragen, dass Kinder solche Fähigkeiten von sich aus rasch erlernen und verfeinern.

Beim Lesen und Schreiben ist dies nicht der Fall. Diese Kulturtechniken existieren beim Menschen erst seit circa sechstausend Jahren. Die gesprochene Sprache in Zeichen „zu übersetzen“ ist also eine vergleichsweise junge Errungenschaft des Menschen. Bis vor wenigen Generationen war das Lesen- und Schreibenlernen nur einem kleinen Teil der Bevölkerung vorbehalten (in der Schweiz wurde die obligatorische und unentgeltliche Schulpflicht erst 1874 eingeführt). Das menschliche Gehirn ist im Zuge der Evolution nicht darauf vorbereitet worden, diese Fertigkeiten mühelos zu erlernen. Solche Kulturtechniken können wir nur durch ausgedehntes Training erwerben.

Aus diesem Grund ist es normal, dass Kinder das Lesen (und Schreiben) am Anfang schwierig und anstrengend finden. Bis das Lesen gut sitzt, müssen sie mehrere Stufen durchlaufen. Zu Beginn müssen Kinder üben, jeden Buchstaben zu erkennen und ihm den richtigen Laut zuzuordnen. Mit der Zeit sollte das Kind jeden Buchstaben sofort benennen können, ohne bewusst darüber nachzudenken.

Mit zunehmender Übung gelingt es den Lernenden, die häufigsten Lautverbindungen auf einen Blick zu erkennen, z.B. en, er, ch, au, eu usw. Nach vielen Leseeinheiten wird die Spanne der Lautverbindungen allmählich größer, die sofort erkannt werden, und schließlich baut sich der Sichtwortschatz für die häufigsten Wörter auf. Das Kind muss nun nicht mehr H...HA...HAU...HAUS lesen, sondern kann das Wort direkt benennen: „HAUS“. Je mehr ein Kind liest, desto eher ist es mit der Zeit in der Lage, nicht nur einzelne, sondern mehrere Wörter oder sogar ganze Sätze mit einem Blick zu erfassen. Auf dieser Stufe entschlüsselt es einen Satz wie: „Oma backt in der Küche Kuchen“ nicht mehr Wort für Wort, sondern in größeren Einheiten (z.B. Oma backt) oder sogar als ganzen Satz.

Erst wenn das Kind das Lesen soweit automatisiert hat, dass es nicht mehr bewusst über die einzelnen Buchstaben bzw. Silben nachdenken muss, wird in seinem Gehirn genügend Kapazität frei, um den Inhalt des Textes wirklich zu verstehen. In der ersten Klasse sind die meisten Kinder noch nicht auf dieser Stufe. Sie sind oftmals noch so stark damit beschäftigt, die Buchstaben zu entziffern, dass sie vom Inhalt nur wenig mitbekommen können.

Um auf die nächste Lesestufe zu kommen, gilt: Übung macht den Meister!

Eltern, die ihre Kinder beim Lesenlernen unterstützen möchten, empfehlen wir folgendes Ritual:

  1. Suchen Sie ein Buch zu einem Thema, das Ihr Kind interessiert. Besucht Ihr Kind die erste Klasse, sollte es sich um ein Buch der Lesestufe 1 (Erstleser) handeln. In der Buchhandlung, im Internet oder in der Bibliothek finden Sie spannende Geschichten für jeden Geschmack - ganz egal ob sich Ihr Kind für Ponys, Star Wars, Yakari - den kleinen Indianer oder für Piraten begeistert.
  2. Bieten Sie Ihrem Kind zur gewohnten Schlafenszeit an, entweder sofort das Licht auszumachen oder noch 10 Minuten mit Ihnen gemeinsam im Bett gemütlich zu lesen. Hinweis: sogar für absolute Lesemuffel ist das Schmökern in einem Buch oft das kleinere Übel als „sofort schlafen müssen“ J
  3. Wechseln Sie sich mit Ihrem Kind beim Lesen ab. Je nachdem, wie weit Ihr Kind bereits ist, kann es sich anfangs einzelne Wörter oder einige kurze Sätze vorknöpfen und dann entspannt zuhören, wenn Sie ihm ein längeres Stück vorlesen. Sollte Ihr Kind noch langsam und stockend lesen, ist es sinnvoll, ihm auch die Abschnitte noch einmal vorzulesen, die es selbst gerade vorgelesen hat. Auf diese Weise verschaffen Sie ihm die Möglichkeit, in die Geschichte einzutauchen, auch wenn es selbst beim Lesen noch wenig vom Inhalt mitbekommt.
  4. Der Spaß beim Üben sollte im Vordergrund stehen. Vermeiden Sie vorschnelles Vorgeben der Wörter, wenn Ihr Kind kurz stockt, oder ständiges Korrigieren, wenn sich Ihr Kind verliest. Vielfach führt dies zu großem Frust und die Kinder weigern sich mit der Zeit, vorzulesen. Vielleicht möchten Sie auch mit Ihrem Kind darüber sprechen, wie es beim Lesen am liebsten korrigiert werden will. Manche Eltern berühren Ihr Kind kurz liebevoll am Arm, andere bleiben mit dem Finger im Buch beim entsprechenden Wort stehen, um dem Kind anzuzeigen, dass es dieses Wort noch einmal wiederholen soll. Achten Sie auf eine gemütliche und entspannte Leseatmosphäre.
  5. Wenn Sie Lust haben, können Sie das Lesen auflockern, indem Sie mit Ihrem Kind von Zeit zu Zeit über den Inhalt diskutieren. Dazu eignen sich Sätze und Fragen wie: „Ou, das war knapp – was glaubst du, wie geht es jetzt weiter?“, „Ok, jetzt gehen Ahsoka und Anakin zusammen auf diese Mission. Was meinst du, warum wollte Anakin Ahsoka unbedingt dabei haben?“, „Die Arme! Das tat bestimmt weh, als sie vom Pony gefallen ist. Was könnte ihre Freundin jetzt machen?“, „Iiieh, was ist denn das für ein ekliges Vieh auf dem Bild! Schau dir mal die widerlichen Klauen an. Hat das eigentlich auch einen Namen?“

Indem Sie mit Ihrem Kind über den Text sprechen, stärken Sie das Textverständnis. Dabei haben sich die folgenden Methoden bewährt (vgl. Lauth, Grünke & Brunstein, 2003):

Voraussagen: Überlegen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind, wie sich die Geschichte entwickeln könnte. Die Kinder lernen auf diese Weise auch den Aufbau typischer Geschichten kennen. So sind beispielsweise viele Geschichten so aufgebaut, dass sich eine oder mehrere Personen mit einem Problem konfrontiert sehen und bestimmte Mittel einsetzen müssen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

  • Was meinst du, wie geht es wohl weiter?
  • Was passiert wohl als nächstes?
  • Wie denkst du, wird die Geschichte ausgehen?

Fragen stellen: Stellen Sie Ihrem Kind immer wieder Fragen zum Text wie:

  • Was meinst du, wer ist der Bösewicht? Wieso?
  • Was möchte… erreichen?
  • Was würdest du in dieser Situation tun?
  • Welche Person in dieser Geschichte magst du am liebsten?
  • Gefällt dir die Geschichte?

Zusammenfassen: Lassen Sie Ihr Kind die Geschichte ab und zu mündlich zusammenfassen:

  • Was ist bis jetzt passiert?
  • Was weißt du schon alles über Person x?
  • Magst du mir die Geschichte einmal in eigenen Worten erzählen?

Manche Kinder lesen von sich aus nicht gerne, sind aber dazu bereit, ihren Bezugspersonen "einen Liebesdienst" zu erbringen, indem sie ihnen vorlesen. Ich, Stefanie, bitte meinen Neffen gerne, mir aus seinen Star Wars Büchern vorzulesen, um auf dem neuesten Stand zu bleiben – was er dann auch bereitwillig tut. Aber natürlich nicht ohne am Ende jedes Kapitels mit einem Lesequiz zu überprüfen, ob ich auch aufmerksam zugehört habe J

Weitere praktische Anregungen, wie Sie Ihr Kind beim Lesen- und Schreibenlernen unterstützen können, finden Sie im Buch Mit Kindern lernen von Fabian Grolimund:

Hilfreiche Übungsmaterialien für Kinder mit Lese-/ Rechtschreibschwierigkeiten haben wir hier für Sie zusammengestellt.

Herzliche Grüße

Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund

Akademie für Lerncoaching
Albulastrasse 57
8048 Zürich

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