Kinder motivieren

Motivieren statt verwöhnen

Sie möchten, dass Ihr Kind sich anstrengt und es unterstützen, Sie möchten aber auch, dass Ihr Kind zu einem selbstständigen Menschen heranwächst. Wie Sie diese beiden Aspekte miteinander vereinbaren können, erfahren Sie hier.

Motivieren statt verwöhnen

Geht es um das Thema „Loben“, äussern Eltern in unseren Elternkursen immer wieder die Befürchtung, dass Kinder durch häufiges Lob verwöhnt werden könnten.

In den meisten Fällen erweist sich diese Befürchtung bei näherem Hinsehen als unbegründet. Auf der anderen Seite sehen wir Eltern, die ihre Kinder tatsächlich verwöhnen, dies jedoch nicht bemerken. Es ist nicht einfach, zu beschreiben, was Verwöhnung ist – und noch schwieriger ist es, eigene Tendenzen, Kinder zu verwöhnen, bei sich zu erkennen.

Aufbauend auf dem Buch „die Droge Verwöhnung“ von Jürg Frick finden Sie in diesem Artikel eine genauere Beschreibung, was unter dem Begriff zu verstehen ist und welche Arten der Verwöhnung es gibt.
Den Schwerpunkt möchten wir auf die Schule und das Lernen legen, denn hier wird deutlich: Verwöhnung kann die Motivation, die Anstrengungsbereitschaft und die Frustrationstoleranz von Kindern massiv negativ beeinflussen. Gutgemeinte Hilfe kann ins Gegenteil umschlagen und Kinder entmutigen, zu Bequemlichkeit führen und den Aufbau wichtiger Kompetenzen verhindern.

Was ist Verwöhnung?

Verwöhnung findet dann statt, wenn ein Mensch häufiger und über längere Zeit etwas erhält, ohne dafür eine entsprechende Leistung erbringen zu müssen. 
 
Häufige Aussagen in unserem Kurs sind:
  • „Ich kann ihn doch nicht für eine 4 (in der Schweiz ist die 1 die schlechteste Note, die 6 die beste) loben – das ist doch normal“
  • Ich kann sie doch nicht für eine ungenügende Note loben – ich möchte sie auf keinen Fall verwöhnen!“
Diese und ähnliche Aussagen tauchen häufig auf, wenn wir das Thema Lob und Ermutigung ansprechen.
Ob Lob und Ermutigung bei einem Kind als Verwöhnung gesehen werden können, lässt sich nun mit der Definition, die wir kennengelernt haben, gut überprüfen.
 
Schauen wir uns dazu zwei Beispiele an:
 
Alessandra ist 11 und hat seit der ersten Klasse Probleme mit dem Lesen und Schreiben. Die Schulpsychologin hat vor kurzem eine Lese-Rechtschreib-Störung festgestellt und mit den Eltern vereinbart, mit Alessandra täglich ein wenig zu üben. Die Eltern haben dazu Übungsmaterialien zu den einzelnen Rechtschreibregeln erhalten. Die Heilpädagogin der Schule weist die Eltern darauf hin, dass es wichtig sei, Alessandra auch für kleine Fortschritte zu loben und sie bei Schwierigkeiten immer wieder zu ermutigen. Alessandra lässt sich auf die Übungen ein und macht in der ersten Woche neben den Hausaufgaben mit ihrer Mutter jeweils ein Übungsblatt zur Gross- und Kleinschreibung. Zum nächsten Termin vier Wochen später erscheint die Mutter mit einem Diktat. Sie ist zornig und enttäuscht: „Es ist wieder alles rot, obwohl wir jeden Abend geübt haben!“ Die Heilpädagogin sieht sich das Diktat in Ruhe an. Im Anschluss fragt sie die Mutter, ob sie bemerkt habe, wie selten Alessandra die Gross- und Kleinschreibung verwechselt habe und ob sie ihr dies gesagt und sie dafür gelobt habe. Dazu meint die Mutter: „Das Diktat ist ungenügend – dafür kann ich sie beim besten Willen nicht auch noch belohnen!“
 
Raffael hat es leichter: Er konnte bereits vor der Einschulung viele Buchstaben und lernte schnell und einfach lesen und schreiben. Auch das Rechnen geht ihm problemlos von der Hand. Die Eltern sind sehr stolz auf seine schnelle Auffassungsgabe. In der Verwandtschaft ist er das „kleine Genie“. In letzter Zeit haben seine Leistungen etwas nachgelassen: Raffael hält es nicht für nötig, in der Schule  aufzupassen und seine Hausaufgaben erledigt er nur selten. Als sich die Lehrerin bei der Mutter darüber beschwert, entgegnet diese, dass die Aufgaben für Raffael zu leicht seien und er sich dabei langweilen würde.
 
Betrachten wir diese beiden Fälle mit der Definition von Verwöhnung im Hinterkopf, wird klar:
Raffael wird verwöhnt, nicht Alessandra. Alessandra strengt sich an, übt zusätzlich und stellt sich ihren Schwierigkeiten. Sie muss viele Misserfolge einstecken und wird sogar von ihren Klassenkameraden gehänselt, wenn sie vorlesen muss. Sie hätte viel Lob für kleinere, aber hart erkämpfte Fortschritte und Ermutigung in schwierigen Situationen nicht nur verdient, sondern auch bitter nötig. Raffael auf der anderen Seite würde die Erfahrung guttun, dass ihm nicht alles in den Schoss fällt. Er müsste gefordert und mit Situationen konfrontiert werden, die von ihm auch einmal verlangen, sich anzustrengen. Und sind die Aufgaben ab und zu wirklich einfach und langweilig, wäre es für ihn nicht schlecht, seinen inneren Schweinehund überwinden zu müssen.
 
Die Grenzen zwischen sinnvoller Unterstützung beim Lernen und den Hausaufgaben und ungünstiger Verwöhnung sind für Eltern und Lehrkräfte (und auch für uns Psychologen) nur schwer erkennbar. Die folgenden Beispiele sollen Ihnen deshalb eine Hilfestellung bieten, um eigenes, verwöhnendes Verhalten zu erkennen und verändern zu können.

Verwöhnung heisst: Den Stoff zu vereinfachen statt das Kind zu befähigen

Klara besucht das Gymnasium und hat grosse Schwierigkeit, sich Inhalte von Texten zu erarbeiten und zu merken. Ihrer Nachhilfelehrerin gelingt es, den Stoff einfacher und in einer ansprechenden Form zu erklären. Klara ist begeistert: „Wenn du mir das erklärst, wird es plötzlich verständlich!“ Die Nachhilfelehrerin freut sich, dass Klara so gerne in die Nachhilfe kommt und Interesse für den Stoff aufbringen kann. Sie selbst findet es „bescheuert, wie kompliziert diese Schulbücher geschrieben sind“.

Luca geht mit dem gleichen Problem in die Nachhilfe. Seine Nachhilfelehrerin hat sich eingehend mit Lernstrategien befasst und vermittelt ihm mehrere Textlernstrategien. Sie unterstützt ihn beim Lernen mit Fragen und Anweisungen wie: "Wie teilst du den Text ein? Erzähl dir einmal selbst, was du bisher verstanden hast. Was kannst du tun, wenn du den Abschnitt nicht verstanden hast? Was könnte der Lehrer zu diesem Abschnitt fragen? Wie kannst du herausfinden, was wichtig ist?"
 
Klara passt im Geschichts- und Biologieunterricht immer weniger auf. Sie verlässt sich zunehmend auf die „gute“ Nachhilfelehrerin, die den Stoff spannend aufbereitet und es „so einfach“ erklären kann. Luca geht mit etwas weniger Begeisterung in die Nachhilfe. Nach 6 Nachhilfestunden merkt er jedoch, dass er „es jetzt auch alleine kann“ und ist ein wenig stolz.

Verwöhnung heisst: Keine Anstrengung erwarten

Jans Eltern fragen für eine Lernberatung an. Der 15 jährige Sohn geht aufs Gymnasium, ist bereits einmal sitzen geblieben und hat nun auch auf der teuren Privatschule ein schlechtes Zeugnis erhalten. Auf die Frage an Jan und seine Eltern, weshalb die Noten ihrer Meinung nach ungenügend sind, sind sich alle drei einig: Jan strengt sich nicht genügend an. In seiner Freizeit macht er fast nichts für die Schule - er erledigt weder die Hausaufgaben, noch bereitet er sich auf Prüfungen vor. Jan meint, dass ihm die Schule "halt stinke", worauf die Eltern mit den Schultern zucken und sagen: "was soll man machen, wenn es ihm keinen Spass macht? Es hat wirklich viele Lehrer, die nichts bieten."
 
Im Laufe des Gesprächs wird deutlich: Jans Eltern gehen davon aus, dass Jan motiviert sein müsste, um zu lernen - und dass "motiviert sein" gleichzusetzen ist mit "Interesse am Stoff haben", "Spass an der Sache haben", "begeistert sein". Es ist schön, wenn Kinder und Jugendliche aus diesen Gründen motiviert sind - oder fähig sind, Begeisterung und Interesse zu entwickeln. Doch es gibt auch andere Motivationsquellen.
 
Der Rest der Stunde wurde den Fragen gewidmet, ob die Eltern nur Miete und Steuern bezahlen und zur Arbeit gehen, wenn es ihnen Spass macht? Ob sie die Wohnung nur putzen, wenn sie Begeisterung dafür aufbringen können? Ob sie Briefe von Ämtern nur lesen, wenn sie der Inhalt interessiert?
 
Erst durch diese Fragen wurde den Eltern bewusst, wie oft sie aus einem Pflichtgefühl oder aus Verantwortung heraus handeln - und wie wenig ihr Sohn auf diesen Teil des Lebens vorbereitet ist.
 

Verwöhnen heisst: Zu vieles abnehmen

In den letzten Jahren haben wir viele hundert Trainings zur Prüfungsvorbereitung an Schulen durchgeführt. Die Schüler/innen konnten sich anmelden, um in kleinen Gruppen ein fünf Sitzungen umfassendes Training zu besuchen und in diesem Rahmen effektive Lernstrategien kennenzulernen, Prüfungsängste abzubauen oder sich Aufschiebe-Problemen zu stellen. Natürlich kam es vor, dass einige Schüler/innen, die gerne teilnehmen möchten, den Anmeldetermin an den jeweiligen Schulen verpassen. 
 
Was uns immer wieder erstaunte: selbst bei Maturanden, 18 bis 19 jährigen Schüler/innen, riefen uns regelmässig deren Mütter an, entschuldigen sich, dass der Sohn oder die Tochter den Termin verpasst hatte, und fragten nach, ob es dennoch möglich sei, teilzunehmen. Sagten wir zu und nannten die verschiedenen Zeitpunkte, zu denen die Trainings stattfinden, hörten wir sehr oft: "Da muss ich meinen Sohn zuerst fragen, wann er Zeit hat. Ich rufe dann nochmals an."
 
Es waren nicht selten diese Schüler/innen, die im Training irritiert waren. Sie sollten die Lernmethoden in der Sitzung ausprobieren, ihren Schwierigkeiten aktiv engegentreten und Zeit und Energie investieren? Dabei hatten sie gehofft, sie könnten einfach ein paar Stunden "reinsitzen" und danach ginge alles viel leichter.

Motivieren statt verwöhnen

Eltern können einer verwöhnenden Unterstützung vorbeugen, indem sie sich Gedanken aktiv Gedanken zur folgenden Frage machen: Welche Erfahrungen sollten Kinder machen, um auf die Welt und das Leben als Erwachsene vorbereitet zu sein? Kinder benötigen dazu liebevolle Unterstützung, aber auch Grenzen. Sie sollten mit ihren Bedürfnissen wahrgenommen werden, wissen, dass die Eltern für sie da sind, ihnen zuhören und an sie glauben, aber auch erwarten, dass sie gewisse Pflichten erfüllen.

Länger andauernde Verwöhnung kann Kindern jegliche Motivation rauben, von sich aus aktiv zu werden. Damit Kinder motiviert sind, sich anstrengen und bei Schwierigkeiten dranbleiben, müssen Sie immer wieder Erfahrungen machen, die ihnen verdeutlichen:

  • Es kommt auf mich an! Ich trage Verantwortung. Nur wenn ich handle, komme ich voran.
  • Ich kann es! Wenn ich mich anstrenge, mache ich Fortschritte. Meine Eltern und andere glauben an mich und meine Fähigkeiten und sie ermutigen mich, es nochmals zu versuchen.
  • Was ich durch meine Anstrengungen erreiche ist wichtig! Andere sehen meinen Beitrag, loben mich für Erreichtes, freuen sich mit mir, wenn mir etwas gelungen ist.

Wenn Kinder in einem Fach eine Schwäche haben, ist es schwer, sie nicht zu verwöhnen und dennoch ausreichend zu unterstützen. So wäre es bei Alessandra, die Mühe mit dem Lesen und Schreiben hat, ganz besonders wichtig, dass die Eltern und die Lehrerin ihr vermitteln:

  • Wir erwarten, dass du dir Mühe gibst, auch wenn es für dich schwierig ist. Wir möchten, dass du jeden Tag vor dem Einschlafen ein paar Minuten liest und an vier Tagen eines der Übungsblätter bearbeitest.
  • Wir sehen, dass du dich anstrengst und freuen uns darüber.
  • Wir glauben an dich und daran, dass du dich verbessern kannst, auch wenn es nur langsam vorangeht.
  • Wir sehen deine Fortschritte, loben dich für kleine Erfolge und für deine Mitarbeit 
  • Wir sind für dich da, wenn du Misserfolge erlebst, trösten dich und ermutigen dich, es von Neuem zu versuchen.
Autorenteam

fabian und stefanie 3

Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler sind Psychologen und leiten gemeinsam die Akademie für Lerncoaching in Zürich.

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