Sinnvoller Umgang mit Hausaufgaben

Hausaufgaben: Ein alter Zopf oder eine sinnvolle Möglichkeit, das selbständige Lernen zu fördern? Die Medien haben die alte Debatte in den letzten Tagen wieder aufgegriffen.

Solange es noch Hausaufgaben gibt, wäre eine weitere Frage zumindest ebenso wichtig, wenn auch für die Medien weniger interessant: Wie könnten sinnvolle Hausaufgaben aussehen?

Über diese Frage habe ich in den letzten Tagen nachgedacht. Meiner Ansicht nach sollten sinnvolle Hausaufgaben die folgenden Kriterien erfüllen:

  1. Sie sollten alle Schüler/innen, die schwächsten und die stärksten, fordern, aber nicht überfordern
  2. Sie sollten von allen Schüler/innen zumindest prinzipiell ohne Hilfe erledigt werden können
  3. Sie sollten für die Lehrperson nicht mit einem zu grossen Aufwand verbunden sein
  4. Sie sollten für die Schüler/innen Sinn machen und tatsächlich mit Lernfortschritten verbunden sein

Viele Standard-Hausaufgaben verletzen diese Kriterien. Gibt die Lehrperson allen das gleiche Arbeitsblatt, ist ein Drittel unter- und ein Drittel überfordert. Gibt die Lehrperson verschiedene, auf die jeweiligen Schüler/innen abgestimmte Arbeitsblätter, ist die Lehrperson überfordert.

Es gibt aber mit Sicherheit Wege, all diese Kriterien zu erfüllen. Ich hätte dazu folgenden Vorschlag.

Arbeiten Sie mit Standard-Hausaufgaben und individualisierten Übungen

Die Standard-Hausaufgabe ist für alle Schüler/innen gleich: Die vom Kanton/Bundesland vorgeschlagene Hausaufgabenzeit wird in der Primar- und Sekundarschule für das Lesen aufgewendet.

Die Standard-Hausaufgabe für einen Viertklässler würde zum Beispiel lauten:

  • Lies 40 Minuten in einem Buch deiner Wahl
Verwendet die Schule Antolin, könnten die Schüler einen Teil dieser Zeit verwenden, um die Fragen zu beantworten und Punkte zu sammeln. 
Viele Schüler/innen lesen heute zu wenig. Damit fehlt ihnen die wichtigste Grundlage überhaupt! Es wär daher eine sinnvoll Hausaufgabe, die Schüler/innen zu vermehrtem Lesen anzuregen. Das Schöne dabei ist: Es gibt für jedes Leseniveau und jedes Interesse die passenden Bücher. 
 
Ausgehend von dieser Standard-Hausaufgabe könnte die Lehrperson die Hausaufgaben individualisieren. Das folgende System wäre dabei nicht nur mit geringem Aufwand, sondern auch mit grösseren Lernfortschritten verbunden:
  1. Die Lehrperson schreibt sich die wichtigsten Lernziele für ihre Stufe auf. Am besten in Form einer Liste auf einem A4-Blatt im Sinne von: Meine Schüler beherrschen Ende Schuljahr:....
  2. Sie sammelt Übungsmaterial, mit dessen Hilfe die Kinder selbständig an diesen Lernzielen arbeiten können (z.B. Kärtchen für das Einmaleins, Übungsblätter für die Gross-und Kleinschreibung, die es den Schülern erlauben, sich selbst zu kontrollieren etc.)
  3. An jedem Schultag bespricht Sie während der Stillarbeit mit einem (!) Schüler bzw. einer Schülerin, an welchem Thema sie/er in den nächsten vier Wochen arbeiten sollte und gibt ihm entsprechendes Material. Gleichzeitig überprüft sie mit ihm/ihr, ob er/sie beim letzten Thema Fortschritte gemacht hat und gibt dazu Rückmeldung.
Die Hausaufgaben würden wie folgt aussehen:
 
Tim: Hausaufgaben für die nächten vier Wochen:
  • 20 Minuten pro Tag lesen
  • Ein Blatt pro Tag zur Gross- und Kleinschreibung
Sabrina: Hausaufgaben für die nächsten vier Wochen:
  • 20 Minuten lesen
  • 20 Minuten das Einmaleins wiederholen
Für den sehr starken Schüler Florian könnte die Hausaufgabe lauten:
  • Sich 20 Minuten pro Tag in ein spannendes Thema einlesen
  • Für die Klasse eine Präsentation / Unterrichtsstunde dazu vorbereiten und vortragen / halten
 
Wenn Schüler/innen in einem Bereich Fortschritte machen sollen, ist es sehr oft notwendig, über längere Zeit an einem Thema zu bleiben. Ein einziges Blatt zur Gross- und Kleinschreibung nützt wenig. Der ganzen Klasse über 4 Wochen hinweg zu dieser Rechtschreibregel Hausaufgaben zu geben, wäre sinnlos, wenn 2/3 diese Regel gut beherrschen.
 
Das Kind, das damit Mühe hat, 4 Wochen jeweils ein paar Minuten pro Tag üben zu lassen, würde diesem Kind jedoch erlauben, diese Regel zu verinnerlichen und spürbar Fortschritte zu erzielen. Die Fortschritte und vielleicht ein Kommentar wie "Du bist in der Gross-Kleinschreibung schon viel besser geworden!" unter dem nächsten Aufsatz würde dem Kind vor Augen führen, dass die Übungen sich gelohnt haben.
 
Anstatt Hausaufgaben, die lediglich abgearbeitet werden, entspräche dieses Vorgehen eher einem individualisierten Trainingsplan.
 
Hinweis:
Sie möchten sich als Fachperson (Lehrer/in, Heilpädagogin, Psychologin...) gerne vertieft mit dem Thema Lernen und Lerncoaching auseinandersetzen? In diesem Fall weisen wir Sie gerne auf unsere unsere Weiterbildung in Lerncoaching hin.

Akademie für Lerncoaching
Albulastrasse 57
8048 Zürich

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