Texte lernen

Texte lernen

Ich bin in Trainings und Beratungen immer wieder erstaunt darüber, wie viele Jugendliche kaum Strategien verwenden, um Texte zu lernen. Ein Grossteil der 14 bis 18 Jährigen begnügt sich damit, Texte mehrmals passiv durchzulesen in der Hoffnung, dass mit der Zeit genügend Wissen hängen bleibt, um die Prüfung zu bestehen. 

Die erste und wichtigste Aufgabe bei der Vermittlung von Textlernstrategien besteht darin, Jugendlichen zu verdeutlichen, dass sie Texte besser verstehen, sich schneller merken und sie länger im Gedächtnis behalten können, wenn sie sich aktiv mit dem Text befassen. 

Es gilt, Schüler die folgende Erfahrung machen zu lassen:
 
Wenn ich mich aktiv mit dem Stoff befasse, ihn durchdenke, nacherzähle, vernetze, strukturiere, in anderer Form aufbereite oder darüber spreche, bin ich erfolgreicher, als wenn ich ihn lediglich mehrmals durchlese!
 
Es reicht in den meisten Fällen nicht aus, den Schülern dies mitzuteilen, sie müssen es selbst erleben.
 
In Lernberatungen oder Trainings beginnen wir meist mit einer simplen Strategie, die aus lediglich drei Schritten besteht:
  • Ich lese mir einen Abschnitt / eine Seite aufmerksam durch
  • Ich erzähle mir selbst, was ich gerade gelesen habe
  • Ich schaue nach, ob ich alles richtig erinnert habe und fülle allfällige Lücken
Wir lassen die Schüler die Strategie anhand von ein bis zwei Buchseiten ausprobieren und fragen sie danach ab. Die Schüler sind in vielen Fällen erstaunt, wie viel sie sich merken konnten und wie flüssig sie das Gelernte wiedergeben können. Es lohnt sich, die Strategie anhand des aktuellen Prüfungsstoffs auszuprobieren, um die Motivation zu erhöhen und den Schülern die Möglichkeit zu geben, Vergleiche zwischen der neuen und der bisherigen Strategie anzustellen.
 
Nach diesen ersten positiven Erfahrungen kann zusammen mit den Schülern überlegt werden, weshalb sie mit der neuen Methode erfolgreicher waren.
 
Eine Trainingsgruppe hat mir beispielsweise die folgenden Argumente geliefert:
  • "Wenn ich immer wieder zwischen Lesen, Erzählen und Kontrollieren umschalte, werde ich nicht so müde und kann mich besser konzentrieren."
  • "Wenn ich es mir erzählen muss, dann sage ich es in eigenen Worten und kann es dadurch besser behalten."
  • "Beim Erzählen merke ich oft, dass es mir gar nicht so klar ist – ich will es dann wirklich verstehen und strenge mich mehr an."
  • "Wenn ich es erzähle, finde ich es spannender."
  • "Ich warte dann nicht so lange, bis ich wiederhole und vergesse so nicht alles wieder."
Ich habe lediglich ergänzt, dass durch das Erzählen andere Hirnareale aktiviert werden als durch das Lesen und die Information dadurch mehrfach „abgespeichert“ wird.
 
Nach dieser Erfahrung und der Auswertung, wurde mit den Schülern besprochen, in welchem Fach und für welche Prüfung sie die neue Strategie ausprobieren möchten.
 
In einem Lerntraining durchlaufen wir somit bei der Vermittlung der Strategie mehrere Phasen, wobei jede erfolgreich durchlaufende Phase die Chance erhöht, dass die Schüler ihr Methodenrepertoire um die neue Strategie erweitern. Im Idealfall durchläuft der Schüler die folgenden Schritte:
  1. Er hört und versteht die neue Methode
  2. Er macht – initiiert durch die Lehrperson oder den Berater - die Erfahrung, dass er mit der neuen Methode erfolgreicher ist
  3. Er findet eine Erklärung, weshalb er erfolgreich war und damit neben der positiven Erfahrung weitere Argumente, die Strategie zu verwenden
  4. Er bereitet sich mit der neuen Methode auf eine Prüfung vor und erzielt eine bessere Note – der Strategieeinsatz hat sich gelohnt
Letzteres ist natürlich ein Glücksfall – zu den ersten drei Punkten können Sie als Lehrkraft oder Berater wesentlich beitragen.

Haben die Schüler mit der neuen Strategie gute Erfahrungen gemacht, kann in einer nächsten Sitzung oder Unterrichtsstunde eine Erweiterung besprochen werden. Dazu eignet sich beispielsweise die Punkte "Ich markiere Schlüsselbegriffe" und "Ich wiederhole am Abend kurz, was ich tagsüber gelernt habe". Die Text-Lernstrategie umfasst dann fünf Schritte:

  1. Ich lese mir einen Abschnitt / eine Seite aufmerksam durch
  2. Ich markiere Schlüsselbegriffe
  3. Ich erzähle mir selbst, was ich gerade gelesen habe
  4. Ich schaue nach, ob ich alles richtig erinnert habe und fülle allfällige Lücken
  5. Abends wiederhole ich kurz, was ich tagsüber gelernt habe

Gerade bei typischen Lehrbüchern, die bereits stark zusammengefasst sind, sollten die Schüler nicht alles anstreichen, was wichtig ist - sonst sind danach die ganzen Bücher farbig. Mit Schlüsselbegriffen sind wichtige Begriffe gemeint, die für den Abschnitt zentral sind (ein bis drei Begriffe pro Abschnitt). Die Schlüsselbegriffe sollten es den Schülern erlauben, den Text durchzusehen und sich anhand der markierten Wörter zu fragen: "Weiss ich noch, was mit diesem Begriff gemeint ist? Kann ich den Inhalt des Abschnitts anhand des Begriffs wiedergeben?" Sie sind somit eine Hilfe beim späteren Repetieren. Jugendliche benötigen meist etwas Übung, bis sie mit den Fragen: "Was war in diesem Abschnitt wichtig? Welcher Begriff hilft mir, mich daran zu erinnern?" Schlüsselwörter herausfiltern können. Sie können dies in der Klasse oder in der Lerngruppe üben, indem Sie die Schüler einen Abschnitt lesen lassen und sie danach fragen, welche Begriffe sie aus welchem Grund markiert haben.

Eine kurze Wiederholung vor dem Einschlafen ist deshalb sinnvoll, weil wir uns an Dinge, die wir uns vor dem Einschlafen gemerkt haben, besonders gut erinnern können. Diesen Punkt sollten natürlich nur die Schüler umsetzen, die durch das Lernen nicht nervös werden und danach gut einschlafen können.

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