Aufmerksamkeitsdefizit / Hyperaktivität

Vorurteil 3: „Ärzte und Eltern stellen die Kinder mit Ritalin & Co ruhig“

Entgegen der Erwartung vieler Eltern sind die gängigen Wirkstoffe in der medikamentösen ADHS-Therapie keine „Dämpfer“, sondern Stimulanzien, die die Hirnaktivität erhöhen sollen.

Die am häufigsten eingesetzten Wirkstoffe bei ADHS-betroffenen Schulkindern und Jugendlichen sind Metylphenidat und Atomoxetin, die in verschiedenen Präparatformen bei starken Auffälligkeiten verschrieben werden.

Methylphenidat

gehört zur Gruppe der Psychostimulanzien. Aktuellen Studien zufolge wirkt Metylphenidat auf den Haushalt des Botenstoffes Dopamin im Gehirn. Es soll die Dopaminwiederaufnahme in die Nervenzellen hemmen und dazu führen, dass mehr Dopamin im Spalt zwischen den Nervenzellen bleibt.  Außerdem soll es die Nervenzellen im Frontalhirn so stimulieren, dass diese mehr Dopamin und Noradrenalin aufnehmen können.

Metylphenidat ist der am häufigsten eingesetzte Wirkstoff bei ADHS. Bekannte Präparate heißen Ritalin, Concerta, Medikinet und Equasym. Die Präparate unterscheiden sich hauptsächlich darin, wie schnell die Wirkung eintritt. Manche wirken sehr schnell nach Einnahme aber mit kurzer Dauer, wohingegen sogenannte Retardpräparate wie Medikinet den Wirkstoff über einen Zeitraum von 6 bis 8 Stunden stufenweise freisetzen.

Atomoxetin 

gehört zur Gruppe der sogenannten Sympathomimetika. Atomoxetin soll dazu führen, dass die Botenstoffe Noradrenalin und Dopamin in höherer Konzentration im Frontalhirn vorliegen. Atomoxetin ist bekannt als Wirkstoff des Medikaments Strattera und ist für Kinder ab 6 Jahren zugelassen.

Die am häufigsten verwendeten Medikamente sind Medikinet und Ritalin, die gut untersucht sind und für 70 % der stark hyperkinetischen Kinder eine deutliche Verminderung der Verhaltensauffälligkeiten versprechen. Die Medikamente „heilen“ nicht, denn sie wirken nur solange, wie sie eingenommen werden. Die hauptsächlichen Effekte der Therapie mit Psychostimulanzien sind die Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit und die Verringerung des hyperaktiven, störenden und impulsiven Verhaltens bei Kindern mit ausgeprägten Verhaltensauffälligkeiten. Es ist bekannt, dass die Medikamente in den Hirnstoffwechsel eingreifen, wie genau sie wirken, ist bis heute nicht ganz geklärt. Dies entspricht dem Wissenstand vieler anderer Medikamente.

Nicht jedes Kind mit AD(H)S benötigt oder profitiert von einer medikamentösen Behandlung. Ob ein Kind eine medikamentöse Therapie benötigt, hängt insbesondere vom Schweregrad der Verhaltensauffälligkeiten und dem Leidensdruck des Betroffenen selbst und des Umfelds ab. Die medikamentöse Behandlung kann zur Unterstützung von anderen Interventionen z.B. Konzentrationstraining, Entspannungstraining, Biofeedback, Verhaltenstherapie usw. eingesetzt werden, in manchen Fällen ist sie allerdings auch die Voraussetzung dafür, dass unterstützende Maßnahmen überhaupt durchgeführt werden können. Die Medikamente sollten keinesfalls leichtfertig abgegeben werden, sondern erst nach Absprache mit einem guten Kinderarzt bzw. Kinder- und Jugendpsychiater, der das Kind kennt, untersucht hat und dem ein abschließender Bericht über eine umfassende Diagnostik vorliegt. In der Regel wird ein Facharzt die medikamentöse Behandlung vorschlagen, wenn (a) die Verhaltensauffälligkeiten so stark sind, dass erhebliche Schwierigkeiten in Schule und Familie auftreten und die weitere Entwicklung des Kindes dadurch in erheblichem Maße gestört werden könnte oder (b), wenn andere Therapieformen und Interventionen nicht zu einer zufriedenstellenden Verminderung der Verhaltensauffälligkeiten führen konnten.

Es kommt leider immer wieder vor, dass (insbesondere Hausärzte) die Medikamente nach einer kurzen Befragung der Eltern ohne weitere Untersuchung abgeben.

Informieren Sie sich im Vorfeld über andere Behandlungsmöglichkeiten (z.B. ein Verhaltenstraining bzw. eine Psychotherapie) und wägen Sie die Vor- und Nachteile einer medikamentösen Behandlung sorgsam ab. Sollten Sie eine medikamentöse Behandlung in Erwägung ziehen, dann lassen Sie Ihrem Kind die Medikamente nur nach einer sorgsamen Untersuchung durch einen Kinderarzt oder die Kinder- und Jugendpsychiaterin verschreiben. Achten Sie auf jeden Fall darauf, dass die Dosierung individuell auf das Kind angepasst wird. Halten Sie Ausschau nach möglichen Nebenwirkungen und teilen Sie diese umgehend der behandelnden Fachperson mit.  

Es muss durch die Fachperson im Vorfeld sichergestellt werden, dass es keine Bedingungen gibt, die gegen eine medikamentöse Behandlung sprechen: Dazu gehören:

  • Herzrythmusstörungen
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen / erhöhter Blutdruck
  • Schulddrüsenunterfunktion
  • arterielle Verschlusskrankheiten
  • Erkrankungen der Blutgefäße (des Gehirns)
  • Tumorerkrankungen des Nebennierenmarks 
  • grüner Star
  • Alkohol- oder Drogenmissbrauch
  • (familiäre Vorbelastung für) Tourette-Störung / Tics
  • (familiäre Vorbelastung für) schwere Angstzustände oder Depressivität, Suizidalität
  • (familiäre Vorbelastung für) psychotische Erkrankungen / Manie / Schizophrenie
  • (familiäre Vorbelastung für) Persönlichkeitsstörungen
  • Anorexia nervosa (Magersucht)

Wechseln Sie unbedingt den Arzt, wenn Sie ein schlechtes Gefühl haben, Ihnen „alles zu schnell“ geht oder Sie sich unter Druck gesetzt fühlen.

Es kann Sie niemand zwingen, Ihrem Kind Medikamente zu geben, wenn Sie dem nicht zustimmen. Informieren Sie sich auch über Alternativen und unterstützende Maßnahmen und äußern Sie deutlich Ihre Bedenken. Nachdem Sie und Ihr Kind auf die Beratung und Betreuung durch eine Fachperson angewiesen sind, ist es wichtig, dass Sie dieser Glauben schenken können und ihr die Gesundheit Ihres Kindes anvertrauen möchten. Der Facharzt sollte Ihnen für Rückfragen zur Verfügung stehen und Sie umfassend über die Chancen und Risiken aufklären. Damit ein Kind mit ADHS von einer medikamentösen Therapie profitieren kann, ist außerdem eine feine Einstellung auf das Medikament notwendig. Dafür sind eine umfassende Untersuchung und ein Vorgespräch mit den Eltern unerlässlich, ebenso wie eine regelmäßige Überprüfung der Dosis und Wirkung durch den Facharzt.

Auch die Bedürfnisse des Kindes sollten nicht zu kurz kommen: wird mit einer medikamentösen Therapie begonnen, ist es wichtig, das Kind altersgerecht darüber aufzuklären, wann, wie lange und warum es diese Medikamente einnehmen muss. Ein offenes Ohr für die Sorgen und Bedenken Ihres Kindes kann Ihnen beiden helfen, eventuelle Schwierigkeiten abzufedern und Ängste aufzufangen.

Eine alleinige medikamentöse Therapie ist in der Regel nicht ausreichend und nicht empfehlenswert, vielmehr setzen Fachleute bei starken Verhaltensauffälligkeiten auf eine Kombination mit verhaltenstherapeutischen Maßnahmen, die dem Kind Strategien im Umgang mit der Aufmerksamkeitsproblematik nahe bringen. Durch die Medikamente allein lernt das Kind nichts, sie verringern im besten Fall lediglich die Auftretenshäufigkeit und Intensität von Verhaltensauffälligkeiten und verbessern die Konzentration. Strategien zum langfristigen Umgang mit Aufmerksamkeits- und Konzentrationsproblemen, Impulsivität oder Selbstwertproblematiken sind allerdings für die Entwicklung der Kinder sehr wichtig. 

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