Rechtschreibung 1: Rechtschreibregeln üben

Die Rechtschreibregeln bereiten vielen Kindern Mühe. Wie wir in unseren Elternkursen immer wieder feststellen, reagieren darauf viele Eltern, indem sie mit ihren Kindern Diktate üben. Diktate eignen sich aber eher, um die Rechtschreibung zu überprüfen, nicht, um sie zu üben. In diesem Artikel möchte ich Ihnen effektivere Methoden vorstellen und einige Prinzipien erläutern, die es Ihrem Kind erlauben, mit weniger Aufwand schneller Fortschritte zu erzielen.

Prinzip 1: Üben Sie immer nur eine Rechtschreibregel auf einmal und üben Sie solange, bis die Regel automatisiert ist

Das Ziel beim Üben der Rechtschreibung ist nicht, dass das Kind die Regel verstanden hat - das ist zwar wichtig, reicht aber bei weitem nicht. Angenommen, Sie hätten die Rechtschreibregeln verstanden, könnten diese bewusst anwenden und möchten den folgenden Satz schreiben:

Ich kannte Onkel Hans kaum...

dann müssten Sie folgende Überlegungen anstellen:

Ich wird gross geschrieben, da es am Satzanfang steht...kannte muss ich mit zwei nn schreiben - es kommt von kennen und nicht von (Tisch-)Kante...bei Onkel kann ich der, die, das vorne dran setzten, es ist also ein Nomen und wird gross geschrieben...Hans ist ein Eigenname, den muss ich auch gross schreiben...

Sie wären mit einer solchen bewussten Analyse bald überfordert.

Wenn sich Kinder in diesem Stadium befinden, Rechtschreibregeln also verstanden haben und bewusst anwenden können, können sie richtig schreiben, solange Sie sich ganz auf die Regel konzentrieren können. Sie machen dann beispielsweise kaum Fehler in einem Übungsblatt zur Grossschreibung. Sobald sie aber einen Aufsatz oder ein Diktat schreiben und sich deswegen noch auf den Inhalt oder andere Regeln konzentrieren müssen, sind sie überfordert und die Fehler tauchen wieder auf. Wenn Sie sich als Eltern also sagen hören: "Gestern konnte er/sie es doch noch, ich weiss auch nicht, wieso im Aufsatz wieder alles falsch ist?" - dann befindet sich Ihr Kind bezüglich dieser Regeln genau in diesem Stadium.

Es ist wie beim Autofahren: Wenn Sie sich zu Beginn nicht vollständig auf das Fahren konzentrieren, machen Sie Fehler - erst mit genügend Übung können Sie ohne gross nachzudenken fahren und dabei noch ein Gespräch führen.

Die Regeln müssen also solange geübt werden, bis ein Kind sie unbewusst und automatisch anwendet - so wie Sie selbst sich nicht bei jedem Wort fragen, ob Sie "der, die, das" vorne dran setzen können, sondern instinktiv wissen, ob es gross geschrieben wird (ein Wort wie tisch oder bär sieht für Sie schlicht falsch aus, wenn es klein geschrieben ist - Sie brauchen sich dazu keine Regel in Erinnerung zu rufen).

Kinder müssen eine Regel immer wieder üben, bis diese soweit automatisiert ist, dass bewusstes Nachdenken nicht mehr notwendig ist. Sie können Ihr Kind dabei unterstützen, indem Sie:

  • Regelmässig, aber nur kurz üben (z.B. 10 Minuten oder ein Arbeitsblatt pro Tag an drei bis fünf Tagen pro Woche)
  • Nur eine Regel auf einmal üben (z.B. über mehrere Wochen hinweg nur Übungen zur Grossschreibung)
  • Solange bei einer Regel bleiben, bis Ihr Kind die Regel sehr schnell und ohne nachzudenken anwenden kann (es beispielweise bei einem Satz gleich sagen kann, welche Wörter gross geschrieben werden, ohne dass es überlegen muss, ob das Wort am Satzanfang steht oder "der, die, das" davor gesetzt werden könnte)

Prinzip 2: Beginnen Sie mit der Regel, die für die meisten Fehler sorgt

Es lohnt sich, vor dem Üben eine Fehleranalyse durchzuführen. Meist zeigt sich: Die meisten Fehler lassen sich auf einige, wenige Regeln zurückführen, die das Kind zu wenig beherrscht.

In unserem Elternkurs bitten wir die Eltern, Diktate und Aufsätze der Kinder mitzubringen, um die Fehler einzelnen Kategorien zuzuordnen. Für einen Jungen haben wir auf diese Weise 220 Fehler ausgewertet. Dabei zeigte sich die folgende Verteilung:

Gross- und Kleinschreibung: 96

Schärfung (doppel-nn, mm, tt etc.): 45

Dehnung (ie, h, doppel-aa): 35

Das und dass verwechselt: 7

alle anderen Regeln zusammen: 37

Die Verteilung zeigt, dass es äusserst günstig wäre, bei diesem Jungen mit der Gross- und Kleinschreibung zu beginnen: Kann er diese Regel schnell und sicher anwenden, könnte ein Grossteil der Fehler verhindert werden.

Und so könnten Sie dabei vorgehen:

  • Schauen Sie im Schulheft Ihres Kindes nach, welche Regeln es bereits können muss
  • Machen Sie mit diesen Regeln eine Tabelle, in die Sie die Anzahl der Fehler eintragen können
  • Schauen Sie sich die Diktate und Aufsätze des Kindes an oder lassen Sie es über eine Woche hinweg einige Diktate schreiben: Werten Sie die Fehler aus und tragen Sie in der Tabelle ein, wieviele Fehler Ihr Kind pro Regel gemacht hat
  • Beginnen Sie mit dem Üben dort, wo Ihr Kind die meisten Fehler macht

Prinzip 3: Richten Sie sich nach den Erklärungen der Schule und verwenden Sie gutes Material 

Falls Ihr Kind die Regel nicht (mehr) kennt, müssen Sie ihm diese nochmals erklären. Achten Sie dabei unbedingt darauf, dass Sie dieselbe Erklärung verwenden wie die Schule - schauen Sie diese im Heft oder Schulbuch nach. Es verwirrt Kinder unnötig, wenn ihnen Regeln auf unterschiedliche Weise erläutert werden. Viele Kinder setzen sich - begründet - dagegen zur Wehr mit den Worten: "Das haben wir in der Schule anders gehabt!"

Achten Sie dann darauf, dass Sie gutes Material zur Verfügung haben, um die Regeln einzeln einzuüben. Einige Übungsblätter finden Sie sicher im Heft Ihres Kinder; ansonsten können Sie auch die Lehrkraft Ihres Kindes darum bitten. Eine Alternative bieten auch Materialien aus dem Buchhandel. Relativ gute und eher kostengünstige Übungsblätter stellt z.B. der Lernserver der Universität Münster bereit: 

Lernserver Fördermappe 7: Groß- und Kleinschreibung 

Lernserver Fördermappe 4: Dopplung

Lernserver Fördermappe 6: Dehnung

Die Mappen lassen sich auch im Paket kaufen - und sind dann einiges günstiger.

Für jüngere Kinder, die noch Mühe mit den Buchstaben und dem lautgetreuen Schreiben haben, eignet sich beispielsweise das folgende Training von Jansen, Streit und Fuchs:

Lesen und Rechtschreiben lernen: nach dem IntraActPlus - Konzept

  • Autor: Fabian Grolimund

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