Motivation / Aufschieben

Das Märchen vom Multitasking

Mit gerauftem Haar sitzt Leonard am Schreibtisch und büffelt Mathe. Puh, ganz schön anstrengend! Nur ein klitzekleiner Blick auf das Handy, das gerade kurz vibriert hat und seither im Sekundentakt mit grünen Lichteffekten um seine Aufmerksamkeit buhlt. Ob er heute Abend auch zum Hallenfußball kommt, will Andy wissen.  

Ablenkungen sind überall. Manchmal kommen sie –wie in Leonards Fall- in Form von Textnachrichten daher. Manchmal verstecken sie sich in der Gestalt von ständig unterbrechenden Arbeitskollegen im Büro. Manchmal treibt einen der wiederkehrende Lärm der Baustelle gegenüber in den Wahnsinn. An anderen Tagen nisten sich Sorgen in unseren Köpfen ein und vernebeln uns die Sicht auf die Aufgabe, an der wir eigentlich gerade waren.

Aber glücklicherweise weiß sich der moderne Mensch zu helfen. Multitasking heißt das Zauberwort. Und wer wäre nicht stolz auf diese Fähigkeit, mit Aufgaben zu jonglieren und mehreres gleichzeitig zu tun? Höher, schneller, besser lautet die Devise!

Unser Gehirn ist kein Multitasker

Ich treffe immer wieder auf Jugendliche und Erwachsene, die unter dem Aufgabenkarussell und der permanenten Ablenkung leiden: „Ich will doch einfach mal in Ruhe etwas fertig machen können.“, lautet das Unisono. Wissenschaftliche Befunde untermauern diesen Wunsch.

Wer bei der Arbeit häufig unterbrochen wird, hat ein höheres Risiko, schlecht gelaunt zu sein, nicht „abschalten zu können“, sich psychisch erschöpft zu fühlen oder über psychosomatische Leiden zu klagen (z.B. Bayley & Konstan, 2006; Grebner und Kollegen, 2003; Konradt und Kollegen, 2003; Rout und Kollegen, 1996).

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Unser Gehirn ist schlichtweg nicht auf „Multitasking“ ausgelegt. Bereits 1956 konnte der amerikanische Psychologe George Miller nachweisen, dass wir maximal 5 bis 9 Informationseinheiten für einen Moment „im Kopf“ behalten können. Unsere Aufmerksamkeitsleistung ist beschränkt. Wir können unsere geistige Kapazität schlichtweg nicht auf mehrere Aufgaben aufteilen. Vielmehr arbeitet unser Gehirn seriell, ganz nach dem Prinzip: „Eins nach dem anderen.“ Was geschieht nun, wenn wir uns mehreren fordernden Aufgaben gleichzeitig zuwenden? Dann wird unser sogenannter präfrontaler Kortex, der Sitz des bewussten Denkens und der Aufmerksamkeitslenkung im Gehirn, ständig dazu gezwungen, zwischen den Aufgaben hin- und herzuschalten. Eine parallele Verarbeitung ist kaum möglich. Das ständige Umschalten führt jedoch zu deutlichen Leistungseinbußen (vgl. Goleman, 2014). Eine Vielzahl von Studien deutet darauf hin, dass Arbeitsunterbrechungen die Bearbeitungszeit beider Aufgaben deutlich verlängern und zu mehr Fehlern führen (z.B. Bailey & Konstan, 2006; Cellier und Kollegen, 1992; 2000; Trafton und Kollegen, 2003). Junco und Cotten (2012) konnten in einer Befragung von 1839 Studierenden zeigen, dass der parallele Gebrauch von sozialen Medien und das Senden von Textnachrichten während des Lernens mit schlechteren Studienleistungen einherging.  Auch eine Untersuchung (Rosen, Carrier & Cheever, 2013) mit Mittelstufenschüler/innen, Oberstufenschüler/innen und Studierenden bei den Hausaufgaben kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: demnach gelingt es dieser Gruppe im Durchschnitt lediglich sechs Minuten lang, konzentriert zu bleiben, bis sie durch soziale Medien, Textnachrichten oder andere Ablenkungen zu einem Aufgabenwechsel angehalten wird. Das Ausmass dieses "Multitaskings" während des Lernens weist wiederum einen Zusammenhang zu schlechteren Noten der Schüler/innen und Studierenden auf.

Dafür kommen mehrere Gründe in Frage: Einerseits benötigt jede Aufmerksamkeitsverschiebung Energie. Mit jedem (auch nur kurzen) Dazwischenschieben einer anderen Aufgabe ermüdet unser Gehirn. Zweitens muss nach jeder Unterbrechung der Faden wieder aufgenommen werden. Untersuchungen zeigen, dass es auch nach sehr kurzen Unterbrüchen bzw. Aufgabenwechseln mehrere Minuten dauert, bis man sich mental wieder auf die Ursprungsaufgabe einlassen kann. Der dritte Grund liegt in der Beschaffenheit unseres Gedächtnisses. Um einen Inhalt aufzunehmen, zu verarbeiten und abzuspeichern, benötigen wir volle Konzentration. Mit jeder Teilung der Aufmerksamkeit wird die Gedächtnisspur löcheriger - es kann kein umfassendes Bild entstehen. Wissen, das unter "Multitasking"-Bedingungen gelernt wird, ist daher unvollständiger, fehleranfälliger und weniger nachhaltig. Eine Ausnahme stellen einfache Routinetätigkeiten dar (z.B. laufen, den Abwasch machen). Diese Abläufe sind nämlich so gut automatisiert, dass der präfrontale Kortex dafür kaum Energie aufwenden muss. Es bleibt daher genügend Kapazität frei, um über komplexe Inhalte nachzudenken. 

Auch bewusste Pausen, bei denen wir aus einer Aufgabe aussteigen, sind förderlich. Während wir beispielsweise spazieren gehen, vor uns hindösen oder ein entspannendes Bad genießen, können die Gedanken problemlos auf Wanderschaft gehen. Oftmals stellt sich nach einer solchen kurzen Inkubationszeit sogar ein AHA-Effekt ein. Die Lösung eines schwierigen Auftrags oder Problems fällt wie Schuppen von den Augen. Denn Pausen tragen einerseits dazu bei, dass die Energiereserven präfrontaler Hirnbereiche wieder aufgeladen werden und andererseits begünstigen sie die Zusammensetzung von erworbenem Wissen zu einem Gesamtüberblick.

Eines nach dem anderen

Halten Sie sich trotz alledem für einen guten Multitasker? Dann seien Sie gewarnt! Die Forschung zeigt, dass der Schein oftmals trügt.

In einer Studie der Standford University (Ophir, Nass & Wagner, 2009) befragte man junge Menschen zu ihrem Arbeitsverhalten. Im Anschluss wurden zwei Gruppen gebildet: Studierende, die angaben, regelmässig Multitasking zu betreiben und damit gut arbeiten zu können. Studierende, die von sich glaubten, schlechte Multitasker zu sein und daher selten darauf zurückgriffen. Nun liess man die Studierenden mehrere geistig herausfordernde Tätigkeiten mit Multitaskingcharakter lösen. Das spannende Ergebnis: Die „Multitasking-Gruppe“ schnitt durchwegs schlechter ab. Es fiel ihnen schwerer, Unwichtiges auszublenden und sie ließen sich leichter ablenken. Sie konnten sich Inhalte schlechter merken und hatten mehr Schwierigkeiten, von einer Tätigkeit zur anderen zu wechseln. Vielleicht verwundert Sie dieses Ergebnis überhaupt nicht. Multitasking ist etwas für Maschinen. Der Begriff stammt aus der Computerwelt und bezeichnet die Fähigkeit eines Betriebssystems, mehrere (=multi) Aufgaben (=tasks) parallel auszuführen. Wenn wir mal wieder von einem Strudel aus Aufgaben und Ablenkungen mitgerissen werden, kann es heilsam sein, bewusst inne zu halten. Wir sind nun mal Menschen und keine Maschinen. Ich habe dabei oft den Spruch meines verstorbenen Großvaters im Ohr: „Hofele, hofele: uins nochm andere!“ (Übersetzt: Ruhig, ruhig: alles der Reihe nach).

Buchtipps:

Lassen Sie sich beim Lernen gerne ablenken? Können Sie sich einfach nicht zum Lernen motivieren oder schieben Sie die Prüfungsvorbereitung oder eine wichtige Arbeit vor sich her? Dann sind diese Bücher genau das Richtige für Sie:

"Vom Aufschieber zum Lernprofi" für Studierende / Maturanden, die größere Prüfungen und Arbeiten schreiben müssen:

"Clever lernen" für Jugendliche zwischen 11 und 16 Jahren:

Akademie für Lerncoaching
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