Aufmerksamkeitsdefizit / Hyperaktivität

So lernen Kinder mit ADHS, entspannter mit Übergängen im Tagesablauf umzugehen

„Letzte Woche hat Simons Lehrerin den Kindern versprochen, in der nächsten Turnstunde einen Waldlauf zu machen, anstatt in die Halle zu gehen. Ich weiß, dass schon der Übergang vom Schulzimmer zum Schulsport für Simon eine ziemliche Herausforderung ist. Er trödelt vor sich hin und verliert sich auf dem Weg zur Turnhalle in seinen Gedanken, die anderen Kinder sind bereits weg. Er braucht auch immer eine Weile, bis er in einer neuen Situation „wirklich ankommt“.  In unserer ADHS-Elterngruppe kennen das viele andere Eltern von ihren Kindern auch. Letzten Dienstag ist es aber völlig entgleist. Wir haben mit Simon beim Frühstück noch besprochen, dass er heute die „Draußen-Turnschuhe“ mitnimmt und sich darauf einstellt, dass die Lehrerin heute mit der Klasse einen Waldlauf macht. Gegen Mittag hat es dann angefangen zu regnen wie aus Kübeln. Der Waldlauf fiel ins Wasser. Simon hat sich fürchterlich aufgeregt und war den ganzen Tag kaum mehr zu beruhigen. Solche Planänderungen bringen ihn schnell auf die Palme."

Für viele ADHS-betroffene Kinder ist es eine große Anforderung, sich flexibel auf neue Situationen oder Planänderungen einzustellen. Ihr mangelndes Zeitgefühl und stärkeres Leben im „Hier und Jetzt“ machen es ihnen schwer, sich im Tagesablauf zurecht zu finden. Oftmals leiden sie unter dem Gefühl, schon wieder zur nächsten Aktivität gehetzt zu werden, wenn sie gerade einmal „richtig da sind“ und sich vertiefen konnten. Und sich vertiefen, das können die meisten Kinder mit ADHS erstaunlich gut. Ausdauernd und konzentriert widmen sie sich ihrem Lieblingsthema oder –Spiel, sofern sie sich diese Tätigkeit selbst ausgesucht haben. Eine komplizierte Legofigur bauen? Die unzähligen Starwarskarten sortieren und in das Sammelbuch einordnen? Das Xte Buch zum Leben der Dinosaurier durchackern? Für Träumerchen und Wirbelwind oftmals kein Problem! Denn ein wesentlicher Teil der ADHS-Betroffenen ist dazu in der Lage, zu hyperfokussieren. Darunter versteht man die Fähigkeit, ganz und gar in einer Tätigkeit zu versinken und dabei alles um sich herum auszublenden. Entsprechend ungehalten reagieren diese Kinder und Jugendlichen, wenn man sie aus ihren Tätigkeiten herausreißt. Erwartet man von ihnen, dass sie ihr geliebtes Dino-Buch jetzt zur Seite legen, um zum Abendessen zu kommen oder die Legoburg sich selbst zu überlassen, um gleich mit den Hausaufgaben zu beginnen, erntet man vielfach Protest – der Streit ist vorprogrammiert.  

Viele Eltern haben gute Erfahrungen mit der folgenden Strategie gemacht:

  1. Fragen Sie sich: "Welche Übergangssituationen (Abschluss der Morgensituation / Beginn des Schulwegs, Ende des Essens / Beginn der Hausaufgaben, Ausstieg aus dem freien Spiel / zum Abendessen in die Küche kommen etc.) führen immer wieder zu Konflikten mit meinem Kind?"
  2. Etablieren Sie für diese spezifische Situation eine Routine, indem Sie:
  • die Zeit bis zum nächsten Wechsel visualisieren. Wenn Lena beispielsweise um 17.00 Uhr beginnt, sich in ein Spiel zu vertiefen und Sie in einer Stunde zu Abend essen möchten, könnten Sie sagen: „Schau mal Lena, es ist noch eine Stunde bis zum Abendessen. Ich stelle dir den Timer hier hin. Siehst du? Solange darfst du noch spielen. Wenn die Zeit abgelaufen ist, dann komm bitte in die Küche.".
  • für Übergänge im Tagesablauf extra Zeit einplanen und diese ca. 5-10 Minuten im Voraus ankündigen. So könnte Lenas Mutter beispielsweise gegen 17.50 Uhr in deren Zimmer gehen, die Tochter kurz an der Schulter berühren, und zu ihr sagen: „Lena, wir wollen gleich zu Abend essen. Du darfst noch 10 Minuten weiterspielen. Komm bitte langsam zum Ende. Ich rufe dich nochmals, wenn das Essen fertig ist."

Die Erfahrung zeigt: durch die Visualisierung der Zeit, die klare Vorankündigung und die Möglichkeit, noch in Ruhe zum Ende zu kommen, können Übergänge deutlich entspannter bewältigt werden. Aussagen wie „du darfst noch 10 Minuten spielen / 3 Mal rutschen / bis zur nächsten Werbepause weiterschauen“, helfen den Kindern, sich mental auf den Wechsel einzustimmen, und lassen ihnen einen gewissen Spielraum, wodurch sich oftmals der innere Widerstand reduziert. Oftmals nimmt dadurch der Protest in Form von Aussagen wie: „Aber ich bin noch gar nicht fertig / aber ich wollte doch noch…“ deutlich ab.

Zurück zu Simon und seinem Waldlauf, der ins Wasser fiel. Diese unvorhersehbare Planänderung hätte man beim besten Willen nicht ankündigen können. Wie können Eltern ihre Kinder dabei unterstützen, mehr Flexibilität zu entwickeln? Simons Eltern nutzten dazu eine wirksame Strategie aus der systemisch-lösungsorientierten Beratung. Sie überraschten den Jungen - und das fast täglich! 

Simons Eltern erklärten ihrem Sohn, dass es ganz schön schwierig ist, bei Überraschungen / Planänderungen wie dem ausgefallenen Waldlauf ruhig zu bleiben. Sie schlugen ihm vor, den Umgang mit Planänderungen in der Familie zu trainieren, damit Simon irgendwann „richtig cool“ bleiben kann, wenn etwas Ähnliches passiert. Simon und seine Eltern entwickelten dazu das folgende Spiel:  

Die Eltern nahmen sich vor, Simon täglich mit einer kleinen Planänderung zu überraschen. Simons Aufgabe bestand darin, seinen Eltern wie ein Detektiv auf die Schliche zu kommen: "Wann spielen sie heute wohl ihre Überraschungskarte? Was ist heute anders als sonst?"

Die Eltern achteten darauf, Simon anfangs vor allem mit angenehmen Planänderungen zu überraschen, damit er ein positives Gefühl damit verknüpfen konnte: So schlug Simons Mutter ihrem Sohn an einem heißen Sommertag vor, nach der Schule ein Eis essen zu gehen, obwohl es in der Familie eigentlich keine süßen Leckereien vor den Hauptmahlzeiten hab. Ein anderes Mal durfte Simon Abends 30 Minuten länger aufbleiben, um bei einem Fußball-Länderspiel noch bis zum Ende mitzufiebern. Der Vater überraschte Simon am Morgen mit einem Müsli anstatt der gewohnten Cornflakes und kochte an einem Tag das Lieblingsgericht seines Sohnes, obwohl die Mutter morgens angekündigt hatte, es würde wahrscheinlich Spinat mit Spiegelei geben. In einer Woche legte die Familie beim gewohnten nach-Hause-Weg vom Fußballtraining einen Umweg ein, in einer anderen wurde das allabendliche TV-Programm einmal kurzfristig umgestellt. Simon entwickelte mit der Zeit Freude und Ehrgeiz daran, seine Eltern „auf frischer Tat zu ertappen“. Er lernte immer besser, Planänderungen gefasst entgegenzutreten. Die Eltern unterstützten ihren Sohn zusätzlich durch wertschätzende Kommentare und wiesen ihn auf Fortschritte im "cool Bleiben" hin. Mit der Zeit war es den Eltern möglich, auch unangenehmere „Überraschungen“ einzubauen. So musste ein Ausflug ins Thermalbad kurzfristig abgesagt werden, weil Simons Mutter eine Erkältung bekam. Einige Wochen später „überfiel“ Simons Mutter ihren Sohn mit einem unliebsamen Zahnarzttermin. Und der nächste Waldlauf? Wir werden sehen…

Aktuell: Die nächsten Veranstaltungen in Zürich

Für Eltern: 
"Erfolgreich lernen mit ADHS"
"Alltagshilfen für Kinder und Jugendliche mit Asperger /Autismus Spektrum Störungen"

Für Fachpersonen: 
"Unterstützung von Schüler/innen mit Autismus Spektrum Störungen im Regelunterricht"

Das Autorenteam

Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund sind Psychologen und leiten die Akademie für Lerncoaching in Zürich.

Sie sind Autoren folgender Bücher:

          

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Akademie für Lerncoaching
Albulastrasse 57
8048 Zürich

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