Gastbeiträge zu "ADHS/Lernstörungen"

Mental Load - Schluss mit "Mama-macht-das-schon"

Getreu dem Motto „Wenn ich nicht an all die Aufgaben denke, tut es keiner“, rutschte auch Laura Fröhlich wie viele Mütter in die Überlastung. In ihrem Buch "Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles!", plädiert sie für eine gerechtere Aufteilung von Aufgaben und Verantwortung. 

978 3 466 31146 0Liebe Laura, zuerst einmal: herzlichen Glückwunsch zu deinem neuen Buch! Im Zentrum steht das Thema "Mental Load". Kannst du uns erklären, was sich hinter diesem Begriff verbirgt?

Laura Fröhlich: Mental Load bedeutet, an all die einzelnen Aufgaben zu denken, die im Familien-Alltag anfallen, sie zu planen und zu konzeptionieren. »Wenn ich es nicht mache, macht es keiner«, denken sich viele Mütter dabei. Es ist eine Masse an Kleinigkeiten, die einen ganzen Rattenschwanz an Arbeitsschritten nach sich ziehen, die aber nötig sind, damit der Alltag funktioniert und alle gut versorgt sind. In den meisten Familien ist traditionell die Mutter für diese Familien-Organisation zuständig, weshalb die mentale Belastung meist ein weibliches Problem ist.

Was ist dein persönlicher Bezug zum Thema?

Laura Fröhlich: Ich kannte das Mental Load-Gefühl selber nur zu gut. Nach der Geburt unserer drei Kinder war ich jeweils ein Jahr in Elternzeit und habe währenddessen unseren ganzen Alltag organisiert, einschließlich der Wochenend- und Urlaubsplanung. Als ich dann wieder berufstätig war, habe ich keine der Organisationsaufgaben abgegeben, sondern einfach alles weiter gemacht wie bisher. So war ich mental stark belastet und habe dann sogar eine Mutter-Kur gemacht, weil ich unter Rückenschmerzen und Erschöpfungssymptomen litt. Erst später habe ich verstanden, was mein eigentliches Problem ist, und habe mit meinem Mann die Organisationsarbeit neu aufgeteilt.

Wer ist besonders gefährdet und was sind die Folgen von einer zu hohen mentalen Belastung?

Laura Fröhlich: Es gibt natürlich auch mental belastete Väter, man denke nur an alleinerziehende Männer. In der Mehrzahl sind es jedoch Mütter, die einen Mental Load haben. Sie gehen durchschnittlich öfter und länger in Elternzeit und fühlen sich für Kinderbetreuung, Haushalt und Familienorganisation stärker verantwortlich.

Der Comic "You Should have Asked" ging um die Welt. Offenbar scheint oft eine implizite Erwartung zu bestehen, dass die Frau für den Haushalt & Co. verantwortlich ist und der Mann (im besten Fall) hilft. Ist die Frau überlastet, fällt als Rechtfertigung schnell der Satz "Ja, hättest du halt was gesagt / Warum hast du nicht gefragt. Ich hätte dir schon geholfen." Wie beurteilst du dieses Muster? Und wie bricht man es auf?

Laura Fröhlich: Der Comic zeigt treffend, wo das Problem liegt. Wenn einer sagt: „Hättest du mir etwas gesagt, dann hätte ich dir geholfen“, weist er darauf hin, dass er sich als Assistent fühlt. Er ist nicht hauptverantwortlich für diese Art von (Care-)Arbeit. Aber gerade das Erinnern an die Aufgaben trägt zur mentalen Belastung bei. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass Männer und Frauen beide Verantwortung für Haushalt, Kinder und Familien-Management tragen sollten. Wir haben diese Aufgaben immer der Frau in die Schuhe geschoben, das hat verschiedene gesellschaftliche und historische Gründe. Nun ist es aber an der Zeit, daran etwas zu ändern, und die mentale Last von Müttern zu reduzieren. Das gelingt, indem wir über unsere Rollen innerhalb der Familie nachdenken und diese einseitige Sicht aufbrechen. Wir leben gemeinsam in diesem Haushalt und wir profitieren alle von der Gemeinschaft der Familie, also sollten wir uns auch alle darum kümmern, dass der Alltag funktioniert.

In meinem Umfeld habe ich, Fabian, oft beobachtet, dass kinderlose Paare sich Haushalt & Co. relativ gleichmäßig aufteilen. Wenn dann das erste Kind kam, hat sich das plötzlich verändert - auch bei Paaren, die sich das vorher gar nicht vorstellen konnten...

Laura Fröhlich: Das liegt natürlich zum einen daran, dass Frauen länger in Elternzeit gehen. Sie werden dann in der Familienorganisation immer besser und regeln neben der Kinderbetreuung sämtliche Dinge wie die Steuer-Erklärung, die Kindergarderoben oder Einkaufslisten. Außerdem wird von der Gesellschaft nach wie vor einer Mutter die Sorge für das Kind und den Haushalt zugeordnet. Die gängige Meinung lautet, nur eine Mutter könne sich wirklich um Kinder kümmern. Das ist allerdings ein Märchen, denn auch Väter sind dazu in der Lage und sind genauso fähig, den Alltag zu organisieren. Nach der Geburt der Kinder fühlen wir uns aber schnell in die alte Rollenmuster gedrängt fühlen: der Mann ist für das Geld, die Frau für die Kinder zuständig. Und somit auch oft für die gesamte Familien-Organisation.

Apropos Rollenmuster: Mein Mann und ich, Stefanie, sind kürzlich umgezogen. Wenn Bekannte uns in der neuen Wohnung besuchen, werde seltsamerweise fast immer ich für die hübsche Einrichtung beglückwünscht - auch von emanzipierten Frauen. Manchmal sehe ich diese Tendenz aber auch bei mir selbst: Mein Mann und ich finden beide, dass wir im Alltag eine faire Aufteilung der Haushaltspflichten pflegen. Wenn nun spontan Besuch kommt und die Wohnung nicht aufgeräumt ist, kann er darüber hinwegsehen, während ich mich plötzlich verantwortlich fühle. Rational weiß ich, dass das Quatsch ist, weil die Verantwortung gleichermaßen bei uns beiden liegt und es dem Besuch im Grunde egal ist. Aber manchmal entsteht bei mir trotzdem dieses komische Gefühl, dass es "auf uns Frauen viel stärker zurückfällt". Was sagst du dazu? 

Laura Fröhlich: Ich kenne dieses Gefühl sehr gut! Auch ich fühle mich oft für den Haushalt stärker verantwortlich als mein Mann. Ich selbst sehe ein aufgeräumtes Zuhause als "persönlichen Erfolg". Mein Mann hingegen findet aufgeräumte Küchen prima, aber sie hat nichts mit seinem Selbstwert zu tun. Wir erleben das deshalb so unterschiedlich, weil wir schon von klein auf so sozialisiert werden. Bereits von Mädchen wird Ordnung und die Aufmerksamkeit für andere Menschen erwartet. Nebenbei erleben wir, wie sich Mütter, Tanten und Omas um den Haushalt kümmern und als Frau haben wir dann ganz unterbewusst abgespeichert, dass es unsere Aufgabe ist, für Ordnung, Atmosphäre und eben auch für eine hübsche Einrichtung zu sorgen.

Ich, Fabian, merke immer wieder, dass meine Frau ganz andere Standards hat, was die Aufgaben rund um den Haushalt betrifft. Ein eher witziges Beispiel, das mir in Erinnerung geblieben ist: Ich kam Abends nach Hause und erwische meine Frau dabei, wie sie meine Wäsche faltet - die ich morgens bereits zusammengelegt und eingeräumt hatte. Sie erklärt mir dann auch immer wieder die "richtige Falttechnik", aber das interessiert mich einfach nicht und es stört mich nicht, wenn es eine Falte in meiner Hose hat. Oder wenn ich mit unseren Kindern an den See gehe: Wenn nur die Kinder und ich losgehen, nehme ich eine kleine Tüte mit, die in 5 Minuten gepackt ist. Klar, fehlt dann auch mal etwas, aber es stört mich nicht, wenn beispielsweise das Badetuch vergessen ging und man sich mit dem Tshirt abtrocknet. Meine Frau packt für alle Eventualitäten - ich überlasse es dann einfach ihr, damit sie es "richtig" machen kann. Sonst geraten wir relativ rasch in Streit. Wie geht man mit solchen unterschiedlichen Haltungen um?

Laura Fröhlich: Das ist lustig, Fabian, dass du das erzählst. Wir hatten genau dieselbe Situation mit der Wäsche. An den Parallelen erkennen wir, dass diese Konflikte keine individuellen Probleme sind, sondern sehr viele Elternpaare betreffen. Auch ich war unzufrieden mit der Art meines Mannes, die Wäsche zu falten. Die mentale Belastung zu reduzieren bedeutet aber auch, von überhöhten Standards abzurücken und einen gemeinsamen Nenner zu finden. Wir Frauen haben uns oft einen Perfektionismus angewöhnt, und manchmal fällt es uns schwer, lockerer zu werden. Bei meiner Arbeit mit Eltern erlebe ich oft, dass Männer aus diesem Grunde frustriert sind: sie übernehmen die Verantwortung für ihre Aufgaben innerhalb der Familie, fühlen sich dann aber kritisiert und überwacht und sind dementsprechend genervt. Unsere Herausforderung ist deshalb, zu lernen, dass es nicht auf die perfekt gefaltete Wäsche oder eine perfekt gepackte Badetasche ankommt. Insgesamt empfehle ich Eltern immer, die Aufgaben und all die organisatorischen Dinge einmal aufzuschreiben und gemeinsame Standards festzulegen.

Wie können sich Alleinerziehende entlastet und ihren Mental Load reduzieren?

Laura Fröhlich: Für Alleinerziehende ist die mentale Last ein besonders großes Problem, denn sie haben oft niemanden, mit dem sie die Denkarbeit teilen können. Insgesamt finde ich, dass wir gesellschaftlich und politisch alleinerziehende Eltern mehr unterstützen müssen. Sie stehen vor allem vor der Herausforderung, die Erwerbstätigkeit und die Care-Arbeit alleine zu vereinbaren, da hilft es oft sehr, wenn man sich in der Nachbarschaft Aufgaben teilt wie Kinder abzuholen oder im Supermarkt oder der Drogerie einzukaufen. Elternpaare könnten alleinerziehenden Eltern Hilfe anbieten, da es ihn oft unangenehm ist, danach zu fragen. Besonders für alleinerziehende Mütter ist es wichtig, sich mit den hohen Ansprüchen an Frauen auseinanderzusetzen. Als praktischen Tipp empfehle ich, die To-do Listen kritisch zu betrachten und alle Aufgaben, die weder dringend noch wichtig sind, zu streichen. Im besten Fall hat man ein Netzwerk aus Nachbarn, Freund:innen und Familie und traut sich auch, Hilfe und Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Du bietest auch Beratungen und Kurse zu diesem Thema an. Was sind erste, konkrete Schritte, die man als Paar machen kann, um den Mental Load fair zu verteilen?

Laura Fröhlich: Der allererste Schritt ist immer, über die mentale Last zu sprechen. Am besten macht man das ohne Schuldzuweisungen und spricht von der eigenen Überforderung und der Verantwortlichkeit, die man spürt. Dann ist es sinnvoll, alle Aufgaben zu notieren, die Eltern im Kopf haben. Ganz wichtig: besonders stressig sind die täglichen, wiederkehrenden Dinge wie Kinder wecken, Essen machen, Medienkonsum regulieren. Die Steuererklärung und der Auto-TÜV lassen sich auch mal verschieben und sind zeitlich flexibel. All das zu erkennen ist ein Prozess, der gerne über mehrere Wochen gehen kann. Übrigens gibt es da auf meinem Blog eine kostenlose Excel Tabelle, die man sich runterladen kann.

Hier habe ich mit vielen Eltern gesammelt, was alles so an Aufgaben anfallen. Die nächsten Schritte habe ich dann ganz genau in meinem Buch beschrieben. Wichtig ist, sich im Alltag zu organisieren, zum Beispiel mit verschiedenen Apps oder einer Pinnwand und sich auch den Smartphone-Kalender zu synchronisieren. Unabhängig davon, wer wie weit erwerbstätig ist, sollte nie eine Person den gesamten Alltagstrott machen und die Familie alleine organisieren müssen, sonst droht Mental Load.

Was soll man als Frau tun, wenn der Partner keine Bereitschaft zeigt, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und mehr Verantwortung zu übernehmen, vielleicht sogar sagt: "Haushalt ist Frauensache?"

Das ist ein wirklich schwieriger Fall, den es aber öfter gibt als wir denken. Wenn der Partner einfach nicht bereit ist, über eine neue Aufteilung zu sprechen, kann es sein, dass er ein großes Problem mit den Rollenbildern hat. In jedem Fall liegt dann etwas schief in der Kommunikation des Paares, denn grundsätzlich sollte es ja zu denken geben, wenn es einem von Beiden nicht gut geht. Wäre da vielleicht eine Paarberatung oder eine Sitzung bei der Familienberatungsstelle sinnvoll? Ansonsten hat eine Frau nur die Wahl: gehen oder bleiben, und wenn sie bleiben möchte, sollte sie sich eben selbst so viel mentale Last wie möglich abnehmen und die eigenen Ansprüche herunterschrauben, um Zeit für sich zu gewinnen.

Über Laura Fröhlich

Bild 2Laura Fröhlich ist Journalistin, Bloggerin und Buchautorin. Sie hat den erfolgreichen Blog www.heuteistmusik.de gegründet, der sich mit Mental Load und seinen Folgen auseinandersetzt und veröffentlichte im Sommer 2020 einen Ratgeber mit dem Titel: „Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles“ im Kösel Verlag, den es auch als Hörbuch gibt. Sie hält Vorträge und berät Firmen, Vereine und Privatpersonen und zeigt Strategien und Konzepte auf, um den Mental Load zu reduzieren. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Nähe von Stuttgart.

 

 

 

 

 

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