Motivation / Aufschieben

Warum wir aufschieben

Wir alle schieben hin und wieder mühsame Aufgaben vor uns her. Bei manchen Menschen wird das Aufschieben allerdings zu einem grösseren Problem: Sie verbringen den halben Tag mit Schuldgefühlen, nehmen sich immer wieder vor, endlich anzufangen - und schaffen es doch nicht. Prüfungen werden gar nicht oder nur unzureichend vorbereitet und das Studium dauert plötzlich mehrere Jahre länger als vorgesehen. In diesem Artikel erfahren Sie, welche Faktoren beim Aufschieben eine Rolle spielen.

Die Forschung zeigt, dass mehrere Variablen darüber bestimmen, ob wir eine Aufgabe vor uns herschieben. Diese hat Dr. Piers Steel in einer Formel dargestellt (es sieht nur kompliziert aus - Sie erfahren gleich, was es damit auf sich hat):

aufschieben-formel

Lassen Sie uns die einzelnen Variablen genauer betrachten.

Je niedriger die Selbstwirksamkeitserwartung, desto eher schieben wir auf

Wenn wir mit einer Aufgabe konfrontiert werden, überlegen wir uns automatisch, ob wir uns der Sache gewachsen fühlen. Je eher wir glauben, dass wir durch eigene Anstrengung zu einem guten Ergebnis kommen können, desto eher packen wir die Aufgabe an. Je unsicherer wir uns fühlen, desto eher schieben wir auf. In diesem Fall denken wir zum Beispiel:

  • Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll!
  • Das ist so ein Berg - das kann man gar nicht alles lernen!
  • Ich war schon immer schlecht im Schreiben - das schaffe ich nicht!
  • Mir ist völlig unklar, was eigentlich von mir verlangt wird...
  • Mathe kann man halt oder man kann es nicht - lernen bringt nicht viel...

Je wertloser die Aufgabe, desto eher schieben wir auf

Wir überlegen uns nicht nur, ob wir einer Aufgabe gewachsen sind - wir denken auch darüber nach, was es uns nützt, wenn wir diese erledigen. Dabei gilt: Je geringer der subjektiv empfundene Wert einer Aufgabe, desto eher lassen wir sie unerledigt.

Viele von uns erledigen beispielsweise deshalb die Steuererklärung erst im letzten Moment, weil sie diese Arbeit als wertlos empfinden ("Ich soll arbeiten und dieses Ding fertigstellen, damit ich dann noch zahlen kann!?"). Sobald der Brief mit den Worten "Wenn Sie die Steuererklärung in den nächsten 10 Tagen nicht einreichen, wird eine Busse von Fr.1000.- fällig" in ihrem Briefkasten liegt, steigt der Wert - und führt zumindest bei mir dazu, dass ich mich ans Werk mache.

Zu diesen scheinbar wertlosen Tätigkeiten gehören für viele von uns auch kleine, lästige Arbeiten wie Aufräumen, Briefe zur Post bringen, Rechnungen bezahlen etc. ("Ich sollte staubsaugen - aber es wird ja sowieso gleich wieder dreckig...").

In Seminaren zum Thema Aufschieben erleben wir jedoch immer wieder, dass auch vordergründig wichtige Aufgaben deshalb aufgeschoben werden, weil Schüler oder Studierende deren Wert in Frage stellen. Sie merken, dass ihnen ihr Studienfach nicht gefällt und sie sich nicht vorstellen können, später in diesem Berufsfeld zu arbeiten; oder sie haben Zweifel, ob sich mit ihrer Fächerkombination eine Anstellung finden lässt und fürchten sich davor, dass sie nach ihrem Studium arbeitslos sind. Bei Berufsschülern konnten wir oft beobachten, dass die Motivation für die Abschlussprüfungen bei denjenigen deutlich höher lag, die wussten, dass ihr Betrieb sie übernimmt und sie nur noch eine Prüfung von einer Anstellung und mehr Lohn trennt.

Typische Gedanken, die Aufschiebern bei dieser Problematik durch den Kopf gehen sind:

  • Nach der Abschlussprüfung bin ich arbeitslos und muss anfangen Bewerbungen zu schreiben - davor graut mir jetzt schon!
  • Diese Masterarbeit wird doch sowieso von niemandem gelesen - ich schreibe das alles doch nur, damit es später in der Bibliothek verstaubt...
  • Das Meiste, was ich in meinem Studium lernen muss, hat nichts, aber auch gar nichts mit dem späteren Beruf zu tun!
  • Mein Gott ist das langweilig! Eigentlich interessiert mich Jus überhaupt nicht. Mir graust davor, später als Anwalt arbeiten zu müssen. Aber ich habe schon so viel investiert - jetzt kann ich doch nicht einfach aufhören!? 

Je mehr Zeit wir haben, desto eher schieben wir auf

Nirgends wird so viel aufgeschoben wie an Universitäten. Weshalb? Weil von Studierenden verlangt wird, dass sie sehr grosse Projekte (Prüfungen am Jahresende, Bachelor- und Masterarbeiten) über einen sehr langen Zeitraum hinweg umsetzen. Dabei kommt erschwerend hinzu, dass es kaum offizielle Deadlines bzw. lediglich eine Deadline am Ende des Projekts gibt. Je weiter entfernt der Abgabetermin ist, desto geringer erscheint uns die Notwendigkeit, genau in diesem Moment damit anzufangen. 

Dies gilt umso mehr, wenn es attraktive Möglichkeiten gibt, um sich abzulenken. 

Typische Aufschiebe-Gedanken sind:

  • Morgen reicht auch noch...
  • Ich mache noch kurz... dann fange ich an.
  • Die (eigentlich weniger wichtige!) Aufgabe x ist dringender. 
  • Staubsaugen müsste man auch wieder mal - ich mache mich danach an mein Projekt

Wir schieben umso mehr auf, je impulsiver wir sind

Schlussendlich bestimmt eine Persönlichkeitseigenschaft darüber, wie oft und wie sehr wir aufschieben: Impulsivität!

Je impulsiver jemand ist, desto stärker fällt der Faktor Zeit ins Gewicht. Sehr impulsiven Menschen gelingt es kaum, ihre Bedürfnisse aufzuschieben. Werbungen wie die von "credit now" zielen auf impulsive Menschen. Sie kennen sicher die nervigen Plakate mit Sprüchen wie:

Habe ich genug Geld für ein Motorrad? Es gibt immer eine Lösung. Credit now. 

Es wäre natürlich einiges klüger, das Geld für Luxus wie einen Urlaub oder ein Motorrad zu sparen, anstatt einen Kredit mit fast 14% Zins aufzunehmen. Aber wir alle kennen das Phänomen, dass unsere Lust unseren Verstand aushebelt. Wir essen den Kuchen trotz Diät oder gehen nicht ins Fitnessstudio, weil wir keinen Bock dazu haben. 

Je impulsiver jemand ist, desto häufiger siegt die Lust. Das Gegenteil von hoher Impulsivität wäre Selbstdisziplin: Die Fähigkeit Unlust, Frust und andere negative Gefühle zu überwinden und die wichtigen Dinge anzupacken.

Bereits bei Kindern lassen sich diese Unterschiede relativ leicht ausmachen. Das wohl bekannteste Experiment dazu ist der Marshmallow-Test von Walter Mischel. Der Psychologe untersuchte, inwiefern es Kindern gelingt, die Befriedigung eines Bedürfnisses aufzuschieben. Kinder wurden dazu in einen Raum gebracht. Dort wurde ihnen ein Marshmallow (eine Süssigkeit, die die Kinder sehr gerne mochten) gezeigt und es wurde ihnen ein Handel vorgeschlagen: Ich werde jetzt den Raum verlassen. Du kannst den Marshmallow jederzeit essen. Falls du aber wartest, bis ich zurückkomme, bekommst du einen zweiten. Einige Kinder assen die Süssigkeit sofort, andere konnten mehrere Minuten ausharren und einigen Vierjährigen gelang es sogar, geschlagene 15 Minuten auf ihre Belohnung zu warten. Wie schwierig das ist, zeigt das folgende Video:

Spannend war die Nachuntersuchung: Kinder, die mit 4 Jahren warten konnten, waren als Jugendliche besser in der Schule, hatten mehr Freunde, waren bei ihren Lehrern beliebter und körperlich fitter. Als Erwachsene verdienten sie besser und hatten weniger Drogenprobleme. Insgesamt lässt sich mit der Eigenschaft "Selbstdisziplin" der spätere Erfolg sogar besser voraussagen als mit einem Intelligenztest.

Impulsive Menschen denken oft:

  • Ich bin gerade nicht in Stimmung...
  • Darauf habe ich keine Lust...
  • Ich möchte jetzt lieber .... xy mache ich später...
  • Das ist langweilig...
  • Ich kann mich einfach nicht dazu überwinden...

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Setzen wir alles zusammen: Wir schieben also vor allem dann auf, wenn uns eine Arbeit mühsam und nutzlos erscheint, wir uns wenig zutrauen, die Deadline in weiter Ferne liegt und wir Mühe damit haben, unsere momentanen Bedürfnisse hintenanzustellen, um unsere Ziele zu erreichen.
Diese Formel ist deshalb so wertvoll, weil sie es uns erlaubt, genauer hinzusehen, wo das Problem liegt. Nehmen wir an, jemand schiebt eine Seminararbeit auf. Dies könnte vorwiegend daran liegen, dass diese Person:
  1. Nicht weiss, wie sie diese Aufgabe bewältigen muss. 
  2. Die Arbeit als wertlos empfindet. 
  3. Die Arbeit zu gross und die Deadline zu weit weg ist
  4. Sie wenig Selbstdisziplin aufweist
 
Je nachdem wären andere Vorgehensweisen sinnvoll. Im ersten Fall bräuchte sie vor allem Wissen und Kompetenzen: Bessere Arbeitsstrategien und Informationen darüber, wie man Arbeiten schreibt wären hilreich. Im zweiten Fall müsste überprüft werden, ob die Person auf dem richtigen Weg ist, ob sie dieses Studium überhaupt machen will oder ob man ihr vermittelt könnte, dass es doch sinnvoller ist diese Arbeit fertigzustellen, als sie bisher dachte. Falls Impulsivität und ein weit entfernter Abgabetermin das Problem darstellen, könnten mehr Struktur und mehrere Teilziele mit jeweils einer Deadline sinnvoll sein. Diese Studierenden bräuchten also nicht einen Betreuer, der sagt: "Zeig mir die Arbeit, wenn sie fertig ist - du kannst selbst entscheiden, wann du sie abgibst." sondern jemanden, der sagt: "Ich will jede zweite Woche ein Unterkapitel sehen!"
 
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