Gastbeiträge zu "ADHS/Lernstörungen"

Achtsamkeit in der Schule: Interview mit Constanze Lullies

Constanze Lullies ist Gründungsmitglied und Präsidentin von Achtsame Schulen Schweiz und hat das Lehrmittel MoMento mitentwickelt. Im Interview spricht sie mit uns darüber, was unter Achtsamkeit verstanden wird, warum sie eine Bereicherung für die Schule ist und wie Achtsamkeitsübungen in den Unterricht implementiert werden können.

Liebe Frau Lullies, Sie sind Gründungsmitglied und Präsidentin von Achtsame Schulen Schweiz und haben das Lehrmittel MoMento mitentwickelt. Können Sie kurz erklären, was unter Achtsamkeit verstanden wird?

Die Achtsamkeitspraxis kann als mentales Training verstanden werden, welches auf Konzentrationsübungen sowie einer speziellen Art von Selbstbeobachtung aufbaut. Sie besteht darin, auf eine bestimmte Weise im Hier und Jetzt aufmerksam zu sein, zum Beispiel mittels der Beobachtung der natürlichen Atmung oder der Beobachtung sich im Körper und Geist manifestierender Emotionen und Gefühle. Verbunden mit einer inneren Haltung aus Interesse, Urteilsfreiheit und Freundlichkeit ermöglicht uns die Achtsamkeitspraxis, uns bewusst für eine Verhaltensweise zu entscheiden.

Achtsame Schulen Schweiz macht sich dafür stark, die Achtsamkeitspraxis in die Schulen zu tragen. Weshalb? Können Sie uns anhand einiger Beispiele erzählen, mit welchen Herausforderungen Schüler/innen und Lehrpersonen durch gelebte Achtsamkeit besser umgehen können?

Stress und Überforderung gehören zum Alltag von Jugendlichen und haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen, wie verschiedene Studien gezeigt haben. Stress und Leistungsdruck haben viele negative Auswirkungen auf die Betroffenen, vor allem auf die physische und psychische Gesundheit, aber auch die Lernbereitschaft und das Sozialverhalten leiden darunter.

Kinder und Jugendliche sowie ihre Lehrpersonen, Ausbildner und Betreuer brauchen konkrete Unterstützung, um ihre eigenen internen Ressourcen zu stärken um effektiver mit Stress, Leistungsdruck und Problemsituationen umgehen zu können.

Es hat sich in anderen Ländern gezeigt, dass Achtsamkeitstrainings direkt übergreifende soziale, emotionale und kognitive Kompetenzen wie Konzentrationsfähigkeit, Selbstregulation, Stressmanagement und Beziehungsfähigkeit fördern können. In der Bildungspolitik setzen bereits mehrere Länder - darunter die USA, Kanada, England und Holland – auf die Integration von Achtsamkeitstrainings in Schulen.

Auch uns berichten Lehrpersonen, dass ihre Schüler/innen ruhiger und gelassener in Prüfungen gehen. Eine Lehrperson der Sekundarstufe berichtete, dass ihre Schüler/innen vor einer Prüfung richtiggehend eine Achtsamkeitspraxis fordern.

Bei den kleinen Kindern habe ich mehrfach beobachtet, wie viel Freude sie empfinden, wenn sie das Gefühl haben, gehört zu werden, dass man «ganz bei ihnen» ist.

Lotte meditiert klein

Angenommen ich bin eine Lehrkraft und möchte einen ersten Schritt in Richtung Achtsamkeit in der Schule gehen: Wo fange ich an?

Für eine interessierte Lehrperson gibt es verschiedene Optionen. Der erste Schritt wäre die eigene Praxis. Man könnte z.B. an einem Meditationskurs, einem MBSR-Kurs oder einem anderen Angebot teilnehmen. Es gibt einige niederschwellige Angebote auf Englisch im Internet z.B. von Mindful Schools. Diese Organisation bietet auch konkrete Inputs für die Umsetzung mit den Schüler*innen. Es gibt auch sehr tiefgehende Kurse für Lehrpersonen z.B. am Center für Mindfulness in Zürich.

In Achtsame Schule Schweiz haben wir uns für einen Mittelweg entschieden: wir bieten in 8 Workshops à ca. 2 Std. eine Einführung in die Achtsamkeit, eine Einführung ins "achtsame Unterrichten" sowie eine Einführung in die von uns entwickelten MoMento-Lehrmittel für die Schweizer Primarschule an. Im Idealfall werden diese Workshops direkt an einer Schule durchgeführt, wobei die Weiterbildung freiwillig ist und nur die Lehr-, Betreuungs- und Fachlehrpersonen teilnehmen, die möchten. Wir bieten aber auch sog. «offene Trainings» für Lehrpersonen aus verschiedenen Schulen an. Für Schulen gibt es dann noch verschiede Aufbaumodule, für die Vertiefung der Achtsamkeitspraxis, die Integration der Achtsamkeit in den verschiedenen Fächern oder die Verankerung der Achtsamkeit in der Institution. Für Menschen mit Achtsamkeitsvorerfahrung bieten wir auch Wochenendkurse die v.a. auf die Einführung der Lehrmittel abzielen.

Mittlerweile gibt es Achtsamkeitskurse für gestresste Manager, Familien, Schüler/innen, Achtsamkeit als Bestandteil von Psychotherapien und Coachings, der Begriff ist in aller Munde. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Inwiefern freuen Sie sich darüber, wo sehen Sie Gefahren?

Wir freuen uns darüber! Wir denken, dass Achtsamkeit eine wichtige Grundlage respektive Schlüsselkompentenz ist, die wiederum andere sozio-emotionale Kompetenzen fördert. In diesem Sinne sehen wir diese Entwicklung sehr positiv. Für uns gibt es einen einzigen Vorbehalt: das ist die Grundhaltung, die Absicht oder «Intention» mit der Achtsamkeit vermittelt wird. Wir denken, dass eine Grundhaltung von Freundlichkeit, Urteilsfreiheit und Mitgefühl wesentlich dafür ist, dass Achtsamkeit sein volles Potenzial entfalten kann. V.a. in der Schule und mit Kindern ist diese Haltung ganz und gar wesentlich. Wir möchten dazu beitragen, eine humane Schule zu gestalten in der unsere Kinder zu gesunden, eigenständigen, verantwortungsvollen Mitbürgern werden. Wenn die Achtsamkeitspraxis auf «reine Konzentrationsschulung» reduziert wird, die zur Leistungssteigerung beitragen möchte, ist aus unserer Sicht Vorsicht geboten.

Mit dem MoMento-Programm sind Sie regelmässig in Schulen unterwegs. Was erwartet mich als Schüler/in, wenn ich an diesem Programm teilnehme? Und wie reagieren die Kinder und Jugendlichen auf ihre ersten Erfahrungen mit Achtsamkeitsübungen?

Wir haben 3 Lehrmittel für die Schweizer Primarschule (KIGA, UST, MST) entwickelt und sind dabei, ein Lehrmittel für die Sekundarstufe und die Jugendarbeit zu erarbeiten. Warum ein Lehrmittel? Wir haben festgestellt, dass es nicht ganz einfach ist, mit den Kindern einfach «nur» Übungen zu machen, wie z.B. die Betrachtung des Atems, oder das Hören eines Klangs (Beispiele der Übungen finden Sie hier).

Wir haben uns daher entschieden – auf der Grundlage verschiedener internationaler Best Practices – 10 Lektionen à ca. 45 Minuten zu erarbeiten, in denen die Lehrpersonen stufengerecht das jeweilige Thema einführen. Diese Lehrmittel enthalten eine Reihe spielerischer Elemente wie interaktive Konzentrationsspiele, Geschichten, Lieder oder Bastelarbeiten. Die Geschichten enthalten Informationen zu den Praktiken – für die Kleinen handeln die Geschichten von zwei Kindern «Mo und Mena», die Abenteuer erleben und Tiere treffen, die ihnen anhand der Praktiken helfen, schwierige Situationen zu meistern.

Für die älteren SchülerInnen gibt es Informationen zur Funktionsweise des Gehirns und was die Praktiken in unserem Gehirn bewirken. Die Kinder werden altersgemäss der Emotionsthematik nahe geführt, sie üben, ihre Emotionen im Körper wahrzunehmen und zu beschreiben. Des Weiteren lernen die Kinder Strategien, um in schwierigen Situationen konstruktiv zu handeln. Dazu gehört natürlich die berühmte Strategie der «Pause», die Sie wohl in allen Achtsamkeitskursen kennen lernen, sowie das Bewusstmachen von Strategien, die die Kinder vielleicht schon längst anwenden. Ich bin immer wieder überrascht, wie bereits kleine Kinder in der Lage sind, ihre Emotionen wahrzunehmen und bewusst mit Stresssituationen umzugehen! Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir diese Fähigkeit den Kindern fast abgewöhnen….

Für wen sind Achtsamkeitsübungen im Kontext Schule besonders geeignet? Für wen nicht?

Wie oben erwähnt ist die Achtsamkeit aus unserer Sicht eine Grundlagenkompetenz und daher für alle gleichermassen nützlich und sinnvoll. Wie ebenfalls bereits erwähnt, erscheint es uns besonders wichtig, dass die Teilnahme für die Lehrpersonen freiwillig ist. Manche gehen einfach lieber joggen, um sich den Kopf zu lüften oder haben keine Lust, im Team eine solche Weiterbildung zu machen. Das ist völlig ok! Die Kinder «müssen» ja quasi am Unterricht teilnehmen. Unsere Erfahrung ist, dass es sinnvoll sein kann, genau hinzugucken, wenn ein Kind gar kein Interesse hat – durch deutliches "nicht-Mitmachen" oder Stören z.B. 

Es hat sich gezeigt, dass die Kinder, die sich während der Achtsamkeitslektionen auffällig verhalten, meist der Lehrperson bereits besonders aufgefallen sind. Diese Erfahrung hat uns auch darin bestätigt, dass es besonders viel Sinn macht, dass die Lehrperson selbst die Achtsamkeitslektionen durchführt und nicht eine externe Person. Zum einen ist es natürlich nachhaltiger – die Lehrperson ist auch nach 10 Lektionen noch da und kann weiter mit den Kindern die Übungen machen. Zum anderen kann die Lehrperson das Verhalten der Schüler*innen viel besser einschätzen. So kann es sogar so weit kommen, dass die Achtsamkeitspraxis einen Eindruck der Lehrperson bestärkt, der dazu führt, dass sie die Schulsozialarbeit einschaltet, um abzuklären, ob alles ok ist. Grundsätzlich gelten bei der Achtsamkeitspraxis mit Kindern ausserdem die gleichen Vorbehalte wie bei der Achtsamkeitspraxis mit Erwachsenen: psychisch labile oder kranke Menschen (inbes. Schizophrenie, Depression und Borderline Themen) müssen von einer psychologisch geschulten Fachperson begleitet werden!

Gibt es ein Erlebnis aus Ihrer Arbeit, das Sie besonders berührt hat?

Achtsamkeit zu unterrichten ist mit sehr viel Freude und immer mal wieder berührenden Erlebnissen verbunden! Es ist schwierig ein einziges Erlebnis herauszustreichen. Ich bin immer wieder sehr berührt davon, wie sehr die Lehrpersonen an das Gute in den Kindern glauben, und ihre Aufgabe vor allem darin sehen, die Kinder so anzunehmen, wie sie sind und sie in ihrer ganz eigenen Entwicklung zu fördern.

Ich bin überrascht, wie gut sich bereits Kindergartenkinder auf gewisse Übungen einlassen können. Meine erste Umsetzung des Lehrmittels in einer 4. Klasse war eine grosse Herausforderung. Dort hat mich gefreut, wie gut die Jungs mitgemacht haben. Ihr Lieblingsgefühl war «cool». Sehr berührt hat mich ein Mädchen, dass mehrmals gesagt hat, wie traurig es manchmal ist – was die Lehrperson sehr ernst genommen hat. Und sehr herausgefordert hat mich ein Kind, das gar nicht mitmachen wollte. Ich habe viel von dieser Klasse gelernt und bin den Kindern sehr dankbar für ihre Ehrlichkeit.  Die Achtsamkeit hilft uns, auch die Herausforderungen nicht «persönlich» zu nehmen, sondern nach Wegen zu suchen, die Beziehung zu fördern und zu lernen.

Liebe Constanze Lullies, vielen Dank für das Interview!

Constanze LulliesConstanze Lullies ist Gründungsmitglied, Präsidentin und Trainerin von Achtsame Schulen Schweiz sowie Co-Autorin des MoMento Programms.

 

 

 

 

 

 

 

 

Idee: Achtsamkeitsübungen für Kinder

 

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