Gastbeiträge zu "ADHS/Lernstörungen"

Was wir Eltern von unseren verträumten Kindern lernen können

Ulrike Légé aus Basel erzählt: Vor ein paar Tagen saß unsere zehnjährige Tochter im blau-rot gestreiften Hängesessel unter unserem alten Apfelbaum, ein dickes Buch auf den Knien. Ihr großer Bruder hatte sich mit der ganzen Länge seiner fünfzehn Jahre auf dem Steg über dem Gartenteich ausgestreckt, Kopfhörer im Ohr, den Blick aufs Wasser. Beide waren so versunken, stundenlang, wie verträumte Kinder sein können. Und ich selbst so entspannt wie lange nicht mehr.

Als Mutter von zwei Kindern, deren Gedanken oft abschweifen, weiß ich, wie anstrengend das sein kann im Familien-Alltag. Frühmorgens gibt es hektische Suchaktionen nach Brillen, Taschenrechnern oder Badekappen und die ganze Familie kommt schon wieder zu spät aus dem Haus. Teure Regenjacken bleiben mittags in der Tram liegen und Fahrräder an der Sporthalle stehen. Abends fehlen plötzlich wichtige Blätter, um auf den Test zu lernen.

Wenn ich nicht bewusst gegensteuere, kreisen meine Gedanken und Kommentare den ganzen Tag um lauter Un-Wörter: Unordnung! Unpünktlichkeit! Unerledigtes! Fast schon, als wären unsere verträumte Kinder Un-Menschen. Dabei gibt es so viel Positives, auf das es sich lohnt, den Blick zu richten und das wir von ihnen lernen können...

Aussteigen aus der Dauer-Produktivität!

Den ganzen Tag etwas „schaffen“, alle Listen abarbeiten, noch beim Fernsehen ein paar Socken zusammenrollen und beim Telefonieren die Äpfel schälen – kennen Sie solche Ansprüche an sich selber auch? Eigentlich sind sie unmenschlich. Wir sind keine permanent produktiven Maschinen. Wenn meine verträumten Kinder sich voller Freude in etwas absolut Unproduktives hereinversenken, führen sie mir das vor Augen. Wie Schnecken-Beobachten. Regentropfen, die am Fenster herablaufen, mit den Finger nachzeichnen. Einer Melodie, einem Bild in Ruhe hinterherspüren. Es ist zutiefst menschlich, solche Momente zu genießen. Und tut auch uns gut.

Was wir eltern von verträumten kindern lernen könnenEigene verträumte Züge wiederentdecken!

Ganz ehrlich, waren Sie immer so organisiert, vernünftig und effizient, wie wir das oft glauben, als Erwachsene sein zu müssen? Ich nicht. Auf alten Kinderfotos sehe ich ihn, meinen eigenen verträumten Blick. Ich erinnere mich an lange Nachmittage, nur zum Lesen und Nachdenken – und wie sehr ich es gehasst habe, wenn man mich da rausriss. Wenn ich es zulasse, sehe ich in meinen verträumten Kindern viele fast vergessene Züge von mir selbst. Zeit, ihnen wieder einen Platz im jetzigen Leben einzuräumen, die Medien-Dauerbeschallung auszuschalten und nachzuspüren, wohin die eigenen Gedanken heute gern einmal in Ruhe ziehen mögen. So schließt sich ein Kreis und wir kommen in ein tieferes Verständnis, einen gemeinsamen, harmonischen Rhythmus mit unseren Kindern.

Bewusst entschleunigen!

Ich gebe zu, wenn sie so richtig schneckenlangsam und gedankenverloren sind, wünsche ich mir einen „Fast Forward!“ Knopf an meinen verträumten Kindern. Aber es gibt ihn nicht. Und wenn unser Familienleben so eng getaktet ist, dass wir es nur noch im Stechschritt und mit Kasernenhof-Ton schaffen, leiden alle darunter. Welche Verpflichtungen können wir ganz streichen, was können wir auf später verschieben, wie können wir uns mehr Zeit nehmen? Das ist viel schwieriger als es sich anhört, weil wir immer wieder hinterfragen und zu einigen spannenden, tollen Möglichkeiten bewusst „Nein“ sagen müssen. Es lohnt sich trotzdem, denn es steckt auch ein „Ja“ darin: Ja, zu uns, wie wir eben sind.

Kreativ werden!

Wenn Tagträumen von außen wie Nichtstun erscheint, ist es innerlich das genaue Gegenteil. Da steigen ganz langsam, wie die Blasen einer Lavalampe, immer neue Ideen, Gefühle, Assoziationen nach oben. Einige dürfen sich wieder auflösen, andere möchten unsere verträumten Kinder umsetzen – als Spielidee, Geschichte oder Bastelprojekt. Das ist ein kreativer Schaffensprozess! Wenn es Ihnen ähnlich geht wie mir, ist unsere Kreativität als Erwachsene oft unter zu vielen Verpflichtungen und zu hohen Ansprüchen an uns tief vergraben … Wie schade! Mit unseren Kindern können wir uns die Zeit nehmen, sie aufsteigen zu lassen, üben, sie spielerisch-leicht und unperfekt umzusetzen. Einfach so.

Gemeinsam auf Fantasie-Reisen gehen!

„Was wäre, wenn …?“ ist eine Frage, die sich unsere Kinder immer wieder stellen. Wenn im Astloch vom Apfelbaum Feen wohnen würden? Wenn wir ganz klein werden und zu ihnen in die Höhle kriechen könnten? Wenn unser Hund nachts mit Feen sprechen würde? Manchmal hören wir den Fantasie-Geschichten unserer Kinder zu. Manchmal erzählen wir sie selber, wobei sich die Kinder oft eine Hauptperson oder ein Abenteuer wünschen. Oder wir greifen eine Alltags-Situation auf und spinnen sie gemeinsam mit Fantasie und Magie weiter. Ich hätte nie geglaubt, dass man so einfach zum „Geschichten-Erzähler“ werden kann. Mit unseren verträumten Kindern schon.

Für die eigenen Bedürfnisse einstehen!

Wenn unsere Kinder so richtig in ihren Tagträumen versinken, spiegelt dies, glaube ich, auch ein Bedürfnis wider. Nach Rückzug und Pause – oder auch mehr Farbe, Abenteuer und Spannung, als es der Alltag gerade bietet. Leider passt das nicht in jeder Situation herein, das mussten wir lernen und unsere Kinder müssen ebenfalls üben, die eigene Konzentration zu lenken. Aber auch, wenn wir ein Bedürfnis erst später oder anders befriedigen können, bleibt es ein wichtiges Anliegen. Sich Zeit nehmen zum Träumen, ganz bei sich und seinen Gedanken sein, jenseits des Alltags – das sind wichtige Bedürfnisse und erfüllende Momente. Gönnen wir sie unseren Kindern und uns selbst.

Für das Verträumt-Sein haben wir mittlerweile in unserem Familienleben ein ganz eigenes Vokabular: Jeder weiss, was „Brömselzeit“ bedeutet. Warum ein ganzer Tag zum „Herumschlumpfen“ manchmal einfach wichtig ist. Oder wieso man, wenn man sich gerade „morkelig“ fühlt, einfach in Ruhe gelassen werden will. Es bleibt ein Balanceakt für uns als Familie, die nötigen Anforderungen von aussen zu erfüllen, auch wenn unser Bedürfnis nach ruhiger Zeit fürs Innenleben vielleicht grösser ist, als das von anderen Familien. Aber wir lernen von unseren verträumten Kindern, wieviel Schönes aus diesem Innenleben entstehen kann. Dazu stehen wir und geniessen es zusammen.

Über die Autorin: 

Ulrike LégéUlrike Légé hat sich als freie Autorin und Journalistin auf Familien-Themen spezialisiert. Ursprünglich Naturwissenschaftlerin analysiert sie die Welt gern mit ihrem Kopf – aber seit sie Mutter geworden ist, merkt sie, wie schön es ist, auch ihrem Bauchgefühl nachzuspüren. Lesen und Schreiben hat Ulrike schon als Kind geliebt: Oft hat sie den Lido von Ascona verlassen, um lieber im Ohrensessel der alten Buchhandlung „Libreria al Puntel“ zu sitzen und zu träumen ... Mittlerweile hat Ulrike drei eigene Kinder, die 10, 12 und 15 Jahre alt und teilweise auch recht verträumt sind. Sie lebt in Therwil BL mit ihrem Mann und Labradoodle Sunny, der dafür sorgt, dass alle den Ohrensessel oft genug verlassen. 

Buchtipp "Lotte, träumst du schon wieder?"

0 3d Cover Lotte definitiv

Hasenmädchen Lotte hat es nicht leicht: „Trödel nicht rum!“ heißt es ständig, und: „Hör auf zu träumen“. Nie kann es die Zehnjährige ihren Eltern und der strengen Lehrerin Frau Luchs recht machen. Wenn es Lotte zu viel wird, driftet sie in ihre Traumwelt ab. Dort erlebt sie Abenteuer als mutige Piratin und kämpft gegen eine Widersacherin (die ihrer Lehrerin verblüffend ähnlich sieht).

Zum Glück stehen ihr ihre besten Freundinnen zur Seite, die fleißige und etwas ängstliche Ente Merle und die gemütliche Bärin Frieda, die so gerne Ballerina wäre.

Lotte droht an endlosen Hausaufgaben, Prüfungen, schlechten Noten und ihrer Vergesslichkeit zu verzweifeln. Doch dann trifft sie im verlassenen Wald auf eine seltsame Waldbewohnerin, die den Wert des Träumens kennt und sie in ein uraltes Geheimnis einweiht...

Ein Lese-und Vorlesebuch für verträumte Grundschulkinder und ihre Eltern.

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