Mit Freude unterrichten

Die Beziehung zu den Schüler/innen ist wichtig, aber...

Die Hattie-Studie (2007) hat bestätigt, was zuvor bereits viele andere Untersuchungen zeigen konnten: Der Lernerfolg steht und fällt mit der Lehrperson. Dabei ist zentral, dass es ihr gelingt, zu den Schüler/innen eine gute Beziehung aufzubauen.

Wenn wir mit Lehrkräften über die Bedeutung der Beziehung sprechen, ernten wir stets Kopfnicken. Alle sind sich bewusst, wie entscheidend dieser Faktor ist. In den Pausen oder beim Mittagessen kommen jedoch stets die gleichen, etwas schüchtern vorgetragenen Einwände einzelner Lehrer/innen:

  • «Ich habe 25 Lernende in der Klasse – ich weiß nicht, wie ich zu allen eine Beziehung aufbauen soll? Mir fehlt die Zeit dafür.»
  • «Klar ist die Beziehung wichtig, aber ich bin Fachlehrerin und sehe die Schüler/innen nur ein paar Stunden pro Woche. Da ist es kaum möglich, eine Beziehung aufzubauen, oder nicht?»

Wir möchten diese Gedanken gerne entkräften, denn: Sie stimmen nicht und führen dazu, dass Sie Ihre Position und Ihren Einfluss als Lehrer/in unnötig schwächen und den wichtigsten Faktor für den Lernerfolg dem Zufall überlassen.

Ihre Schüler/innen bauen in jedem Fall eine Beziehung zu Ihnen auf

Wenn Sie Fachlehrerin sind, in Teilzeit arbeiten oder viele Schüler/innen haben, kann es gut sein, dass Sie nicht alle Schüler/innen auf einer persönlichen Ebene kennenlernen und eine Beziehung zu ihnen aufbauen können. Einige werden Ihnen bereits in den ersten Stunden auffallen, von anderen wissen Sie vielleicht nach einem Jahr lediglich den Namen.

Der Denkfehler passiert da, wo Sie von sich auf die Schüler/innen schließen!

Diese bauen in jedem Fall eine Beziehung zu Ihnen auf.

Ihre Aufmerksamkeit verteilt sich auf 20 oder 25 Schüler/innen. Diese aber können sich ganz auf Sie konzentrieren. Sie können den Unterschied sofort nachvollziehen, wenn Sie auf der «Schülerseite» stehen. Denken Sie an die letzten Lehrerfortbildungen zurück: Die Person vorne ist nicht in der Lage, sich von allen Lehrpersonen ein Bild zu machen. Vielleicht spürt sie da und dort Widerstand oder Zustimmung. 

Ganz anders sieht es bei Ihnen und Ihren Kolleginnen aus. Sie wissen nach ein paar Lektionen, ob Sie die Referierende mögen, ob Sie sie als kompetent und glaubwürdig empfinden. Sie würden wahrscheinlich sogar sagen können, ob Sie die Dozentin oder den Dozenten als wertschätzend, einfühlsam oder im Gegenteil als blasiert oder distanziert empfanden. Wenn Sie die letzten drei oder vier Weiterbildungen gedanklich Revue passieren lassen und sich die Dozierenden in Erinnerung rufen: Könnten Sie sagen, mit welchen Sie gerne ein persönliches Gespräch über Ihren Unterricht führen würden? Bei wem Sie sich so wohl fühlten, dass Sie einem Unterrichtsbesuch nicht abgeneigt wären? Wem Sie ein konstruktives Feedback zutrauen würden? Und wem Sie keine Minute freiwillig Ihr Gehör schenken möchten? Wahrscheinlich schon.

Sie können noch einen Schritt weitergehen. Denken Sie an ein Interview oder ein Buch, das Sie gelesen haben oder ein längeres Statement eines Talkshowgasts. Sie werden sofort bemerken, dass Sie diese Person zwar nicht persönlich kennen, aber sagen können, ob sie Ihnen sympathisch ist oder nicht und ob Sie – unabhängig von den Inhalten - von ihr lernen möchten.

Sie können sich nicht entscheiden, ob Sie eine Beziehung zu Ihren Schüler/innen aufbauen – sondern nur, ob Sie diese aktiv mitgestalten oder dem Zufall überlassen. Womit wir bei der zweiten Frage sind.

Soll ich als Lehrperson die Beziehung zu den Schülerinnen bewusst gestalten?

Wenn wir über diesen Punkt sprechen, begegnen uns in Fortbildungen oft weitere Bedenken. Lehrpersonen sagen beispielsweise:

  • «Muss ich mich jetzt bei den Schüler/innen einschleimen?»
  • «Ich finde, man muss authentisch bleiben.»
  • «Ich will die Schüler nicht für jeden Mist loben müssen!»

Aber geht es wirklich darum, wenn wir eine Beziehung zur Klasse aufbauen möchten? Ums schleimen, sich verstellen und loben?

Schüler/innen wollen ganz andere Dinge von ihren Lehrkräften. Sie wollen genau das Gleiche wie Sie als Lehrer/in in einer Fortbildung. Sie möchten jemanden dort vorne, der oder die:

  • echt ist
  • einen wertschätzenden Umgang pflegt
  • sich einfühlen kann
  • die Klasse ernst nimmt, an deren Wohlbefinden interessiert ist und sie mitreden, vielleicht sogar mitentscheiden lässt
  • den Schüler/innen etwas zutraut
  • die Schüler/innen sieht, dort abholt, wo sie stehen, und Forderungen stellt, die die einzelnen Kinder oder Jugendlichen mit Anstrengung erfüllen können
  • Respekt nicht nur einfordert, sondern auch zeigt
  • Humor hat
  • fair ist.

Sie müssen kein quasi-therapeutisches Gespräch mit den Schüler/innen führen, um für einen guten Draht zu sorgen. Es sind die kleinen Dinge im Alltag, die ins Gewicht fallen. Und Sie müssen nicht das gesamte Repertoire der Beziehungsgestaltung beherrschen: Sie können sich auf das fokussieren, was Ihnen leicht fällt und sich natürlich anfühlt – und auf diese Aspekte bewusst mehr Wert legen.

Mit kleinen, alltäglichen Handlungen eine Beziehung aufbauen und stärken

Herr DachsNehmen Sie sich einen kurzen Moment Zeit und denken Sie an Ihre Schulzeit zurück. Zu welchen Lehrpersonen sind Sie gerne in den Unterricht gegangen? Wieso? Was hat diese ausgezeichnet?

Wenn wir diese Frage in Lehrerkollegien stellen, werden meist die oben aufgezählten Punkte genannt. Sogar wenn wir fragen, bei welchen Lehrpersonen sie viel gelernt haben und wieso, wird kaum auf die Didaktik eingegangen (sie hat viel Gruppenarbeit gemacht etc.), sondern immer wieder auf die Beziehung verwiesen.

Es lohnt sich, dieser Fragen nachzugehen. Sie rufen sich damit lebendige und vertraute Beispiele in Erinnerung, von denen Sie sich etwas abschauen können. Mir, Fabian, fallen dazu viele Beispiele aus meiner eigenen Schulzeit ein.

Du bist willkommen. Ich sehe dich und nehme dich an, wie du bist.

Ich war ein sehr verträumter Schüler. Aufgrund mangelnder Schulreife besuchte ich ein zusätzliches Jahr den Kindergarten. Trotzdem ist mir von der Kindergärtnerin nichts anderes in Erinnerung geblieben als ihr strenger Blick und die Frage: «Fabian! Hörst du zu?!» Ganz anders war meine Erst- und Zweitklasslehrerin. Ich war so blockiert, dass ich mich im ersten Schuljahr weigerte, zu lesen. Sie ließ mir Zeit. Wenn ich in Tagträume abdriftete, sagte sie in leisem, warmem Ton meinen Namen – ohne Kritik. Wenn ich aufpasste, lächelte sie mich an. Ich fühlte mich wohl und konnte mich mehr und mehr entspannen und mich dem Unterricht zuwenden. Ihre Haltung war klar, nämlich:

  • Ich sehe dich
  • Hier bist du sicher und darfst dich entspannen
  • Du machst das in deinem Tempo – ich freue mich, wenn du aufpasst und sehe es dir nach, wenn es mal nicht so ist

Zeig mal, was hast du da gemacht?

Während sich mein Viertklasslehrer an meinen Aufsätzen und meinen "komischen Fantasien" störte, mochte mein Fünftklasslehrer genau dies. Im Kunstunterrichts bei ihm zeichneten meine Mitschüler Blumen, Vasen und Häuser. Mein bester Freund und ich brachten hunderte von winzigen Strichmännchen zu Papier, die allerlei komische und witzige Dinge erlebten. Er ärgerte sich nicht darüber, dass wir «den Auftrag falschen verstanden» hätten und ließ sich geduldig und belustigt die Zeichnungen erklären. Meine Aufsätze erzielten aufgrund der vielen Rechtschreibfehler zwar keine Glanznoten, aber er gestand mir, dass er sie zu Hause in einem Ordner sammelt, weil er sie originell findet. Bei ihm hatte ich immer das Gefühl, dass es wichtigeres gibt als Noten und Anpassung. Zum Beispiel Kreativität und Humor.

Mir gefällt dein Einsatz!

Als ich aufs Gymnasium wechselte, war ich der Einzige, der kein Instrument spielte. Bereits die erste Prüfung geriet deshalb zum Desaster. Der Musiklehrer ließ ein Klassikstück ertönen, wozu wir im Anschluss Fragen beantworten sollten: zu Rhythmus, Melodie, Instrumenten. Alle erzielten in diesem Test die Note "gut" oder "sehr gut". Ich hatte eine "Mangelhaft" und wurde von zwei Klassenkameraden deswegen aufgezogen. Völlig frustriert ging ich nach Hause. Auf dem Esstisch lag ein Brief – für mich! Darin stand: Lieber Fabian, es hat mir so leidgetan, dass ich dir so eine schlechte Note geben musste. Ich möchte, dass du weißt, wie sehr ich dich schätze und wie gerne ich es sehe, dass du im Unterricht so gut mitmachst. Ich hoffe, wir haben es beide weiterhin so gut miteinander. Dein Singlehrer…

Was soll ich sagen? Natürlich hatten wir es gut miteinander! Er hatte zwei Jahre lang einen sehr schlechten, aber begeisterten Schüler in seinem Unterricht. Wir hatten auch Lehrer/innen, die bei falschen Antworten wütend wurden und herablassende Kommentare von sich gaben. Von meinem Singlehrer habe ich gelernt, dass sich auch «schwache» Schüler im Unterricht wohl fühlen können, wenn ihnen klar vermittelt wird, dass die Lehrperson zwischen der Leistungs- und der Beziehungsebene trennen kann.

Wer bist du und was interessiert dich?

Mein Biologielehrer am Gynmasium hatte eine sehr zeitsparende Methode, den Unterricht vorzubereiten: Er verzichtete praktisch darauf. Wir lasen gemeinsam Abschnitt für Abschnitt im Biologiebuch und sprachen darüber. Ab und zu erläuterte er etwas ein wenig genauer an der Tafel. Etwas Besonderes waren seine Prüfungen, bei denen man sehr viel nachdenken musste und die auf den Zehntel genau bewertet wurden. Eine 6 (die beste Note in der Schweiz) zu schaffen, war fast unmöglich, eine 5.8 oder 5.9 ein wahrer Triumph. Zu seinen Prüfungen meinte er mit breitem Grinsen: «Ich finde immer etwas, das ihr nicht gelernt habt!». Wir mochten den Kerl. Das lag unter anderem daran, dass er immer so aussah, als hätte er es nicht eilig. War die letzte Schulstunde Biologie, blieb meist ein kleines Grüppchen noch mit ihm im Zimmer. Wir setzten uns auf die Tischplatte eines Pults der ersten Reihe, er blieb auf seinem Drehstuhl vorne sitzen und wir plauderten über Gott und die Welt. Von ihm habe ich gelernt, wie wichtig es ist, dass man als Schüler gesehen und als ganzer Mensch wahrgenommen wird – und dass es manchmal wertvoller sein kann, etwas Zeit für die Beziehungspflege als für eine allzu akribische Vorbereitung aufzuwenden.

Guten Morgen, Fabian

Wie begrüßen Sie Ihre Schüler/innen am Morgen? Mehrere unserer Lehrer/innen hießen uns mit einem Händeschütteln willkommen. Sie standen an der Tür, schauten einem in die Augen, sagten etwas wie «Guten Morgen, Fabian» und manchmal bemerkten sie sogar, dass man die Haare geschnitten hatte, man nicht so gut drauf war oder besonders fröhlich wirkte.

Studien aus dem Classroom-Management zeigen, dass Lehrpersonen, die ihre Schüler/innen persönlich begrüßen, weniger Disziplinprobleme haben also solche, die eher mit sich und ihren Materialien beschäftigt sind, bis der Unterricht beginnt oder sich als Allererstes darüber aufregen, dass zwei zu spät sind, bevor sie die begrüßen, die pünktlich waren.

Schade, dass du dich nicht für mein Fach interessierst – und ich mag dich

Mathematik interessierte mich am Gymnasium nicht im mindesten. Differential- und Integralgleichungen zu lösen, erschien mir so ziemlich das Sinnloseste zu sein, womit man sich beschäftigen kann. Im Unterricht hörte ich selten zu und bei der Matura (Abitur) achtete ich darauf, dass meine Vornoten und die Zensuren in den anderen Fächern so gut waren, dass ich in Mathematik ein leeres Blatt abgeben konnte. Ich schrieb lediglich einen kurzen Text für meinen Lehrer, weil ich ihn wissen lassen wollte, dass ich zwar nichts für die Prüfung gelernt hatte, ihn aber stets als fairen und guten Lehrer empfand. Vor der Zeugnisvergabe meinte er zu mir: «Du, ich hatte bereits Angst, dass du wegen Mathematik nicht durchkommst – aber ich habe gesehen, dass du zum Glück in den anderen Fächern sehr gut warst.» Er freute sich für mich.

Manchmal fühlen wir uns als Lehrperson zu verantwortlich für die Motivation und das Interesse der Schüler/innen – und reagieren entsprechend gekränkt, verunsichert oder verärgert, wenn sich ein Lernender nicht für unser Fach begeistern kann. Mein Mathematiklehrer gestaltete den Unterricht so motivierend wie möglich und wusste, dass er dennoch nicht alle erreichen kann – und er schaffte es, die Beziehungsebene und das Interesse an den Inhalten auseinanderzuhalten.

Wer sind Ihre Vorbilder?

Wir könnten noch viele Beispiele erwähnen. Vielleicht haben Sie sich in der einen oder anderen Lehrperson wiedergefunden? Oder etwas entdeckt, worauf Sie ebenfalls mehr Wert legen möchten? Vielleicht sind Ihnen eigene Vorbilder und Beispiele eingefallen, an denen Sie sich vermehrt orientieren möchten?

Wenn Lehrpersonen uns fragen, wie sie mit «schwierigen» Schüler/innen umgehen können, bitten wir sie oft, sich als Teil der Unterrichtsvorbereitung jeweils kurz zu überlegen, wie Sie dieser Schülerin/ diesem Schüler heute ein positives Beziehungssignal senden könnten. Das kann ein Lächeln oder Nicken im richtigen Moment sein, eine positive Rückmeldung zu einem Aspekt, der ihm oder ihr schwerfällt, eine persönliche Bemerkung oder ein kurzes Gespräch über etwas Außerschulisches. Oft berichten uns die Lehrpersonen, dass sie schon bald eine Veränderung bei diesem Kind feststellen konnten und sich die Situation entspannt hat.

Aktuell: Unsere Weiterbildungen und Seminare

Für Lehrpersonen / Fachpersonen:

Für Eltern:

Autoren dieses Artikels: Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler

Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler sind Psychologen und leiten gemeinsam die Akademie für Lerncoaching in Zürich.

fabian und steffi

 

 

 

 

 

Das Experten-Team führt Seminare für Eltern und Weiterbildungen für Fachpersonen rund um das Thema Lernen durch. Die beiden verbindet eine große Begeisterung und Leidenschaft für das Schreiben von Büchern.

Akademie für Lerncoaching
Albulastrasse 57
8048 Zürich

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!