Prüfungsängste und Schulängste bewältigen

Auswirkungen von Prüfungsangst

Leistungsangst motiviert nicht dazu, Erfolg anzustreben, sondern dazu, sein Selbstwertgefühl zu schützen und Sicherheit herzustellen.

„Sag mal“, fragte ich mit 17 einen besonders fleissigen Mitschüler „warum sind dir gute Noten denn so wichtig, dass du sooo viel dafür machst?“ und er meinte: „Mir ist es gar nicht wichtig, gute Noten zu haben, ich habe einfach eine Riesenangst vor schlechten!“

Das hat sich in mein Gedächtnis gegraben: Eine andere, eine neue Sichtweise – und eine, die ich deprimierend fand. Deswegen also sah ich nie, wie er sich über eine gute Note freute – dafür hat er ja nicht gelernt. Es ist ihm nur ein weiteres Mal gelungen, davonzukommen, die Katastrophe abzuwenden – und darauf reagiert man nicht mit Freude, sondern höchstens mit Erleichterung – Verschnaufpause bis zum nächsten Test. Ein, zwei Tage, vielleicht eine Woche, in der man sich keine Sorgen machen muss.

Auswirkungen auf die Motivation

Angst ist nicht nur ein Gefühl, sie wirkt sich auf das Denken, die Motivation und das Verhalten aus. Die Auswirkungen auf die Motivation scheinen dabei für viele Eltern und Lehrer, ja sogar für die Betroffenen etwas positives zu sein. So sagten mir bei Beratungen und in unserem Training schon viele Jugendliche und Erwachsene, dass sie glauben, ohne Angst nicht genügend Motivation zum Lernen zu haben.Dabei handelt es sich um einen fatalen Irrtum.
Leistungsangst motiviert nicht dazu, Erfolg anzustreben, sondern dazu, sein Selbstwertgefühl zu schützen und Sicherheit herzustellen.
Der leistungsmotivierte Schüler kann sich bei der Vorbereitung des Vortrags fragen, was er vermitteln möchte und wie er das Thema interessant aufbereiten könnte. Beim Vortrag selbst ist er bei seinem Publikum, achtet auf die unterschiedlichen Reaktionen und darauf, lebendig zu erzählen. Der leistungsängstliche hingegen ist auf sich selbst fixiert: „Was ist, wenn ich den Faden verliere? Wenn ich mit dem Blatt zittere? Wie peinlich, wenn ich rot werde!“ Er schreibt seinen Vortrag wörtlich auf, da er glaubt, vor Publikum nicht mehr denken und reden zu können; er lernt ihn auswendig, um sicher zu sein – und nimmt seine Blätter trotzdem mit, steht verkrampft da und liest alles leise ab. Die Bewertung ist o.k., aber nicht gut – das nächste Mal muss er sich mehr anstrengen, den Vortrag besser lernen, sich weniger versprechen und weniger zittern.
Die Angst sagt dem Schüler somit nicht:
„Versuch Erfolg zu haben!“
Sondern
„Du musst Misserfolge und Fehler vermeiden - du darfst dich nicht blamieren!“
Deswegen wird der Ängstliche alles tun, um den Test zu bestehen, der ihm aufgezwungen wird. Er wird dem Test aber – sobald es ihm möglich ist – aus dem Weg gehen.
Während der Schulzeit mag sich dies nicht gross auswirken - der Schüler kann der Testsituation kaum entgehen und sieht sich deswegen gezwungen, sich möglichst gut vorzubereiten. Anders ist dies beim Studium und mehr noch im Berufsleben, wenn es darum geht, sich für den Erfolg zu entscheiden, sich selbst herauszufordern.
„Warum hast du diese Vorlesung nicht genommen, das Thema interessiert dich doch?“ frage ich eine Studentin und erhalte zur Antwort: „Da muss man einen Vortrag halten – ich schaue immer zuerst, wie geprüft wird – die Vorlesungen mit Vortrag werden gleich gestrichen“ und eine Arbeitskollegin bei einem Ferienjob: „Was, du machst Trainings gegen Prüfungsangst? Das hätte es vor zehn Jahren geben sollen, ich hab nämlich mein Studium geschmissen, weil ich Schiss vor den Prüfungen hatte“.  
Mehrere Studien weisen darauf hin, dass prüfungsängstliche Studierende längere Studienwege aufweisen (sie zögern z.B. die Abgabe von Arbeiten hinaus, da diese ihren eigenen perfektionistischen Standards nicht genügen oder verschieben Prüfungen, um mehr Zeit zum Lernen zu haben oder der Prüfungssituation zu entgehen). Viele Betroffene brechen ihr Studium sogar vorzeitig ab.
In mehreren Untersuchungen konnte zudem gezeigt werden, dass Prüfungsängstliche oft Berufswege wählen, die sie unterfordern - einerseits, weil sie sich und ihre Fähigkeiten unterschätzen, andererseits, um endlich dem Leistungsdruck entfliehen zu können.

Auswirkungen auf das Denken

Angst hat massive Auswirkungen auf die Art des Denkens. Wie wir bereits beim Thema Motivation gesehen haben, führt die Angst dazu, dass die Aufmerksamkeit von der Aufgabe abgezogen und auf mögliche Bedrohungen gerichtet wird.
Meiner Erfahrung nach zeichnen sich Prüfungsängstliche durch drei Besonderheiten aus, die mehr oder weniger stark ausgeprägt sein können. Sie:
  • Unterschätzen ihre eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten        
  • Überschätzen die Schwierigkeit der Prüfung
  • Überschätzen mögliche Folgen einer nicht oder nur schlecht bestandenen Prüfung
Dies äussert sich jeweils in einzelnen konkreten Gedanken, die durch die angstauslösenden Situationen und Vorstellungen aktiviert werden.
Gedanken zu den eigenen Fähigkeiten können folgendermassen lauten:
  • Ich bin sowieso zu dumm        
  • Die anderen sind alle viel intelligenter / schneller / begabter etc. als ich
  • In Mathe bin ich halt einfach eine Niete
  • Sicher werde ich beim Vortrag rot werden und den Faden verlieren
  • Was ist, wenn ich bei der mündlichen Prüfung kein Wort herausbringe?
Gedanken, die um die Prüfung kreisen, hören sich wie folgt an:
  • Es ist soviel, wie soll man das alles lernen können?
  • Es ist so ein Berg, das schaffe ich nie!
  • Sicher fragt der Lehrer wieder genau das, was ich nicht gelernt habe
  • Ich muss alles wissen!

Und schliesslich die Gedanken über die Folgen eines Misserfolgs:

  • Wenn ich beim Vortrag den Faden verliere, bin ich vor allen blamiert
  • Wenn ich die Prüfung nicht bestehe, werden mich alle für einen Versager halten bzw. werde ich mich wie der letzte Versager fühlen
  • Meine Eltern werden total ausrasten, wenn ich es nicht packe
  • Wenn ich nicht bestehe, werden alle merken, wie dumm / wertlos ich bin
Diese Angstgedanken zeichnen sich meist dadurch aus, dass sie katastrophisierend und irrational klingen, eine schwarz-weiss-Sicht ausdrücken und sich letzten Endes damit beschäftigen, welche Auswirkungen ein Misserfolg auf das Selbstwertgefühl haben würde und wie wahrscheinlich dieser ist.
Bei einigen Schülern ist diese Denkweise derart gravierend ausgeprägt, dass Prüfungen ein Kampf auf Leben und Tod werden – zumindest scheint das soziale Überleben auf dem Spiel zu stehen, wenn Schüler denken:
  • Ich glaube, ich würde es nicht überleben, wenn ich die Prüfung nicht bestehe
  • Wenn ich das nicht packe, bringe ich mich um!
Solche Gedanken ziehen natürlich in der Vorbereitungsphase die Aufmerksamkeit vom Stoff ab – der Schüler beschäftigt sich nicht mit seinen Texten und Aufgaben, sondern mit seiner Angst und seinen Vorstellungen. In der Folge ist der Speicherprozess beim Lernen behindert, was Prüfungsängstliche meist durch vermehrte Anstrengungen kompensieren. Sie müssen mehr lernen für das gleiche Resultat und sehen dies oft als Bestätigung für ihre mangelnden Fähigkeiten. Auf der anderen Seite werden die Angstgedanken auch während der Prüfung aktiviert, was die Denkkapazität einschränkt und den Abruf des Gelernten behindert.
Wer Schüler mit Ängsten ermutigen will und versucht, eine positivere Sichtweise zu vermitteln, wird zudem bald merken, dass die Schüler ihre Angstgedanken verteidigen und nicht so einfach bereit sind, ein „das schaffst du schon – ging doch bis jetzt immer alles gut“ anzunehmen.

Akademie für Lerncoaching
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