Umgang mit Druck, Prüfungsangst und Schulangst

Mit Perfektionismus umgehen

Perfektionistische Kinder möchten alles besonders gut machen. Sie stellen hohe Erwartungen an sich selbst und möchten beispielsweise neue Aufgaben auf Anhieb beherrschen. Sie sind wütend auf sich selbst, wenn sie nicht gleich auf ein richtiges Ergebnis kommen, nehmen sich einzelne Fehler oder Misserfolge stark zu Herzen und gönnen sich kaum Ruhepausen. Die meisten dieser Kinder reagieren sehr sensibel und stark emotional (weinen, Wutausbrüche) auf Kritik, gleichzeitig können sie sich nur schwer über positives Feedback freuen, weil sie viel Wertschätzendes als getarnten Angriff empfinden und Lob „überhören“.  Nicht selten machen sie sich viele Sorgen darüber, dass ihre Leistung nicht gut genug ist und machen ihren Wert als Mensch von ihren Noten abhängig.

Bei Vorträgen und Seminaren werde ich immer wieder gefragt, was man tun kann, wenn das eigene Kind perfektionistisch ist. Viele Eltern suchen „den Fehler“ bei sich selbst, haben Angst, ihr Kind irgendwann einmal zu stark unter Druck gesetzt zu haben oder den Ehrgeiz unbemerkt gefördert zu haben. Ich habe viele Eltern erlebt, die ihr Kind bedingungslos lieben, sich nicht viel aus den Leistungen ihres Kindes machen und ihr Kind immer wieder zu einem entspannteren Umgang mit sich selbst anregen möchten. Sie sind die letzten, die ihr Kind unter Druck setzen und leiden darunter, dass ihr Kind „Fünfe nicht einmal gerade sein lassen kann“, „alles perfekt machen möchte“ und „sich Fehler kaum verzeihen kann“. Manche Kinder sind von Natur aus sehr leistungsorientiert. Sie sind trotz eines bedingungslos liebevollen, entspannten und überhaupt nicht leistungsorientierten Elternhauses sehr ehrgeizig. Eltern, die ihren Kindern Ehrgeiz „einimpfen“, sind unserer Erfahrung nach eher selten. Manchmal entwickelt sich jedoch unbemerkt eine ungünstige Situation, die den Leistungsdruck auf das Kind erhöht:

Zuneigung von Leistung abhängig machen

Jeder von uns hat ein Bedürfnis nach Anerkennung. Wir möchten unseren Selbstwert erhöhen, möchten unsere Erfolge mit anderen teilen, um das Gefühl von Freude und Stolz noch stärker empfinden zu können. Kinder lernen unbewusst zu unterscheiden, in welchen Situationen ihre Bezugspersonen besonders zugewandt und liebevoll sind und wann sie sich eher distanziert oder abweisend verhalten. Spüren Kinder, dass Eltern ihre Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit besonders davon abhängig machen, welche Noten sie nach Hause bringen oder wie sie in einem Wettkampf abschneiden, kann ein überhöhtes Leistungsmotiv beim Kind gefördert werden. In manchen Familien entwickelt sich daraus ein regelrechtes Spielchen:

Maria (kommt strahlend nach Hause)

Mutter: „Na du bist heute ja gut aufgelegt. Was war denn?“

Maria: „Rate mal!“

Mutter: „Ich weiss nicht….“

Maria: Na gut, ich sag’s dir. Wir haben die Matheprüfung zurückbekommen.“

Mutter: „Und…?“

Maria: „Rate mal!“

Mutter beginnt von Note 4 an nach oben zu zählen

Maria schüttelt jedes Mal belustigt den Kopf.

Mutter (reisst staunend die Augen auf): „Eine 6?!“

Maria (nickt glücklich): „Mhm!“

Mutter (nimmt Maria in die Arme): Das ist ja eine tolle Überraschung. Mensch super! Komm setzt dich. Dabei hast du gedacht es wäre so schlecht gelaufen… und dann so eine tolle Note. Das ist ja der Wahnsinn. Ich freu mich riesig für dich!"

Selbstverständlich ist es für Kinder schön, wenn Eltern sich über gute Noten mitfreuen und sie bei schlechten Noten trösten. Viele Eltern möchten ihr Kind stärken, indem sie seine guten Leistungen betonen. Gerade bei sehr perfektionistischen Kindern führt dies jedoch oft dazu, dass das Thema Leistung für sie noch wichtiger wird. Wenn Noten bei einem sehr ehrgeizigen Kind übermässig „zelebriert“ werden, kann der Schuss nach hinten losgehen. Besonders dann, wenn Eltern bei einer schlechten Note emotional kaum verfügbar sind, eher mit ihrer eigenen Enttäuschung als mit der des Kindes beschäftigt sind oder vermeintlich tröstende Aussagen machen wie: „Eine 4 ist doch auch ganz in Ordnung… was haben denn die Anderen?“ „Das konntest du doch! Wie ist das denn passiert?“  „Warum hast du das denn falsch gemacht, das haben wir doch besprochen?“: Spüren Kinder, dass ihre Eltern schlechte Noten zu einem grossen Thema machen, sehr genau darüber Bescheid wissen möchten, wie die Anderen im Vergleich abgeschnitten haben oder wie der Klassenspiegel war, so werden schlechte Noten zu einer Bedrohung und der Vergleich mit anderen plötzlich zentral. Es geht nicht mehr darum, ob man sich anstrengt und versucht, sich durch Übung zu verbessern, sondern darum, im Vergleich zu den Anderen möglichst „gut“ zu sein. Aus der Sicht vieler Kinder werden Fehler durch die ständige Konkurrenzsituation zu einer „kleinen Katastrophe“, die man mit allen Mitteln vermeiden möchte.

Ein Kind möchte seinen Eltern keine Sorgen bereiten

Kinder merken oft instinktiv, wenn Prüfungen auch den Eltern Bammel machen. Wenn ein Kind erlebt, dass ein Elternteil wegen der anstehenden Matheprüfung selbst schon Bauchweh hat und am Morgen etwas aufgeregt hin- und hertigert, im Sinne von „Wenn das mal gut geht“, zieht es leicht den Schluss, dass Prüfungen sehr wichtig und gleichzeitig bedrohlich sind. Der Druck, besonders gut abzuschneiden, um den Eltern ihre Sorgen zu nehmen, steigt. Zum Teil führen auch schwierige Situationen zu Hause, wie eine Trennung der Eltern, ein krankes Geschwisterchen oder der Tod eines Familienangehörigen dazu, dass Kinder noch ehrgeiziger werden. Sie spüren, dass ihre Eltern im Moment verständlicherweise angespannt und besorgt sind und möchten sie durch schlechte Noten nicht noch zusätzlich belasten.

Was kann ich tun, damit mein Kind gelassener mit Leistungen umgehen kann?

Wie Sie in den ersten Abschnitten gesehen haben, kann es sinnvoll sein, Noten nicht zu viel Bedeutung zuzumessen. Wir können einem ehrgeizigen Kind zeigen, dass wir uns mit ihm über seinen Erfolg freuen und es gleichzeitig wissen lassen, dass uns andere Dinge im Leben noch viel wichtiger sind. Bei schlechten Noten kann man dem Kind vermitteln: „Ich verstehe, dass du enttäuscht bist, aber mich als deine Mutter bringt diese Note nicht durcheinander. Für mich bist du als Mensch wertvoll, egal wie gut du bist und du wirst deinen Weg gehen, da bin ich mir sicher.“

3 Schritte zu einem entspannteren Umgang mit Fehlern

Ein gelassenerer Umgang mit Fehlern braucht Zeit und Übung. Sind Sie bereit, mit Ihrem Kind an diesem Thema zu arbeiten? Dann los!

Suchen Sie das Gespräch

Gab es in den letzten Wochen einen Vorfall, in dem sich der Perfektionismus Ihres Kindes besonders bemerkbar gemacht hat? Hat es bei den Hausaufgaben angefangen zu weinen, sich lange über eine gute (aber nicht sehr gute) Note geärgert oder beim Fussball nicht mehr mitspielen wollen als es am Tor vorbei geschossen hat? Nehmen Sie eine solche Situation als Aufhänger für ein Gespräch. Darin diskutieren Sie mit Ihrem Kind darüber, welche Vorteile es hätte, wenn es entspannter mit Fehler und Misserfolgen umgehen könnte:

Vater und Jonas liegen am Abend zusammen im Bett.

Vater: "Du Jonas, ich wollte noch mit dir reden. Letzte Woche warst du so frustriert als du beim Diktat  einen Fehler hattest, auch kürzlich bei der Matheprüfung war das so. Was meinst du? Was wäre anders, wenn dir das nicht mehr so viel ausmachen würde? Wie wäre das für dich, wenn du solche Fehler lockerer sehen könntest?"

Jonas: „Weiss nicht…. Wie bei den Anderen vielleicht? Also dass ich mich auch über die Note freuen könnte, wenn nicht alles richtig war...“

Vater: „Ja das ganz bestimmt. Siehst du sonst noch Vorteile? Vielleicht wärst du auch bei den Hausaufgaben nicht so oft traurig, wenn du nicht gleich auf die richtige Lösung kommst…“

Jonas: „Kann sein… Und die Anderen würden nicht mehr sagen: Jetzt heult der schon wieder wie ein Baby wegen einer 5.5 wenn mir bei der Prüfungsausgabe die Tränen kommen.“

Vater: „Guter Punkt. Weisst du was? Wahrscheinlich hätttest du auch mehr Spass am Lernen, beim Sport und bei den Spielen, wenn es dir nicht mehr so viel ausmacht, wenn mal was danebengeht.“

Jonas: „Ja. Und ich könnte mich vielleicht auch schneller wieder konzentrieren oder weitermachen mit  üben, wenn ich mich über einzelne Fehler nicht so lange aufregen muss.“

Machen Sie den Umgang mit Fehlern zu einer Kompetenz

Den Umgang mit Fehlern sowie das Verlierenkönnen kann man als Kompetenz begreifen, die sich trainieren lässt. Wer kann aus Sicht Ihres Kindes besonders gut mit Fehlern umgehen? Vielleicht hat Ihr Kind ein sportliches Vorbild oder ein Musikidol? Kinder vermuten häufig, dass ihr Idol damit umgehen kann, wenn ihm etwas danebengeht. Sie glauben fest daran, dass sich die Sängerin nach einem schiefen Ton im Konzert rasch wieder erholt oder der Stürmer nach einem verschossenen Goal nicht weinend auf dem Spielfeld liegt, sondern sich wieder aufs Spiel konzentriert. Solche Idole eignen sich als Vorbilder, die zeigen, wie man mit einer schwierigen Situation umgehen kann. Fragen dazu könnten sein:

  • Was glaubst du, wird … auch so wütend / traurig, wenn er / sie einen Fehler macht (daneben schiesst, einen falschen Ton spielt, etc.)
  • Was glaubst du, was macht er / sie dann?
  • Was sagt er / sie wohl zu sich selbst?

Für einen Fussballspieler könnte das wie folgt aussehen:

Wenn der Goali Manuel Neuer in seiner Karriere einen Fehler gemacht hat, hat er sich wahrscheinlich geärgert. Er musste sich dann aber wieder auf’s Spiel konzentrieren. Er sagt sich wahrscheinlich Dinge wie:

„Richtig gut zu werden braucht Übung. Irgendwann habe ich den richtigen Dreh schon raus.“

„Bleib ruhig und konzentrier dich wieder.“

„Gegentore gehören zum Spiel.“

„Das ging jetzt daneben. Den nächsten hältst du.“

Sind Sätze dabei, die auch Ihrem Kind im Umgang mit seinen Fehlern helfen könnten? Schreiben Sie diese gemeinsam auf. Vielleicht möchten Sie dazu auch ein Plakat gestalten, auf dem das Idol mit den Sätzen zu sehen ist.

Trainieren Sie den Umgang mit Fehlern

Im nächsten Schritt wird ein Trainingsplan ausgearbeitet. Man sucht nach Situationen im Alltag, in denen das Kind die Kompetenz „Umgang mit Fehlern“ benötigt. Dazu kann ein schwieriges Rätsel, ein Spiel, bei dem das Kind (möglicherweise) verliert oder ein kompliziertes Diktat gehören. Wichtig: Diese Situationen werden mit dem Kind vorbesprochen und gezielt aufgesucht!

Vater: „Du hast dir gewünscht, besser zu werden im … (verlieren können, mit Fehlern umgehen). Wir machen in den nächsten Wochen ein Trainingscamp. Bist du damit einverstanden? Komm wir fangen mal mit einem schwierigen … an, bei dem du sicher Fehler machst. Schauen wir nochmal das Plakat an. Was sagst du zu dir, wenn dir ein Fehler passiert? (…) Ok. Glaubst du, du schaffst das? Also, fangen wir an. (Gluckst ein bisschen). Das ist megaschwierig, da wirst du sicher Fehler machen. Deine Aufgabe ist es jetzt, mit den Fehlern umzugehen. Wie gut du die Aufgabe machst, schauen wir uns jetzt nicht, ok? Bist du bereit? Ich bin gespannt….“

Am Ende der Übungseinheit fragt der Vater Jonas, wie es ihm ergangen ist und lobt ihn dafür, dass er schon viel gelassener mit seinen Fehlern umgegangen ist. Er fragt ihn auch, wie sich die Situation für ihn angefühlt hat und spricht mit ihm darüber, wie schön es sein wird, wenn er in solchen Situationen ruhig bleiben kann.

In den nächsten Wochen wird die Schwierigkeit des Trainings weiter gesteigert (Unlösbare Aufgaben bearbeiten, Jonas vor der Mutter auf einen Fehler hinweisen etc.). Jonas wird jeweils vorgewarnt („Jonas, wir wollen heute nochmal üben, wie du gelassener mit Fehlern wirst. Ich werde dich heute einmal kritisieren, wenn dir etwas danebengeht. Deine Aufgabe ist es, ruhig zu bleiben. Weisst du noch, was du dir selber sagen kannst? Bist du bereit?“). Jonas Ehrgeiz wird auf diese Weise umgelenkt. Während es früher darum ging, alles möglichst perfekt zu beherrschen, wird nun das Ziel aufgebaut, möglichst gut mit Fehlern umzugehen. Jonas Wetteifer ist geweckt- er möchte das auf jeden Fall lernen. Während sich Jonas am Anfang noch mit zusammengebissenen Zähnen und einigen Tränen seinen Fehlern im „Training“ stellt, wird er mit der Zeit immer kompetenter. Er merkt und erhält auch von seinen Eltern die Rückmeldung, dass er viel ruhiger bleibt, wenn ihm etwas misslingt und er ist auch ein bisschen stolz auf seine neue Fähigkeit. Mit der Zeit merkt der Vater, dass Jonas seine neue Fähigkeit bei angekündigten Trainingseinheiten schon gut beherrscht. Er beginnt nicht mehr zu weinen und weiss, welche Sätze er sich in diesen schwierigen Momenten sagen kann. Auf dieser Stufe muss der Vater die Trainingseinheit nun nicht mehr ankündigen. Er kann Jonas sagen: „In Zukunft sage ich dir nicht mehr, wann genau wir trainieren. Ich sorge immer mal wieder dafür, dass etwas Kleines schief geht und du schaust, dass du damit umgehen kannst, ok?“

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