Gastbeiträge zu "ADHS/Lernstörungen"

Advent und Weihnachten feiern mit verträumten Kindern

Ulrike Légé aus Basel erzählt: 

An meinem ersten Weihnachtsfest als Kleinkind habe ich mich im hohen Bogen unter dem Tannenbaum übergeben. Nicht, weil mich eine Magen-Darm-Grippe erwischt hatte; mir war der Weihnachtstrubel zu viel geworden. Als erstes Kind in der Familie sollte ich ein ganz besonders schönes Fest erleben: Die Großmütter erzählten mir vom lieben Christkind, die Großväter vom polternden Weihnachtsmann. Meine Paten malten mir aus, welche Überraschungen noch kämen. Meine Eltern hatten einen riesigen Baum geschmückt, darunter die neue Holz-Eisenbahn aufgebaut, und riefen mich mit Glöckchen herein.

Und ich war von dem Glitzernden, Spannenden, Wuseligen völlig überfordert. Zufrieden war ich erst, als alle Erwachsenen drei Gänge herunterschalteten und mich in Ruhe hinter dem Tannenbaum mit dem Geschenkpapier spielen ließen. Das knisterte so schön und es roch würzig nach Wald unter den dunklen Zweigen … Etwas später interessierten mich dann auch wieder Eisenbahn, Weihnachtslieder und Plätzchen. Ich fühlte mich geborgen auf dem Schoß der einen Großmutter, die am wenigsten in der großen Familienrunde sagte und die am meisten Ruhe ausstrahlte.

Als mein Mann und ich unsere eigenen Kinder bekamen, merkten wir, dass auch sie bei rauschenden Familienfesten oft überfordert waren. Ganz besonders den verträumten Kindern wurde schnell alles zu viel. Wir Eltern spürten deutlich, dass wir ein intensives, oft anstrengendes Jahr mit den Kindern lieber anders ausklingen lassen, in der Adventszeit bewusst herunterfahren wollten. Mittlerweile haben wir einige Rituale und Taktiken gefunden, die uns dabei helfen:

Den Dezember entschleunigen

Die Adventwochen scheinen jedes Jahr mehr überfrachtet mit Terminen, Einladungen und Aufführungen. Alle Aktivitäten sind schön, aber in Summe und 24 Tage lang hintereinander überfordern sie unsere verträumten Kinder. Advent bedeutet ursprünglich „bewusstes Warten“. Wer vier Wochen lang auf etwas wartet, hat Zeit, zur Ruhe zu kommen und sich ganz darauf einzulassen. Damit Weihnachts-Vorfreude leise in uns aufsteigen kann, braucht es kein Getöse. Es braucht den Mut von uns Eltern, sehr viel abzusagen und so Zeit zu schaffen für ruhige Momente.

IMG 7246Für Besinnlichkeit sorgen

Besinnlich fühlen wir uns, wenn wir mit allen Sinnen wahrnehmen können. Die Fragen können wir uns als Familie im Advent immer wieder stellen: Was möchten wir heute Weihnachtliches anschauen gehen – vielleicht den glitzernden Raureif auf den Gräsern und Zäunen? Was möchten wir hören – die alten Lieder, die wir selber singen? Was riechen – frische Tannenzweige im Wohnzimmer? Und was schmecken – die Plätzchen mit Zimt? In diese Sinneswelt tauchen unsere verträumten Kinder mit Freude ein. Umso mehr, wenn sie den ganz kleinen, heimeligen Eindrücken nachspüren dürfen, statt von einer schrillen, grellen Pseudo-Weihnachts-Welt erschlagen zu werden.

Sich von Erwartungen lösen

Wenn wir uns fragen, was Advent und Weihnachten so anstrengend macht, sind das unsere eigenen Erwartungen: Jedes Kind muss für jeden Verwandten und Paten etwas Gebasteltes fertigkriegen? Nein, wir basteln einfach mal mit Freude los und vertrauen darauf, dass am Ende für jeden schon ein Geschenk der ganzen Familie da sein wird! Zur Not gibt es einen Gutschein. Karten müssen an alle rechtzeitig geschickt werden? Nein, nur wenige liebe Menschen bekommen sie irgendwann am Jahresende Das ganze Haus muss stilvoll geschmückt sein? Nein, ein paar kleine Ecken, genauso bunt, wie sie uns gefallen, reichen! Die Plätzchen müssen wunderschön, das Weihnachtsmenü etwas ganz Besonderes sein? Nein, es sollen sich einfach alle aufs Essen freuen und mitmachen dürfen!

Nach draußen gehen

Drinnen bekommen wir unausweichlich, spätestens nach 24 Tagen Stubenhocken einen schrecklichen Hüttenkoller. Dabei ist es draußen, selbst bei Wind und Schneeregen, viel schöner. Wenn wir im Advent in den Wald gehen und sehen, wie dort die Natur leise in den Winterschlaf gleitet, entspannen sich alle. Unsere Kinder lieben es, am Weihnachtsmorgen eine kleine Bescherung zu bereiten für die Vögel und Tiere im Garten. Am ersten Feiertag sitzen wir bei einem großen Feuer, heißem Kakao und Glühwein, Kürbissuppe und Plätzchen zusammen und feiern Wald-Weihnacht.

Weihnachten über mehrere Tage feiern

IMG 0585Alle Highlights in den 24. Dezember zu stopfen, ist uns viel zu hektisch und sorgt nur für große Leere danach. Heiligabend gibt es bei uns keine Bescherung, dafür Zeit zum Singen, den Kinder-Gottesdienst und ein Raclette bei Kerzenschein. Am 25. morgens sitzen wir in Pyjamas unter dem Baum und packen die Geschenke aus von allen, die da sind. Wer hungrig ist, bedient sich vom Brunch, der auf dem Tisch steht. Nachmittags geht es in den Wald. Am zweiten Feiertag schauen wir, was in den Päckchen von entfernten Verwandten so steckt. Abends kochen wir mit den Kindern mehrgängig: Blätterteig-Käse-Häppchen, Nüssli-Salat und Fleischwähe lieben sie, danach ein Schokokuchen vom Bäcker im Dorf und frische Früchte. Und einen Verdauungs-Gang im Winterwald!

Schenken genießen

Wir finden es wichtig, dass für alle die Freude am Geben im Vordergrund steht und genug Zeit bleibt, jede Gabe richtig zu würdigen. Deshalb ist bei uns immer ein Teil des Verschenkten selbstgemacht, auch von uns Eltern. Wenn wir Geschenke kaufen, machen wir einen Familien-Ausflug daraus: Einer sitzt in der Ecke vom Laden und liest oder spielt, während alle anderen für ihn eine Überraschung zusammen auswählen. Und für die Bescherung hat jeder einen großen, roten Weihnachtsmann-Sack, aus dem reihum ein Päckchen herausgeholt und übergeben wird. Während es der Beschenkte auswickelt, es Lachen und dicke Dankesküsse gibt, schauen alle anderen entspannt zu.

Stille Zeit zwischen den Jahren gestalten

An das helle Weihnachtsfest schließen sich traditionell die „Raunächte“ an. Viele alte Traditionen nutzen diese ruhigste und dunkelste Zeit im Jahr, um bewusst das Vergangene nochmal Revue passieren zu lassen und sich aufs neue Jahr einzustimmen. In der Zeit zwischen den Jahren versuchen wir so wenig wie möglich zu putzen, einzukaufen oder Termine abzumachen. Unsere verträumten Kinder lieben das: Sie können stundenlang beim Tannenbaum sitzen, mit ihren Geschenken spielen und lesen. Zu Weihnachten schenke ich der Familie ein Fotobuch vom ausklingenden Jahr, das wir gemeinsam anschauen. Was uns belastet hat, schreiben wir auf Zettel und lassen die in der Feuerschale verbrennen; was wir uns fürs neue Jahr wünschen, erzählen wir uns leise.IMG 0721

Unser Wunsch, Advent und Weihnachten anders zu gestalten, ist von meinem Erlebnis als Kind und der Gewissheit geprägt: Wir möchten diese Tage genauso feiern, wie sie für uns als kleine Familie passen – ohne, dass sie für uns oder die Kinder zu viel und „zum Kotzen“ werden! Den nötigen Abstand zu allem, was man glaubt, machen zu müssen, bekamen wir, als ich zweimal Weihnachten im Wochenbett lag. Und als wir allein im Ausland feierten, weit weg von allen Ansprüchen und Traditionen der Verwandten.

Gerade zu Weihnachten erinnern uns verträumte Kinder daran, was diese Zeit wirklich besonders macht: Sich auf kleine, unspektakuläre, aber wichtige Eindrücke einlassen, wie ein Kind in der Krippe, statt in den großen, glitzernden Weihnachts-Wirbel gesaugt zu werden. Bei sich selbst ankommen, statt für alle anderen überall herumzuwuseln. Herunterfahren, statt hochzudrehen.

Anstatt von einem besinnlichen, entspannten Advent nur zu träumen, können wir ihn mit etwas Mut und Konsequenz wirklich erleben mit unseren verträumten Kindern. Diese Zeit für sie ganz persönlich und kreativ gestalten, denn solche Weihnachten tun ihnen richtig gut. Uns Eltern genauso.

Über die Autorin: 

Ulrike Légé hat sich als freie Autorin und Journalistin auf Familien-Themen spezialisiert. Ursprünglich Naturwissenschaftlerin analysiert sie die Welt gern mit ihrem Kopf – aber seit sie Mutter geworden ist, merkt sie, wie schön es ist, auch ihrem Bauchgefühl nachzuspüren. Lesen und Schreiben hat Ulrike schon als Kind geliebt: Oft hat sie den Lido von Ascona verlassen, um lieber im Ohrensessel der alten Buchhandlung „Libreria al Puntel“ zu sitzen und zu träumen ... Mittlerweile hat Ulrike drei eigene Kinder, die 10, 12 und 15 Jahre alt und teilweise auch recht verträumt sind. Sie lebt in Therwil BL mit ihrem Mann und Labradoodle Sunny, der dafür sorgt, dass alle den Ohrensessel oft genug verlassen. 

Buchtipp "Lotte, träumst du schon wieder?"

0 3d Cover Lotte definitiv

Hasenmädchen Lotte hat es nicht leicht: „Trödel nicht rum!“ heißt es ständig, und: „Hör auf zu träumen“. Nie kann es die Zehnjährige ihren Eltern und der strengen Lehrerin Frau Luchs recht machen. Wenn es Lotte zu viel wird, driftet sie in ihre Traumwelt ab. Dort erlebt sie Abenteuer als mutige Piratin und kämpft gegen eine Widersacherin (die ihrer Lehrerin verblüffend ähnlich sieht).

Zum Glück stehen ihr ihre besten Freundinnen zur Seite, die fleißige und etwas ängstliche Ente Merle und die gemütliche Bärin Frieda, die so gerne Ballerina wäre.

Lotte droht an endlosen Hausaufgaben, Prüfungen, schlechten Noten und ihrer Vergesslichkeit zu verzweifeln. Doch dann trifft sie im verlassenen Wald auf eine seltsame Waldbewohnerin, die den Wert des Träumens kennt und sie in ein uraltes Geheimnis einweiht...

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