Gedächtnistipps und Merkstrategien

Gedächtnistipp 4: Mehrkanalig Lernen

Manchmal kann man als Eltern nur staunen, wie gut Kinder Inhalte behalten können, die sie brennend interessieren: Sie kennen von jedem Dinosaurier den Namen und Details wie Gewicht, Grösse und Länge oder erarbeiten sich beeindruckendes Spezialwissen zu Hunde- oder Pferderassen. Dabei nutzen sie intuitiv ein breites Repertoire an Lernstrategien. Mit etwas Übung lassen sich diese auch auf andere Bereiche übertragen. Wäre es nicht schön, wenn sich Kinder Inhalte zu Mensch und Umwelt, Geschichte, Geografie oder Biologie ähnlich gut einprägen könnten?

Schauen wir uns die Vorgehensweisen der kleinen Entdecker ein wenig näher an.

Mehrkanaliges Lernen

Während Jugendliche bei der Prüfungsvorbereitung den Stoff oft lediglich mehrmals durchlesen, gehen Kinder im Entdeckermodus ganz anders vor: Sie setzen sich aktiv und intensiv mit den Inhalten auseinander. 

Ein Kind, das sich für die Römer interessiert, liest nicht nur - es studiert das Buch eingehend. Es hört sich vielleicht zusätzlich eine "Was ist was?"-CD an, erzählt den Eltern die spannendsten Fakten aus dem Buch, spielt mit dem Geschwisterkind Kämpfe nach und taucht in seiner Phantasie in alte Zeiten ein, wobei es intensive innere Bilder generiert. 

Dabei nutzen Kinder eine Methode, die als mehrkanaliges Lernen bezeichnet wird. Die Forschung konnte nachweisen, dass wir uns tatsächlich deutlich mehr merken können, wenn wir beim Lernen verschiedene Zentren des Gehirns aktivieren. 

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Unser Gehirn besteht aus mehreren Zentren, die für unterschiedliche Aufgaben zuständig sind: Sehen, Lesen, Sprechen, Schreiben, Hören etc.

Wenn es uns gelingt, beim Lernen mehrere dieser Bereiche zu aktivieren, wird der Stoff besser abgespeichert und kann dadurch gut behalten werden:

Hören wir einen Inhalt lediglich, fällt es uns im Normalfall schwer, uns diesen einzuprägen. Wir erinnern uns besser, wenn wir den Stoff zusätzlich gelesen haben. Noch besser können wir uns Informationen merken, wenn wir uns diese aktiv erarbeiten und in Handlungen umzusetzen, indem wir darüber einen Vortrag halten oder den Inhalt weitererzählen, ein Mind Map anfertigen, eine Zusammenfassung schreiben, ein Plakat gestalten etc.

In der Praxis bedeutet dies:

Inhalte sollten aktiv verarbeitet werden

Wenn Kinder Wissen zu ihren Interessen regelrecht aufsaugen, sehen wir oftmals eine weitere Technik: sie verarbeiten die Inhalte nicht nur mehrkanalig, sondern auch äusserst aktiv. Begeistert sich ein Kind beispielsweise für den Weltraum, wird es versuchen, dieses Gebiet vollständig zu durchdringen. Es stellt den Eltern Fragen wie: gibt es außer uns noch andere Lebewesen im All? Glaubst du, Menschen können irgendwann Urlaub in einem Raumschiff machen? Welcher Planet ist am größten? usw. Gleichzeitig stellt es Querverbindungen zum eigenen Leben her: Liest es in einem Buch etwas über die Milchstraße, denkt es vielleicht an den Ausflug zur Sternenwarte zurück und zieht Parallelen zwischen den neuen Informationen und seinen Erlebnissen. Und: es versucht nicht selten, andere für sein Lieblingsgebiet zu begeistern ("Wusstest du eigentlich...?!", "Kannst du dir vorstellen, dass...?"). Indem es sich viele Gedanken zu den Inhalten macht und sich aktiv Informationen beschafft, gelingt es ihm, die Informationen aus Büchern, Filmen und den Gesprächen zu einem immer größeren Wissenfundus zusammenzusetzen. Es wird zum kleinen Experten.

Bei schulischen Inhalten sehen wir bei vielen Kindern und Jugendlichen ein anderes Muster: sie lesen Texte einfach immer wieder durch und hoffen, dass mit der Zeit das Wichtigste „hängenbleibt“. Wir haben sogar schon Studierende an Universitäten gesehen, die keine effektivere Methode entwickelt haben und solange auf diese Weise verfahren, bis sie merken, dass sie damit die Prüfungen nicht mehr bestehen. Aber wie kann Lernstoff aktiver verarbeitet werden? Möglichkeiten dazu sind:

  • Schlüsselwörter unterstreichen
  • Eigene Beispiele finden
  • Über den Text nachdenken
  • Sich oder jemand anderem den Inhalt erzählen
  • Sich überlegen, welche Prüfungsfragen die Lehrperson stellen könnte
  • In der Lerngruppe über den Stoff diskutieren
  • Ein Schema oder eine Mind-Map erstellen
  • Sich vor dem Lernen überlegen, ob man schon etwas zum Thema weiß, um Vorwissen zu aktivieren

Natürlich müssen nicht alle diese Methoden angewendet werden. Probieren Sie mit Ihrem Kind einige aus und stellen Sie dann eine Textlernstrategie zusammen, die Ihrem Kind gefällt und es ihm ermöglicht, den Stoff zu behalten. Wir vermitteln Schüler/innen in unserem Seminar "clever lernen" beispielsweise die folgende Strategie:

Ich unterteile den Text in einzelne Abschnitte und:

  1. Lese den Abschnitt
  2. Unterstreiche einige wenige Schlüsselwörter (anhand dieser Schlüsselwörter überprüfe ich später, ob ich mich noch an den Inhalt erinnern kann)
  3. Erzähle mir den Inhalt (so bin ich gezwungen, den Text in eigenen Worten wiederzugeben und übe das Formulieren – wie ich es an der Prüfung ja auch machen muss. Zudem merke ich sofort, ob ich mir den Inhalt merken konnte)
  4. Wiederhole gleich nochmals diejenigen Inahlte, die ich nicht wiedergeben konnte

Zudem repetiere ich am Abend vor dem Einschlafen das bereits Gelernte nochmals. Denn die Inhalte, die vor dem Schlafengehen zuletzt gelernt wurden, kann man sich besser merken. (Bitte achten Sie als Eltern darauf, dass Ihr Kind dies nur macht, wenn es dadurch nicht nervös wird und gut einschlafen kann).

Auch bei anderen Fächern lohnt es sich, aktiv und mehrkanalig zu lernen:

Diktate üben

Ihr Kind muss ein Diktat einüben? Lassen Sie es das Diktat nicht einfach 5 Mal schreiben, sondern lesen Sie den Text einmal vor und lassen Sie Ihr Kind mitschreiben. Achten Sie darauf, welche Fehler Ihr Kind macht, und lassen Sie es die richtige Schreibweise erarbeiten. Ihr Kind kann

  • Ihnen erklären, weshalb das eine oder andere Wort groß geschrieben wird.
  • sich eine Eselsbrücke bauen.
  • den schwierigen Teil eines Wortes hervorheben, indem es ihn unterstreicht, farbig anmalt etc.
  • sich vorstellen, seine Augen wären ein Scanner und versuchen, das Wort "abzufotografieren". Anschließend kann es kurz die Augen schließen und das "innere Schriftbild" wachrufen. 
  • schwierige Wörter auf Kärtchen oder in ein Notizbüchlein schreiben und sich von Zeit zu Zeit ansehen
  • schwierige Wortbilder auf Post-Its schreiben und gut sichtbar in der Wohnung aufhängen (Badezimmerspiegel etc.)
  • Ihnen die schwierigen Stellen im Diktat zeigen, sie unterstreichen und Ihnen sagen, worauf es bei dieser Stelle achten muss
Wie Sie Ihr Kind mithilfe von bildhaften Eselsbrücken dabei unterstützen können, sich das Schriftbild schwieriger Wörter einzuprägen, zeigt unser Interview mit dem Gedächtnistrainer Gregor Staub:

Lassen Sie Ihr Kind das Diktat erst wieder komplett schreiben, wenn Sie sich ziemlich sicher sind, dass es die gleichen Fehler nicht nochmals machen wird.

Achten Sie darauf, dass Ihr Kind die schwierigen Wörter nicht einfach immer wieder schreibt (ohne dabei groß nachzudenken und sie mal falsch, mal richtig schreibt!), sondern sich die richtige Schreibweise aktiv und konzentriert erarbeitet. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass es sich die falsche Schreibweise noch stärker einprägt. 

Unsere Bücher für Schüler und Studierende

 Seminare zum Thema Lernstrategien

Autorenteam

Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler leiten gemeinsam die Akademie für Lerncoaching in Zürich. 

Akademie für Lerncoaching
Albulastrasse 57
8048 Zürich

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